Dienstag, 11. August 2026

Aktuell lese ich... Die Auferstehung

 Hallo,





... einen Einzelband.

Mein aktuelles Lesefutter



Können Tote wieder auferstehen? Eine junge Frau ist vor vielen Jahren nicht mehr aus dem brasilianischen Regenwald zurückgekehrt. Nun taucht sie plötzlich wieder auf. Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews kommen - inzwischen erwachsen geworden - auf verschiedenen Wegen mit ihrer Rückkehr in Verbindung und in gewohnt detektivischer Manier ziehen sie ihre Schlüsse. Irgendwann kreuzen sich ihre Wege und die drei Freunde von einst müssen sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen.

Lesefortschritt



Aktuell bin ich auf Seite 75 von 442. <Am Montagnachmittag ließ sich Justus von Stjepan mit dem Pick-up in die Stadt fahren.> (Kapitel 6)

Warum dieses Buch?



Das Buch wollte ich schon länger lesen. Thriller/Krimis standen auch schon länger nicht mehr auf meiner Leseliste. Nachdem ich das Buch gebraucht entdeckt habe, habe ich direkt zugeschlagen und gestern noch damit begonnen.

Was gibt es sonst noch zu sagen?



Bis jetzt finde ich das Buch sehr spannend und möchte wissen, was es mit der Frau auf sich hat.

Was ist sonst noch passiert?

Die letzte Woche hatte leider kein Glück für mich parat. Am Dienstag bin ich auf dem Nachhauseweg von der Arbeit von der Sonne geblendet worden und habe einen Gegenstand auf der Straße unterschätzt. Ich dachte, das wäre nur ein Erdklumpen, über den ich fahren könnte. War es aber nicht. Ich habe mir den kompletten Boden aufgerissen: wirtschaftlicher Totalschaden. Das hat mir gerade noch gefehlt. Mein Auto ist zwar schon 10 Jahre, aber es ist ja noch ohne Schwierigkeiten gefahren. Ich war vor allem vor Kurzem noch in der Inspektion. Eigentlich wollte ich es noch 2, 3 Jahre fahren. 
Tja, jetzt nicht mehr. Ich habe mir ein gebrauchtes einjähriges Auto ausgesucht, das ich heute abholen kann. Immerhin muss ich mich dann nicht mehr auf die Arbeit fahren lassen. Eine Busverbindung fährt so früh nicht.

Und eigentlich wollten wir ja am Donnerstag nach Tecklenburg fahren. Fabian ist aber krank geworden. Da wollte ich schon alles absagen, aber er wollte nicht alles verfallen (Tickets für 3 Shows, Hotel) lassen. Ich sollte meine Schwester fragen, ob sie nicht stattdessen mitwill. Zum Glück konnte sie. Sie begleitet mich ja meistens zu den Veranstaltungen, weil Fabian da kein Fan ist. Rocky als Musical hätte er aber gerne geschaut. Jetzt hoffe ich, dass das Stück nochmal in erreichbarer Nähe gespielt wird, damit ich dann aber wirklich mit ihm dorthin fahren kann.


Liebe Grüße
Tinette

Montag, 10. August 2026

Schiggy unterwegs... Rocky in Tecklenburg


Schiggy war wieder unterwegs, um sich den Boxkampf des Jahres anzuschauen. Dazu musste ich zurück in den Winter 1975/1976 reisen, in dem der amtierende Weltmeister Apollo Creed seinem Herausforderer Rocky Balboa gegenübertreten würde.

Den Film kenne ich nicht und kann deshalb keine Vergleiche ziehen. Ich kann weder mit Boxen etwas anfangen noch Blut sehen, aber ich gehe vollkommen unvoreingenommen in die Show. Bisher bin ich in Tecklenburg von den Inszenierungen nie enttäuscht worden. Einzig meine Sorge vor störenden Zuschauern, die mir hier leider schon ein paar Mal den Spaß getrübt haben, war im Vorfeld fast größer als die vor dem Kunstblut auf der Bühne.
Da Fabian krankheitsbedingt nicht mitfahren konnte, aber nicht wollte, dass Tickets und Hotelreservierung verfielen, sprang kurzfristig meine Schwester ein, die zum Glück zur gleichen Zeit Urlaub und noch nichts anderes vorhatte. 


1. Eckdaten zur Vorstellung

Titel: Rocky
Art: Musical
Ort: Freilichtbühne Tecklenburg
Sprache: Deutsch
Datum: 06.08. und 07.08.2026
Beginn: jeweils 20:00 Uhr
Reihe / Platz: 06.08.: Reihe 2, Platz 41 - 07.08.: Reihe 1, Platz 25
Dauer (inkl. Pause): ca. 2 Stunden 45 Minuten
Vorlage: der gleichnamige Film
Hinweise:
-

2. Mein Eindruck von der Show

Die erste positive Überraschung gab es bereits am Stand vor dem Einlass: Dort wurden Programmhefte für 4,- € angeboten. In den Vorjahren hatte es lediglich kostenlose Blättchen gegeben. Das Heft enthielt neben Szenenfotos und den Vitas der Darsteller auch jeweils ein Gruppenfoto von Orchester und Chor samt den dazugehörigen Namen. Dadurch bekommen auch diese Mitglieder eine sichtbare Präsenz, was ich sehr schön fand.

Auf dem Weg zur Tribüne kommt man am Bus aus dem Stück „Priscilla“ vom vergangenen Jahr vorbei. Das Stück hatten wir zwar nicht besucht, Fotos vom Bus haben wir trotzdem gemacht.



Das Bühnenbild zu Beginn zeigt neben zwei Treppen rote Backsteinwände mit Graffiti. Auf der linken Seite ist eine Tierhandlung zu sehen, auf der rechten hängen Bilder von Boxern. Dabei war uns am Freitag aufgefallen, dass dort ein Poster beziehungsweise Schild hing, das am Vortag noch gefehlt hatte.
Im Laufe des Abends erweist sich die Kulisse als erstaunlich wandelbar. Im unteren Bereich befinden sich das Wohnzimmer und die Küche von Adrian und Paulie, während im oberen Bereich Rockys Wohnung sowie – wie ich vermute – das Büro von Apollos Management liegen. Durch das Verschieben und Aufklappen der Wände werden die jeweiligen Räume sichtbar. Die Tapeten erinnerten mich dabei sehr an die 1970er-Jahre.

Für viele Lacher im Publikum sorgte die Thanksgiving-Szene bei Adrian zuhause. Ihr Bruder erzählt seiner Freundin Gloria, dass er Rocky eingeladen hat. Diese hält es für keine gute Idee. Rocky kommt mit einem Blumensträußchen vorbei, das er Gloria überreicht, und fragt nach, ob Adrian Bescheid wüsste. Paulie, gemütlich mit einem Bier auf dem Sofa lümmelnd, versichert ihm, dass sie „total aus dem Häuschen“ ist. Sie erscheint und reagiert schockiert. Ihr Bruder meint trocken: „Sag ich ja, total aus dem Häuschen.“
Als Adrian sich weigert, mit Rocky auszugehen, und den Truthahn im Ofen als Ausrede vorschützt, löst Paulie „das Problem“ auf seine Weise: Er wirft den Truthahn kurzerhand auf die Straße.
Adrian läuft entsetzt in ihr Zimmer. Paulie bringt Rocky dazu, durch das Schlüsselloch mit ihr zu reden. Da habe ich ehrlich gesagt damit gerechnet, dass sie gleich die Tür öffnet und ihm gegen den Kopf schlägt. Das ist allerdings nicht passiert. Stattdessen hockt er sich neben die Tür und singt die Reprise von „Noch fall ich nicht“. Kurz darauf kommt Adrian aus dem Zimmer, bereit zum Ausgehen.

Daraus entwickelt sich die Szene in der Eishalle, die bei mir einen besonders bleibenden Eindruck hinterließ. Bei meinem ersten Besuch war sie ein echter Überraschungsmoment. Mit einfachen, aber wirkungsvollen Mitteln entsteht eine Eislauffläche: Eine weiße Bahn, die eine nasse Spur hinterlässt und mich an eine Wasserrutschbahn erinnerte, eine schwarze Matte und zwei Teile der Bande reichten dafür aus.
Für 10 Dollar dürfen Adrian und Rocky an Thanksgiving zehn Minuten lang aufs Eis. Dafür müssen sie allerdings einen kleinen Trick anwenden: Angeblich sei Adrian sehr krank. Plötzlich gibt sie sich ganz schwach, lässt die Schultern hängen und keucht schwer. Eislaufen sei schließlich gut für sie. Sie zieht sich Schlittschuhe an, während Rocky in seinen Straßenschuhen bleibt.
Adrian ist auf den Kufen sehr unsicher, beinahe so, als würde sie zum ersten Mal in ihrem Leben auf dem Eis stehen. Sie bewegt sich sehr wackelig fort. Rocky versucht, ihr zu helfen, kann aber selbst nur gerade so die Balance halten. Einmal macht er dabei sogar fast einen Spagat. Ich hatte tatsächlich das Gefühl, als würden die beiden gerade ihre Runden auf einer echten Eisfläche drehen, auch wenn sie natürlich nur eine kurze Strecke hin- und herschlitterten.
Die gesamte Szene wirkt erfrischend und unbeschwert. Die sonst so schüchterne Adrian blüht regelrecht auf und versucht sich später sogar an kleinen Eiskunstlauf-Elementen, etwa indem sie ein Bein ausstreckt. Dazu singen die beiden das niedliche Duett „Mehr als nur ich und du“.
Amüsant sind die Kommentare des Eishallenbesitzers, der mit mürrischer und genervter Stimme immer wieder aufzählt, wie viele Minuten ihnen noch bleiben. Für mich ist das eine der schönsten und zugleich meine persönliche Lieblingsszene des Stücks.

Auch in den übrigen Szenen gibt es witzige Einfälle. Adrian und ihre Freundinnen dekorieren die Tierhandlung weihnachtlich – samt großem, aufblasbarem Weihnachtsmann. Dazu stimmt Gloria „Jingle Bells“ an und schwingt den Weihnachtskranz wie ein Tamburin. Den Text passt sie dabei an, weil eben „mal wieder“ niemand bei ihnen einkauft.
Als Paulie torkelnd auftaucht, zeigt sich, dass es spielerische Unterschiede in den Dialogen geben kann: Am Donnerstag dichtet er etwas auf Bier, am Freitag reimt er „saufen“ auf „einkaufen“.

Ebenfalls flexibel ist die übrig gebliebene Backware in Rockys Kühlschrank: Am Donnerstag hat er für Adrian nur noch einen halben Muffin, am Freitag einen halben Donut. An der Handlung an sich ändert das nichts, aber ich finde diese variierenden Textstellen interessant. Wir haben später spekuliert, ob die Darsteller hier gezielt Freiraum bekommen, damit die Vorstellungen auch für sie selbst abwechslungsreich bleiben.



Schon vor Beginn des zweiten Aktes betritt Rocky wieder die Bühne und legt sich auf die Couch in seiner Wohnung schlafen. Pünktlich zum Auftakt ist er wieder wach und schlägt sich erst einmal rohe Eier in ein Glas, die er auf einen Zug austrinkt. Bereits am Donnerstag musste ich dabei schlucken, da ich selbst nicht einmal frische rohe Eier von meinen eigenen Hühnern essen würde. Selbst wenn es nur ein Theatertrick war, fand ich allein die Vorstellung extrem gewöhnungsbedürftig. Am Freitag riefen dann auch einige Zuschauer lautstark „Ihhh!“, ehe wie schon am Vortag Applaus aufbrandete.

Die nachfolgenden Klimmzüge, das Seilspringen, das Laufen um die Tribüne herum und die einhändigen Liegestütze brachten das Publikum vollends zum Pfeifen und Klatschen. Das hat mich ehrlich gesagt etwas gestört – vor allem, weil auch die anderen Darsteller, die ebenfalls Boxer spielten, Seil sprangen oder Liegestütze machten (einer lief sogar auf den Händen im Handstand), dafür aber ohne sofortige Anerkennung blieben.

Zum Mitklatschen animierte „Eye of the Tiger“, die Trainingsszene von Rocky. Ganz viele Rocky-Doubles im grünen Trainingsanzug liefen über die Bühne oder im Graben an der ersten Reihe vorbei. Rocky selbst trainierte neben den bereits genannten Einheiten auch das Wenden eines Traktorreifens. Im Wechsel mit den Trainingseinheiten sangen die Boxer eben diesen bekannten Song, während sie Boxelemente wie Faustschläge und Beinarbeit in die Choreografie einbauten.

Am Schluss erklomm Rocky die Treppen bis ganz nach oben und reckte die Faust nach oben. Erst im späteren Gespräch mit meiner Schwester fiel auf, dass da eine Treppe in der zweiten Etage nach vorne geschoben worden war. Das hatte ich bewusst gar nicht wahrgenommen und mir auch keine Gedanken gemacht. Danach dachte ich nur: Ja, stimmt, die Treppe war plötzlich da.

Noch erwähnen möchte ich die Szene im Schlachthaus. Paulie hat sich überlegt, dass Rocky mit dem Schlagen gegen die Schweinehälften seine Fäuste trainieren kann. Er selbst sieht darin außerdem eine Chance, Werbung zu machen, wird von der Moderatorin jedoch aus dem Bild verscheucht. In der Inszenierung in Hamburg vor über zehn Jahren waren es noch Rinder-, jetzt eben Schweinehälften. Wie es im Film war, weiß ich nicht. An sich macht es ja auch keinen Unterschied.

Während die Kampffläche beim ersten Kampf des Stücks – Rocky gegen Spider Rico – nur durch ein von Chormitgliedern gehaltenes Seil angedeutet wurde, schob man in der Pause einen Boxring auf die Bühne. Dieser diente im zweiten Akt unter anderem Apollo zum Training. Außerdem wurden dort die Videos von Apollos Kämpfen, die sich Rocky und sein Trainer Mickey auf dem Röhrenfernseher anschauen, lebendig nachgespielt, während Mickey kommentierte. Wir sehen den jüngeren Apollo im Ring gegen einen Gegner. Eine für mich sehr spannende Idee.

Auch bei den Interviews wurde es geschickt gelöst: Jeweils an den Seiten (Adrian und ihre Freundinnen in der Tierhandlung sowie Mickey und die anderen Boxer in der Halle) sehen die Figuren das Interview im Fernsehen, während die Zuschauer es live in der Mitte des Ringes verfolgen können.




Das Finale, für das der Boxring ganz nach vorne geschoben wird, nimmt einen großen Anteil des zweiten Aktes ein. In der Pause wurden dafür Schilder mit zwei verschiedenen Seiten (eine Seite Rocky in Rot oder Grün, die andere Seite Apollo beziehungsweise Creed) in den ersten vier oder fünf Reihen verteilt. Da sie nicht ganz bis zur Mitte reichten, gingen wir am Donnerstag noch leer aus; am Freitag bekamen wir jedoch welche und konnten mitmachen.

Adrian, die sich den Kampf um den Weltmeistertitel nicht anschauen kann, sitzt währenddessen mit ihren Freundinnen in der Tierhandlung, um ihn im Fernsehen zu verfolgen.

Nachdem die drei Punktrichter begrüßt wurden, beginnt der Einmarsch des Herausforderers Rocky. Da ich vorher den Trailer des Films geschaut hatte, erkannte ich seinen gelb-orangenen Mantel sofort wieder. Dass das Kostümbild sogar auf solche Farbdetails achtet, ist ein tolles Plus. Rockys Einzug verläuft eher unspektakulär, auch wenn die Zuschauer die Schilder mit seinem Namen hochhalten und sein Trainer das Publikum mit Handgesten zu mehr Stimmung animiert.

Schon bei Apollos Solo „Patriotisch“ hatte sich angedeutet, was sich bei seinem Einzug bestätigt: Er liebt den großen Auftritt und lässt sich mit seinen tanzenden „Apollo Girls“ und Feuerfontänen feiern. Er setzt sich einen Amerika-Hut auf, steigt auf das Ringseil und erhebt siegessicher die Faust.
Bei ihm gab es nur wenige Zuschauer, die ein Schild für ihn hochhielten – darunter ich. Paulie schien darüber entsetzt zu sein: Er ließ seinen Blick über die Zuschauer schweifen und schüttelte verständnislos den Kopf. Da habe ich mich etwas ertappt gefühlt, als wäre ich der „Feind“. Aber ich fand es einfach fair, das Schild auch bei ihm hochzuhalten, gerade weil es so wenige taten. Als erfolgreicher Boxer hätte er sicher auch im echten Leben viele Fans gehabt.

Die ersten drei Runden werden ausführlicher gezeigt. Rocky gelingt es in der ersten Runde sogar, Apollo einen Hieb zu verpassen, sodass dieser zu Boden geht und der Ringrichter bereits mit dem Zählen zum K. o. beginnt. Leicht benommen rappelt er sich allerdings wieder auf und der Kampf geht weiter. Durch die Dunkelheit rund um den Ring und die gezielte Beleuchtung entsteht eine sehr stimmungsvolle Atmosphäre – zumal um den Ring herum die jeweiligen Fans jubeln.

Die nachfolgenden Runden werden teilweise übersprungen; die Runden 11 bis 14 gehen schließlich fließend ineinander über.

Als Rocky zum ersten Mal mit blutigem Gesicht in den Kampf zurückkehrt, war das ein kleiner Schock für mich. Auch wenn ich weiß, dass es nur Kunstblut ist, empfand ich Unwohlsein und musste mir im Stillen gut zusprechen. Im weiteren Verlauf wird immer mehr Blut verwendet. Besonders am Ende der 14. Runde, als Rocky blutüberströmt in seiner Ecke sitzt, konnte ich kaum hinschauen. Sein Trainer will das Handtuch werfen, doch Rocky besteht lautstark auf die letzte Runde. Damit er wieder sehen kann, lässt er sich die Blutergüsse an den Augen aufstechen. Das wurde zwar nicht gezeigt, aber allein die Erwähnung fand ich gruselig.

Apollo hat jedoch selbst einiges einstecken müssen. Sein Kiefer und seine Rippen schmerzen so sehr, dass sein Trainer ebenfalls frühzeitig abbrechen will. Doch Apollo weigert sich, weil er endlich einen ebenbürtigen Gegner gefunden hat.

So kommt es zur 15. Runde, in der beide sichtlich erschöpft sind, aber keiner aufgeben will. Der Kampf endet schließlich mit einem Sieg nach Punkten. Wer gewonnen hat, möchte ich an dieser Stelle jedoch nicht verraten.

Die Zeitlupensequenzen, bei denen das ansonsten warme, gelbe Licht gedimmt wurde, fand ich hervorragend umgesetzt. Dadurch konnte man die verhärteten und schmerzverzerrten Gesichter genau beobachten. Meiner Schwester fiel dabei sogar auf, dass Rocky während einer Zeitlupe Blut ausspuckte.

Schlussendlich gab es auch interessante Unterschiede in unserer Wahrnehmung: Während der bloße Anblick bei mir echtes Unwohlsein auslöste (mein Gehirn schaltete sofort auf rote Flüssigkeit beim Boxkampf = Blut), beurteilte meine Schwester die Wirkung deutlich nüchterner. Aus Reihe 2 wirkte das Kunstblut am Donnerstag für sie noch erstaunlich realistisch. Aus Reihe 1 am Freitag entlarvte sie es jedoch sofort als Theatereffekt.



Rocky ist nicht unbedingt das, was man einen erfolgreichen Boxer nennen würde. Mit 29 Jahren hat er zwar schon einige Siege errungen, allerdings gegen keine großen Namen. Er trägt einen dunklen Hut, eine Lederjacke und schwarze Absatzschuhe. Sein schlurfender, leicht schwankender Gang verleiht ihm einen unbeholfenen, fast tollpatschigen Eindruck. Auch seine Angewohnheit, die Nase selbst vor anderen Menschen immer wieder geräuschvoll hochzuziehen, unterstreicht diesen Charakter. Seinen Lebensunterhalt versucht er mehr schlecht als recht als Geldeintreiber zu bestreiten.
Adrian kennt er bereits seit der 5. Klasse. Damals schrieb er ihr eine Valentinskarte mit einem kleinen Gedicht, in dem er gestand, dass er neben Pizza auch sie mag. Seine beiden Schildkröten K und O hat er in der Tierhandlung gekauft, in der sie arbeitet – ein Detail, das mir als Besitzerin von Schiggy natürlich sofort sympathisch war.
Im Umgang mit Adrian stellt sich Rocky ebenfalls reichlich ungeschickt an. Er versucht, sie mit einem seltsamen Panzerknacker-Witz zum Lachen zu bringen, bietet ihr wegen der „gefährlichen“ Leute Begleitschutz auf dem Nachhauseweg an oder gesteht ihr frei heraus, dass er sie gerne küssen würde – sie müsse ihn ja nicht zurückküssen. Als er ihr zum ersten Mal seine Wohnung zeigt, lässt er seine Unordnung hastig im Nebenraum verschwinden.
Wenn etwas nicht so funktioniert wie gewollt, fackelt Rocky ohnehin nicht lange: Als er seinen Spind nicht öffnen kann, schlägt er kurzerhand mit dem Feuerlöscher darauf ein, sodass das Schloss nachgibt und zu Boden fällt. Überhaupt scheint er an diesem Spind zu hängen. Immerhin hat es zwei Monate gedauert, bis er sich die Kombination merken konnte. Wenn man ihm sagt, was er hat, kontert er trocken mit: „Aber keinen Spind!“ Der jüngere Dipper hat den Spind später von ihm übernommen, sodass Rocky seitdem keinen mehr hat.
Das Angebot von Apollos Management hält Rocky zunächst für einen Scherz. Die Aussicht auf 150.000 Dollar – völlig unabhängig vom Ausgang des Kampfes – weckt schließlich seinen Ehrgeiz. Mit Unterstützung seines Trainers zieht er das harte Training durch und nimmt zum ersten Mal in seinem Leben eine Herausforderung wirklich ernst. Rocky rechnet sich selbst kaum Chancen aus, will die Gelegenheit aber trotzdem ergreifen und gegen den Weltmeister antreten.
Dass er am Ende tatsächlich die vollen 15 Runden durchsteht, macht deutlich, dass sich seine Mühen gelohnt haben. Rocky wird dabei nicht zum überlegenen Superhelden. Vielmehr geht es darum, dass er über sich selbst hinauswächst und überhaupt die Chance ergreift, sich zu beweisen. Genau das macht seine Entwicklung für mich glaubwürdig.



Adrian wird als extrem schüchterne Frau eingeführt. Wenn Rocky mit ihr spricht, wagt sie kaum Blickkontakt, sieht verlegen zu Boden oder sucht händeringend nach Ausflüchten, um der Situation zu entkommen. Ihre Haare trägt sie meist hochgesteckt und dazu eher unscheinbare Kleidung. Positiv fiel mir auf, dass sie ihre Brille im Laufe der Handlung nicht ablegt. Selbst mit wachsendem Selbstbewusstsein bleibt sie also Brillenträgerin – ein kleines Detail, das mir gut gefallen hat.
Beim Dekorieren des Weihnachtsbaums überrascht sie Rocky und das Publikum schließlich mit offenem Haar und einem roten Kleid. Als sie den Mantel auszieht, sind von der Tribüne prompt anerkennende Pfiffe zu hören.
Ihre Entwicklung von der verschüchterten Frau zu einer selbstbewussteren Partnerin finde ich grundsätzlich schön. Allerdings verlief dieser Wandel für unseren Geschmack an manchen Stellen etwas zu abrupt. Immerhin kennen sich Rocky und Adrian seit rund 20 Jahren, und zu Beginn ist sie noch tief schockiert, als er seinen Pullover auszieht und nur noch im Unterhemd vor ihr steht. Sie möchte sogar am liebsten flüchten, sodass Rocky sie zurückholen und beruhigen muss.
Dass sie kurz darauf plötzlich deutlich offensiver mit ihm umgeht und schließlich sogar beleidigt reagiert, als Rocky sie auf Anraten seines Trainers vor dem Kampf zurückweist, wirkte vor diesem Hintergrund für mich nicht ganz stimmig. Mir fehlte hier ein wenig der Zwischenschritt, durch den ihr wachsendes Selbstbewusstsein nachvollziehbarer geworden wäre.
Adrian bleibt nicht die schüchterne Frau vom Anfang, sondern gewinnt im Laufe der Geschichte zunehmend an Selbstvertrauen und beginnt, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Das zeigt sich sehr gut, als sie sich erstmals klar gegen ihren Bruder stellt und sich weigert, einfach das zu tun, was er von ihr verlangt. Für mich ist das der Moment, in dem ihre Entwicklung wirklich greifbar wird.

Der Fokus des Stücks liegt auf den beiden Hauptrollen, doch auch die Nebenrollen machen mit vielschichtigen Charakteren auf sich aufmerksam.

Paulie ist der Bruder von Adrian. Er ist Fleischer. Vielleicht ist das mit ein Grund, warum ihn seine schmutzige Kleidung nicht besonders zu stören scheint: Sein Fleischerkittel ist voller Blut, seine Latzhose voller Fettflecken. Dazu kommt ein zotteliger Bart. In Kombination mit der schmutzigen Kleidung wirkt er insgesamt eher ungepflegt. Auch dem Alkohol scheint er nicht abgeneigt zu sein. Oft hat er eine Flasche oder Dose Bier in der Hand.
Er ist ein rauer Typ, im Grunde aber kein schlechter Mensch. Der frühe Tod der Eltern scheint ihn überfordert zu haben, und so klammert er sich an Adrian, insbesondere nach der Trennung von seiner Freundin. Er erkennt, dass er sonst niemanden hat, und kommt zu dem Schluss, dass es ein Fehler war, seine Schwester mit dem Boxer zu verkuppeln.
Dabei zeigt er plötzlich eine sehr verletzliche Seite von sich. Da tat er mir tatsächlich etwas leid. Zwar steht er unter Alkoholeinfluss und schafft es kaum, die Treppen hinaufzusteigen, ohne umzufallen, doch seine Verzweiflung und Angst vor dem Alleinsein wirken echt. Er heult und stapft mit dem Fuß auf wie ein kleines Kind und spricht dabei sogar von sich selbst in der dritten Person: „Paulie hat niemanden.“
Er kann allerdings auch seine Fehler eingestehen und sich entschuldigen. Dass auf dem Mantel, den er Rocky als Wiedergutmachung schenkt, ausgerechnet Werbung für seine Fleischerei steht, nahm ich ihm dabei nicht übel. Im Gegenteil: Ich fand das irgendwie charmant.

Paulie ist mit Gloria zusammen, die ausgesprochen resolut auftritt. In Minirock und grellen Farben wirkt sie selbstbewusst und fällt sofort auf. Sie trägt ihr Herz auf der Zunge und spricht aus, was sie denkt. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass sie mit ihren direkten Worten jemanden verletzt und anschließend sofort ein schlechtes Gewissen bekommt: „Ich wieder mit meiner großen Klappe.“
Gloria gehört die Tierhandlung, in der Adrian arbeitet. Als Paulie betrunken dort auftaucht und sich danebenbenimmt, zieht sie die Konsequenzen und trennt sich von ihm. Gleichzeitig ist sie es, die Adrian darin bestärkt, sich von ihrem Bruder zu lösen und nicht länger nach seiner Pfeife zu tanzen. Sie ist damit nicht nur Adrians Chefin, sondern auch eine echte Freundin für sie.

Mickey ist Rockys Trainer, sieht in ihm zu Beginn allerdings kein großes Potenzial mehr. Er gibt sogar dessen Spind an den deutlich jüngeren Dipper ab. Erst nachdem der Kampf gegen Apollo feststeht, bietet er Rocky seine Hilfe an – sogar kostenlos.
Von da an unterstützt Mickey ihn nach bestem Gewissen, lässt ihn die unterschiedlichsten Trainingseinheiten absolvieren, zeigt ihm Videos von Apollos vergangenen Kämpfen und gibt ihm Ratschläge. Dabei erscheint er manchmal streng und wenig zimperlich, steht aber eindeutig hinter Rocky. Sein Rat „Egal, was dein Gegner vorhat, lass es nicht zu“ fasst seine Rolle als Trainer eigentlich sehr treffend zusammen.
Gerade im Finale zeigt sich außerdem, dass Mickey nicht nur für Rockys Training verantwortlich ist, sondern tatsächlich um ihn besorgt ist.

Apollo Creed wird als selbstbewusster Weltmeister präsentiert, der seinen Status durchaus genießt. Passend zu seinem Hang zur großen Show trägt er gerne einen glitzernden Stars-and-Stripes-Umhang oder andere Kleidungsstücke mit patriotischem Bezug. Auch sein Amerika-Hut beim Einmarsch passt perfekt zu diesem Auftreten.
Nachdem sein ursprünglicher Gegner abgesagt hat, ist er bei der Wahl des Ersatzes sehr wählerisch. Ein Kampf gegen Snow wäre für ihn eine „miese Show“, gegen einen „Rentner“ möchte er ebenfalls nicht antreten. Allein Rockys Kampfname „Italian Stallion“ ist schließlich der Grund, warum er sich für ihn entscheidet. Er findet, dass der Name gut klingt – was einmal mehr zeigt, wie sehr Apollo die große Show liebt.
Er ist sehr von sich selbst überzeugt und deshalb sichtlich überrascht, als Rocky ihn tatsächlich trifft. Entsetzt berichtet er seinem Trainer, dass dieser Schlag ihm beinahe den Kiefer gebrochen hätte.
Gleichzeitig erkennt Apollo Rockys Leistung an und bezeichnet ihn als „ebenbürtigen Gegner“. Von einem Menschen mit einem solchen Selbstbewusstsein empfinde ich das als eines der größten Komplimente, die er ihm machen kann.

Mir war zwar bewusst, dass die Rolle der Moderatorin Linda, die mit ihrem Minikleid und der Föhnwelle optisch perfekt zum Jahrzehnt passt, absichtlich überspitzt angelegt ist, um das schrille Medienspektakel darzustellen. Trotzdem fand ich ihren Auftritt auf Dauer etwas nervig. Die Darstellerin setzt Mimik und Gestik sehr übertrieben ein und betont jedes Wort so dynamisch, als wäre sie in einer billigen Dauerwerbesendung.

Insgesamt fand ich die Kostüme sehr authentisch. Die typische Kleidung der 1970er-Jahre mit Schlaghosen, bunten Mustern und auffälligen Schnitten passte ebenso gut in die Zeit wie die dazugehörigen Frisuren. Gerade die vielen kleinen Details sorgten für mich dafür, dass die Figuren glaubwürdig in die 1970er-Jahre versetzt wurden.
Wie selbstverständlich die Kostüme dabei wirkten, zeigte sich auch bei meiner Schwester: Sie hatte zwischenzeitlich gar nicht mehr daran gedacht, dass die Handlung in den 1970er-Jahren spielt. Als die ersten Figuren in der typischen Kleidung auftraten, war sie deshalb zunächst überrascht. Für mich ist das eigentlich ein schönes Zeichen dafür, wie authentisch das Kostümbild die Zeit eingefangen hat.



Dass die Handlung im Winter 1975 bis Neujahr 1976 spielt, wird nicht nur durch die winterliche Kleidung (Mäntel, Ohrenschützer, Stiefel) ersichtlich. Auch das Verhalten der Rollen weist darauf hin. So pustet sich Rocky nach dem Verlassen der Tierhandlung kurz in die Hände, bevor er zur Feuertonne geht, um die sich bereits Menschen scharen und sich die Hände wärmen.
Gloria, Angie und Joanne blicken entsetzt zum Himmel und Angie hat sogar Angst um ihre Frisur. Sie halten sich ihre Handtaschen über den Kopf und trippeln davon.

Ich bin zwar schon an anderen Stellen auf einzelne Songs eingegangen, möchte aber einige davon noch etwas näher erläutern.

Beim Weihnachtsbaumschmücken erkennen Adrian und Rocky ihr „Wahres Glück“. Dieses Duett hat meiner Schwester am besten gefallen. Bei mir gewinnt es ebenfalls gegen „Mehr als nur ich und du“.
Adrian hat rote und goldene Christbaumkugeln und eine Spitze mitgebracht. Der Baum ist recht klein, sodass die beiden sich zum Schmücken hinsetzen müssen. Es ist eine schöne, langsame und gefühlvolle Nummer, die sehr gut die respektvolle Beziehung der beiden zueinander zeigt. Ihren Worten zufolge haben sie so etwas schließlich noch nie erlebt. Kitschig fand ich das überhaupt nicht. Das Lied bringt vielmehr eine angenehme Ruhe in das Stück, vor allem, weil Rocky ansonsten ständig im Training steht.
Mir gefällt außerdem, wie gut die beiden Stimmen miteinander harmonieren. Das Zusammenspiel hat sich für mich sehr angenehm angehört.

Bei den Soli war es für mich deutlich schwieriger, einen Favoriten auszuwählen. Meine Schwester konnte sich in diesem Fall überhaupt nicht entscheiden.

„Wenn es weiter regnet“ ist ein Solo von Adrian, das sie singt, nachdem sie Rocky fortgeschickt hat. Darin merkt man, dass sie ihre Entscheidung bereits bereut und ihn am liebsten doch begleitet hätte. Sehnsuchtsvoll sieht sie ihm nach und hält sich dabei am Türrahmen fest, als bräuchte sie Halt. Beim Verlassen der Tierhandlung dreht sie das Schild von „Yes, we're open“ auf „Sorry, we're closed“. Ein kleines Detail, das mir aber gut gefällt, weil dadurch ganz nebenbei angezeigt wird, dass die Geschäftszeiten vorbei sind.
Als Rocky schließlich weitergeht, tritt Adrian aus dem Gebäude, läuft zum Bühnenrand in der Mitte und blickt ihm nach. Dabei hatte ich das Gefühl, dass sie mehr für ihn empfindet, als sie sich selbst eigentlich eingestehen möchte.
Das Lied ist leicht melancholisch und eher zurückhaltend, was sehr gut zu Adrians schüchternem Wesen passt. Vieles wirkt noch wie eine Theorie oder ein Wunsch und klingt dadurch fast träumerisch – als würde sie sich vorstellen, wie es wäre, wenn sie einen anderen, offeneren Charakter hätte.

Nachdem sie es schließlich nicht mehr einsieht, immer nur das zu tun, was ihr Bruder von ihr verlangt, erweckt sie den Eindruck, deutlich selbstbewusster zu sein. Sie steht aufrecht vor ihm, zählt ihm auf, was sie an der Situation stört, und macht deutlich, dass diese Zeiten „Vorbei“ sind.
Im Gegensatz zu ihrem ersten Solo ist dieses Lied zwar zunächst ebenfalls eher ruhig, wird aber schnell kraftvoll. Ihre Stimme klingt nicht mehr so zart, sondern entschlossen. Ihr Blick ist nicht mehr verschüchtert, sondern strahlt Souveränität aus. Sie steht oben an der Treppe, während ihr Bruder auf einer unteren Stufe steht. Dadurch wirkt sie sogar größer als er, was für mich sehr gut zu ihrer veränderten Haltung passt.
Ich fand, dass sie den Refrain regelrecht herausschmettert. Da ist nichts mehr von der unsicheren Person zu spüren, die sie zuvor noch war.
Leider wurde während des Schlusstons kräftig applaudiert, sodass dieser für mich kaum noch zu hören war. Das fand ich etwas schade. Ich hätte mir gewünscht, dass die Zuschauer noch einen Moment warten und erst nach dem vollständigen Ende des Liedes die starke Leistung entsprechend würdigen.

Rocky zeigt gleichfalls Stärke und versucht, im Ring und im Leben „Standzuhalten“. Selbst wenn er sich kaum Chancen auf einen Sieg ausrechnet, möchte er es zumindest versuchen. Wenn er durchhält, weiß er, dass er kein Versager ist, wie er selbst sagt.
Es ist ein dynamisches, aber nicht hektisches Lied. Man merkt, wie sein Kampfeswille erwacht. Er möchte beweisen, was in ihm steckt, und ist bereit, Rückschläge einzustecken und an ihnen zu wachsen, statt daran zu zerbrechen. „Wenn ich fall', steh' ich wieder auf.“ Das ist der erste Satz des Songs und bringt diese Haltung bereits sehr gut auf den Punkt.
Mir gefiel besonders die Steigerung der Töne beim Wort „Standzuhalten“ gegen Ende des Liedes. Die einzelnen Töne gingen dabei fließend ineinander über und wirkten sehr kraftvoll. Das war allerdings noch nicht der Schluss des Liedes. Der Song endet etwas ruhiger, was ich so interpretiert habe, dass Rocky zu diesem Zeitpunkt entspannt ist und sich keine Gedanken mehr um den morgigen Kampf macht. Er ist bereit dafür.

Der Ton war fast durchweg gut abgemischt. Auch das 16-köpfige Orchester war hervorragend abgestimmt und hat die Handlung kraftvoll getragen. Einzig bei einem Darsteller schien einmal das Mikrofon nicht rechtzeitig eingeschaltet worden zu sein.
Am Donnerstag empfand ich zudem Angie als schwer verständlich; sie klang streckenweise recht undeutlich. Da ich sie am Freitag problemlos verstehen konnte, bleibt für mich allerdings offen, ob das an der Tontechnik lag oder schlicht an der Unruhe um mich herum im Publikum.

Denn das war leider der Punkt, der meinen Besuch am Donnerstag massiv getrübt hat. Wie eingangs erwähnt, war meine Sorge vor störenden Zuschauern fast größer als die vor dem Theaterblut – und die Befürchtungen wurden am ersten Abend leider voll bestätigt.
Rechts, links und direkt hinter uns wurde praktisch pausenlos geredet. Selbst direkte Bitten – auch von anderen Gästen in unserer Nähe –, die Unterhaltungen während der Show einzustellen, wurden völlig ignoriert. Zu allem Überfluss warf sich eine Frau zwei Plätze neben mir ständig mit vollem Gewicht in die Rückenlehne, wodurch die gesamte Holzbank heftig wackelte und es sich für mich wie ständige Tritte in den Rücken anfühlte.
Das war wirklich kein angenehmer Abend und zog das Stück in meinem persönlichen Ranking vorerst weit nach hinten.

Wie extrem viel das Publikum für das Gesamterlebnis ausmacht, zeigte sich am Freitag: Nicht nur, dass die Sicht in Reihe 1 für mich als eher kleine Person deutlich besser war, auch die Zuschauer um mich herum verhielten sich angenehm ruhig. Erst dadurch konnte ich mich voll auf das Geschehen auf der Bühne konzentrieren, mitfiebern und unzählige Details entdecken, die mir am Vortag entgangen waren.
Die Vorstellung wirkte um Längen besser. Da die Besetzung an beiden Tagen identisch war, lag dieser Wandel einzig und allein an den Rahmenbedingungen.

Beim Schlussapplaus gab es am Freitag noch einen kleinen Schreck-Moment für meine Schwester und mich: Der Rocky-Darsteller sprang spontan von der Bühne und landete direkt vor uns in der ersten Reihe, ehe er wieder zurück auf die Bühne lief. Anschließend spielte er mit dem Apollo-Darsteller einen kurzen Faustkampf nach, ehe sie ihre Hände zu einem gemeinsamen Herz formten und Richtung Zuschauer hielten.

Ich bin ohne Vorkenntnisse des Films, ohne Liebe zum Boxsport und mit einer gehörigen Portion Skepsis gegenüber Kunstblut nach Tecklenburg gefahren. Und genau das zeigt die Stärke dieser Inszenierung: Man muss weder Box-Fan sein noch den Film von 1976 kennen, um von diesem Musical mitgerissen zu werden.
Das Stück ist weit mehr als ein stumpfer Schlagabtausch im Ring. Es ist eine berührende, ehrliche Geschichte über zwei Außenseiter, die aneinander wachsen, gespickt mit nostalgischem 70er-Jahre-Charme, erstaunlich wandlungsfähigen Kulissen und einer spürbaren Liebe zum Detail.
Das Musical schaffte am Freitag schließlich etwas, womit ich am Donnerstag nach dem ersten Durchgang überhaupt nicht gerechnet hätte: Es sicherte sich in meinem persönlichen Ranking starke 184 Punkte und boxte sich damit zwischen „Der Graf von Monte Christo“ und „Tischlein, deck dich“ auf den 3. Platz.

3. Schiggys persönliche Highlights

Lieblingsszene: das Eislaufen

Bestes Solo: Unentschieden zwischen Adrians „Vorbei“ und Rockys „Standzuhalten“

Bestes Duett: „Wahres Glück“

Überraschung des Tages: als die Eisbahn beim ersten Besuch aufgebaut wurde

Beste Ensemblenummer: „Er fällt noch nicht"

Lustigster Moment: die Szene vor dem Eislaufen 

Emotionalster Moment: als sich Adrian von ihrem Bruder löst


4. Die Besetzung

Schiggy saß im Publikum. Aber wer stand auf der Bühne?


Rocky Balboa — Lucas Baier
Adrian Pennino — Celena Pieper
Apollo Creed — Vic Anthony
Mickey Goldmill — Benjamin Eberling
Paulie Pennino — Gerben Grimmius
Gloria — Esther-Larissa Lach
Joanne — Gioia Heid
Angie — Lara Schitto
Gazzo / Ensemble — Mathias Meffert
Jergens / Ensemble — Jan Altenbockum
Buddy / Ensemble — Tim Grimme
Shirley / Ensemble / Cover Adrian Pennino — Lisa Kolada
Linda / Ensemble — Franziska Wagner
Spider Rico / Ensemble / Cover Rocky Balboa — Jürgen Brehm
Mike / Tony Leonardo / Ensemble — Christian Rosprim
Dipper / Ensemble — Daniel Délyon
Bob Dunphy / Ensemble — Niklas Roling
Tommy Crosetti / Ensemble — Tillmann Schmuhl
Apollos Trainer / Ensemble — Christian Julios
Ringrichter / Ensemble — Henk Nagel
Apollo Girl / Ensemble — Myriam Akhoundov
Apollo Girl / Ensemble — Anneka Dacres
Apollo Girl / Ensemble — Lara De Toscano
Apollo Girl / Ensemble — Annika Hagen
Apollo Girl / Ensemble — Melissa Laurenzia Peters
Apollo Girl / Ensemble — Julia Waldmayer
Swing — Michael Berres

außerdem: Chor der Freilichtspiele Tecklenburg

Das Orchester spielt unter der musikalischen Leitung von Giorgio Radoja.

Dienstag, 4. August 2026

Aktuell lese ich... Der Tod liegt in der Luft/Der verschwundene Buchladen

 Hallo,





... einen Reihenauftakt/einen Einzelband.

Mein aktuelles Lesefutter






Der junge Sherlock Holmes soll seine Sommerferien auf dem Land verbringen – bei Tante Anna in Farnham. Stundenlang dauert die Reise und nichts als Gerstenfelder weit und breit. Noch öder geht es ja wohl kaum, Sherlock ist stocksauer. Doch dann kommt alles ganz anders und plötzlich ist er mittendrin in seinem ersten Fall. Mysteriöse Todesfälle, prügelnde Muskelprotze und ein böser Baron – das erste Abenteuer des jungen Meisterdetektivs beginnt.


Zu lange waren Opaline, Martha und Henry nur Nebenfiguren in ihrem eigenen Leben. Doch als diese drei ahnungslosen Fremden einen mysteriösen, verschwundenen Buchladen entdecken, wird alles anders. Dieser magische Ort zieht sie in ihren Bann und lässt sie erkennen, dass ihre eigenen Geschichten genauso außergewöhnlich sind wie die auf den Seiten ihrer geliebten Bücher. Während sie Geheimnisse lüften, tauchen sie in eine Welt voller Wunder ein, in der nichts so ist, wie es scheint.

Lesefortschritt




Aktuell bin ich auf Seite 73 von 416. <Amyus Crowe zog ein Taschentuch aus seiner Tasche und reichte es Sherlock.> (Kapitel 4)



Aktuell bin ich auf Seite 5 von 418. <Die verregneten Straßen von Dublin waren an einem kalten Wintertag kein Ort, an dem ein kleiner Junge herumtrödeln sollte, außer dieser Junge hatte seine Nase gegen die Scheibe eines höchst faszinierenden Buchladens gepresst.> (Prolog)

Warum dieses Buch?




Aus der Vorwoche... bzw. hatte ich es doch erst am Samstag begonnen, obwohl ich es schon letzten Dienstag anfangen wollte...


Ich habe auf der Arbeit drei sehr negative Stimmen zu diesem Buch gehört. Es liegt schon eine Weile auf dem SuB. Da dachte ich, dann lese ich es auch mal. Mal schauen, ob ich es genau wie die drei sehe...

Was gibt es sonst noch zu sagen?



Die Geschichte hat mich noch nicht gepackt. Ich dachte, ich gebe der Geschichte noch Zeit bis Seite 120. Dann hätte ich das 5. Kapitel beendet. Wenn es mich dann immer noch nicht gepackt hat, werde ich es abbrechen...



Die Kapitel sind schon mal eher kurz. Das mag ich. Kapitel 5 endet auf Seite 37. Mal schauen, ob es mich bis dahin packen kann.

Was ist sonst noch passiert?

Ich weiß nicht, ob sich noch jemand an diese Erzählung von mir erinnert... (Davon hatte ich letzten Oktober an dieser Stelle erzählt...



Ja, und das Konzert war am Sonntag. Ich wusste nicht mal, was eine Brass Band genau ist. Ich habe mir tatsächlich nur wegen des Videos die Tickets gekauft. :-D
Das Konzert an sich war klasse... Nur einige Besucher mal wieder. Das fing schon draußen an. Wir saßen auf einer Bank. Alle anderen Bänke waren noch frei. Ein Pärchen kommt, geht erst vorbei, sieht sich um und hockt sich dann ohne zu fragen zu uns, und dann geht das "Interview" los. "Scha-atz, sind wir heute eigentlich mit dem Bugatti oder dem Ferrari gefahren?" usw. Und ich denke nur: HILFE, nicht das schon wieder!
Auf der Tribüne geht es weiter. Ein anderes Pärchen, das hinter uns sitzt, prahlt mit den vierstelligen Preisen pro Ticket und dass sie selbst erfolgreiche Musiker und Sänger wären. Nur warum sagt der Mann dann, dass ein Tenor tiefer als ein Bariton klingt? Das weiß ja selbst ich als total unmusikalische Unwissende, dass das falsch ist. Sie sangen dann auch noch verschiedene Lieder an - eher schief als schön. (Ist aber meine Meinung als Laie.)
Und dann beim Rockmusik-Finale jedes Lied kommentiert und mitgesungen. 
Das Beste war aber dann nach dem Konzert. Ich höre nur: "So eine unverschämte Person. Keinen Respekt. Wenn sie noch einmal neben mir hockt, dann gehe ich aber." Da dachte ich, das wäre die Frau, die neben dem Pärchen saß und habe mich zum zustimmenden Nicken umgedreht. Da sehe ich, das ist ja diese Plaudertasche, die das Konzert kommentiert und mitgesungen hat. Was war ihr Problem, warum sie die Besucherin neben ihr als respektlos empfand? Die Frau hat sie darauf aufmerksam gemacht, dass das Filmen verboten ist und ihr damit ihre schöne Aufnahme verdorben. Da konnte ich nur den Kopf schütteln. Das sagt nämlich gerade die Richtige mit Respektlosigkeit. 
Zum Glück hat das Pärchen laut genug verkündet, dass sie immer genau auf diesen Plätzen sitzen. Da weiß ich fürs nächste Jahr: unbedingt weit genug weg sitzen!!!





Liebe Grüße
Tinette

Montag, 3. August 2026

Schiggy unterwegs... Brass Band Hessen in Bad Vilbel


Schiggy war wieder unterwegs … und das nur wegen eines Instagram-Videos, das nicht einmal eine Minute lang war.
Bei unserem Besuch von Robin Hood in Fulda am 2. August 2025 waren wir etwas zu früh dran. Meine Schwester zeigte mir spontan ein Video, das kurz zuvor in ihrem Instagram-Feed aufgetaucht war. Zu sehen war die Brass Band Hessen bei ihrem Auftritt in der Wasserburg Bad Vilbel. Trotz eines heftigen Unwetters spielten die Musiker unbeirrt weiter. Der Dirigent, inzwischen komplett durchnässt, warf irgendwann sogar sein klatschnasses Jackett auf den Bühnenboden.
Dieser Einsatz hat mich damals so nachhaltig beeindruckt, dass für mich feststand: Beim nächsten Mal muss ich selbst dabei sein!
Und ich habe es nicht nur gesagt – ich habe es tatsächlich wahr gemacht. Und das, obwohl ich damals noch gar nicht wusste, was eine Brass Band eigentlich genau ist …

1. Eckdaten

Titel: Brass Band - Tour 2026
Art: Konzert
Ort: Wasserburg Bad Vilbel
Sprache: -
Datum: 02.08.2026
Beginn: 12:00 Uhr
Reihe / Platz: Reihe 10, Platz 15
Dauer (inkl. Pause): ca. 2,5 Stunden
Vorlage: -
Hinweise: Sämtliche aufgeführten Kompositionen wurden an diesem Tag erstmals für eine Brass Band arrangiert und aufgeführt. Es handelte sich also ausschließlich um Weltpremieren.

2. Mein Eindruck 

Wir kamen besser durch den Verkehr als gedacht und erreichten die Wasserburg Bad Vilbel deshalb früher als geplant.
Wir setzten uns noch eine Weile auf eine Bank in der Nähe und hörten von dort aus der Band beim Einspielen zu. Das klang bereits sehr vielversprechend und ließ meine Vorfreude weiter steigen.

Eine halbe Stunde vor Konzertbeginn durften wir unsere Plätze einnehmen. Obwohl sie überdacht waren, brannte die Sonne erbarmungslos darauf. Ein älteres Ehepaar stand kurz darauf auf und meinte, sie würden sich lieber in den Schatten setzen. So kamen wir ins Gespräch. Sie erzählten mir, dass sie normalerweise weiter hinten sitzen würden, diesmal aber erst spät Karten gekauft hätten und nur noch Plätze bekommen hätten, weil jemand seine Tickets zurückgegeben hatte. Außerdem empfahlen sie uns das Konzert des Jugendorchesters, das zwei Wochen später ebenfalls in der Wasserburg stattfindet. Leider passt dieser Termin für mich nicht. Für das nächste Jahr habe ich mir den Besuch aber bereits fest vorgenommen.

Besonders schön fand ich, dass sie uns später noch einmal zunickten, als sie auf ihre Plätze zurückkehren konnten. Inzwischen war die Sonne weitergewandert und dort lag nun endlich Schatten. Auch nach der Pause lächelten sie uns wieder freundlich zu. An diese nette Begegnung werde ich mich gerne erinnern.

Leider sorgten nicht alle Besucher für so angenehme Begegnungen. Darauf möchte ich später noch eingehen. Zunächst möchte ich aber das Positive hervorheben: Das Konzert hat mich so begeistert, dass ich im nächsten Jahr unbedingt wiederkommen möchte.

Arsenal von Jan van der Roost ist der traditionelle Eröffnungsmarsch der Band. Für mich als Erstbesucher war das Stück natürlich vollkommen neu. Umso gespannter bin ich, ob ich es im nächsten Jahr wiedererkenne.

Nach diesem Auftakt erzählte der Moderator, der sich später als Simon Dillmann vorstellte, etwas über das erste Konzertstück: Fate of the Gods von Steven Reineke. Als dabei das Wort „Edda“ fiel, musste ich kurz grinsen, weil ich dieses Werk erst vor gar nicht allzu langer Zeit gelesen hatte, um mich näher mit der nordischen Mythologie zu beschäftigen.

Ich fand die kurzen Anmoderationen sehr hilfreich, weil ich mit Brass Bands und sinfonischer Blasmusik überhaupt nicht vertraut bin. Deshalb fand ich auch die Informationen über den musikalischen Hintergrund der Komponisten – etwa, dass Steven Reineke selbst Trompeter ist – besonders interessant.

Schon während dieses ersten Stücks entstanden vor meinem inneren Auge lebendige Bilder. Ich hörte nicht einfach die einzelnen Instrumente – ich hörte Thors Donnerschläge und sah die nordischen Götter förmlich vor mir. Gegen Ende hatte ich sogar das Gefühl, als würde gerade einer dieser Götter sterben. Die Musik klang so dramatisch, dass sie auf mich wie ein letzter, verzweifelter Todeskampf wirkte.

Beim nächsten Stück bin ich mir beim Titel leider nicht ganz sicher. Ich glaube, es war Pirates Revenge von Adrian B. Sims, hundertprozentig sicher bin ich mir allerdings nicht. Ich habe mir die Titel nämlich erst in der Pause beziehungsweise auf dem Nachhauseweg notiert.

Lustig fand ich die Moderation, in der Simon Dillmann versuchte, den Bogen von der Hölle zum Thema Wasser zu schlagen. Schließlich erzählte er einfach, dass die Band am Vortag in der Nähe eines Weihers gewesen sei und dort spontan schwimmen gegangen wäre.

Ob es nun tatsächlich dieses Stück oder doch ein anderes mit „Revenge“ im Titel war – beim Hören hatte ich sofort Piraten vor Augen. Zunächst schien das Schiff noch durch ruhige Gewässer zu fahren, doch schon bald peitschte die Gischt gegen den Rumpf und die See wurde immer stürmischer. Ich sah die Piraten mit erhobenen Säbeln vor mir, bereit, jedes Schiff zu entern, das ihren Weg kreuzte. Die Musik klang für mich nach entschlossenen, furchtlosen Seeräubern, während ihre schwarze Flagge im Wind flatterte.

Das dritte Stück beginnt im Original mit einem Klarinettensolo. Da dieses Instrument in einer Brass Band nicht vertreten ist, hatte Hans-Reiner Schmidt diesen Part für das Euphonium umgeschrieben. Als der Moderator das erwähnte, jubelten einige Besucher. Daraufhin sagte er augenzwinkernd: „Dass es Glück ist, dass niemand bei uns Klarinette spielt, spiegelt nicht unbedingt die Meinung eines Bandmitglieds wider. Was Sie daraus schließen, ist Ihre Sache. Klarinettenspieler sind auch Menschen.“

Interessant fand ich, dass es zwischen klassischem Orchester und Brass Band offenbar eine kleine, humorvolle Rivalität gibt. Als ich einer Bekannten, die Klarinette und Oboe spielt, von meinem geplanten Konzertbesuch erzählt hatte, schnaubte sie ebenfalls nur verächtlich. Mein Standpunkt dazu ist allerdings ganz einfach: Ich bin wie die Schweiz – neutral. Ich höre beides sehr gerne.

Hier konnte ich zum ersten Mal ein Euphonium als Soloinstrument erleben. Vor diesem Konzert kannte ich das Instrument überhaupt nicht. Bei meiner anschließenden Recherche erfuhr ich, dass die Bezeichnung aus dem Griechischen stammt und „wohlklingend“ bedeutet. Einen passenderen Namen könnte ich mir kaum vorstellen, denn genau so habe ich seinen Klang empfunden.

Der nächste Block bestand aus vier zusammenhängenden Teilen und nahm das Publikum mit auf eine musikalische Reise nach Irland. Die Klänge zogen mich so sehr in ihren Bann, dass ich nach dem ersten Teil bereits dachte, das Stück sei zu Ende. Ich klatschte sogar kurz – allerdings nur gemeinsam mit zwei oder drei anderen Besuchern. Niemand sonst? Ach ja, das war ja erst der erste Teil! Ich hatte völlig vergessen, dass noch drei weitere folgen würden. Auch nach den nächsten Abschnitten musste ich mich immer wieder beherrschen, nicht erneut zu applaudieren. Vereinzelt passierte genau das auch anderen Zuhörern. Nach dem Finale drehte sich Hans-Reiner Schmidt grinsend zum Publikum um und zeigte mit vier ausgestreckten Fingern nach oben – eine humorvolle Erinnerung daran, dass das Werk aus vier Teilen bestanden hatte.

Als Zugabe vor der Pause kam schließlich echtes Riverdance-Feeling auf. Dieses Stück kannte ich sofort und verband es unmittelbar mit der berühmten Tanzshow. Nach und nach rückte jede Instrumentengruppe mit einem eigenen musikalischen Part in den Mittelpunkt. Dabei erhoben sich die jeweiligen Musiker von ihren Plätzen, bis schließlich die gesamte Band gemeinsam mit voller Kraft spielte. Da brauchte es keine Stepptanzgruppe mehr, um sich nach Irland versetzt zu fühlen.

Auf das Mitklatschen des Publikums hätte ich zwar gut verzichten können – davon bin ich grundsätzlich kein großer Fan –, aber ich kann verstehen, dass sich viele von der Musik mitreißen ließen. So sorgte das Stück für einen schwungvollen und fröhlichen Abschluss des ersten Konzertteils.

Zu Beginn des zweiten Konzertteils glaubte ich schließlich, endlich ein Instrument zu erkennen: ein Akkordeon, das der Musiker Wassily auf seinem Weg vom linken Eingang zur Bühne spielte. Spoiler: Ich lag daneben. Wie er später erklärte, handelte es sich nicht um ein Akkordeon, sondern um ein Bajan. Ich bin eben kein Experte.

Das Stück erkannte ich sofort wieder, weil wir es bereits draußen während des Einspielens gehört hatten. Schon zu diesem Zeitpunkt hatte mich die Melodie an einen Tango erinnert, dieser Eindruck verstärkte sich nun noch. Das Schaben über das Güiro ließ mich dagegen an quakende Frösche denken. Vor meinem inneren Auge entstand deshalb das Bild von zwei Menschen, die barfuß über eine Wiese Tango tanzen, während sie an einem Teich voller Frösche vorbeiziehen.

Das Stück heißt übrigens Adiós Nonino von Astor Piazzolla, der es nach dem Tod seines Vaters komponierte. Mit diesem Wissen bekam die Musik für mich im Nachhinein noch eine ganz andere emotionale Tiefe.

Zur Einstimmung hatte der Moderator zuvor wieder eine kleine Anekdote erzählt, die für einige Lacher sorgte: Es gebe zwei Länder, in denen der Tango als Nationaltanz gelte – Argentinien und … Finnland. Tatsächlich erfreut sich der Tango dort großer Beliebtheit. Seit 1985 findet in Finnland sogar ein eigenes Tango-Festival statt.

Wer sich über Zugverspätungen ärgert, sollte sich vielleicht Rail Riffs von Brian Balmages anhören. Vielleicht vergisst man bei dieser Melodie seinen Frust für einen Moment.

Mich erinnerte das Stück an eine Fahrt mit einer alten Dampflok. Ich sah förmlich den Rauch in den Himmel aufsteigen, hörte das Zischen des Dampfes und das rhythmische Rattern der Räder über die Schienen. Selbst die Kuppelstangen schienen sich vor meinem inneren Auge zu bewegen. Die Fahrt wirkte angenehm und gleichmäßig – nicht so schnell, dass man in einer Kurve Angst um eine Entgleisung haben müsste, aber auch nicht so langsam, dass man befürchten würde, nie am Ziel anzukommen. Mit dieser Dampflok würde ich jederzeit noch einmal mitfahren.

Der Moderator kündigte anschließend etwas fürs Herz an: eine Komposition, bei der wir uns zurücklehnen und entspannen sollten, denn für das darauffolgende Stück würden wir diese Ruhe dringend brauchen.

Appalachian Morning von Robert Sheldon nimmt uns mit auf einen Spaziergang durch die Wälder und Berge des Cumberland Gap. Vor meinem inneren Auge ritt ich auf einem Pferd durch die weite Landschaft, während die aufgehende Sonne die Umgebung in warmes Licht tauchte und ihre ersten Strahlen sanft die Nase kitzelten. Es war eine wunderbar ruhige Komposition, die eindrucksvoll zeigte, wie vielseitig eine Brass Band sein kann.

Vor meinem Besuch hatte mir jemand gesagt: „Eine Brass Band kann nur eins: laut sein.“ Nach diesem Stück kann ich nur sagen: Nein, eben nicht. Appalachian Morning ist für mich der beste Gegenbeweis.

Simon Dillmann meinte vor dem letzten Block, dass er uns in diesem Jahr wahrscheinlich zum letzten Mal durch ein Konzert begleiten würde. Daraufhin war aus dem Publikum ein bedauerndes „Ohhh“ zu hören. Er nickte lächelnd und sagte, dass er diese Reaktion sehr zu schätzen wisse.

Es folgte Time Machine – Meilensteine der Rockgeschichte, wie der „junge Mann“ Hans-Reiner Schmidt dieses Medley betitelt hatte. Kurz darauf nahm Simon Dillmann das „jung“ jedoch wieder zurück und sprach nur noch vom „Mann“. Der Dirigent deutete daraufhin scherzhaft an, dass ihm das Kreuz wehtue.

Da der Moderator noch weitersprechen wollte, wurde aus der Pommesgabel kurzerhand der Schweigefuchs. „Nur eine Mini-Änderung der Handposition, und schon wird aus Jubeln Ruhe“, kommentierte er augenzwinkernd.

Bevor das Medley begann, wurde das Publikum eingewiesen. Immer wenn der Dirigent eine geballte Faust zeigte, sollten wir laut „Thunder!“ rufen. Wer mit dem englischen „th“ Schwierigkeiten hätte, könne stattdessen einfach „Fanta!“ rufen – das würde in der Menge ohnehin niemand merken. Darüber musste ich innerlich lachen, weil wir in der fünften Klasse ständig „th, th, th, th, th“ üben mussten, um genau diesen Laut richtig auszusprechen. Daran sollte es also nicht scheitern. Allerdings sollte der Ruf möglichst tief und kräftig klingen – und da war ich mit meiner eher hohen Stimme dann doch etwas im Nachteil.

Neben Thunderstruck waren unter anderem auch Wind of Change, Smoke on the Water, Another One Bites the Dust, We Are the Champions, (I Can't Get No) Satisfaction, I Was Made for Lovin’ You und Highway to Hell als Brass-Band-Arrangements zu hören. Welche dieser Nummern letztlich die Zugabe war, weiß ich allerdings gar nicht mehr. Dafür waren die Eindrücke an diesem Nachmittag einfach zu vielfältig.

Etwas schade fand ich, dass nach nahezu jedem Solo applaudiert wurde. Dadurch gingen die unmittelbar anschließenden musikalischen Übergänge teilweise unter. Hinzu kam, dass hinter mir ein Mann und eine Frau immer wieder mitsangen – meinem Empfinden nach allerdings eher schief als schön. Die Frau nannte zudem bei fast jedem Titel den Namen des Liedes und erzählte ihrer Begleitung, dass sie es kenne. Mich hat das leider etwas aus dem Konzert gerissen. Ich wollte mich ganz auf die Musik der Brass Band konzentrieren, und solche Gespräche oder Gesangseinlagen lenkten davon ab.

Und damit komme ich zu der bereits angedeuteten weniger angenehmen Begegnung mit anderen Zuschauern. Diese beiden hatten bereits vor Beginn der Vorstellung sowie in der Pause lautstark erzählt, welche Veranstaltungen sie schon besucht hatten. Sie nannten dabei immer wieder den vierstelligen Preis pro Person und berichteten den Zuschauern um sie herum, welche Instrumente sie spielten und dass sie selbst Sänger seien. Titel aufgezählt – und losgesungen.

Das ließ mich zwar regelmäßig die Augen verdrehen, aber damit hätte ich noch leben können, wenn sie während des Konzerts ruhig geblieben wären. Leider war das nicht der Fall.

Der Mann erklärte dann noch, dass er beispielsweise Tenorhorn spiele, das wie ein Bariton klinge, nur eben tiefer. Ich dachte ja immer, dass ein Tenor höher als ein Bariton wäre. Aber gut – ich habe schließlich auch das Bajan zunächst für ein Akkordeon gehalten.

Das Konzert an sich hat mich wirklich begeistert. Wucht und Dynamik wechselten sich mit leisen, sanften Tönen ab. Insgesamt war es ein äußerst abwechslungsreiches Konzert. Auch meine Schwester fand es großartig und hatte nur die gleichen negativen Punkte, die ja ausschließlich das Publikum betrafen.

Wir wollen nächstes Jahr unbedingt wieder hin. Da die beiden Störenfriede verkündet haben, dass sie immer auf genau diesen Plätzen sitzen, können wir dieses Erlebnis zumindest verhindern, indem wir uns Sitze weit genug entfernt aussuchen. Das nette Pärchen vom Anfang erzählte, dass sie sonst immer bei der Technik hocken. Das wäre doch eine Überlegung wert.

Besonders schön fand ich, dass Hans-Reiner Schmidt jeden einzelnen Musiker umarmte, bevor diese die Bühne wieder über den linken Gang verließen. Ganz nebenbei hatte das noch einen angenehmen Nebeneffekt: Die Zuschauer, die sonst am liebsten schon vor dem letzten Applaus nach draußen stürmen, mussten dieses Mal warten. Ich finde dieses voreilige Verlassen einer Veranstaltung – ganz gleich welcher Art – den Künstlern gegenüber immer etwas unhöflich.

Beim Moderator hakte sich der Dirigent schließlich unter und fasste sich mit der freien Hand ans Kreuz. Mit sichtlichem Augenzwinkern spielte er den alten, klapprigen Herrn und sorgte damit noch einmal für Lacher.

Am Ausgang wartete Hans-Reiner Schmidt anschließend auf die Besucher und verabschiedete sich persönlich von allen, die ihm zum Abschied die Hand geben wollten. Ein sympathischer Abschluss eines rundum gelungenen Konzertnachmittags.

Ich freue mich schon auf das Konzert 2027!

Schon gelesen?

Aktuell lese ich... Die Auferstehung

 H allo, ... einen Einzelband. Mein aktuelles Lesefutter Können Tote wieder auferstehen? Eine junge Frau ist vor vielen Jahren nicht mehr au...