Schiggy war wieder unterwegs und ist dabei mitten im
September in einen Schneesturm geraten.
Eigentlich sollte die Reise nach Arendelle schon am
11. September stattfinden – exakt an dem Tag, an dem ich vor vier Jahren das
Musical zum ersten Mal in Hamburg gesehen hatte. Da das Stück nur noch bis
Januar 2027 laufen wird und ich keine weitere Vorstellung besuchen werde,
wusste ich: Dies würde mein letzter Besuch in Arendelle sein.
Doch wie das Schicksal so spielt: Für den 11.
September gab es damals noch keine Tickets. Sie wurden erst später
freigeschaltet, als ich bereits Tickets für Romeo & Julia hatte. So wurde
es schließlich der 13. September.
Ein denkwürdiges Datum, denn es war meine allerletzte
Chance, eine Audienz bei der Eiskönigin zu erhalten, bevor sich der Vorhang
endgültig schließt.
1. Eckdaten zur Vorstellung
Titel der Veranstaltung: Disney’s Die Eiskönigin
Art der Veranstaltung: Musical
Ort: Stage Apollo Theater Stuttgart
Art der Veranstaltung: Musical
Ort: Stage Apollo Theater Stuttgart
Sprache: Deutsch
Besuch: 13.09.2026
Beginn: 14:00 Uhr
Dauer: ca. 2,5 Stunden (inkl. Pause)
Reihe / Platz: Parkett rechts, Reihe 1, Platz 2
Vorlage: der gleichnamige Disney-Film
2. Mein Eindruck von der Show
Nachdem ich letztes Jahr auf Platz
1 gesessen und dort direkt den Dirigenten vor mir stehen hatte, habe ich dieses
Mal extra Platz 2 gewählt.
Als der Vorhang aufgeht und ich die spielenden Kinder
sehe, denke ich bei der jungen Anna sofort: Oh, wie süß! Sie ist noch so klein.
Gleichzeitig muss ich mir direkt ins Gedächtnis rufen,
dass dies der Beginn meiner letzten Vorstellung ist. Die möchte ich noch einmal
richtig genießen.
Anna ist ein Wildfang, der kaum eine Sekunde
stillsitzen kann. Voller Energie springt sie herum, reißt die Arme hoch und
wirbelt über die Bühne.
Ihre ältere Schwester Elsa ist das genaue Gegenteil:
ruhig, vernünftig und gelassen, aber auch ernst.
Einmal stupst sie Anna auf die Nase – eine Geste, die
sie später bei der Feier wiederholt. Sie wirkt so spontan und herzlich, dass
sie mir im Gedächtnis bleibt.
Von der Bühnenführung weiß ich, dass es feste
Elsa-Anna-Pärchen gibt. Diese beiden Mädchen wirken sehr vertraut miteinander
und harmonieren ausgesprochen schön. Sie scheinen sich gut zu ergänzen. Ihr
Verhältnis wirkt dadurch sehr glaubwürdig. Überhaupt finde ich, dass beide so
natürlich spielen.
Elsa tut mir richtig leid. Sie hat sich ihre Magie
nicht ausgesucht und empfindet sie eher als Fluch. Nachdem sie Anna aus
Versehen verletzt hat, zieht sie sich noch mehr zurück. Selbst vor ihrer Mutter
schreckt sie zurück und will keine Berührung zulassen – aus Angst, noch einmal
jemanden zu verletzen, der ihr wichtig ist.
Annas Gedächtnis wurde gelöscht. Sie weiß also nichts
mehr von Elsas Fähigkeiten. Sie versteht die Welt nicht mehr und weiß nicht,
warum ihre Schwester plötzlich so abweisend ist.
Anna fragt Elsa: „Willst du einen Schneemann bauen?“
Sie ist wieder ein kleiner Wirbelwind. Nach Elsas Absage verlässt sie jedoch
mit hängenden Schultern die Bühne, nur um es kurz darauf mit anderen
Vorschlägen erneut zu versuchen.
Traurig finde ich den Schiffsuntergang der Eltern, der
mit vergleichsweise einfachen Mitteln dargestellt wird: Die Eltern stehen etwas
erhöht auf einer Art Podest und schwanken hin und her, während sich das
Ensemble rundherum windet. Dazu kommen Blitzeffekte.
Dadurch habe ich tatsächlich das Gefühl, dass die See
sehr rau ist, die Wellen gegen den Schiffsrumpf peitschen und das Schiff
schließlich zum Kentern bringen. Die Eltern werden von den Wellen fortgetragen.
Auf Elsa lastet nun eine gewaltige Bürde.
Während des Liedes über den Schneemann wird Anna
erwachsen. Diese Darstellerin habe ich in jeder meiner Stuttgarter
Vorstellungen gesehen. Zuerst war sie die alternierende Anna und wurde später
zur Erstbesetzung.
Was mir sofort auffällt: Ihr Schauspiel wirkt immer
noch erfrischend, und ich habe zu keiner Zeit das Gefühl, dass sie von dieser
Rolle langsam ermüdet ist. Stattdessen habe ich auch bei diesem Besuch das
Gefühl: Da steht Anna auf der Bühne – nicht eine Darstellerin, die Anna spielt.
Anna liegt im Bett und will nicht aufstehen. Die
Dienerin zieht deshalb ihre Decke weg. Anna erhebt sich gähnend und streckend,
ihre Haare stehen ihr wild ab. Das sieht überhaupt nicht prinzessinnenhaft aus,
aber es ist typisch Anna. Noch halb im Tiefschlaf wiederholt sie die Worte der
Dienerin falsch: „Klar, die Tönung meiner Schwester.“ Dann merkt sie es selbst:
„Die Krönung!“
Plötzlich ist sie hellwach und strahlt voller
Lebensfreude – und dieses Lächeln will nicht mehr aus ihrem Gesicht
verschwinden.
Die Dienerinnen haben etwas Schwierigkeiten, ihr ins
Kleid zu helfen, weil sie einfach nicht stillstehen kann. Genau wie damals als
Kind.
Anna ist eine kleine Träumerin, die darauf hofft, auf
dem Fest ihrer großen Liebe zu begegnen. Dabei ist sie schon etwas naiv und
auch leichtgläubig. Aber sie hatte eben kaum Kontakt zur Außenwelt und kennt
die Menschen und das Leben außerhalb des Schlosses daher nicht besonders gut.
Elsa wirkt kühl, streng und unnahbar. Im Gegensatz zu
Anna, deren Gesicht praktisch ein offenes Buch ist, muss man bei Elsa genauer
hinschauen. Sie ist verschlossen und ihre Gefühle sind subtiler.
Als noch sehr junge Königin, die praktisch auf sich
allein gestellt ist und niemanden hat, den sie um Rat fragen kann, trägt sie
eine große Verantwortung. Diese Verantwortung ist gleichzeitig eine enorme
Belastung.
Man erkennt jedoch, dass ihre scheinbare Kälte
eigentlich nur eine Schutzschicht ist.
Besonders in ihrem Solo „Monster“ bröckelt diese
Fassade. Sie hält sich selbst für eine Gefahr für andere Menschen und scheint
von ihrer eigenen Magie überfordert zu sein.
Auf dem Ball taut sie kurz auf. Doch das hält nicht
lange. Sofort strafft sie wieder die Schultern und setzt ihre kalte Miene auf.
Als sie jedoch glaubt, Anna sei tot, wird ihre
Verletzlichkeit deutlich. Ihre Lippen zittern, die Augen sind weit aufgerissen,
und sie scheint nicht so recht zu wissen, was sie mit ihren Händen machen soll.
Die Darstellerin habe ich vorher noch in keinem Stück
gesehen. Deshalb bin ich beim ersten Ton wirklich überrascht, wie
vergleichsweise tief ihre Stimme ist. Und wer schon einmal einen meiner
Erlebnisberichte gelesen hat, weiß, dass ich tiefe Stimmen sehr mag.
Ihre Stimme klingt schön klar und sauber – da wackelt
kein Ton.
Während sie in ruhigen Momenten zart und verletzlich
klingt, kommt in den kraftvollen Stellen eine große Willensstärke zum
Vorschein.
„Lass jetzt los“ wird praktisch bei jedem Konzert
gesungen, das ich bisher besucht habe. Ich kann es eigentlich kaum noch hören.
Durch diese etwas tiefere Stimme und die anderen Betonungen wirkt das Lied
jedoch vertraut und gleichzeitig neu und frisch.
Als Kinder scheinen die Schwestern ein Herz und eine
Seele zu sein, während ihr Verhältnis als Erwachsene deutlich distanzierter
ist.
So kann Anna es kaum glauben, als Elsa sie bei der
Krönungsfeier anspricht. Nur kurz währt der gemeinsame Moment, in dem sich
beide über den Geruch von Schokolade freuen, ehe sich Elsa wieder in ihr Schneckenhaus
aus Eis zurückzieht.
Als die Situation auf der Feier eskaliert und
besonders Pitzbühl die Menge anstachelt, steht Anna zu ihrer Schwester und
verteidigt sie.
Sie macht sich sogar auf die Suche nach ihr – typisch
Anna allerdings etwas kopflos und ohne passende Winterbekleidung. Ich möchte
eigentlich den Kopf schütteln, als sie bibbernd und mit gefrorenem Kleid
angetrippelt kommt. Aber dieser herzlichen Person kann man einfach nicht böse
sein.
Als sich das Tor zur Krönungsfeier öffnet und die
Menschen hereinströmen, fällt mir ein Gast sofort auf.
Die Darstellerin schwebt geradezu leichtfüßig herein,
mit einem solchen Strahlen im Gesicht, das so ansteckend fröhlich und
freundlich wirkt, dass ich einfach hinschauen muss. Ihre Augen wirken offen,
wodurch auch ihr Lachen ehrlich wirkt.
Ihre Energie und Spielfreude erinnern mich in diesem
Moment total an Annas lebensfrohe Art – einfach mitreißend. Und das alles, ohne
ein Wort zu sagen!
Später im Auto muss ich unbedingt nachschauen, wer das
ist, damit ich auch einen Namen zu dem Gesicht habe: Jianna Fagon.
Meiner Schwester geht es übrigens genauso. Sie erzählt
mir später, dass sie gar nicht sagen kann, wer neben der Darstellerin gestanden
hat, weil sie von dieser Ausstrahlung so gefangen war.
Auch der Olaf-Darsteller war in Stuttgart immer
derselbe gewesen.
Er hat den Schneemann als Figur vor sich, seine Füße
an der untersten Schneeballkugel befestigt. Es lohnt sich jedoch, nicht nur auf
Olaf als Schneemann zu achten, sondern auch auf den Darsteller dahinter.
Er spricht den Text nämlich nicht nur – er spielt ihn
mit seinem Gesicht mit.
So reißt er Mund und Augen auf, wenn er sich
erschreckt. Er lacht, wenn er gut gelaunt ist, schaut besorgt oder vorwurfsvoll
und wird bei seinem Solo träumerisch, wenn er sich vorstellt, was er „Im
Sommer“ alles machen möchte.
Kristoff verkauft Eisblöcke und ist überhaupt nicht
begeistert, als Anna und Hans zusammenstoßen und auf seiner Ladung landen.
Er macht zunächst einen rauen Eindruck, und eigentlich
kann man ihn sich nicht wirklich in einem Palast vorstellen. Außerdem scheint
er das genaue Gegenteil von Anna zu sein.
Locker ist er vor allem, wenn er mit seinem Rentier
spricht. Da habe ich das Gefühl, zwei beste Freunde vor mir zu sehen.
Er bietet Anna seine Hilfe an, drängt sich dabei schon
fast ein wenig auf. Im Laufe der Handlung zeigt sich jedoch, dass er ein guter
Mensch ist, der sich um andere sorgt.
Sven ist eine stumme Rolle, dem Kristoff seine Stimme
gibt. Das Rentier war schon im Film meine Lieblingsfigur, eben weil es nichts
sagt und ausschließlich über seine Mimik kommuniziert.
Den Darsteller im Musical bekommt man gar nicht zu
Gesicht, weil er sich vollkommen in Sven versteckt hat. Dabei müsste er sich
mit seiner Leistung nun wirklich vor niemandem verstecken: Er bewegt sich stets
auf Stelzen, galoppiert, stellt sich auf die Hinterbeine, tritt aus, legt sich
hin und kickt Dinge weg. Das sieht erstaunlich mühelos aus.
Ich würde wahrscheinlich nicht einmal stehen können,
weil ich die Balance nicht halten könnte.
Immer wieder lustig finde ich es, wenn er Kristoff mit
dem Hinterbein tritt, nachdem dieser in seinem Lied behauptet, Rentiere würden
stinken.
Hans aus dem Süden ist ein Prinz, mit dem sich Anna
sofort gut versteht.
Dass er ganz andere Absichten hat, war im Film eine
große Überraschung und wirkte auf mich auch etwas unglaubwürdig. Ich denke da
zum Beispiel an die Szene, als er ins Wasser stürzt und der weglaufenden Anna,
die schnell zur Krönung muss, verliebt hinterherschaut. Da ihn niemand
beobachtet, müsste er eigentlich gar nichts vorspielen.
Im Musical deutet sich dagegen eher an, dass er nicht
ganz ehrlich ist. In seinem Solo erklärt er, dass er der dreizehnte Sohn ist
und seine Chancen auf den Thron damit praktisch bei null liegen.
Als Pitzbühl habe ich in allen sechs Vorstellungen,
also auch in Hamburg, denselben Darsteller gesehen.
Optisch passt er sehr gut zur Filmfigur. Er ist eher
klein und hat eine auffällige Frisur, dazu eine markante, fast krächzende
Stimme.
Anna lobt zunächst seine Stiefeletten und fragt ihn
anschließend: „Was bringen die? Sechs, sieben Zentimeter?“, Das bringt das
Publikum zum Lachen.
Ich muss gleichzeitig schmunzelnd denken – als selbst
nicht besonders große Person: „Och Mensch, lass doch mal die kleinen Leute in
Ruhe!“
„Liebe, sie öffnet Tür’n“ finde ich ein wirklich süßes
Duett, auch wenn ich weiß, dass Hans ein falsches Spiel spielt.
Tatsächlich gefällt es mir besser als das Duett
zwischen Anna und Kristoff.
Anna und Hans wirken beide unbeholfen und scheinen
denselben Humor zu haben. Sie tanzen ausgelassen und albern dabei auch herum.
Wenn man die Wahrheit nicht kennt, könnte man tatsächlich denken, dass sich
hier zwei gesucht und gefunden haben.
Die Melodie ist fröhlich und positiv und passt
wunderbar zu Annas Naturell.
Auch das Bühnenbild unterstützt die Stimmung: Die
vielen lila Blumen, die mich ein wenig an Flieder erinnern, sehen nicht nur
schön aus. Gemeinsam mit dem blauen Hintergrund erzeugen sie eine harmonische
und friedliche Atmosphäre. Ich habe tatsächlich das Gefühl, die beiden draußen
im königlichen Garten zu begleiten.
Lachen muss ich dabei ebenfalls: Anna klatscht sich
mit Hans ab. Er hat allerdings etwas zu kräftig eingeschlagen. Danach schüttelt
sie ihre Hand und verzieht das Gesicht, als sie sich kurz von ihm abwendet. Vor
Hans tut sie so, als wäre nichts gewesen.
Anna und Kristoff fragen sich: „Wann warst du schon
mal verliebt?“
Sie sind auf dem Weg zum Nordberg, und Anna erzählt
ihm, dass sie sich nach nur wenigen Stunden mit Hans verloben wollte, von ihrer
Schwester jedoch nicht den Segen bekam.
Kristoff findet das völlig überstürzt.
Die beiden ziehen sich gegenseitig auf und sind
jeweils überzeugt, dass der andere keine Ahnung von der Liebe hat. Da ahnt man
bereits, dass sich zwischen ihnen etwas entwickeln wird.
Überall ist Schnee und Eis. Zum Glück hat Kristoff
wärmere Kleidung für Anna dabei. Sie reißt sich ungeniert das Kleid herunter,
woraufhin er peinlich berührt Sven als Sichtschutz zwischen sie drängt.
Um weiterzukommen, müssen sie eine Brücke überqueren.
Diese erweist sich als rutschige Eisfläche, was Kristoff am eigenen Leib zu
spüren bekommt. Er schlittert zurück und stürzt dabei fast von der Klippe. Anna muss ihm zu Hilfe eilen.
Das gefällt mir: Erst hat er dafür gesorgt, dass sie
nicht mehr frieren muss, dann verhindert sie, dass er den Halt verliert. Das
hat schon etwas von Geben und Nehmen.
Was würde ein Schneemann „Im Sommer“ tun? Olaf verrät
es uns.
Beschwingt nimmt er uns mit auf eine Reise in die
warme Jahreszeit, wenn die Bienen summend herumfliegen und wir am Strand
Muscheln sammeln können. Sogar eine Möwe schaut kurz vorbei.
Der Schneemann schnappt sich einen Hut und legt eine
flotte Sohle aufs Parkett – inklusive Steppeinlage.
Ich mag diese Szene, weil sie so unbeschwert ist.
Gleichzeitig ist sie ein wenig traurig, weil man weiß, dass Olaf in dieser
Jahreszeit schmelzen würde. Ich wünsche mir da eigentlich, dass ihm niemand
diese Illusion nimmt.
Kaum erklingen die ersten Töne von „Lass jetzt los“,
denke ich ironisch: Ach ja, mein Lieblingslied.
Dann wird mir bewusst, dass dies der letzte Song vor
der Pause ist.
Wo ist die Zeit geblieben? Die ist ja wie im Flug
vergangen.
Wie ich bereits geschrieben habe, hat mich die Version
in dieser Vorstellung positiv überrascht.
Auf zwei Effekte habe ich schon gewartet. In früheren
Vorstellungen habe ich sie fast immer wegen Störungen anderer Zuschauer
verpasst. Bei diesem letzten Besuch möchte ich sie noch einmal ganz bewusst
erleben.
Zuerst fliegt der Handschuh fort, dann der Mantel.
In Reihe 1 erkenne ich den Faden, der die
Kleidungsstücke wegzieht. Wer sich die Illusion nicht nehmen lassen möchte: In
Reihe 5 habe ich ihn damals nicht entdeckt.
Auch wenn ich inzwischen die Auflösung des Tricks
bemerkt habe, hat das Ganze trotzdem etwas Magisches.
Außerdem wechselt Elsa von ihrem dunklen Krönungskleid
zu ihrem eisblauen, enganliegenden Kleid. Dieser Kostümwechsel hat in den von
mir besuchten Vorstellungen immer wieder für Szenenapplaus gesorgt – auch
dieses Mal.
Der kristallene Vorhang, der den Eispalast lebendig
werden lässt, wird herabgelassen, sodass alles glitzert und funkelt.
Ein gelungener Abschluss des ersten Aktes, bei dem ich
vollkommen vergesse, dass ich das Lied eigentlich nicht mag.
„Hygge“ ist schon seit meinem ersten Besuch in Hamburg
ein Ohrwurm für mich. Das Lied versprüht Gemütlichkeit und Lebensfreude.
Die Besucher des Krämerladens sitzen am Holztisch,
trinken Glühwein, stricken einen Schal und unterhalten sich. Sogar eine Sauna
gibt es dort.
Anna und Kristoff können mit dem Begriff zunächst
nichts anfangen, doch der Ladenbesitzer Oaken erklärt ihnen, was Hygge bedeutet
– zum Beispiel in die „Lieblingspuschen“ zu schlüpfen oder mit Freunden zu
„schnacken“.
Das verbreitet sofort gute Laune. Ich würde mich am
liebsten mit an den Tisch setzen.
Am Ende führen sie vor dem Vorhang eine schwungvolle
Choreografie auf, bei der sie die Becher schwingen und ein Bein hochheben. Auch
wenn sie dabei sitzen, wirkt das Ganze so ansteckend, dass ich mittanzen möchte
– wenn ich nicht zwei linke Füße hätte.
Leider kam meine Sitznachbarin auf die Idee, trotz des
Verbots ab dem zweiten Akt einzelne Augenblicke zu filmen oder zu
fotografieren. Ich sah es zwar nur aus den Augenwinkeln, aber diese Bewegungen
haben mich bereits abgelenkt.
Elsa hält sich selbst für ein „Monster“. Das Lied
beginnt langsam, und es schwingt so ein bittersüßer Ton mit, was durch den Text
nur verstärkt wird. „Angst wird dir dein größter Feind. Ihr folgen Tod und
Leid.“ Das lässt erahnen, wie es in Elsas Innern aussieht. Bei diesen Zeilen
überlege ich, ob sich Elsa die Schuld am Tod ihrer Eltern gibt. Schließlich
haben sie damals die Schiffsreise unternommen, um Antworten wegen ihrer Magie
zu finden.
Ihre Aussagen sind erschreckend, etwa als sie fragt:
„Kommt die Dunkelheit in mir nun ans Licht? Bin ich ein Monster – voller Wut,
das einfach anderen blind wehtut. Dann seid vor diesem Monster auf der Hut.“
Pitzbühls Männer, begleitet von Hans, kämpfen sich
durch den Sturm. Sie wollen den Winter stoppen.
Während Elsa vorne am Bühnenrand steht, wabert Nebel
über die Bühne. Dabei habe ich das Gefühl, dass die Kälte bis zu uns in die
erste Reihe vordringt. Die Temperatur im Saal scheint um einige Grad gesunken
zu sein. Mich fröstelt es plötzlich. Es ist ein beklemmender Moment, der mich
in Elsas düsteren Strudel hineinzieht.
Das Musical kann mit seinem Bühnenbild und den
Effekten überzeugen.
Durch die überwiegend eisblaue Farbgestaltung und das
eher kalte Licht entsteht in Kombination mit Nebel und Kälte tatsächlich der
Eindruck einer verschneiten, eisigen Welt.
Ich habe das Gefühl, dass ich mich gerade in Arendelle
befinde.
Neben den bereits angesprochenen Punkten gibt es noch
weitere positive Aspekte.
Bei der Krönungsfeier zieht Anna Elsa den Handschuh
aus. Elsa reagiert panisch.
Plötzlich schießt von rechts mit einem lauten Zischen
eine Eiswand herein.
Bei meinem ersten Besuch in Hamburg war das ein echter
Schreckmoment, weil es so unerwartet kam. Bei diesem letzten Besuch war ich
vorbereitet. Trotzdem habe ich einige überraschte Ausrufe aus dem Publikum
gehört. Wenn man nicht damit rechnet, kann man sich dabei wirklich erschrecken.
Bei der Bühnenführung wurde erklärt, dass diese
Eiswand tatsächlich gekühlt wird, was das Kältegefühl in der ersten Reihe
erklärt.
Bei der Vorstellung am 13. September ist mir außerdem
etwas aufgefallen, das ich vorher noch nicht bemerkt hatte: Als Elsa Anna
auffordert, zu gehen, scheint der Eispalast zu bröckeln. Die Wände werden
rötlich und bekommen Risse.
Dieser Effekt verstärkt sich, als Pitzbühls Männer und
Hans eintreffen.
Auch meiner Schwester ist ein Detail aufgefallen, das
uns vorher entgangen war. Ich habe es allerdings auch beim sechsten Besuch
nicht gesehen.
Nachdem Anna ihr Kleid ausgezogen hat, versteckt
Kristoff es an der Brücke. Meine Schwester dachte immer, er würde es im
Rucksack verstauen.
Ich muss zugeben, dass ich mir darüber überhaupt keine
Gedanken gemacht habe.
So ist es natürlich stimmig, weil einer von Pitzbühls
Männern das Kleid findet und nach Arendelle bringt.
Eine traurige Szene gegen Ende wird mit etwas Humor
aufgelockert. Hans zeigt sein wahres Gesicht und löscht das Feuer im Kamin. Mit
einem fiesen Grinsen verlässt er den Raum – in der Erwartung, dass Anna stirbt.
Da ruft ein Kind dazwischen, dass gleich Olaf kommt und das Feuer wieder
anmacht. Bei Kindern finde ich solche spontanen Reaktionen ja immer nett.
Olaf öffnet die Tür mit seiner Karotten-Nase, sieht
die bibbernde Anna und zündet mit seinem Ast-Finger das Feuer trotz Annas
Warnung an. Dabei habe ich dieses Mal entdeckt, dass er eine Verlängerung daran
hat, die brennen kann – ähnlich einer Wunderkerze.
Der Schneemann ist erst fasziniert und meint: „Wow!“
Doch schnell merkt er, dass es heiß ist, sieht seinen Arm an, blickt wieder
Richtung Publikum und schreit. Dabei reißt der Darsteller die Augen so weit
auf, dass man seinen Schmerz mitfühlt. Er pustet, und das Feuer geht zu früh
aus. Olaf lässt sich davon nicht beirren und pustet einfach weiter, was
besonders komisch wirkt. Man könnte aber auch sagen, dass er eben auf Nummer sicher
gehen will. Ich sehe, dass Olaf den Ast gegen den Kamin schlägt, sodass die
Verlängerung abfällt. Auch das ist mir in vorherigen Vorstellungen entgangen.
Immer wieder herzergreifend ist der Moment, als Olaf
die Folgen der Hitze hautnah spürt und zu Anna meint: „Manche Leute sind es
wert, dass man für sie schmilzt.“
Eine meiner Lieblingsszenen ist fast am Ende der Vorstellung:
Die frierende Anna sucht eigentlich Kristoff, damit er sie mit seinem Kuss
retten soll. Dabei bemerkt sie jedoch, dass Hans gerade dabei ist, ihre
Schwester zu töten. Also geht sie dorthin und stellt sich ihm in den Weg. Sie erstarrt
schließlich zu Eis, und das Schwert prallt an ihrem Arm ab. Dabei ist sie in
ein weißes Kostüm gehüllt und trägt eine weiße Perücke. Auch das Ensemble
gleicht ihr optisch und bildet mit ihr einen Eisblock. Stille. Nur Elsa kann es
nicht glauben. Doch dann bewegen sich Annas Finger. Das Ensemble umrahmt und
verdeckt sie, sodass man ihren Kostümwechsel nicht sieht. Schließlich wird sie
in ihrem grünen Kleid hochgehoben. Die beiden Schwestern umarmen sich, und Elsa
erkennt, dass Liebe stärker als Angst ist. So gelingt es ihr, Arendelle vom Eis
zu befreien.
Im ersten Akt war das Publikum relativ ruhig, auch
wenn ein älteres Ehepaar ab und zu kommentierte, wer gerade die Bühne betreten
hatte.
Es wurde viel gelacht, aber nicht die Schlusstöne
verklatscht.
In der Pause schlug dann leider mein
„Dummschwätzer-Magnet“ an. Selbsternannte Experten mussten unbedingt mitteilen,
was sie alles können und sind dafür extra nach vorne getreten.
Eine Mutter zählte die Instrumente auf, die ihre
musikalischen Kinder alle spielten, wenn sie nicht gerade zum Ballett, Chor
oder Turnen gehen würden. Da denke ich mir immer: Warum müsst ihr so etwas laut
erzählen? Die Kinder müssten das doch selbst wissen. Dann rief sie plötzlich:
„Seht ihr! Das ist genau das gleiche Klavier, das wir auch zuhause haben.“
Meine Schwester drehte sich augenrollend zu mir um:
„War ja klar.“ Ich bin wirklich keine Musik-Expertin, aber ein Klavier in einem
Musical-Orchestergraben erschien selbst mir merkwürdig. Also meinte ich, ohne
nachzusehen: „Das ist doch bestimmt ein Keyboard.“ Meine Schwester warf zur
Absicherung einen Blick in den Orchestergraben und bestätigte meine Vermutung.
Ich sagte nur: „Wie peinlich!“ Die Familie verkrümelte sich wieder.
Aber auch andere Leute strömten in der Pause nach
vorne. Ich finde es ja immer ganz toll, wenn man da sitzt und andere sich vor
einen stellen, am Rand anlehnen und einem dabei ihren Hintern ins Gesicht
entgegenstrecken. Warum sollte man auch zwei Schritte weitergehen, wo niemand
sitzt?
Im zweiten Akt war es dann deutlich unruhiger. Ich
weiß nicht, ob das daran liegt, dass es die Open Bar gibt und sich die Leute
Cocktails und Sekte genehmigen und Hemmungen sinken. Das ältere Ehepaar war
deutlich gesprächiger und kommentierte einige Szenen, sodass ich nur dachte:
Ich habe selbst Augen im Kopf.
Die Sitznachbarin filmte fleißig, wie ich bereits
angemerkt habe. Ich bekam Tritte gegen den Sitz. Die Kinder neben meiner
Schwester hüpften auf ihren Sitzen herum. Einmal verfehlte eins der Mädchen
ihren Sitz und landete mit einem lauten Plumps auf dem Boden.
Hinzu kamen die Geräusche vom Getränke-Schlürfen und
Popcornessen.
Bei solchen Störungen fällt es mir schwer, mich auf
die Bühne zu konzentrieren.
Die Show an sich hat mir wirklich sehr gut gefallen.
Ich bin in die magische, verschneite Welt von Arendelle eingetaucht, habe mit
den Schwestern auf dem Ball getanzt, bin über eisige Flächen geschlittert, habe
vom Sommer geträumt, bin geheimnisvollen Menschen mit leuchtenden Augen
begegnet und habe schließlich erlebt, was Schwesternliebe bewirken kann.
Auch beim sechsten Besuch war es mir nicht langweilig.
Ich konnte ja sogar neue Details entdecken. Und es war doch unerwartet
besonders emotional, weil mir bewusst wurde, dass es endgültig das letzte Mal
war.
So konnte diese Vorstellung trotz der Störfaktoren 188,5
Schneeflocken bzw. Punkte sammeln und damit den 4. Platz in meinem
persönlichen Ranking erreichen.
Schiggys Schlusswort
Schiggy zieht ihr ganz persönliches Schildkröten-Fazit: Manchmal gerät man
mitten im Sommer in einen Schneesturm, erfährt die wahre Bedeutung von Hygge,
muss sich im Publikum gegen verkannte Klavier-Experten behaupten – und lernt am
Ende, dass manche Erinnerungen es einfach wert sind, für sie zu schmelzen.
Mach's gut, Arendelle!
Bis zum nächsten Abenteuer
Eure Schiggy
3. Persönliche Highlights
Highlight des Tages: „Monster“
Bestes Solo: „Im Sommer“
Bestes Duett: „Liebe, sie öffnet Tür’n“
Ohrwurm des Tages: „Hygge“
Beste Ensemblenummer: Anna erstarrt mit dem Ensemble zu einem Eisblock
Lustigster Moment: Olaf pustet weiter, obwohl das Feuer bereits erloschen
ist
Emotionalster Moment: als Anna am Ende ihre Finger bewegt und langsam
auftaut
4. Besetzung der besuchten
Vorstellung
Schiggy saß im Publikum – aber wer stand eigentlich
auf der Bühne?
Elsa: Chiara Fuhrmann
Anna: Kim
Fölmi
Kristoff: Jonathan
Hamouda Kügler
Olaf: Kaj
Louis Lucke
Hans: Simon
Loughton
Pitzbühl: Eric
Minsk
Sven: Artem
Salastelnyk
Königin Iduna: Lanie
Sumalinog
König Agnarr: Oliver
Aagaard-Williams
Bulda: Enny
de Alba
Pabbie: Luca
Marchetti
Oaken: Stuart
Pattenden
junge Elsa: Arya
Siba
junge Anna: Maila
Pauline
In weiteren Rollen:
Demi Kromheer, Valeria Vegezzi, Olívia Branco, Jianna
Fagon, Marika Coradeschi, Anna Lisa Gnielinski, Enny de Alba, Lanie Sumalinog, Lola
Kinard, Nikos Samouridis, Shane Landers, Dante Turco, Luca Marchetti, Gianmarco
Grasso, Edwin Parzefall, Yannick Dijck, Stuart Pattenden, Oliver Aagaard-Williams
Es spielt das Orchester des Stage Apollo Theater unter
der Leitung von Guido Löflad.