Schiggy war wieder unterwegs und
geriet dabei mitten hinein in den wohl heftigsten Nachbarschaftsstreit der
Weltgeschichte. Dabei wollte ich doch nur Shakespeares berühmtes Liebespaar in
Verona besuchen. Doch warum ist das Schönste immer verboten?
Der Plan für diesen Tag sah ursprünglich ganz anders aus: Meine Schwester und ich wollten das Musical Die Eiskönigin anschauen – mittlerweile fast schon eine Tradition bei uns. Da es dafür damals jedoch noch keine Tickets gab, brauchten wir einen Plan B. Auf unserer Suche stießen wir schließlich auf das Musical Romeo & Julia im Capitol Theater Düsseldorf. Die Musik kannte ich bereits von CD und fand sie gut. Doch würde mich auch die Live-Show auf der Bühne überzeugen können?
Der Plan für diesen Tag sah ursprünglich ganz anders aus: Meine Schwester und ich wollten das Musical Die Eiskönigin anschauen – mittlerweile fast schon eine Tradition bei uns. Da es dafür damals jedoch noch keine Tickets gab, brauchten wir einen Plan B. Auf unserer Suche stießen wir schließlich auf das Musical Romeo & Julia im Capitol Theater Düsseldorf. Die Musik kannte ich bereits von CD und fand sie gut. Doch würde mich auch die Live-Show auf der Bühne überzeugen können?
1. Eckdaten zur Vorstellung
Titel der Veranstaltung: Romeo & Julia – Liebe ist alles
Art der Veranstaltung: Musical
Ort: Capitol Theater Düsseldorf
Sprache: Deutsch
Besuch: 11.09.2026
Beginn: 19:30 Uhr
Dauer: ca. 2 Stunden 45 Minuten (inkl. Pause)
Reihe / Platz: Reihe 1, Platz 10
Vorlage: „Romeo und Julia“ von William Shakespeare
Anmerkung: Spoiler werden unter Punkt 5 behandelt. Ansonsten versuche ich nicht zu viel zu verraten.
2. Mein Eindruck von der Show
Plötzlich tritt Pater Lorenzo ins Rampenlicht. Mit einem Augenzwinkern bittet er uns, sämtliche Brieftauben – halt, nein, natürlich unsere modernen Geräte – während der Vorstellung im Ruhemodus zu lassen. Nachdem er noch kurz den musikalischen Leiter der Kapelle vorgestellt hat, verschwindet er wieder. Der Vorhang hebt sich. Die Bühne liegt zunächst im tiefen Schwarz.
Dann setzt die Ouvertüre ein. Die Darsteller, im Dunkeln kaum zu erkennen, stimmen ein fast schon meditatives „Ah-ah-ah-ah“ an.
Nur ganz langsam bricht das Licht durch die Dunkelheit, wird intensiver und gibt schließlich die Gesichter des Ensembles frei.
Nach diesem mystischen Einstieg und dem melancholischen Song „Kein Wort tut so weh wie vorbei“ nimmt die Show mit „Wir sind Verona“ Fahrt auf. Das Ensemble stürmt die Bühne, bewaffnet mit langen, runden Metallstangen. Die Choreografie erinnert mich sofort an den Auftakt von Ku’damm 56: Sie werden wie die alten Mikrofonständer verwendet.
Sie symbolisieren außerdem Schwerter und Dolche, mit denen die verfeindeten Familien aufeinander losgehen – wenn sie sich nicht gerade mit bloßen Fäusten bekämpfen.
Dazu ist die Bühne in blaues und rotes Licht getaucht. Diese beiden Farben habe ich in Filmen, anderen Bühnenadaptionen und sogar Brett- und Kartenspielen rund um Shakespeares Liebespaar entdeckt. Deshalb war da sofort die Assoziation „rot – Capulets, blau – Montagus“.
Romeo performt mit einem alten Mikrofonständer, der denen aus Ku’damm 56 ähnelt, samt gelblich leuchtendem Retromikrofon sein Solo „Rosalinde“ und inszeniert sich, als stünde er auf einem echten Konzert. Als er dann auch noch das Publikum zum Klatschen animiert, denke ich nur panisch: Bitte nicht! Leider wurde mir die Fähigkeit der Gedankenübertragung bisher verwehrt. Der Saal klatscht mit.
Dabei ist Romeo eigentlich am Boden zerstört. Er ist unglücklich in besagte Rosalinde verliebt und fühlt sich, als würde er ertrinken. Felsenfest davon überzeugt, dass er sein Herz nie wieder verschenken kann, liegt er schließlich völlig lethargisch auf dem Bühnenboden. Deshalb gibt Benvolio ihm einen Rat: Er soll ihn zum Ball begleiten und dort eine neue Liebe finden, um Rosalinde zu vergessen.
Zwischen Mutter und Tochter herrscht eisige Distanz; kaum zu glauben, dass die beiden verwandt sind. Mit hochgezogener Nase und herablassendem Blick stolziert die Lady über die Bühne.
Die Amme geht viel liebevoller mit Julia um: Sie lächelt sie an, nimmt ihre Hände, spricht ihr Mut zu, nennt sie „Lämmchen“.
Sie hat einen sehr lebendigen Gesichtsausdruck – egal ob müde, erfreut, empört, verständnisvoll. Sie muss nichts sagen, man weiß auch so, was sie fühlt.
Die Amme schnürt das Mieder von Lady Capulet so fest, dass sich diese mit hohem Schlusston nach hinten biegt, was für lauten Applaus sorgt.
Lady Capulets Lied ist eindringlich, und ich würde mich bei ihrem Blick auch nicht trauen, Widerworte zu geben. Es bleibt mir im Ohr, ob ich will oder nicht.
Der Schock sitzt umso tiefer, als sie kurz darauf die bittere Wahrheit erfahren: Sie haben sich mit dem Erzfeind eingelassen! „Ein Montagu?“ – „Eine Capulet?“
Im Lied „Das Schönste“ fragt sich Julia, warum sie Romeo nicht lieben darf. „Warum ist das Schönste immer verboten? Warum hat die Ferne die hellsten Sterne?“
Schwärmerisch träumt sie von ihm. „Deine Augen, deine Lippen, deine Hände, dein Gesicht. Deine Stimme, deine Haare, deine Küsse.“
Romeo ist wie ausgewechselt und strahlt wie ein Honigkuchenpferd. Rosalinde? Sie hat ihn ja nicht zurückgeliebt, also hat er sich eine neue Liebe gesucht.
Die beiden haben ein sehr schönes Duett: „Dann fall ich“. Das kenne ich nicht nur von der CD. Ich habe es auch beim Konzert „This is the Greatest Show“ live gehört und es hat mir sehr gut gefallen. Romeo und Julia sind sich bewusst geworden, dass sie sich hoffnungslos ineinander verliebt haben. Sie sind überglücklich, gleichzeitig auch verwirrt und überwältigt von den Gefühlen, weil es neu für sie ist – selbst für Romeo, der schon einige Male für Mädchen geschwärmt hat, nur eben nicht so intensiv, wie er für Julia empfindet.
Benvolio sprüht durch sein junges Aussehen Lausbuben-Charme.
Tybalt dagegen erscheint selbstbewusst, fast schon arrogant, und weiß, was er will. Er provoziert gerne und geht Streit nicht aus dem Weg.
Normalerweise mag ich ja keine hohen Stimmen, und diese ist wirklich extrem hoch, aber ich war schon beim bloßen Anhören der Lieder so fasziniert davon, weil sich die Stimme so von den anderen abhob und auffiel.
Seine Mimik zeigt keine Regung. Da wusste ich nicht, was er denkt, was ich sehr passend für einen Todesengel finde.
Sein Gang ist fast schon schwebend, was auch am langen, weiten Gewand liegt, das er trägt. Das weiß geschminkte Gesicht und der Mund, der mit schwarzer Farbe kleiner geschminkt wurde, lassen ihn unheimlich und geisterhaft erscheinen.
Sein Solo im zweiten Akt wird zu meinem persönlichen Highlight des Abends.
Auch die Amme kann mit starken Soli punkten, wobei diese eher humorvoll sind und so auflockern und für gute Laune sorgen. Sehr lustig finde ich, wenn sie über „Hormone“ singt. Als Botin hat sie eine Nachricht an Romeo überbracht und musste sich dabei dumme Sprüche von Mercutio anhören. Sie ist jedoch resolut und ließ die Gemeinheiten an sich abprallen. Dafür warnte sie Romeo, Julia stets gut zu behandeln und griff ihm dabei zwickend ans Ohr, sodass er aufschrie und das Gesicht verzog.
Jetzt ist sie auf dem Rückweg – müde, verschwitzt und ratlos über die verliebte Jugend von heute. Sie entscheidet, dass sie die Ahnungslose geben wird und nichts von der heimlichen Liebe wissen will.
Den tosenden Applaus nach diesem Song genießt sie sichtlich: Sie verharrt sekundenlang in ihrer Pose und animiert das Publikum mit einer lässigen Handbewegung, ruhig noch lauter zu klatschen. Schließlich lässt sie sich erschöpft auf die Drehbühne sinken und stöhnt: „Ich brauche eine Pause.“
Ehrlich gesagt: Das wäre für mich der perfekte Cliffhanger für das Ende des ersten Aktes gewesen. Ich habe eigentlich gerechnet, dass nun auch tatsächlich Pause ist. Sie hätte etwa noch sagen können: „Ihr habt euch jetzt auch eine verdient.“
Es geht jedoch noch weiter. „Celebrata Culpa“ wäre für mich wegen seiner ähnlichen Klangmelodie zur Ouvertüre eine stimmige Eröffnung des zweiten Aktes gewesen. Es passt allerdings auch in der gewählten Version.
In der Mitte ist das große Tor, das sich auf öffnen lässt. Sowohl das Gerüst als auch das Tor sehen tatsächlich so aus, als wären sie aus Holz.
Die Drehbühne wird sinnvoll eingesetzt: Durch die entgegengesetzte Drehung können sich die Darsteller dynamisch fortbewegen, während sie optisch auf der Stelle bleiben.
Die Bänke dienen nicht nur als Sitzflächen: In Kombination mit einem einfachen weißen Laken verwandeln sie sich im Handumdrehen in Julias Bett – und wir wissen sofort, dass wir uns in ihrem Zimmer befinden. Später, im düsteren Licht, werden dieselben Bänke zur bedrückenden Gruft. Auch die Metallstangen erweisen sich als wandelbar. Teilt man sie in der Mitte, werden sie zu tödlichen Dolchen. In voller Länge wiederum deuten sie die Mauern der Kirche an, in der Romeo und Julia heimlich getraut werden.
Auch echtes Feuer wird eingesetzt: Die beiden Feuerfackeln haben wieder etwas Altertümliches. Sollen sie wieder auf die Handlungszeit des Originals hinweisen? So sehe ich es jedenfalls. Mir gefällt das gut. Das Feuer hat etwas Warmes und könnte auch für die Liebe stehen, zumal Romeo und Julia in einer Szene, wenn auch ohne diese Fackeln, „Ich brenn für dich“ singen.
Wenn Feuer außer Kontrolle gerät, bedeutet das jedoch Gefahr. Und am Ende verbrennen sich Romeo und Julia an dieser Liebe und sterben.
Glühlampen lassen die ansonsten dunkle Bühne vor allem bei romantischen Szenen erhellen. Sie werden in einer exakten Choreografie abwechselnd ein- und ausgeschaltet. Das hat mich sofort an meinen Besuch bei Holiday on Ice erinnert, wo ich stundenlang auf den faszinierenden „Lichterteppich“ hätte starren können! Die Lampen hier wechseln zwar nicht die Farben, sind aber trotzdem stimmungsvoll, z. B. als Romeo auf der Drehbühne geht und immer die Lampe aufleuchtet, zu der er seinen Fuß vorsetzt – fast immer zum richtigen Zeitpunkt.
Zweimal wurde ich so stark vom Scheinwerfer geblendet, dass ich kaum etwas erkennen konnte. Ich sah nur Schemen, die sich länger küssten. Nur weil die beiden schon vorher dort standen, weiß ich, wer sich da küsst.
Lady Capulet trägt zwar zuerst einen orangenen Morgenmantel und eine Art kurzen, rosafarbenen Jumpsuit, steigt jedoch in ein Kleid, das für mich sehr nach „Vergangenheit“ aussieht. Das passt zu ihrem bereits angesprochenen Lied über die Reichen. Ich finde, dieses Kleid unterstreicht, dass sie eben nicht so fortschrittlich denkt und meint, dass der Mann immer recht hat. Daran ändert auch ihre voluminöse Frisur in grellem Orangerot nichts.
Gut gefällt mir, dass sich ein Teil des Kleiderstoffes auch im Mantel von Lord Capulet wiederfindet, was für mich für Zusammengehörigkeit steht. Auch wenn sie es nicht gesagt hätten, hätte ich daraus geschlossen, dass sie miteinander verheiratet sind.
Auch bei der Amme ist zu erkennen, dass Shakespeare das Originalstück im 16. Jahrhundert angesiedelt hat: Sie trägt einen blauen Rock, eine weiße hochgeschlossene Bluse und eine weiße Haube.
Pater Lorenzo trägt grün, die Farbe der Hoffnung – und vom Helden aus dem Sherwood Forest. Als er sich zum ersten Mal die Kapuze überzieht, hat mich das an Robin Hood erinnert, auch wenn das von den Kostümbildern vielleicht gar nicht so beabsichtigt ist. Für mich ist es ungeachtet dessen stimmig, weil er sich auch für andere einsetzt, in diesem Fall Romeo und Julia. Er traut sie sogar heimlich gegen den erbitterten Willen ihrer Eltern.
Mir gefällt das allerdings sehr gut, und ich finde es auch stimmig. Es ist erfrischend und kommt mir gleichzeitig wie Respekt vor dem Original vor.
Der Pater verspricht sich einmal, korrigiert das Wort und redet weiter. Gestört hat es mich nicht. Hätte er einfach weitergesprochen, wäre es vielleicht überhaupt nicht aufgefallen.
Die Musik übertönt die Sänger nicht, auch wenn der Sound wuchtig wird. Überhaupt funktioniert der Ton gut. Ich habe alle jederzeit gut verstanden.
Bei einem Lied vibriert der Boden. Da muss ich sehr an den Anfang von „Tina“ in Stuttgart denken, wo das auch der Fall ist.
Es wurde gewartet, ehe das Lied vorbei war, ehe geklatscht wurde. Teilweise hatte ich sogar das Gefühl, als traue sich niemand, den Bann zu brechen, wodurch der Beifall oft mit einer kleinen Verzögerung einsetzte.
Zum Glück blieb ich auch von schrillen Pfiffen verschont, die mir sonst immer ein fieses Klingeln im Ohr bescheren. Selbst das kollektive Mitklatschen – worauf ich ja gut und gerne verzichten kann – hielt sich im erträglichen Rahmen.
Im zweiten Akt schien das Publikum aufzutauen. Es wurde häufiger mitgeklatscht, etwa gleich zu Beginn bei „Liebe ist alles“.
Für sie ist es ein Stück, das man problemlos mehrere Male besuchen kann. Sie sagte, dass man merkt, dass es musikalisch vom gleichen Team wie „Ku’damm 56“ ist. Der Stil ist eben gleich, aber sie mag ihn und findet, dass sie ein Händchen für Ohrwürmer haben.
Mir gefällt, dass sich die Handlung größtenteils ans Original hält und nicht zu viel ändert. Zu oft driften mir moderne Adaptionen in ein „Nur die Namen sind gleich, die Geschichte ist völlig anders“ ab.
Hier greifen die kleinen Änderungen stattdessen stimmig ineinander, ohne wie Fremdkörper zu wirken.
Die Musik kann man sich auch so anhören. Die Lieder fügen sich gut ein und unterstützen die Handlung.
Ich mag diesen Mix aus moderner Kleidung und Musik, aber altertümlicher Sprache. Da ich das bisher in noch keinem anderen Musical erlebt habe, ist das etwas Besonderes für mich.
Das Musical kommt in meinem Ranking auf 192 Punkte und landet damit auf dem 2. Platz, nur einen Punkt hinter „Schneewittchen“, das weiterhin die Spitze behaupten kann.
Jetzt bin ich wirklich schon sehr auf die Show in Frankfurt im Januar gespannt.
Schiggy zieht ihr ganz persönliches Schildkröten-Fazit: Nachbarschaftsstreits sind extrem anstrengend, verbotene Dinge verdammt verlockend, aber ein grandioser Musical-Abend ist einfach unbezahlbar!
Bis zum nächsten Abenteuer
Eure Schiggy
Highlight des Tages: „So kalt der Tod“
Bestes Solo: es gibt so viele starke Soli, da kann ich mich einfach nicht entscheiden
Bestes Duett: „Dann fall ich“
Ohrwurm des Tages: „Halt dich an die Reichen“
Beste Ensemblenummer: „Celebrata Culpa“
Lustigster Moment: „Hormone“
Emotionalster Moment: „Es tut mir leid“
4. Besetzung der besuchten Vorstellung
Schiggy saß im Publikum – aber wer
stand eigentlich auf der Bühne?
Julia: Laura Schatz
Romeo: Mats
Visser
Amme: Beatrice
Reece
Mercutio: Cedric
Schröter
Tybalt: Christian
Böck
Benvolio: Dominik
Räk
Pater Lorenzo: Pascal
Cremer
Lady Capulet: Sophie
Mefan
Lord Capulet: Fredy
Kuttipurathu
Todesengel: Giuseppe
Dulcetta
In weiteren Rollen: Elvin
Karakurt, Lisa Maria Hanselmann, Alessia Trombetta, Michaela Giada Ventura
Cassano, Malcolm Henry, Ilario Marco Russo
Dirigent: Justin
Lehmann-Friese
Capulet-Kapelle: Peter
Geltat, Ludwig Kociok, Anni Müller, Christopher Zabel
Julia: Laura Schatz
Diesen Abschnitt solltest du wirklich nur lesen, wenn du die wesentlichen Handlungselemente des Musicals bereits kennst oder sie bewusst erfahren möchtest.
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Zu Beginn ist nur die Mitte erleuchtet, wo ein Laken etwas verdeckt. Was mag sich darunter befinden? Das Laken wird entfernt. Romeo und Julia liegen gemeinsam in der Gruft. Da der Klassiker von Shakespeare so bekannt ist, dürfte es keine Überraschung sein, dass die Geschichte tragisch endet. Romeo und Julia sind tot. Wir sind also praktisch am Ende. Ich erwarte nun, dass das Stück am Schluss des zweiten Aktes wieder an dieser Stelle ansetzt und sich so der Kreis schließt. Diese Art mag ich sehr.
Julia ist fest entschlossen, sich trotz des Verbots ihrer Eltern nicht von Romeo zu trennen und sagt: „Ich gebe dich nicht auf.“ Obwohl eine zarte Unsicherheit mitschwingt, dass er ihr das Herz brechen könnte, untermauert sie ihr Liebesversprechen mit absolutem Nachdruck: „Weil ich‘s einfach nicht kann.“
Doch nach Romeos Verbannung bricht Julias Welt zusammen. Eine gemeinsame Zukunft scheint unmöglicher denn je. Sie verbarrikadiert sich unglücklich in ihrem Zimmer, während die Amme im Solo „Jung sein“ mitleidet. Der Song erinnert schmerzhaft daran, wie unbarmherzig das Leben für junge Liebende sein kann. Da möchte sie „nicht mehr jung sein – nicht mal geschenkt, nicht mal für Geld“.
Die sehnsuchtsvollen Blicke, die Mercutio ihm zuwirft, scheint dieser nicht zu bemerken.
Diesen Twist finde ich sehr interessant. Dadurch sehe ich seinen Einsatz beim Duell mit anderen Augen. Er scheint nicht nur aus Freundschaft und Solidarität an Romeos Stelle gegen Tybalt zu kämpfen, sondern aus Liebe zu ihm. Erhofft er sich so dessen Aufmerksamkeit und ihn so für sich gewinnen?
Als Romeo verkündet, dass er Rosalinde vergessen hat, stiehlt sich ein Lächeln in Mercutios Gesicht, nur um kurz danach zu entgleiten, als er den Grund dafür erfährt: Nicht etwa er, ein anderes Mädchen, Julia, ist dafür verantwortlich.
Das könnte seinen herablassenden Umgang mit der Amme erklären. Er scheint seinen Frust darüber an ihr auszulassen, indem er sie äußerlich abwertet.
Geblendet vom Lichtstrahl, erkenne ich nur zwei sich küssende Schemen. Nur weil ich vorher Tybalt und Mercutio stehen gesehen habe, weiß ich, dass sie diejenigen sind.
Romeo muss schließlich mitansehen, wie der Todesengel alle wie Marionetten an weißen Leinen hält. Mir kommt es so vor, als würde er sie einfangen und in sein Todesreich ziehen. Ihre Versuche, ihm zu entkommen, erscheinen zwecklos. Der Todesengel hat die Fäden in der Hand.
Romeo geht auf die Knie und hält sich die Ohren.
Außerdem sind da erneut die drei Frauen in ihren beigen Stofffetzen und dem Stoff vor ihren Gesichtern. Sind sie Geister?
Im ersten Akt umschwärmt jede von ihnen Romeo, Mercutio und Benvolio. Zu dem Zeitpunkt habe ich sie als gesichtslose Frauen interpretiert, weil die drei entweder nicht wissen, wen sie lieben können, Liebe für sie nur etwas Belangloses bedeutet oder sie keine Chance auf ihre Liebe sehen.
Da bin ich schon sehr auf den zweiten Besuch im Januar gespannt und werde dann besonders auf diese Frauen achten.
Sehr emotional wird es beim Solo von Pater Lorenzo. Er spricht offen aus: „Es tut mir leid.“ Er macht sich schwere Vorwürfe, dass der Brief mit dem Plan Romeo nicht erreicht hat und dieser so nicht weiß, dass Julia nur einen Schlaftrunk eingenommen hat. Mit niedergeschlagenem Blick quält ihn die Frage, warum er die Nachricht nicht einfach selbst überbracht hat – wo es ihm doch so wichtig war. Diese Szene hat mich eiskalt erwischt. Mit Tränen in den Augen steht der sonst so gelassene Pater vor der erstarrten Lady Capulet und der Amme, sucht verzweifelt Blickkontakt und fleht um Verzeihung. Die Situation scheint ihn innerlich regelrecht aufzufressen.
Gleichzeitig umkreisen ihn blau gekleidete Gestalten mit runden, schüsselförmigen Hüten, die ihm immer wieder Briefe vor die Nase halten. In früheren Szenen wirkten sie wie Mönche, doch in diesem Moment erinnerten sie mich – auch wegen der tentakelartigen Streifen ihrer Gewänder – eher an giftige Quallen, die den Pater quälen und ihn unaufhörlich an sein Versagen erinnern. Durch ihre blaue Farbe – die ich fest mit den Montagus verknüpft habe – und Romeos fatalen Griff zum Gift, brannte sich diese düstere Assoziation tief in mein Gedächtnis.
Dieses Solo fand ich emotional sogar noch packender als die darauffolgenden Freitode von Romeo und Julia. Vielleicht, weil man das Schicksal der Liebenden ohnehin kennt und jede Hoffnung längst verflogen ist. Doch Lorenzos schiere Verzweiflung und seine erdrückenden Schuldgefühle trafen mich völlig unvorbereitet.
Das anschließende Lied „Wie weit ist vorbei“ finde ich auch schön und traurig. Die beiden toten Liebenden liegen in der Gruft, womit sich der Kreis vom Anfang schließt.
Die fassungslosen Angehörigen stehen schweigend um sie herum. In diesem Moment des ultimativen Verlusts denkt niemand mehr an die alte Fehde. Im Schmerz sind plötzlich alle gleich: Sie sind trauernde Menschen, die jemanden verloren haben.
Pater Lorenzo setzt sich vor uns. An den Rändern stehen Lady Capulet und die Amme. Sie verkünden „Der Krieg ist vorbei“, dem letzten Lied vor dem Schlussapplaus.
Als sich der Vorhang ein allerletztes Mal öffnet, präsentiert sich das gesamte Ensemble in moderner Alltagskleidung. Mit den Kostümen über dem Arm singen sie die aufrüttelnde Zeile: „Nach dem Krieg ist vor dem Krieg.“ Durch die heutige Kleidung wirkt diese Botschaft erschreckend aktuell und schmerzhaft zeitlos.
Am Ende werfen sie ihre Kostüme auf einen gemeinsamen Haufen in der Mitte, die vorhin noch die Gruft dargestellt hat. Ich frage mich, ob das einen Scheiterhaufen darstellen könnte, auf dem sie die Kostüme verbrennen, um mit der Vergangenheit abzuschließen.
Sofort stehen die Zuschauer auf und applaudieren und jubeln. Zwei Lieder gibt es als Zugabe, und ja, ich lasse mich mitreißen und klatsche mit.
Nach dem Spendenaufruf für die Aidshilfe Düsseldorf endet der Abend. Bevor der Vorhang endgültig schließt, macht meine Schwester noch schnell ein Foto vom
potentiellen Scheiterhaufen.













