1. Eckdaten
zur Vorstellung
Titel der Veranstaltung: Der Schimmelreiter
Art der Veranstaltung: Musical
Ort: Schlosstheater Fulda
Sprache: Deutsch
Besuch: 07.06.2026
Beginn: 14:00 Uhr
Dauer: ca. 2,5 Stunden (inkl. Pause)
Reihe / Platz: Parkett, Reihe 3, Platz 55
Vorlage: Gleichnamige Novelle von Theodor Storm
2.
Besetzung der besuchten Vorstellung
Hauke Haien / Reisender: Sascha Kurth
Elke Volkerts: Pamina Lenn
Ole Peters: Dennis Henschel
Vollina Harders: Anja Backus
Schulmeister / Tede Haien: Tobias Korinth
Trin Jans: Kaatje Dierks
Deichgraf / Arzt: Volker Metzger
Ensemble
Schimmel
Kopf: Christopher Dederichs
Herz: Antonello Papagno
Hinten (Hind): Robin Scheel
Magd Ann Grete: Alida Will
Magd Geschke: Emma Sophie Adelmann
Magd Wiebke: Sophie Bauer
Leiterin Else: Jenny Schlensker
Dienstmagd / Lene: Maja Dickmann
Dienstmagd / Mareike: Irene Eggerstorfer
Witwe Wohlers: Raphaela Pekovsek
Iven Johns: Samuel Jonathan Bertz
Jeve Manners / Unbekannter: Nico Schweers
Lütten: Lars Wanders
Carsten: Niklas Schurz
Wirt Friedrich: Steven Seale
Pastor Jansen: André Haedicke
Wiens: Torsten Paul
Junger Hauke: Rosa
Wienke: Tilda
3. Mein
Eindruck von der Show
Schiggy war wieder unterwegs und hat sich auf die
Spur eines geheimnisvollen weißen Pferdes begeben.
Die Buchvorlage habe ich letztes Jahr gelesen.
Meine Rezension dazu findet ihr hier. Die Handlung war mir allerdings nicht
mehr besonders präsent. Da wäre ein kurzes Auffrischen der Handlung kurz vorher vielleicht hilfreich gewesen. Dass es doch nicht notwendig war, zeigte sich im Laufe der Vorstellung.
Vor Vorstellungsbeginn gab es leider einige kleine Ärgernisse. Im Foyer scheiterte unser Plan, Erinnerungsfotos an der Fotowand zu machen, an einem ungeduldigen und rücksichtslosen Besucher.
Im Saal folgten die üblichen Platzdiskussionen, und kurz nach Beginn sorgte ein hell leuchtendes Handydisplay für eine unnötige Debatte. Dadurch verpasste ich leider den kompletten Anfang der Show.
Zum Glück blieb es die einzige Störung des Nachmittags.
Die Erinnerungen an die Novelle kamen während der
Vorstellung schnell zurück, beispielsweise bei der Szene, in der Hauke Trins
Katze erschlägt. Die Handlung hält sich wirklich sehr eng an die literarische
Vorlage.
Vier Szenen sind mir dabei besonders in
Erinnerung geblieben.
Zum einen Trin Jans' Solo „Die Sündenflut“ im
ersten Akt. Es gab einen Moment, in dem ich tatsächlich das Gefühl hatte, die
Bühne würde sich immer weiter anheben. Dabei handelte es sich lediglich um eine
optische Täuschung. Meine Schwester erzählte später, dass ihr davon sogar
leicht schwindelig geworden sei, als würde sie sich auf einem schwankenden
Schiff befinden.
Zusammen mit dem düsteren Licht, dem Nebel und
den maskierten Geister- bzw. Dämonengestalten im Hintergrund entstand eine wirklich
unheimliche Atmosphäre.
Sehr emotional fand ich außerdem Szene 12
„Kindbettfieber“ im zweiten Akt. Elke liegt schwer krank im Wochenbett, und
ihre Situation wirkt aussichtslos. Obwohl Hauke nicht an Gott glaubt, fleht er
ihn an: „Lass sie leben.“ Er kniet auf dem Boden, faltet die Hände zum Gebet,
und in seinen Augen glitzern Tränen. Man spürt förmlich, wie groß seine Liebe
zu Elke ist und wie sehr er um ihr Leben bangt.
Auch Szene 15 „Wienke“ prägte sich bei mir ein.
Während die Bühne sonst meist in kühlen Blau- und Grautönen gehalten ist,
dominieren hier warme Herbstfarben. Hauke und Elke sitzen gemeinsam auf einer
Bank, daneben steht ein großer Baum, der seine Blätter verliert. Ihre Tochter
Wienke spielt im herabfallenden Laub. Auf den ersten Blick wirkt alles
friedlich und harmonisch, doch unter der Oberfläche schwingen Elkes Sorgen um
die Zukunft ihrer stillen Tochter mit.
Die Szene, in der Hauke mit dem Schimmel in den
Deich stürzt, weckte bei mir starke Erinnerungen an den Beginn von Disneys
Tarzan. Hauke, Elke und Wienke werden an Seilen befestigt von der Decke
herabgelassen. Besonders Elkes Bewegungen wirkten auf mich nahezu identisch zu
denen von Tarzans Eltern beim Schiffbruch. Meine Schwester bemerkte später
sogar, dass die Geräusche des Wassers sie ebenfalls daran erinnert hätten.
Ihr gefiel außerdem die Darstellung des
Eisboselns sehr gut. Teile des Wettkampfs werden in Zeitlupe gezeigt, was einen
interessanten Effekt erzeugt.
Das Musical bleibt durchgehend ernst. Humorvolle
Momente gibt es nur wenige. Gerade deshalb fallen die Szenen rund um Elkes
Vater besonders auf. Mit seinem norddeutschen Schlag und seiner Vorliebe fürs
Essen sorgt er für die meisten Lacher. Als Hauke sich als Kleinknecht bewirbt,
interessiert ihn zunächst vor allem, wann die nächste Mahlzeit serviert wird.
Haukes Anstellung erfolgt beinahe nebenbei. Besonders komisch wird es, als der
Oberdeichgraf auftaucht und beide statt eines echten Gesprächs lediglich mit
„Jo, jo, jo“ reagieren. Die beiden verbindet offensichtlich die Liebe zu einem
gut gefüllten Magen. Das war die einzige Stelle, an der ich wirklich herzhaft
lachen musste.
Auch die Szene, in der Elke den ahnungslosen
Hauke mit ihrer Verlobung überrascht, sorgt für einen gelungenen humorvollen
Moment. Solche Szenen lockern die Handlung auf, ohne aufgesetzt oder albern zu
wirken.
Am Ende wird Hauke wieder zum Reisenden. Meine
Schwester erklärte mir später, dass dies bereits zu Beginn der Vorstellung so
gewesen sei und die Geschichte daraus hervorging. Da ich den Anfang nicht
vollständig mitbekommen hatte, war mir das entgangen. Mir gefällt jedoch, dass
sich dadurch der Kreis schließt und die Handlung wieder an ihren Ausgangspunkt
zurückkehrt.
Am Ende bleibt dieselbe Frage, die auch der
Reisende stellt: Ist alles wirklich so geschehen oder handelt es sich lediglich
um eine Legende?
Etwas gestört hat mich allerdings, dass der
Reisende beziehungsweise Hauke am Schluss den Sinn der Geschichte recht
deutlich erklärt. Meiner Meinung nach sollte jeder Zuschauer die Möglichkeit
haben, seine eigene Interpretation zu entwickeln. Dadurch fühlte ich mich ein
wenig bevormundet.
Darstellerisch und gesanglich konnten mich alle
Beteiligten überzeugen. Auf jede einzelne Rolle einzugehen, würde den ohnehin
schon umfangreichen Bericht noch weiter verlängern. Deshalb möchte ich nur
einige Figuren hervorheben.
Hauke ist ehrgeizig und verfolgt beharrlich sein
Ziel, einen neuen Deich zu errichten, um die Menschen zu schützen. Besonders
deutlich wird dies im Lied „Weiter als zuvor“, in dem er von seinen Visionen
singt. Dabei verliert er jedoch seine hochschwangere Frau zunehmend aus dem
Blick. Selbst als Elke zu ihm kommt, bleibt sein Fokus auf seinen Plänen und
Berechnungen. Wie sehr beide unter dieser Situation leiden, zeigt das Duett
„Glaubst du noch an mich?“ sehr eindrucksvoll. Die Stimmen harmonieren wunderbar
miteinander, und man spürt die Liebe ebenso wie die Belastung, die zwischen
ihnen steht.
Ole Peters fungiert als Haukes Gegenspieler. Nicht
nur beim Eisboseln, als er Hauke verspottet, nachdem dieser durch die Sonne
geblendet wurde und den Ball fallen lässt, zeigt sich sein unangenehmer
Charakter. Sein arrogantes Auftreten lässt ihn nicht sympathisch wirken. Auch
später stachelt er die Menschen gegen Hauke auf und versucht, dessen Stellung
zu untergraben. Besonders in seinem Solo „Deichgraf seines Weibes wegen heraus“
entsteht der Eindruck, dass er selbst gerne an Haukes Stelle stehen würde.
Vollina passt hervorragend zu ihm. Sie ist ebenso
berechnend und fördert gezielt den Aberglauben der Dorfbewohner, insbesondere
im Lied „Das Teufelspferd“.
Der Oberdeichgraf hatte offenbar an einer Stelle
einen kleinen Texthänger, den er souverän abfing. Er stockte kurz und sprach
dann weiter, als wäre nichts gewesen.
Erwähnen möchte ich außerdem Trin Jans. Ihr
durchdringender Blick sorgte immer wieder für echtes Unbehagen und machte die
Figur besonders eindrucksvoll.
Am Schlussapplaus ist mir aufgefallen, wie nervös und unsicher das Mädchen, das Wienke spielte, wirkte. Während der Vorstellung war ihr das nicht anzusehen. Sie war als unbeschwertes, zugleich aber sehr schüchternes Kind ausgesprochen authentisch. Laut Programmheft ist sie erst acht Jahre alt. Davon war während der Vorstellung nichts zu merken. Da ziehe ich meinen Hut davor, wie souverän sie diese Aufgabe gemeistert hat.
Die Musik kommt vom Band. Das ist in Fulda üblich
und stört mich grundsätzlich nicht, auch wenn ich Live-Musik immer bevorzuge.
Leider lief technisch nicht alles perfekt. In der
Szene am herbstlichen Baum fiel kurzzeitig Haukes Mikrofon aus.
Auch beim Duett von Ole und Vollina hatte ich den
Eindruck, dass etwas mit dem Ton nicht stimmte. Die ansonsten klare und
kraftvolle Stimme der Darstellerin klang in „Wir müssen nur geduldig sein“
stellenweise merkwürdig und undeutlich. Dadurch wirkte das Duett für einen
Moment unausgewogen. Da das Problem nur kurz auftrat, gehe ich von einem
technischen Fehler aus.
Da es erst die dritte reguläre Vorstellung dieser Produktion war, ist es möglich, dass die Abläufe und die technische Abstimmung noch nicht ganz eingespielt waren.
Vollkommen überzeugen konnte mich hingegen das
Bühnenbild. Während Robin Hood eher spartanisch ausgestattet war, wurde hier
deutlich größer aufgefahren. Die Projektionen auf der Videowand sind
abwechslungsreich und stimmungsvoll. Meist sieht man das Meer – mal ruhig, mal
leicht bewegt. Während des Sturms peitscht die Gischt dramatisch empor. Die
Farbgestaltung bewegt sich überwiegend in kühlen Blau- und Grautönen, während
Gefahrensituationen in kräftigem Rot dargestellt werden. Die Herbstszene hebt
sich mit ihren warmen Farben besonders ab.
Auch das Lichtkonzept ist auf die einzelnen
Szenen abgestimmt und ergänzt die Videoprojektionen wirkungsvoll.
Nebel kommt vor allem in den düsteren Szenen zum
Einsatz und verstärkt die unheimliche Stimmung zusätzlich.
Besonders interessant fand ich die beiden
unterschiedlichen Wände, die von oben herabgelassen werden: eine Konstruktion,
die mich an eine Pergola mit Laternen erinnerte, sowie eine Wand mit Uhren, die
das Haus der Volkerts darstellt.
Ein kleines Detail, das mir besonders gefiel, war
der grüne Kaminofen. Einen Kamin verbinde ich automatisch mit Behaglichkeit und
Geborgenheit. Dadurch wirkte das Haus sofort gemütlich, selbst wenn draußen
schlechtes Wetter herrschte.
Hinzu kommen zahlreiche weitere Requisiten wie
Tische, Bänke, Schreibtische, Laternen, Speisen oder die Katze mit ihrem
beweglichen Schwanz.
Auch den Deich kann man durch die angedeuteten
Mauern erkennen.
All diese Elemente sorgen dafür, dass die Bühne
nie leer wirkt, gleichzeitig aber nie überladen erscheint. Für mich ergibt sich
daraus ein sehr stimmiges Gesamtkonzept aus Bühnenbild, Licht und Videowand.
Die Szenenwechsel verliefen schnell und
reibungslos und lenkten nie von der folgenden Szene ab.
Auch die Kostüme haben mir gut gefallen. Im
Gegensatz zu Robin Hood, wo sie teilweise recht modern wirkten, passen sie hier
wirklich zur dargestellten Epoche.
Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die
Regenmäntel. Sie sind so gestaltet, dass sie aussehen, als wären sie vom Regen
durchnässt. Vor allem in Kombination mit den Regeneffekten auf dem Vorhang
entstand so ein sehr realistischer Eindruck.
Ob dieser Effekt auch aus nächster Nähe
überzeugt, werde ich Ende August erfahren, wenn ich in Reihe A sitzen werde.
Auf einige Lieder bin ich bereits eingegangen.
Deshalb hier noch ein paar kurze Anmerkungen zu weiteren Musiknummern.
„Wer nicht deichen will, muss weichen“ ist eine
schwungvolle Nummer mit einer Choreografie, die mich stellenweise an irischen
Tanz erinnerte. Eine Besucherin war davon offenbar so begeistert, dass sie
spontan mitklatschte.
In „Für die Marsch, für die Geest“ geht es um die
beiden konkurrierenden Mannschaften beim Eisboseln.
„Deichgraf sein ist eine Bürde“ zeigt humorvoll
das angeblich schwere Leben eines Deichgrafen, der allerdings ein gutes Essen
der Arbeit vorzieht und diese andere erledigen lässt.
„Sternenmeer“ ist eine schöne Ballade, in der
sich die Liebe zwischen Hauke und Elke entwickelt.
„Sturm, komm auf“ ist Haukes kraftvolles Solo
über seine Überzeugung, dass die alten Deiche künftigen Stürmen nicht mehr
standhalten werden.
Insgesamt sind die Lieder abwechslungsreich und
passend zur Handlung. Einen echten Ohrwurm konnte ich allerdings nicht
mitnehmen. „Das Teufelspferd“ erinnerte mich stellenweise stark an „Mörder,
Mörder“ aus Jekyll & Hyde. Meine Schwester bestätigte diesen Eindruck
später. Sie meinte sogar scherzhaft, dem Komponisten scheine dieses Musical
besonders gut zu gefallen, da bereits bei Robin Hood das Lied „Das Dinner“
deutliche Erinnerungen an „Fassade“ geweckt hatte.
Positiv hervorheben möchte ich das hochwertige Programmheft für zwölf Euro, das neben Informationen zu Cast und Kreativteam auch zahlreiche Szenenfotos enthält.
Insgesamt hat mir das Musical gut gefallen. Es
handelt sich um eine gelungene Umsetzung der Novelle. Für die Spitzenplätze
meines Jahresrankings wird es allerdings nicht reichen, da mich andere
Produktionen stärker überrascht haben und Ohrwürmer boten. Dennoch freue ich
mich bereits auf meinen zweiten Besuch und bin gespannt, welche Eindrücke ich
dann gewinnen werde.
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| ausgestelltes Modell der Bühne im Foyer |
4.
Persönliche Highlights
Besonders in Erinnerung geblieben:
Trin Jans' Solo „Die Sündenflut“, weil ich tatsächlich das Gefühl hatte, die
Bühne würde sich erheben.
Bestes Solo:
„Für wen?“ (Elke) – Eine ruhige, melancholische Nummer mit einem Fünkchen
Hoffnung
Bestes Duett:
„Glaubst du noch an mich?“ – Hauke verliert sich in seiner Arbeit, während Elke
sich zunehmend vernachlässigt fühlt. Ein emotionales und sehr gelungenes Duett.
Ohrwurm des Tages:
Keiner. Die Lieder gefielen mir insgesamt, aber keines blieb dauerhaft hängen.
Beste Ensemblenummer:
„Für die Marsch, für die Geest“ – Die musikalische Umsetzung des Eisboselns zeigt
schwungvoll die Konkurrenz zwischen den Bewohnern der Marsch und der Geest.
Lustigster Moment:
Die Szene mit Deichgrafen und Oberdeichgrafen. Dazu sage ich nur: „Jo, jo, jo.“
Emotionalster Moment:
„Lass sie leben“ – Der ungläubige Hauke betet um das Leben seiner schwer
kranken Frau.