Mittwoch, 29. Juli 2026

Schiggy unterwegs... Schneewittchen in Hanau

 

Spieglein, Spieglein an der Wand – welches ist das schönste Musical im ganzen Land?
Schiggy war wieder unterwegs. Diesmal führte mich meine Reise ins Königreich Veldorian bei Hanau, um den magischen Spiegel zu befragen: Hat diese Inszenierung das Zeug zum Musical-Highlight des Jahres 2026? 
Auch der Trailer weckte meine Vorfreude, sodass ich mit entsprechend hohen Erwartungen zur Vorstellung anreiste.

1. Eckdaten zur Vorstellung

Titel: Schneewittchen
Art: Musical
Ort: Amphitheater Hanau
Sprache: Deutsch
Datum: 24.07.2026
Beginn: 20:30 Uhr
Reihe / Platz: Reihe 1, Platz 34
Dauer (inkl. Pause): ca. 2 Stunden
Vorlage: das gleichnamige Märchen der Gebrüder Grimm
Hinweise:
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2. Mein Eindruck von der Show

Das Grundgerüst der Bühne kam mir sofort vertraut vor. Wie schon bei den anderen Produktionen, die ich in diesem Jahr dort besucht habe, besteht sie aus zwei Ebenen mit fünf Torbögen im Erdgeschoss sowie seitlichen Treppenaufgängen. Doch der Teufel – oder in diesem Fall das Märchen – steckt im Detail: Die Wände wirken wie aus schwerem, kunstvoll verziertem Stein und verleihen der Bühne eine düster-herrschaftliche Schlossatmosphäre. Einen reizvollen Kontrast dazu bildet der große rosafarbene Blütenbaum, an dessen rechter Seite ein einzelner Apfel hängt – ein schlichtes, aber wirkungsvolles Detail, das sofort erkennen lässt, welches Märchen erzählt wird.
Bereits die Vorgeschichte zu Beginn hat mich in ihren Bann gezogen. Anstatt auf aufwendige Kulissenwechsel zu setzen, erzählt das Ensemble die Handlung mit ausdrucksstarker Symbolik: Wiegende Arme stehen für das Baby, ein mit den Händen geformtes Dach symbolisiert das Schloss, und ein plötzliches Zusammenzucken stellt den berühmten Nadelstich der Königin dar. Gemeinsam mit dem herabrieselnden weißen Konfetti, das den Schnee verkörpert, reichen diese minimalistischen Mittel vollkommen aus, um mich unmittelbar in die Märchenwelt hineinzuziehen.
Während die Handlung ihren Lauf nimmt, wächst zugleich meine Vorfreude darauf, wie das Lichtkonzept seine volle Wirkung entfalten wird, sobald die Dunkelheit einsetzt.

Bevor ich auf die einzelnen Rollen eingehe, möchte ich zunächst das gesamte Ensemble hervorheben. Sowohl schauspielerisch als auch gesanglich hat mich die Besetzung von Anfang bis Ende überzeugt. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, dass auch nur ein Ton wackelte oder Unsicherheiten aufkamen. Jeder Song klang stimmlich sauber, präzise und sicher, sodass ich mich voll und ganz auf die Geschichte und die Figuren einlassen konnte.

Wer hier das klassisch naive, sanftmütige Mädchen erwartet, wird überrascht: Prinzessin Schneewittchen ist zu Beginn ausgesprochen oberflächlich. Sie ist sich ihrer Schönheit vollkommen bewusst, posiert mit übertriebenen Gesten und einem breiten Dauergrinsen. Sie hält sich selbst für perfekt und empfindet es bereits als kleine Katastrophe, wenn ihre Haare einmal nicht sitzen.
Als Lord Ares sie zur Flucht in den Wald drängt, wird schnell deutlich, wie abhängig sie von ihrem luxuriösen Leben ist. Ohne Zofe und Diener fühlt sie sich völlig hilflos. Das selbstbewusste Lächeln weicht einer trotzigen Schnute – fast wie bei einem Kleinkind, dem man das Lieblingsspielzeug weggenommen hat. Ihr Plan für den Wald? Erst einmal darauf warten, dass der Märchenprinz auftaucht und sie rettet.
Gerade diese charakterliche Schwäche empfinde ich jedoch als einen der klügsten Schachzüge der Inszenierung, denn dadurch wirkt die Handlung deutlich nachvollziehbarer als im Originalmärchen. Dass sie sich das Mieder viel zu eng schnüren lässt, geschieht nicht aus bloßer Naivität, sondern aus Eitelkeit: Sie möchte für Prinz Florin möglichst makellos aussehen. Auch ihr Vertrauen in die verkleidete Königin ergibt Sinn, denn Schneewittchen hält sie für eine von Lord Ares angekündigte Dienerin. Selbst der vergiftete Kamm erhält eine schlüssige neue Bedeutung. Er ist kein beliebiger Kamm, sondern ein Abschiedsgeschenk von Ares, das sie im Wald verloren hat. Als sie ihn wiederfindet, überwiegt die Freude über das vertraute Erinnerungsstück jedes Misstrauen.
Am spannendsten finde ich jedoch ihre Entwicklung im weiteren Verlauf. Schneewittchen legt nicht nur ihr Prinzessinnenkleid ab, sondern auch ihre verwöhnte Haltung. Sie erkennt, dass sie sich keinen Zacken aus der Krone bricht, wenn sie den Zwergen im Alltag hilft. Schritt für Schritt wächst sie über sich hinaus, lernt, sich selbst zu verteidigen, und begreift schließlich, dass weit mehr in ihr steckt als eine schöne Fassade.

Königin Sirenna bringt eine spannende Hintergrundgeschichte mit. An ihrem eigentlichen Ziel ändert das allerdings nichts: Sie will die Schönste im ganzen Land sein und Schneewittchen aus dem Weg räumen. Dabei beherrscht sie das Spiel mit den Masken perfekt. Nach außen begegnet sie ihrem Umfeld mit einem freundlichen Lächeln, doch sobald sich jemand abwendet, bröckelt die glamouröse Fassade. Plötzlich treten finstere Blicke und ein gehässiges Grinsen zum Vorschein. Nein, mit dieser Königin möchte ich definitiv keine Teestunde verbringen!

Über die Figur der Amneris möchte ich an dieser Stelle bewusst noch nicht allzu viel verraten, auch wenn mir das wirklich schwerfällt. Warum das so ist, erläutere ich erst im Spoilerteil unter Punkt 5.

Lord Ares steht Sirenna als treuer Diener zur Seite, unterstützt Schneewittchen jedoch heimlich bei ihrer Flucht. Er ist ein ruhiger und besonnener Charakter, der ein großes Geheimnis mit sich trägt. Der Darsteller verkörpert diese Rolle angenehm zurückhaltend, was auf mich sehr glaubwürdig wirkt. Denn wer im Hintergrund unbemerkt die Fäden ziehen möchte, sollte schließlich möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Prinz Florin aus Thandor bricht mit dem Klischee des unfehlbaren Märchenprinzen. Das zeigt sich bereits bei seiner ersten Begegnung mit Schneewittchen. Sein Versuch, sich lässig und selbstbewusst zu präsentieren, entwickelt sich schnell zu einem unfreiwillig komischen Moment.
Als Schneewittchen ungeschickt gegen sein Schwert stößt, versucht Florin, die Situation mit einem hölzernen „Boing, boing“ zu überspielen – nur um sich im nächsten Moment ertappt an die Stirn zu fassen. Gerade diese Selbstironie lässt ihn sympathisch wirken. Er scheint selbst zu merken, dass er eher für eine peinliche Situation sorgt, als den perfekten Helden abzugeben.
Auch im Umgang mit bekannten Märchensymbolen beweist die Inszenierung viel Humor. Als Florin den Zwergen begegnet, reagiert er augenzwinkernd mit einem „Heiho, heiho“ und deutet dabei das Ziehen einer imaginären Zipfelmütze an. Diese charmante Hommage an den Disney-Klassiker bildet einen amüsanten Kontrast zu den kämpferischen Hanauer Zwergen.
Zum Lachen brachte mich Florin schließlich auch nach seinem scheinbar missglückten Heiratsantrag. Als Schneewittchen die Flucht ergreift, sucht er mit einem zerknirschten und sichtlich peinlich berührten Blick den direkten Augenkontakt zum Publikum. Dieser wortlose Moment sagt mehr als jede Dialogzeile und zeigt eine weitere Facette dieser ungewöhnlichen Prinzenfigur.

Besonders gespannt war ich auf die bärtigen Zwerge – und sie haben mich tatsächlich überrascht. Mit dem klassischen Märchenbild haben sie nur wenig gemeinsam: Die Gruppe besteht aus sechs statt sieben Mitgliedern, die Darsteller sind auffallend groß, tragen keine Zipfelmützen und machen selbst unmissverständlich klar, dass ein Disney-haftes „Heiho“ bei ihnen Hausverbot hat. Auch ihre Aufgabe unterscheidet sich deutlich vom bekannten Vorbild. Statt im Bergwerk zu arbeiten, suchen sie den Eingang zum verborgenen Zwergenreich. Ihre raue und ungezähmte Art unterstreichen sie immer wieder mit einem kollektiven, geräuschvollen Ausspucken auf den Boden, sobald ihnen etwas gegen den Strich geht.

Rurik macht aus seiner Skepsis gegenüber Schneewittchen von Anfang an keinen Hehl. Auffällig war für mich, wie deutlich er seine Ablehnung allein durch Mimik und Gestik zeigte. Genervtes Augenrollen, demonstrativ verschränkte Arme oder das provokante Nachahmen von Schneewittchens Gang – sein gesamter Körper signalisiert Widerstand, noch bevor er überhaupt ein Wort sagt.

Grimbold strahlt als ältester Zwerg eine enorme Souveränität und Gelassenheit aus, wodurch seine Rolle als Anführer völlig selbstverständlich wirkt. Beim Gesang hat er mich dann allerdings eiskalt erwischt: Seine tiefe, kraftvolle Bassstimme kam für mich völlig unerwartet. Da ich solche tiefen Stimmen sehr gerne höre, zählt dieser Moment zu meinen musikalischen Highlights des Abends.

Das genaue Gegenteil davon ist das Nesthäkchen Nurik, der einzige Zwerg ohne Bart. Statt eines Kampfstocks trägt er einen Putzmopp und kümmert sich um die Hausarbeit der Gruppe. Mit seiner quirligen Art bringt er spürbar Leichtigkeit in die ansonsten eher raue Zwergenschar. Er springt und läuft beinahe ununterbrochen umher und sucht mit seinem offenen, neugierigen Blick immer wieder die Nähe zu Schneewittchen. Sogar eine Krone strickt er für sie. Offenbar sieht er in ihr trotz allem weiterhin die Prinzessin, die sie nach außen verkörpert.




Die Tontechnik hinterließ einen durchweg positiven Eindruck. Die Lautstärke war hervorragend abgestimmt, sodass weder Dialoge noch Gesang untergingen. Sämtliche Darsteller waren jederzeit klar und deutlich zu verstehen, ohne dass störende Tonprobleme auftraten.

Offiziell wird das Stück – ähnlich wie bereits „Hänsel und Gretel“ im vergangenen Jahr – als „Familientheater mit Musik“ beworben. Nach meinem Eindruck wird diese Bezeichnung der Produktion jedoch kaum gerecht. Für mich handelt es sich vielmehr um ein vollwertiges Musical – lediglich ohne Live-Orchester. Während der Vorstellung fiel dieser Unterschied überhaupt nicht negativ auf. Die musikalischen Einspielungen fügten sich stimmig in das Gesamtbild ein.

Vor allem das Ende von Königin Sirennas Solo ist mir in Erinnerung geblieben. Ein greller weißer Lichtstrahl setzt den Fokus kompromisslos auf die Königin, während der Rest der Bühne in völliger Dunkelheit verschwindet. Das passt für mich hervorragend zu ihrem Charakter, denn sie möchte um jeden Preis im Mittelpunkt stehen und sämtliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Dass das Licht dabei bewusst steril weiß statt warm gelb gewählt wurde, empfinde ich als gelungenen inszenatorischen Kniff. Sirenna hüllt sich damit sinnbildlich in Unschuld: Das kalte Weiß vermittelt den Eindruck makelloser Reinheit und verschleiert zugleich ihre dunkle, skrupellose Seite – eine visuelle Täuschung, die perfekt zu ihrer Figur passt.

Die Szenenwechsel im Wald werden ebenso wirkungsvoll durch die Lichtfarben unterstützt. Der Rückzugsort der Zwerge erstrahlt häufig in einem mystischen Grün, das sich bei aufziehender Gefahr in ein warnendes, bedrohliches Rot verwandelt. So erzählt das Licht die Handlung aktiv mit und verstärkt die jeweilige Stimmung zusätzlich.

Ein echter Gänsehautmoment war für mich schließlich das Totenlied der Zwerge. Das Licht wird stark gedimmt, während düstere Nebelschwaden über den Bühnenboden ziehen. Gemeinsam erzeugen diese Effekte eine beklemmende, fast magische Atmosphäre, die die emotionale Wucht der Szene noch einmal deutlich verstärkt.

Das Bühnenbild hat mir bei dieser Inszenierung ebenfalls ausgesprochen gut gefallen. Unerwartet kam für mich der Moment, in dem sich die Torbögen plötzlich nach vorne bewegten. Ihre Rückseiten sind als moosbewachsene Felswände gestaltet und kommen unter anderem als Zwergenhäuschen zum Einsatz. Ein aus Ästen angedeutetes Fenster genügt dabei bereits, um den neuen Spielort glaubhaft und stimmungsvoll wirken zu lassen.

Nicht nur die großen Kulissenelemente, sondern auch die kleineren Requisiten tragen entscheidend zur Atmosphäre bei. Im Königsschloss werden bei feierlichen Anlässen Fahnen geschwenkt. Dass ausgerechnet der Pfau als Wappentier gewählt wurde, fügt sich für mich stimmig in die Inszenierung ein: Sowohl Königin Sirenna als auch – zumindest zu Beginn – Schneewittchen erinnern mit ihrer Eitelkeit und ihrem Drang, sich selbst in Szene zu setzen, an einen stolzen Pfau. Dieses Motiv greift die Inszenierung auf elegante Weise auf.

Mit wenigen Handgriffen entstehen aus steinernen Quadern und einer Holzplatte der Esstisch der Zwerge sowie die passende Einrichtung mit Tellern, Bechern und Besteck. Gerade diese schlichte Gestaltung passt hervorragend zu ihrem einfachen und bodenständigen Lebensstil.

Ein weiteres cleveres Bühnenelement ist das Drehelement, das auf seiner Rückseite den Keller des Schlosses mit dem magischen Spiegel verbirgt. Das davorhängende Tuch wird nur dann zur Seite gezogen, wenn der Spiegel befragt werden soll. Dadurch erhält jeder seiner Auftritte eine besondere Wirkung und hebt ihn deutlich von den übrigen Bühnenszenen ab.

Natürlich darf auch der Glassarg, in dem Schneewittchen liegt, nicht fehlen. Zwar waren an den Seiten die Lüftungsschlitze zu erkennen, gestört hat mich das jedoch überhaupt nicht. Im Gegenteil: Gerade bei einer sommerlichen Open-Air-Vorstellung kann ich gut nachvollziehen, dass diese aus praktischen Gründen notwendig sind.

Die Kostüme haben mir ausgesprochen gut gefallen. Sie verbinden märchenhafte Elemente mit einem modernen Design und unterstreichen sowohl den Charakter als auch die Entwicklung der einzelnen Figuren.

Schneewittchen trägt zu Beginn ein langes, blutrotes Kleid. Ihre schwarzen Haare sind lang, gepflegt und glänzend – passend zu ihrer Eitelkeit und ihrem Wunsch, stets perfekt auszusehen. Im Laufe der Handlung verändert sich ihr Erscheinungsbild jedoch deutlich: Das Kleid wird schmutzig, ihre Haare wirken zunehmend ungepflegt und der vergiftete Kamm muss schließlich herausgeschnitten werden. Mit ihren kurzen, lockigen Haaren, einer Hose und einem moosbewachsenen Umhang wirkt sie schließlich nicht mehr wie die oberflächliche Prinzessin vom Anfang, sondern wie eine bodenständige junge Frau. Auf eindrucksvolle Weise zeigt diese äußere Veränderung ihre innere Entwicklung.

Königin Sirenna trägt durchgehend weiße Gewänder. Wie bereits beim Lichtkonzept beschrieben, verbinde ich diese Farbe mit dem Bild von Unschuld. Gerade bei Sirenna wirkt dieses Weiß jedoch wie eine bewusste Täuschung: Nach außen erscheint sie makellos und rein, während sich hinter dieser Fassade eine skrupellose Herrscherin verbirgt. Ihre große Krone unterstreicht zusätzlich ihren Machtanspruch und vermittelt den Eindruck, dass jeder sofort erkennen soll, wer hier das Sagen hat.

Die Zwerge tragen zottelige Bärte und wilde Frisuren, die ihre raue Lebensweise unterstreichen. Ihre Gewänder erinnern in Kombination mit den Rüstungselementen eher an eine Gruppe erfahrener Krieger als an die häufig niedlich dargestellten Märchenzwerge. Damit passt ihr Erscheinungsbild hervorragend zu ihrer kämpferischen und ungezähmten Art.

Ein Vorteil bei dieser Produktion: Das Album ist sowohl als Stream als auch zum Kauf erhältlich. Ich habe diese Möglichkeit genutzt und konnte die Songs nach der Vorstellung noch einmal in Ruhe auf mich wirken lassen. Während ich bei „Tischlein, deck dich“ noch mit Umschreibungen arbeiten musste, weil weder eine Songliste noch ein Album verfügbar waren, kann ich hier die konkreten Titel nennen und gezielt auf einzelne Lieder eingehen. Da eine ausführliche Besprechung aller Songs den Rahmen sprengen würde, habe ich mich auf vier Titel beschränkt, die mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben sind.

„Alles Lüge“ räumt mit den Geschichten auf, die man über Zwerge kennt. Ja, das machen die Zwerge unmissverständlich klar: Sie sind nicht klein, tragen keine Zipfelmützen und haben weit mehr als nur eine einzige Eigenschaft. Für mich sind das eindeutige Anspielungen auf die Disney-Version, in der es beispielsweise Happy (immer fröhlich), Schlafmütz (immer müde) oder Brummbär (immer grimmig) gibt. Für die Zwerge ist das sogar „ausgemachter Mist, weil die Wahrheit über uns vollkommen anders ist“. Die Melodie ist überwiegend schwungvoll und animierte das Publikum zum Mitklatschen. In der Mitte wird sie deutlich ruhiger und erinnerte mich klanglich an den Beginn des Disney-Lieds „Heiho“. Doch stattdessen rufen sie: „Kein Heiho. Kein Heiho.“ Gegen Ende nimmt das Lied wieder Fahrt auf.

Schneewittchens Entwicklung wird in "Pack mit an" unterstrichen. Anfangs zählt sie als ihre Fähigkeiten lediglich Singen, Tanzen und Sich-im-Kreis-Drehen auf, doch das beeindruckt die Zwerge nicht. Sie gerät zunehmend in Verzweiflung, bis Nurik sie dazu motiviert, mit anzupacken. Umso erstaunter sind die anderen, als sie plötzlich kocht und putzt. Sie ist also nicht wie im Original von Anfang an auf die Rolle der fleißigen Hausfrau festgelegt. Nein, es ist etwas Besonderes, dass sie im Haushalt mithilft, weil sie zuvor keinen Finger krumm gemacht und die Arbeit stets anderen überlassen hatte. Das zeigt, dass sie von ihrem hohen Ross absteigt und sich nicht mehr scheut, sich die Hände schmutzig zu machen. Anfangs noch ungeschickt, lernt sie schließlich sogar, sich mit dem Kampfstock zu verteidigen. Passend zu ihrer Entwicklung verändert sich auch die Melodie – von beschwingt über melancholisch bis hin zu dynamisch.

Nicht nur Schneewittchen hatte sich von Königin Sirenna "Ein falsches Bild" gemacht. Auch andere Figuren verbergen ihre wahren Absichten. Mit genau diesem Motiv spielt das Lied. Schneewittchen erkennt, was Sirenna wirklich vorhat, während diese versucht, eine falsche Fährte zu legen. Schneewittchen ist enttäuscht und fühlt sich hintergangen, während Amneris endlich die Wahrheit ans Licht bringen möchte. Dieses Terzett hat mir sehr gut gefallen. Die Stimmen harmonierten hervorragend miteinander, und gerade der mehrstimmige Gesang hat mich fasziniert.

Im Finale der Inszenierung erfahren wir noch mehr Wahrheiten „Über Märchen“. Hier fiel meiner Begleitung auf, dass die Darsteller so taten, als würden sie ein Buch aufschlagen und Seite für Seite umblättern. Statt eines klassischen Happy Ends erwartet das Publikum ein rhythmischer Abschluss mit einem augenzwinkernden Blick auf das Märchengenre. Auch hier klatschten die Zuschauer mit und sorgten für einen stimmungsvollen Abschluss.

Eine kleine persönliche Randnotiz zum Schluss: In einer Szene trägt Schneewittchen Baumstämme, die in Wirklichkeit weiche, runde Sitzkissen sind und durch ihre Optik tatsächlich wie dick geschnittene Baumscheiben wirken. Dieses Detail brachte mich sofort zum Schmunzeln, denn genau solche Sitzkissen kenne ich auch aus eigener Erfahrung.

Dabei musste ich an meinen Besuch in Tecklenburg zurückdenken: Als ich dort aufstehen wollte, um einer anderen Besucherin vorbeizulassen, rutschte mein Sitzkissen über die Bank nach hinten. Der Besucher hinter mir hob es auf und kommentierte den Moment scherzhaft mit einem „Autsch, mein Fuß!“, bevor er mir das Kissen zurückreichte. Die Ähnlichkeit zur Requisite in Hanau war für mich daher ein unerwarteter und amüsanter kleiner Wiedererkennungsmoment.

Insgesamt hat mir der Besuch von „Schneewittchen“ ausgesprochen gut gefallen. Die Vorstellung war für mich äußerst kurzweilig, sodass ich selbst überrascht war, wie schnell der erste Akt vergangen ist. Die Mischung aus humorvollen Momenten, stimmungsvoller Atmosphäre und einer gelungenen Figurenentwicklung hat mich über die gesamte Dauer hinweg bestens unterhalten.

Die Inszenierung bleibt dem Originalmärchen der Gebrüder Grimm treu, setzt jedoch gleichzeitig eigene Akzente und interpretiert bekannte Elemente auf frische Weise. Die vorgenommenen Änderungen wirken dabei nicht aufgesetzt oder erzwungen, sondern fügen sich stimmig in die Geschichte ein. Einige dieser Anpassungen möchte ich an dieser Stelle jedoch noch nicht vorwegnehmen, sondern im Spoilerteil unter Punkt 5 genauer beleuchten.

Ein besonderer Hinweis darauf, wie sehr mich die Produktion überzeugt hat, zeigt sich auch in meiner persönlichen Jahreswertung: „Schneewittchen“ hat es tatsächlich geschafft, meinen bisherigen Favoriten „Der Graf von Monte Christo“ vom ersten Platz zu verdrängen. Damit steht die Hanauer Märchenproduktion aktuell an der Spitze meiner Musical-Highlights 2026, während „Der Graf von Monte Christo“ nun den zweiten Platz vor "Tischlein, deck dich" belegt.

3. Schiggys persönliche Highlights

Lieblingsszene: das Warten nach dem Heiratsantrag

Bestes Solo: „Was weißt du schon? – Reprise“

Bestes Duett: „Was weißt du schon?“

Ohrwurm des Tages: „Ein falsches Bild“

Überraschung des Tages: Grimbolds tiefe Bassstimme in „Mør'dar Nuîk Bombadur“. Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet – und genau deshalb ist mir dieser Moment besonders in Erinnerung geblieben.

Beste Ensemblenummer: „Alles Lüge“. Mir gefiel, wie die Zwerge hier mit den bekannten Klischees über ihre eigene Figur aufräumen.

Lustigster Moment: Hier könnte ich mehrere Szenen nennen, aber einige davon würden bereits zu viel über die Handlung verraten. Daher bleibt es bei einem sehr knappen: Die Inszenierung hatte viele Momente, die mich zum Lachen gebracht haben.

Emotionalster Moment: „Mør'dar Nuîk Bombadur“ und die Szene um Amneris' Geheimnis. Beide Momente haben bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen.


4. Die Besetzung

Schiggy saß im Publikum. Aber wer stand auf der Bühne?


Schneewittchen von Veldorian: Rosa Alice Abruscato
Königin Sirenna von Veldorian: Johanna Haas
Amneris: Barbara Bach
Lord Ares: Benedikt Selzner
Prinz Florin von Thandor/Dalwin: Marius Schneider
Ranghilda u.a.: Barbara Seeliger
Grimbold u.a.: Jan Henning Kraus
Rurik u.a.: Valentin Mirow
Sigurd u.a.: Hanna Kogler
Nurik u.a.: Jiri Dehmel

5. Spoiler

Diesen Erlebnisbericht zu schreiben, fiel mir überraschend schwer. Nicht etwa, weil mir nichts eingefallen wäre – ganz im Gegenteil. Es gibt so viel zu erzählen. Das Problem war vielmehr, dass sich viele meiner Eindrücke nur anhand konkreter Szenen beschreiben lassen und ich damit zwangsläufig einen großen Teil der Handlung verrate. Deshalb habe ich mich wie beim Bericht zu "Wie im Himmel" dazu entschieden, meine Gedanken im Spoilerteil zu beschreiben.

Da für das Musical noch eine Tour durch Bremen, Chemnitz und München geplant ist, gilt: Wer sich die Inszenierung dort noch ansehen und sich überraschen lassen möchte, sollte an dieser Stelle lieber nicht weiterlesen.

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Amneris ist die Frau im Spiegel. Sie wirkt sehr alt, hat langes graues Haar und ein von Falten gezeichnetes Gesicht. Ich hatte ehrlich gesagt vermutet, dass sie in Wahrheit Schneewittchens Mutter ist und von Sirenna in den Spiegel verbannt wurde. Immer wenn die Königin vor dem Spiegel steht, imitiert Amneris ihre Bewegungen exakt, als wäre sie tatsächlich ihr Spiegelbild. Gleichzeitig strahlt sie eine tiefe Traurigkeit und Verzweiflung aus. Für mich war deshalb klar, dass mehr hinter ihrer Geschichte stecken musste.

Am Ende stellt sich heraus, dass sie Schneewittchens Tante ist. Wegen ihres Aussehens wurde sie von den Menschen verspottet und gedemütigt. Ihre Schwester versteckte sie im Keller, weil der König sie als zu hässlich empfand. Als er sie schließlich entdeckte, verbannte er sie. Nach dem Tod ihrer Schwester tauschte Amneris mit der Frau im Spiegel den Platz, nahm als Sirenna deren Stelle ein und gewann das Herz des Königs.

Dadurch erhält ihre Besessenheit von Schönheit eine nachvollziehbare Motivation. Sie hat selbst erlebt, wie grausam Menschen mit jemandem umgehen können, der nicht ihrem Schönheitsideal entspricht. Diese Erfahrung möchte sie nie wieder machen. Auch dass sie den König letztlich nicht aus Machtgier, sondern aus Rache für das, was er ihr angetan hat, vergiftet, lässt sie in einem anderen Licht erscheinen. Sie bleibt zwar die Gegenspielerin, ist aber keine eindimensionale Missetäterin. Die jahrelangen Qualen haben sie geprägt und innerlich abstumpfen lassen.

Eine der lustigsten Szenen der Inszenierung war für mich Schneewittchens Geschenkübergabe an die Zwerge. Stolz berichtet sie, dass Nurik ihr das Stricken beigebracht hat und sie für jeden ein persönliches Geschenk vorbereitet hat: eine selbstgestrickte rote Socke. Der Haken daran: Die Socken sind derart groß geraten, dass sie eher einem Riesen passen würden als einem Zwerg. Die Zwerge wissen damit allerdings umzugehen und nutzen sie kurzerhand als Kopfbedeckung. Damit entsteht eine witzige Anspielung auf die klassischen Zipfelmützen, die man aus dem Märchenbild kennt – nur eben auf eine völlig unerwartete Weise.

Das Sprichwort „Was sich liebt, das neckt sich“ wird im Duett zwischen Schneewittchen und Rurik besonders deutlich. Was zunächst wie gegenseitige Ablehnung wirkt, entpuppt sich nach und nach als aufkeimende Zuneigung. Zwischen den beiden knistert es längst, auch wenn sie sich ihre Gefühle selbst noch nicht eingestehen wollen. Ihre Beziehung entwickelt sich angenehm langsam, und an ihren Blicken und Gesichtsausdrücken erkennt man immer wieder, dass da längst mehr ist.

Als Schneewittchen verzweifelt auf dem Boden liegt und sich hässlich findet, beugt sich Rurik über sie und ruft spontan: „Aber du siehst doch super aus!“ Dafür gab es Szenenapplaus. Offenbar war ich nicht die Einzige, die sich wünschte, dass die beiden zueinanderfinden.

Später gibt es eine ruhige Szene zwischen ihnen, in der es beinahe zu einem Kuss kommt. Doch ausgerechnet in diesem Moment platzen die anderen Zwerge herein. Sie begreifen sofort, was los ist, und ziehen Rurik damit auf.

Auch später sorgt Rurik immer wieder für humorvolle Momente. Als Schneewittchen während des Heiratsantrags davonläuft – eigentlich nur, weil sie sich in ihrer Hose unpassend gekleidet fühlt und sich umziehen möchte –, kommentiert er die Situation mit trockener Ironie. Während Florin völlig verunsichert ist, meint Rurik mit schelmischem Grinsen nur: „Sie kommt bestimmt wieder.“ Später setzt er noch einen drauf und sagt trocken: „Ich glaube, sie hat dich sitzenlassen.“

Umso mehr spricht sein enttäuschter Gesichtsausdruck Bände, als Schneewittchen schließlich im roten Kleid zurückkehrt und Florins Antrag annimmt. In diesem Moment tat er mir wirklich leid.

Seine Solo-Reprise von „Was weißt du schon“ gehört für mich zu den emotionalsten Momenten des Musicals. Man spürt, wie tief ihn die Situation trifft. Meine Begleitung erzählte mir später sogar, dass sie ihn in diesem Moment am liebsten einfach in den Arm genommen und getröstet hätte.

Auf dem Rückweg wird deutlich, welche Absichten Florin tatsächlich verfolgt. Schneewittchen empfindet das Kleid als unbequem und möchte wieder ihre Hosen anziehen. Doch Florin wirft den Kleiderbeutel einfach weg und erklärt, er wolle keine Frau in Hosen. Das lässt sich durchaus auch als „keine Frau, die Widerworte gibt“ verstehen.

Als Schneewittchen ihm von ihren Plänen für Thandor erzählt, muss Florin schließlich eingestehen, dass das Königreich bankrott ist. Fast beiläufig murmelt er zerknirscht: „Und meine Eltern haben sich mit dem Rest aus dem Staub gemacht.“ Spätestens da erkennt Schneewittchen, dass er sie nie wirklich geliebt hat, und kehrt zu den Zwergen zurück.

Bei einer vermeintlichen Aussprache täuscht Sirenna Schneewittchen gezielt. Sie spiegelt ihr falsche Erinnerungen vor, unter anderem, dass sie früher immer gemeinsam Äpfel gegessen hätten. Dadurch wirkt Schneewittchen später keineswegs kopflos oder naiv, als sie in den vergifteten Apfel beißt. Sie glaubt tatsächlich, dass in der Königin noch die gute Amneris steckt und diese sich mit ihr versöhnen möchte.

Florin wittert dagegen seine Chance auf Reichtum. Er behauptet, Schneewittchen habe ihm das Eheversprechen gegeben, und während die Zwerge verzweifelt nach dem Grund suchen, warum sie nicht mehr atmet, lässt er unbemerkt das belastende Beweisstück verschwinden.

Schneewittchen wird schließlich in den Glassarg gelegt. Es kommt zum Streit zwischen Rurik und Florin. Dabei zählt Rurik auf, was Schneewittchen alles ausmacht: Sie ist nicht nur schön, sondern auch mutig, liebevoll und … wach. Ja, wach …

Diese Szene war für mich einer der komischsten Momente des Abends. Rurik stößt versehentlich gegen den Glassarg, woraufhin das Apfelstück aus Schneewittchens Mund fällt und sie wieder zu atmen beginnt. Während Rurik noch verzweifelt nach weiteren Komplimenten sucht, bemerkt einer der anderen Zwerge: „Sie ist wach.“ Doch Rurik ist so auf seine Aufzählung konzentriert, dass er nur wiederholt: „Ja, genau, wach“, bevor er sich schließlich umdreht und erst dann realisiert, dass Schneewittchen tatsächlich wieder lebt.

Der anschließende Kuss zwischen den beiden wurde vom Publikum mit großem Applaus gefeiert. Mir gefällt es sehr, dass Schneewittchen und Rurik am Ende ein Paar werden.

Eine ähnliche Entwicklung habe ich bereits in einer anderen Schneewittchen-Adaption erlebt. Auch dort wurden Gefühle zwischen Schneewittchen und einem der Zwerge angedeutet. Dieser Handlungsstrang wurde jedoch letztlich nicht weiterverfolgt, und die Geschichte kehrte zum klassischen Ende mit dem Prinzen zurück. Umso mehr hat es mich gefreut, dass die Hanauer Inszenierung diesen Gedanken konsequent weiterentwickelt und daraus eine glaubwürdige Liebesgeschichte entstehen lässt.

Schön fand ich außerdem, dass Amneris am Ende wieder sie selbst sein kann. Sie muss sich nicht länger verstecken und wird so akzeptiert, wie sie ist. Das habe ich ihr von Herzen gegönnt, denn die Auflösung ihres Geheimnisses hat mich wirklich berührt.

„Und sie lebten glücklich...“ – Moment, da erhebt Schneewittchen Einspruch und unterbricht den Erzähler. Sie weist ihn darauf hin, dass sie und Rurik sich auch in Zukunft ständig kabbeln werden. Den Beweis liefern sie sofort mit einer Diskussion über ihre künftigen Kinder. Dieses Ende fand ich wunderbar erfrischend, weil es sich nicht wie ein erzwungenes Märchen-Happy-End anfühlt.

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