Schiggy war wieder unterwegs und wollte sich „Wie im Himmel“ fühlen.
Nachdem ich letztes Jahr so begeistert von der Amateurproduktion in Wetzlar gewesen war – mein Highlight des Jahres, wenn man mein Lieblingsmusical „Robin Hood“ außer Konkurrenz laufen lässt –, war ich sehr gespannt auf die Inszenierung in Bad Vilbel. Bislang konnten mich alle Shows der Burgfestspiele restlos überzeugen. Würde das auch bei diesem Musical gelingen, dessen Filmvorlage ich ebenfalls sehr mag?
1. Eckdaten zur Vorstellung
Titel: Wie im Himmel
Art: Musical
Ort: Wasserburg Bad Vilbel
Sprache: Deutsch
Datum: 12. Juli 2026
Beginn: 18:15 Uhr
Reihe / Platz: 10 Platz 15
Dauer (inkl. Pause): ca. 2,5 Stunden
Vorlage: gleichnamiger Film
Hinweise: Open Air
2. Mein Eindruck von der Show
Ort: Wasserburg Bad Vilbel
Sprache: Deutsch
Datum: 12. Juli 2026
Beginn: 18:15 Uhr
Reihe / Platz: 10 Platz 15
Dauer (inkl. Pause): ca. 2,5 Stunden
Vorlage: gleichnamiger Film
Hinweise: Open Air
2. Mein Eindruck von der Show
Ich mag das Ambiente in Bad Vilbel sehr. Eine Wasserburg als Veranstaltungsort hat für mich einfach etwas Besonderes.
Gewählt habe ich wie schon öfter Reihe 10, Platz 15. Er befindet sich auf der überdachten Tribüne. Außerdem steht direkt vor diesem Platz kein anderer Stuhl, sodass ich freie Sicht auf die Bühne habe. Da manche Szenen auf den Seiten gespielt werden, hat dieser Platz den Vorteil, dass man sich nicht umdrehen muss. Man behält den perfekten Gesamtüberblick und ist trotzdem nah genug dran, um die Mimik der Darsteller zu erkennen.
Das hölzerne Bühnenbild ließ bereits erahnen, dass es die alte Schule darstellen sollte, die Daniel als sein neues Zuhause kauft. Zu sehen sind ein Klavier, einige Stühle und drei gezeichnete Engel an der Wand, deren Bedeutung später im Stück erklärt wird. Ich war gespannt, wie sich die Bühne im Laufe der Handlung verändern würde, um die verschiedenen Spielorte darzustellen.
Leider hat mich der Einstieg etwas enttäuscht. In Wetzlar wurden die ersten Momente hinter einem Vorhang gespielt, sodass sofort klar wurde, dass es sich um Erinnerungen an Daniels Vergangenheit handelte. In Bad Vilbel saß Daniel dagegen lediglich auf einem Hocker, während die Sätze per Toneinspielung abgespielt wurden. Hier hätte ich mir eine visuelle und nicht nur eine rein akustische Umsetzung gewünscht. Dadurch wirkte der Auftakt auf mich eher steril und verlor an Emotionalität. Dabei geht es um prägende Stationen in Daniels Leben: das Geigenspielen als Kind, Mobbing, den Umzug, den Tod seiner Mutter und schließlich den Herzinfarkt während eines Konzerts.
Meine Schwester, die ebenfalls in Wetzlar dabei gewesen war, meinte später, man habe es sich hier etwas zu einfach gemacht.
Auch das Bühnenbild konnte mich im weiteren Verlauf nicht begeistern. Es bleibt während der gesamten Aufführung unverändert. So lässt sich der Laden, in dem Lena arbeitet, lediglich durch einen Einkaufswagen und die vom Ensemble getragenen Waren – etwa eine Schaufel oder einen Spielzeugbagger – erahnen. Meine Schwester meinte sogar, man könnte vermuten, Olga sei eine Obdachlose, die ihr Hab und Gut in einem Einkaufswagen mit sich führt. Auch hier hätten wir uns gewünscht, dass sich die einzelnen Spielorte deutlicher voneinander unterscheiden.
Das waren zwar nur kleine Wermutstropfen, doch sie machten mir früh klar, dass diese Inszenierung für mich dieses Mal nicht ganz oben mitspielen würde.
Dafür konnten die Darsteller durchweg überzeugen – und zwar sowohl schauspielerisch als auch gesanglich.
Daniel, der berühmte Dirigent, der nach seinem Zusammenbruch in seiner alten Heimat zur Ruhe kommen will, nimmt die Stelle als neuer Kantor an. Man spürt in jeder Sekunde, wie viel ihm die Musik bedeutet. Ihm geht es nicht darum, dass die Menschen im Chor den perfekten Ton treffen – sie sollen ihren ganz eigenen Ton finden. Dem geplanten Chorwettbewerb steht er skeptisch gegenüber, weil Musik in seinen Augen kein Wettstreit sein sollte. Daniel ist eine sehr ernste Figur; man sieht ihn praktisch nie lachen. Erst im späteren Verlauf beginnen seine Augen zu strahlen, wenn er den Chor leitet.
Dass er Lena sehr mag, kann er nicht verleugnen, auch wenn er es zunächst nicht in Worte fassen kann. Seine warmen Blicke, die er ihr zuwirft, verraten ihn jedoch. Als Lena durch ein Gerücht glaubt, er habe eine andere Frau, ist er verzweifelt, läuft ihr nach und möchte dieses Missverständnis unbedingt aufklären. In diesem Moment merkt man, wie wichtig sie ihm wirklich ist. Immer wieder macht sich zudem sein gesundheitlicher Zustand bemerkbar: Er hustet, schnauft und fasst sich an die Brust, wenn ihn etwas aufregt. Am Ende zeigt er ein blutiges Taschentuch vor, ehe er erneut zusammenbricht.
Meiner Schwester sind in dieser Szene die roten, blinkenden LED-Streifen aufgefallen, die sie als Daniels Herzschlag interpretiert hat. Ich selbst habe sie gar nicht bemerkt, weil ich in diesem Moment vollkommen auf den Chor fixiert war.
Lena wiederum ist eine absolute Frohnatur. Sie kann gar nicht aufhören zu strahlen und zu lachen, womit sie eine wunderschöne Ergänzung zum ruhigen, ernsten Daniel bildet. Außerdem geht sie unglaublich liebevoll mit Tore um. Sie macht von Anfang an klar, dass er im Chor mitsingen soll, und nimmt ihn sofort in Schutz, als er beleidigt wird. Dass sie aber selbst eine sehr verletzliche Seite in sich trägt, wird deutlich, als sie vermutet, dass Daniel sie betrügt. Fassungslos stürmt sie aus der Chorprobe. Sie spricht die anderen auch direkt darauf an, wie unfair sie es fand, dass ihr niemand erzählt hat, dass ihr damaliger Freund eine Frau und Familie hatte. In dieser Szene wird sie laut und kämpft sichtlich mit den Tränen – eine verletzliche Facette, die man von ihr sonst gar nicht gewohnt ist.
Diese schützende Gemeinschaft ist es auch, die Tore Halt gibt. Als junger Mann mit einer geistigen Behinderung wird er von den Dorfbewohnern oft übersehen oder nicht ernst genommen. Während andere Konflikte im Dorf von Angst oder Verbitterung geprägt sind, bringt Tore eine ganz liebenswerte, unschuldige Energie in das Stück. Wie er durch Daniels Hilfe seine eigene Stimme entdeckt und schließlich einen klaren, kraftvollen Ton singt, zeigt die transformative Kraft der Musik auf eine besonders bewegende Weise.
Hier muss ich die besonders authentische Darstellung hervorheben. Der Darsteller knickte immer eine Hand ab, spreizte die Finger, blickte zu Boden, zuckte mit dem Kopf, lächelte nervös. Diese Körpersprache hielt er konsequent über die gesamte Aufführung hinweg bei. Zu keinem Zeitpunkt fiel er aus der Rolle.
Eine ganz andere, schmerzhafte Dynamik erleben wir bei Gabriella. Sie ist mit Conny verheiratet, der sie misshandelt und über ihr Leben bestimmen will. Äußerlich sieht man ihr das Leid zunächst nicht an, sie überspielt es geschickt. Doch sobald er in die Chorprobe torkelt, um sie mitzunehmen, reißt sie panisch die Augen auf, packt sofort ihre Sachen und geht fügsam mit ihm.
Als sie sich schließlich traut, das von Daniel extra für sie geschriebene Lied zu singen, scheint ihr Selbstbewusstsein schlagartig erwacht zu sein. In einem figurbetonten roten Kleid wirkt sie wie eine völlig andere Person – ganz im Gegensatz zu der weiten, langen Kleidung, die sie vorher getragen hat.
Leider währt dieses scheinbare Glück nicht lange: Einige Zeit danach erscheint sie in genau diesem Kleid erneut zur Chorprobe. Nur ist es jetzt zerrissen. An ihrem Bauch, wo die Stofffetzen ein großes Loch hinterlassen, sind blaue Flecken zu erkennen, und aus ihrer Nase fließt Blut. Als sie in diesem Zustand zur Tür hereinkommt, ist das ein absoluter Schockmoment. Umso kraftvoller ist es zu sehen, wie sie im Laufe des Stücks den Mut findet, sich gegen diese Höllenehe aufzulehnen. Sehr schön finde ich, dass der gewachsene Chor wie eine Schutzmauer vor ihr steht und gegen ihren Mann ansingt, als dieser zu ihr vordringen will, um sie wieder unter seine Kontrolle zu bringen. Sie muss das nicht allein durchstehen.
Im starken Gegensatz zu diesem Zusammenhalt steht Arne, der sich gerne über andere lustig macht. Besonders auf Holmfried hat er es abgesehen und beleidigt ihn ständig. Arne bemerkt überhaupt nicht – oder es ist ihm schlichtweg egal –, wie tief er ihn mit diesen Worten verletzt. Er lacht stattdessen, als wäre er der größte Scherzbold. Schließlich platzt Holmfried der Kragen. Nachdem er die Demütigungen jahrelang schweigend über sich ergehen ließ, schleudert er Arne sämtliche Schimpfwörter entgegen, die er sich über die Jahre anhören musste. Das hat mich im Zuschauerraum richtig schlucken lassen. Es war ungemütlich und alles andere als schön, diese schmerzhafte Entladung mitzuerleben.
Auch die weiteren Nebenrollen fügen sich hervorragend in das dörfliche Gefüge ein: Das streng gläubige Ehepaar bestehend aus Pfarrer Stig und seiner Frau Inger zeigt den tiefen Konflikt zwischen starrer Kirchendogmatik und der neuen, befreienden Lebensfreude des Chors. Während Inger aufblüht und bei einer gelassenen Feier sogar ihr Oberteil auszieht, verzweifelt Stig am Kontrollverlust über seine Gemeinde. Selbst die leidenschaftliche Nacht mit seiner Frau empfindet er als Sünde und verleugnet sie. „Das ist nie geschehen“, betont er am nächsten Morgen mehrfach.
Die misstrauische Siv verkörpert dabei den konservativen Widerstand im Dorf, während Olga und der gemütliche Erik für die bodenständigen, treuen Seelen der Gemeinschaft stehen. Ich finde es niedlich, wie Erik nach 60 Jahren Olga seine Liebe gesteht, und sie davon völlig überwältigt ist und nicht weiß, wie sie darauf reagieren soll.
Sie alle tragen dazu bei, dass dieses dörfliche Beziehungsgeflecht so lebendig und glaubhaft wirkt.
Lediglich bei Siv gab es zunächst ein technisches Problem: Ihr Mikrofon funktionierte nicht richtig. Während der Dialog zwar leise, aber (zumindest auf meinem Platz) noch verständlich war, ging ihre Stimme in den musikalischen Passagen unter. Bereits in der nächsten Szene war die Störung jedoch behoben. Weitere Tonprobleme gab es im Verlauf der Vorstellung nicht.
Gewählt habe ich wie schon öfter Reihe 10, Platz 15. Er befindet sich auf der überdachten Tribüne. Außerdem steht direkt vor diesem Platz kein anderer Stuhl, sodass ich freie Sicht auf die Bühne habe. Da manche Szenen auf den Seiten gespielt werden, hat dieser Platz den Vorteil, dass man sich nicht umdrehen muss. Man behält den perfekten Gesamtüberblick und ist trotzdem nah genug dran, um die Mimik der Darsteller zu erkennen.
Das hölzerne Bühnenbild ließ bereits erahnen, dass es die alte Schule darstellen sollte, die Daniel als sein neues Zuhause kauft. Zu sehen sind ein Klavier, einige Stühle und drei gezeichnete Engel an der Wand, deren Bedeutung später im Stück erklärt wird. Ich war gespannt, wie sich die Bühne im Laufe der Handlung verändern würde, um die verschiedenen Spielorte darzustellen.
Leider hat mich der Einstieg etwas enttäuscht. In Wetzlar wurden die ersten Momente hinter einem Vorhang gespielt, sodass sofort klar wurde, dass es sich um Erinnerungen an Daniels Vergangenheit handelte. In Bad Vilbel saß Daniel dagegen lediglich auf einem Hocker, während die Sätze per Toneinspielung abgespielt wurden. Hier hätte ich mir eine visuelle und nicht nur eine rein akustische Umsetzung gewünscht. Dadurch wirkte der Auftakt auf mich eher steril und verlor an Emotionalität. Dabei geht es um prägende Stationen in Daniels Leben: das Geigenspielen als Kind, Mobbing, den Umzug, den Tod seiner Mutter und schließlich den Herzinfarkt während eines Konzerts.
Meine Schwester, die ebenfalls in Wetzlar dabei gewesen war, meinte später, man habe es sich hier etwas zu einfach gemacht.
Auch das Bühnenbild konnte mich im weiteren Verlauf nicht begeistern. Es bleibt während der gesamten Aufführung unverändert. So lässt sich der Laden, in dem Lena arbeitet, lediglich durch einen Einkaufswagen und die vom Ensemble getragenen Waren – etwa eine Schaufel oder einen Spielzeugbagger – erahnen. Meine Schwester meinte sogar, man könnte vermuten, Olga sei eine Obdachlose, die ihr Hab und Gut in einem Einkaufswagen mit sich führt. Auch hier hätten wir uns gewünscht, dass sich die einzelnen Spielorte deutlicher voneinander unterscheiden.
Das waren zwar nur kleine Wermutstropfen, doch sie machten mir früh klar, dass diese Inszenierung für mich dieses Mal nicht ganz oben mitspielen würde.
Dafür konnten die Darsteller durchweg überzeugen – und zwar sowohl schauspielerisch als auch gesanglich.
Daniel, der berühmte Dirigent, der nach seinem Zusammenbruch in seiner alten Heimat zur Ruhe kommen will, nimmt die Stelle als neuer Kantor an. Man spürt in jeder Sekunde, wie viel ihm die Musik bedeutet. Ihm geht es nicht darum, dass die Menschen im Chor den perfekten Ton treffen – sie sollen ihren ganz eigenen Ton finden. Dem geplanten Chorwettbewerb steht er skeptisch gegenüber, weil Musik in seinen Augen kein Wettstreit sein sollte. Daniel ist eine sehr ernste Figur; man sieht ihn praktisch nie lachen. Erst im späteren Verlauf beginnen seine Augen zu strahlen, wenn er den Chor leitet.
Dass er Lena sehr mag, kann er nicht verleugnen, auch wenn er es zunächst nicht in Worte fassen kann. Seine warmen Blicke, die er ihr zuwirft, verraten ihn jedoch. Als Lena durch ein Gerücht glaubt, er habe eine andere Frau, ist er verzweifelt, läuft ihr nach und möchte dieses Missverständnis unbedingt aufklären. In diesem Moment merkt man, wie wichtig sie ihm wirklich ist. Immer wieder macht sich zudem sein gesundheitlicher Zustand bemerkbar: Er hustet, schnauft und fasst sich an die Brust, wenn ihn etwas aufregt. Am Ende zeigt er ein blutiges Taschentuch vor, ehe er erneut zusammenbricht.
Meiner Schwester sind in dieser Szene die roten, blinkenden LED-Streifen aufgefallen, die sie als Daniels Herzschlag interpretiert hat. Ich selbst habe sie gar nicht bemerkt, weil ich in diesem Moment vollkommen auf den Chor fixiert war.
Lena wiederum ist eine absolute Frohnatur. Sie kann gar nicht aufhören zu strahlen und zu lachen, womit sie eine wunderschöne Ergänzung zum ruhigen, ernsten Daniel bildet. Außerdem geht sie unglaublich liebevoll mit Tore um. Sie macht von Anfang an klar, dass er im Chor mitsingen soll, und nimmt ihn sofort in Schutz, als er beleidigt wird. Dass sie aber selbst eine sehr verletzliche Seite in sich trägt, wird deutlich, als sie vermutet, dass Daniel sie betrügt. Fassungslos stürmt sie aus der Chorprobe. Sie spricht die anderen auch direkt darauf an, wie unfair sie es fand, dass ihr niemand erzählt hat, dass ihr damaliger Freund eine Frau und Familie hatte. In dieser Szene wird sie laut und kämpft sichtlich mit den Tränen – eine verletzliche Facette, die man von ihr sonst gar nicht gewohnt ist.
Diese schützende Gemeinschaft ist es auch, die Tore Halt gibt. Als junger Mann mit einer geistigen Behinderung wird er von den Dorfbewohnern oft übersehen oder nicht ernst genommen. Während andere Konflikte im Dorf von Angst oder Verbitterung geprägt sind, bringt Tore eine ganz liebenswerte, unschuldige Energie in das Stück. Wie er durch Daniels Hilfe seine eigene Stimme entdeckt und schließlich einen klaren, kraftvollen Ton singt, zeigt die transformative Kraft der Musik auf eine besonders bewegende Weise.
Hier muss ich die besonders authentische Darstellung hervorheben. Der Darsteller knickte immer eine Hand ab, spreizte die Finger, blickte zu Boden, zuckte mit dem Kopf, lächelte nervös. Diese Körpersprache hielt er konsequent über die gesamte Aufführung hinweg bei. Zu keinem Zeitpunkt fiel er aus der Rolle.
Eine ganz andere, schmerzhafte Dynamik erleben wir bei Gabriella. Sie ist mit Conny verheiratet, der sie misshandelt und über ihr Leben bestimmen will. Äußerlich sieht man ihr das Leid zunächst nicht an, sie überspielt es geschickt. Doch sobald er in die Chorprobe torkelt, um sie mitzunehmen, reißt sie panisch die Augen auf, packt sofort ihre Sachen und geht fügsam mit ihm.
Als sie sich schließlich traut, das von Daniel extra für sie geschriebene Lied zu singen, scheint ihr Selbstbewusstsein schlagartig erwacht zu sein. In einem figurbetonten roten Kleid wirkt sie wie eine völlig andere Person – ganz im Gegensatz zu der weiten, langen Kleidung, die sie vorher getragen hat.
Leider währt dieses scheinbare Glück nicht lange: Einige Zeit danach erscheint sie in genau diesem Kleid erneut zur Chorprobe. Nur ist es jetzt zerrissen. An ihrem Bauch, wo die Stofffetzen ein großes Loch hinterlassen, sind blaue Flecken zu erkennen, und aus ihrer Nase fließt Blut. Als sie in diesem Zustand zur Tür hereinkommt, ist das ein absoluter Schockmoment. Umso kraftvoller ist es zu sehen, wie sie im Laufe des Stücks den Mut findet, sich gegen diese Höllenehe aufzulehnen. Sehr schön finde ich, dass der gewachsene Chor wie eine Schutzmauer vor ihr steht und gegen ihren Mann ansingt, als dieser zu ihr vordringen will, um sie wieder unter seine Kontrolle zu bringen. Sie muss das nicht allein durchstehen.
Im starken Gegensatz zu diesem Zusammenhalt steht Arne, der sich gerne über andere lustig macht. Besonders auf Holmfried hat er es abgesehen und beleidigt ihn ständig. Arne bemerkt überhaupt nicht – oder es ist ihm schlichtweg egal –, wie tief er ihn mit diesen Worten verletzt. Er lacht stattdessen, als wäre er der größte Scherzbold. Schließlich platzt Holmfried der Kragen. Nachdem er die Demütigungen jahrelang schweigend über sich ergehen ließ, schleudert er Arne sämtliche Schimpfwörter entgegen, die er sich über die Jahre anhören musste. Das hat mich im Zuschauerraum richtig schlucken lassen. Es war ungemütlich und alles andere als schön, diese schmerzhafte Entladung mitzuerleben.
Auch die weiteren Nebenrollen fügen sich hervorragend in das dörfliche Gefüge ein: Das streng gläubige Ehepaar bestehend aus Pfarrer Stig und seiner Frau Inger zeigt den tiefen Konflikt zwischen starrer Kirchendogmatik und der neuen, befreienden Lebensfreude des Chors. Während Inger aufblüht und bei einer gelassenen Feier sogar ihr Oberteil auszieht, verzweifelt Stig am Kontrollverlust über seine Gemeinde. Selbst die leidenschaftliche Nacht mit seiner Frau empfindet er als Sünde und verleugnet sie. „Das ist nie geschehen“, betont er am nächsten Morgen mehrfach.
Die misstrauische Siv verkörpert dabei den konservativen Widerstand im Dorf, während Olga und der gemütliche Erik für die bodenständigen, treuen Seelen der Gemeinschaft stehen. Ich finde es niedlich, wie Erik nach 60 Jahren Olga seine Liebe gesteht, und sie davon völlig überwältigt ist und nicht weiß, wie sie darauf reagieren soll.
Sie alle tragen dazu bei, dass dieses dörfliche Beziehungsgeflecht so lebendig und glaubhaft wirkt.
Lediglich bei Siv gab es zunächst ein technisches Problem: Ihr Mikrofon funktionierte nicht richtig. Während der Dialog zwar leise, aber (zumindest auf meinem Platz) noch verständlich war, ging ihre Stimme in den musikalischen Passagen unter. Bereits in der nächsten Szene war die Störung jedoch behoben. Weitere Tonprobleme gab es im Verlauf der Vorstellung nicht.
Da die Handlung im tiefsten schwedischen Winter beginnt, tragen die Darsteller zunächst dicke Wintermäntel, Jacken, Mützen und Stiefel. Weil das Thermometer am Abend unseres Besuchs selbst zu fortgeschrittener Stunde noch über 30 Grad anzeigte, war das für das Ensemble sicher alles andere als angenehm. Angemerkt hat man ihnen die Hitze jedoch zu keiner Sekunde.
Unfreiwillig komisch wirkte bei diesen Temperaturen allerdings die Szene, in der Daniel draußen bibbernd vor Kälte auf Lena trifft. Er reibt sich fröstelnd die Arme, pustet in die Hände und sie meint trocken: „Du bist nicht warm genug angezogen.“ Bei diesem Satz musste nicht nur ich im Zuschauerraum laut lachen.
Später im Stück wechselt die Garderobe dann passenderweise zu sommerlicher Kleidung.
An den Kostümen lässt sich dabei nicht nur Gabriellas Wandel ablesen. Besonders bei Pfarrer Stig fällt eine optische Veränderung ins Auge: Trägt er sonst stets schwarze, hochgeschlossene Kleidung oder sein Pfarrersgewand, überrascht er am Tag der Abreise des Chors plötzlich mit einem hellblauen, geblümten Hemd. Zwar kombiniert er dazu weiterhin eine lange schwarze Hose – was zeigt, dass er noch nicht ganz bereit ist, mit allen alten Traditionen zu brechen –, dennoch symbolisiert dieses Outfit meiner Meinung nach sehr schön, dass er beginnt, sich langsam für neue Erfahrungen und eine andere Sicht auf das Leben zu öffnen.Am Ende tritt der Chor schließlich geschlossen in gelben T-Shirts auf, auf denen „DareUs Chor“ gedruckt steht. Das ist das unverkennbare Zeichen dafür, dass hier eine eng verbundene, musikbegeisterte Gemeinschaft zusammengewachsen ist.
Was das englische Wort „dare“ genau bedeutet, musste ich zu Hause erst noch einmal nachschlagen: wagen, sich trauen oder herausfordern. „DareUs“, was sich also sinngemäß als „Trau dich, uns ...“ oder „Fordere uns heraus“ verstehen lässt, ist damit ein gelungenes, tiefgründiges Wortspiel mit Daniel Dareus' Nachnamen. Ein kleines, feines Detail der Inszenierung, das eine große Wirkung entfaltet.
„Wie im Himmel“ verbinde ich automatisch mit „Gabriellas Song“. Eine kraftvolle, wunderschöne Ballade über eine Frau, die ihre innere Stärke findet. Gabriella selbst hat sie noch nicht ganz bei sich entdeckt, als sie es singt, aber sie ist auf dem Weg dorthin. Es ist ein Lied, bei dem ich schon bei den ersten Klängen emotional werde. Es nimmt mich auch im schwedischen Original immer mit, obwohl ich den Text nicht verstehe. Aber schon aufgrund der Melodie und der Stimme kann man erahnen, worum es geht, selbst wenn man die deutsche Übersetzung nicht kennt. Für mich der musikalische Höhepunkt des Stücks. Und das war es auch in Bad Vilbel.
Doch natürlich hat das Musical noch viele weitere starke Nummern zu bieten.
Gabriellas weitere Lieder „Meine Sterne“ und „Ein Lied aufs Leben“ sind ebenfalls emotional, wobei besonders Letzteres durch die Verstärkung des Chors an Wucht gewinnt.
Süß finde ich das Duett zwischen Lena und Tore, in dem er sie bittet, dass sie die drei Worte zu ihm sagt, und sie seinem Wunsch nachkommt. Es ist herzlich und unbeschwert und tut nach den herablassenden Worten von Arne und ein paar anderen Chormitgliedern gut.
Aber das Musical hat nicht nur ruhige Nummern.
Schwungvoll und humorvoll wird es auch. Glaubst du nicht? „Frag einfach Arne.“ Er kann es beweisen und zudem erzählen, was er alles anbietet.
Als Daniel einen knappen Satz zur aktuellen Leistung des Chors sagt, feiern die Leute genau diesen Satz. „Vieles ist schon schön“. Voller Energie wirbeln sie im Kreis. Schön, wie sie sich darüber freuen, als hätten sie einen bedeutenden Wettbewerb gewonnen. Da spürt man, dass sie aus Freude am Singen im Chor dabei sind.
Einen schönen, wenn auch sehr traurigen Abschluss des Stücks bildet der Auftritt des Chors beim Wettbewerb „Let the People sing“. Zunächst singen alle nur „Ahhh“, aber schon das verursacht eine Gänsehaut bei mir. Neben den Profi-Darstellern stehen vierzig Laien als Chor auf der Bühne. Und so viele Menschen auf der Bühne machen einfach etwas her. Das war wirklich ein satter Klang.
Warum es gleichzeitig so traurig ist, würde zu viel verraten, falls jemand den Film oder das Musical noch nicht kennt. Deshalb lasse ich es, dazu Genaueres zu erzählen.
Nur so viel: Am Ende wird die Musik noch einmal lebhafter, und der gesamte Chor feiert ausgelassen die Musik und das Leben.
Die Live-Band besteht einschließlich des Dirigenten aus neun Personen. Mir gefiel ihr Spiel sehr gut. Sie klangen sanft bei den Balladen und mitreißend bei den schnelleren Liedern. Abgesehen vom Beginn, bei dem Siv nicht zu hören war, übertönten sie die Sänger nicht.
„Wie im Himmel“ in Bad Vilbel hat mir letztendlich sehr gut gefallen. Es ist eine wunderschöne, berührende Geschichte über Zusammenhalt, die eindrucksvoll zeigt, was Musik in Menschen bewirken kann. Vor allem mit der grandiosen Interpretation von „Gabriellas Song“ und dem stimmgewaltigen, 40-köpfigen Laienchor konnte Bad Vilbel bei mir ordentlich punkten. Vielleicht wäre diese Inszenierung sogar noch weiter oben gelandet, wenn ich im vergangenen Jahr nicht die wirklich sehr, sehr starke Produktion in Wetzlar gesehen hätte.
In meinem bisherigen Jahresranking sichert sich das Musical damit Platz 7 von 13 und reiht sich zwischen „Hairspray“ und „Der Schimmelreiter“ ein. Alles in allem war es ein wunderbarer Abend in der Wasserburg. Nun bin ich schon sehr gespannt auf „Die Feuerzangenbowle“ in zwei Wochen sowie auf die Brass Band am 2. August.
3. Schiggys persönliche Highlights
Lieblingsszene: die Schlussszene
Bestes Solo: „Gabriellas Song“
Bestes Duett: das Duett zwischen Lena und Tore
Ohrwurm des Tages: „Vieles ist schon schön“, diese Szene sehe ich dabei auch vor mir
Beste Ensemblenummer: „Vieles ist schon schön“ – voller Lebensfreude wegen eines einzigen Satzes
Lustigster Moment: als Daniel vor Kälte zitterte und Lena trocken meinte, er sei nicht warm genug angezogen. (Eigentlich keine lustige Szene – bei über 30 Grad aber unfreiwillig komisch.)
Emotionalster Moment: als Holmfried alle Schimpfwörter von Arne wiederholt und der Augenblick, als Gabriella im zerrissenen Kleid hereinkommt
4. Die Besetzung
Bestes Solo: „Gabriellas Song“
Bestes Duett: das Duett zwischen Lena und Tore
Ohrwurm des Tages: „Vieles ist schon schön“, diese Szene sehe ich dabei auch vor mir
Beste Ensemblenummer: „Vieles ist schon schön“ – voller Lebensfreude wegen eines einzigen Satzes
Lustigster Moment: als Daniel vor Kälte zitterte und Lena trocken meinte, er sei nicht warm genug angezogen. (Eigentlich keine lustige Szene – bei über 30 Grad aber unfreiwillig komisch.)
Emotionalster Moment: als Holmfried alle Schimpfwörter von Arne wiederholt und der Augenblick, als Gabriella im zerrissenen Kleid hereinkommt
4. Die Besetzung
Schiggy saß im Publikum. Aber wer stand eigentlich auf der Bühne?
Gerd Achilles: Daniel Daréus
Emanuel Jessel: Stig Berggren
Markus Düllmann: Conny
Lena Poppe: Lena
Andrea Spatzek: Olga
Stefan Kiefer: Arne
Björn Geske: Holmfrid
Armin Dillenberger: Erik
Anne Hoth: Amanda
Sonja Herrmann: Inger
Annika Müller: Siv
Hanna Mall: Gabriella
Lukas Schwedeck:Tore
außerdem
Live-Band
Projektchor der Burgfestspiele
Musikalische Leitung: Philipp Polzin
Emanuel Jessel: Stig Berggren
Markus Düllmann: Conny
Lena Poppe: Lena
Andrea Spatzek: Olga
Stefan Kiefer: Arne
Björn Geske: Holmfrid
Armin Dillenberger: Erik
Anne Hoth: Amanda
Sonja Herrmann: Inger
Annika Müller: Siv
Hanna Mall: Gabriella
Lukas Schwedeck:Tore
außerdem
Live-Band
Projektchor der Burgfestspiele
Musikalische Leitung: Philipp Polzin






































