Freitag, 31. Juli 2026

Schiggy unterwegs... Die Feuerzangenbowle in Bad Vilbel


Schiggy („nicht mit drei F“, aber guter Laune) war wieder unterwegs nach Bad Vilbel – in die malerische Kulisse der Wasserburg, der letzten Station unseres dreitägigen Kultur-Marathons. Wie jedes Jahr finden dort die Burgfestspiele mit einem abwechslungsreichen Programm statt.
Nachdem ich im Amphitheater Hanau bereits ein märchenhaftes Musical und ein klassisches Drama erlebt hatte, stand diesmal pure Nostalgie auf dem Spielplan. Die Inszenierung von „Arsen und Spitzenhäubchen“ im vergangenen Jahr hatte mir so gut gefallen, dass meine Vorfreude entsprechend groß war. Den berühmten Filmklassiker von 1944 hatte ich mir zur Einstimmung in der Woche zuvor noch einmal angesehen und war gespannt, wie der Humor auf der Bühne funktionieren würde.
An meiner Seite hatte ich neben Fabian diesmal ein besonders spannendes Test-Publikum: eine Freundin, die mit dem Film nie richtig warm geworden war, und ihren Opa (Jahrgang 1939), bekennender Fan der Vorlage. Würde das Theaterstück eine Film-Skeptikerin überzeugen und gleichzeitig einem echten Kenner gerecht werden?

1. Eckdaten

Titel: Die Feuerzangenbowle
Art: Theaterstück
Ort: Wasserburg Bad Vilbel
Sprache: Deutsch
Datum: 26.07.2026
Beginn: 18:15 Uhr
Reihe / Platz: Reihe 12, Platz 15
Dauer (inkl. Pause): ca. 2,5 Stunden
Vorlage: der gleichnamige Roman von Heinrich Spoerl sowie der gleichnamige Filmklassiker von 1944
Hinweise: Die Romanvorlage kenne ich nicht; meine Vergleiche beziehen sich daher ausschließlich auf die Verfilmung von 1944.

2. Mein Eindruck von der Show

Als wir unsere Plätze einnahmen, war der Klassenraum bereits zu sehen: stark ansteigende Sitzreihen, sodass selbst die Schultische in den hinteren Reihen gut erkennbar waren.  Auf der Tafel im Hintergrund waren in alter Schrift prägnante historische Daten notiert: die Bauernkriege (1524–1525), der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) und die Schlacht bei Vilbel (1759). Das weckte sofort Erinnerungen an den Geschichtsunterricht und eine Zeit, in der ich Fakten wie diese selbst auswendig lernen musste. Im Gegensatz zum eher nüchternen Bühnenbild des Musicals „Wie im Himmel“ wirkte diese Kulisse von Beginn an deutlich lebendiger und detailreicher.

Noch vor Vorstellungsbeginn betraten die Schauspieler die Bühne – einer von ihnen bereits leicht torkelnd. Sie brachten ihre Stühle mit, begrüßten sich und klatschten sich ab, während ein ausgestreckter Handschlag demonstrativ ignoriert wurde. Offenbar lag hier schon etwas in der Luft! Mir gefiel diese Idee sehr, denn die Darsteller befanden sich bereits in ihren Rollen, noch bevor das eigentliche Stück begonnen hatte. Auch zu Beginn des zweiten Aktes war das so gelöst, sodass meine Begleitung zwei Fotos von einigen Darstellern auf der Bühne machen konnte, die ich euch später zeigen werde.

Durch die Handlung führt ein namenloser Erzähler, der zwischen seiner eigenen Rolle, dem Kellner und dem Schüler Ackermann wechselt. Dieser serviert zunächst die titelgebende Feuerzangenbowle, ehe er Johannes Pfeiffer mit einem Fingerschnips zurück ins Gymnasium versetzt, sich eine Mütze aufzieht und selbst zum Oberprimaner wird.

Die Drehbühne, die die Schauspieler von Hand bewegen, zeigt auf der anderen Seite das Zimmer der Pension, in dem Pfeiffer (ja, richtig „mit drei F“) während seiner Schulzeit wohnt. Die Darstellung dieses Zimmers gefällt mir ebenfalls gut. Die Wände wirken wie mit geblümten Tapeten versehen, und durch die schräge Konstruktion ist im oberen Drittel eine Holzdecke zu sehen. Dort, wo sich im Klassenraum die Tafel befindet, ist hier ein Fenster mit gelbem Vorhang angebracht. Dass das Fenster passend in die Kulisse integriert wurde und sich sogar öffnen lässt, ist ein schönes Detail. Die gestreifte Couch strahlt etwas Elegantes und Zeitloses aus. Daneben steht ein kleines Schränkchen mit Büchern, einem Foto und einer Blumenvase. Sogar die Koffer stehen schon bereit. Ich mag diese kleinen Details, weil sie das Gefühl vermitteln, dass dort tatsächlich jemand lebt.

Da die Aufführung bei Tageslicht stattfand, kam das Lichtkonzept kaum zur Geltung, weshalb ich darauf nicht näher eingehen werde.

Die Szenenwechsel verlaufen fließend und ohne Unterbrechung – teilweise wird schon während des Drehens weitergespielt. Besonders der schnelle Wechsel zwischen Klassenzimmer und Pension ist mir in Erinnerung geblieben: Wie ein Karussell dreht sich die Bühne fortlaufend, und die Handlungsfäden wechseln nahtlos zwischen beiden Orten, ohne dass es abgehackt wirkt. Das versprüht eine tolle Dynamik, ähnlich wie schnelle Schnitte im Film. In dem Moment dachte ich nur: Oh, da würde ich am liebsten gleich eine Runde mitdrehen!

Lehrer Crey, von den Schülern „Schnauz“ genannt, bekommt sofort nach seinem ersten Satz Szenenapplaus. Ich kann aber auch gar nicht anders, als über sein „Setzön Sä säch!“ herzlich zu lachen. Genau wie im Film! Auch seine strenge Haltung, Mimik und Gestik erinnern stark an den Schauspieler, der den disziplinversessenen Schnauz 1944 verkörperte. Und er fiel Sekunde aus der Rolle, sondern hielt diese spezielle Aussprache konsequent bei.




Das komplette charakterliche Gegenteil: Bömmel! Er hätte kein Problem damit, von den Schülern beim Namen gerufen zu werden, muss aber wegen des Direktors mit „Herr Professor“ angesprochen werden. Eine rheinische Frohnatur mit passendem Dialekt, die alles eher locker nimmt. „Da stelle ma uns ma janz dumm“ – diesen berühmten Spruch sagt er mehr als einmal. Zu Beginn jeder Schulstunde zieht er seine Schuhe aus und offenbart zwei verschiedene Strümpfe: einen grünen und einen schwarzen. Die Schüler machen sich einen Spaß daraus, einen Schuh zu stibitzen und aus dem Fenster zu werfen. Nur sollten sie vielleicht besser darauf achten, wohin sie ihn feuern – ein wütendes Miauen ertönt! Die arme Katze... was kann sie denn dafür? Bömmel lässt sich von dem Streich jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Stattdessen lässt er sich auf dem Lehrerpult sitzend von den Schülern zum Direktor tragen und stimmt dabei ein munteres „Kölle Alaaf“ an, das das Publikum direkt zum Mitklatschen bewegt.


Und wie schlägt sich der erfolgreiche Schriftsteller Johannes Pfeiffer? Er hat sich durch das Entfernen des Schnurrbarts, eine neue Frisur und passende Kleidung optisch prima dem Alter eines Oberprimaners angepasst. Man merkt ihm sichtlich an, wie viel Spaß er an dieser Rolle hat. Nach seinen schlagfertigen Antworten sucht er immer wieder den Blickkontakt zu seinen Mitschülern – ganz so, als wolle er sich die Bestätigung abholen, was für ein raffinierter Lausbub er doch ist.

In der Musikstunde singt er absichtlich so schief, dass er sogar vom Unterricht freigestellt wird. Geleitet wird dieser von der Tochter des Direktors: Eva. Sie ist in diesem Theaterstück anders als im Film eine Referendarin und keine Schülerin. Der Altersunterschied zwischen ihr und Pfeiffer ist dadurch nicht so groß, wodurch die sich langsam entwickelnde Liebesgeschichte keinen befremdlichen Beigeschmack hat. Eva ist eine selbstbewusste, junge Frau voller Lebensfreude. Deshalb kann ich auch die Entscheidung ihres Vaters nicht nachvollziehen, der sie unbedingt mit Schnauz verkuppeln möchte. Neben der lebhaften Eva wirkt Schnauz beim Tanz mit seiner steifen Art extrem unbeholfen – die beiden sind einfach zu gegensätzlich. Ihr Herz scheint sie sowieso schon längst an den vermeintlichen Oberprimaner Pfeiffer verschenkt zu haben. Gleich in der ersten Stunde hängt sie an seinen Lippen, als er ein Gedicht zitiert, beugt sich vor und verliert fast das Gleichgewicht. Wie ertappt zuckt sie zusammen und schüttelt sich – Gefühle wären in dieser Lehrer-Schüler-Situation schließlich unangebracht.

Und doch finden sie immer wieder zueinander. Eine Szene hat sich dabei besonders in mein Gedächtnis eingegraben: Eva und Pfeiffer treffen draußen aufeinander, als es plötzlich zu regnen beginnt (untermalt von passenden Regengeräuschen). Eva spannt ihren Schirm auf und beide suchen Schutz in der Schule. Sie schüttelt den Schirm aus, während er aus seinem Jackett schlüpft und es auswringt. Gerade diese kleinen Gesten lassen die Szene unglaublich authentisch wirken – so, als wären die beiden tatsächlich in einen Regenschauer geraten.




Nicht vergessen möchte ich die legendäre Heidelbeerwein-Szene, die in Bad Vilbel für fast pausenloses Lachen sorgt. „Jeder nor einen wönzigen Schlock!“ Mir tut Schnauz da schon fast ein wenig leid, als er fassungslos miterleben muss, wie seine Schüler von seinem selbstgemachten Wein angeblich vollkommen betrunken werden. Sie lallen und torkeln; ein Schüler zieht sich sogar aus und legt sich zum Schlafen auf die Bank. Schnauz ist komplett überfordert und versteht die Welt nicht mehr.

Einen kurzen, aber vom Publikum mit viel Applaus und Jubelrufen gefeierten Auftritt hat der junge Lehrer Brett im Biergarten. In Lederhosen legt er eine flotte Sohle aufs Parkett, kreist die Hüften, wackelt mit dem Hintern und reißt die Arme nach oben. In diesem Moment scheint ihm vollkommen egal zu sein, was die anderen von ihm denken.


Der Fingerschnips, mit dem der Kellner die Haupthandlung einläutet, wird an zwei weiteren Stellen aufgegriffen. Nachdem er die Bühnen-Gäste bedient hat, meint er, jetzt können wir uns einen Drink holen. 
Wer befürchtet, dass die Lachmuskeln gegen Ende aus der Übung kommen könnten, kann sich entspannen: Im Finale wartet eine weitere großartige Szene. Pfeiffer parodiert als Crey verkleidet eben genau diesen Lehrer – ohne dessen Aussprache oder den erhobenen Zeigefinger zu vergessen. In dieser Rolle ruft er sich sogar selbst auf und reagiert empört, weil „Schüler Pfeiffer“ nicht antwortet. Die Oberprimaner, die Schülerinnen des Lyzeums und Eva kringeln sich vor Lachen, und auch auf den Tribünen bleibt kein Auge trocken. Erst recht nicht, als Direktor Knauer und der Oberschulrat den Klassenraum betreten und Pfeiffer seine Fassade aufrechterhalten soll – ganz ohne Konsequenzen, wie der Direktor ihm verspricht. Schließlich erscheint noch der echte Schnauz, dem Pfeiffer die Uhr verstellt hat und der deshalb verschlafen hat. So stehen plötzlich zwei „Lehrer“ mit derselben speziellen Aussprache auf der Bühne, und jeder behauptet von sich, der wahre zu sein. Auch hier beweist Pfeiffer seine Schlagfertigkeit: „Ich bin der echte. Ich war zuerst da!“

Nachdem er sich schließlich als berühmter Schriftsteller zu erkennen gibt, erfahren wir, dass alles nur erfunden war. Der Kellner taucht wieder auf. Fingerschnips. Die Szene erstarrt. Ende. Mir gefällt es sehr, wie sich hier der Kreis schließt und wir am Schluss wieder am Ausgangspunkt ankommen.

Wie hat es unserem Gespann gefallen? Die Antwort fällt eindeutig aus: Die Inszenierung ist für uns ein Volltreffer! Die cleveren Anpassungen – wie etwa Evas Rolle als Referendarin – tun der Dynamik spürbar gut und wirken zeitgemäßer als in der Filmvorlage. Die Energie des Ensembles, die fließenden Szenenwechsel auf der Drehbühne und der Humor, der auch heute noch funktioniert, haben den Abend wie im Flug vergehen lassen.

Die film-skeptische Freundin fand diese Inszenierung deutlich besser als den Film. Sie hat viel gelacht und lobte die Bühne sowie die stimmigen Kostüme. Und der Opa? Als Kenner des Klassikers war er ebenso begeistert. Sein persönliches Highlight: die Schlussszene mit der Parodie. Sein Wortlaut: „Sagenhaft, wie er ihn imitiert hat.“ Ich denke, dem muss man nichts mehr hinzufügen!

Auch Fabian und mir hat das Stück sehr gut gefallen. Es war ein rundum gelungener Abschluss unseres Kultur-Marathons.

3. Schiggys persönliche Highlights

Lieblingsszene: Ganz klar die Regenszene zwischen Eva und Pfeiffer! Das Ausschütteln des Schirms und das Auswringen des Jacketts waren diese wunderbaren kleinen Details, die die Szene so authentisch und lebendig gemacht haben.
Überraschung des Tages: der tanzende Lehrer in Lederhosen – damit hätte ich überhaupt nicht gerechnet.
Lustigster Moment: Hier kann ich mich schlichtweg nicht für eine einzige Szene entscheiden. Ob es das unvergessliche „Setzön Sä säch!“ von Schnauz war, Bömmels zweifarbige Socken samt unschuldigem Katzen-Opfer, die Heidelbeerwein-Kostprobe oder die Schnauz-Parodie – das Stück jagt einen humorvollen Höhepunkt nach dem nächsten.

4. Die Besetzung

Schiggy saß im Publikum. Aber wer stand auf der Bühne?

Dr. Johannes Pfeiffer: Peter Wagner
Erzähler / Kellner / Ackermann: Marc Scheufen
Eva Knauer: Uta Krüger
Frau Windscheid: Britta Hübel
Marion / Frau Direktor Knauer / Inge: Isa Weiß
Direktor Knauer / Justizrat Fleisch: Wolfgang Seidenberg
Prof. Crey (Schnauz) / Apotheker Fröbel: Kai Möller
Bömmel / Bankier Etzel: Peter Englert
Dr. Brett / Inspektor Prall: Günter Alt
Oberschulrat / Dr. med. Hellwig: Andreas Krämer
Rudi Knebel: Steven Cloos
Der kleine Luck: Dino Niethammer
Husemann: Lukas Koller
Rosen: Leander Hesse
Melworm: Vincent Lang
Charlotte: Ambritt Faubel

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