Schiggy war wieder unterwegs und wollte „Des Kaisers neue Kleider“ in Hanau bestaunen. Im ganzen Land sprach man davon, dass man solch prächtige Gewänder noch nie zuvor gesehen hatte.
Nachdem ich in den vergangenen Jahren von den Musicals der Brüder Grimm Festspiele jedes Mal begeistert war, wollte ich dieses Jahr auch einmal eines der Theaterstücke besuchen.
1. Eckdaten zur Vorstellung
Titel: Des Kaisers neue Kleider
Art: Theaterstück
Ort: Amphitheater Hanau
Sprache: Deutsch
Datum: 18. Juli 2026
Beginn: 14:00 Uhr
Reihe / Platz: 1, Platz 36
Dauer (inkl. Pause): 2 Stunden
Vorlage: das gleichnamige Märchen von Hans Christian Andersen
Hinweise: /
2. Mein Eindruck von der Show
Noch vor der eigentlichen Vorstellung läuft ein Mann durchs Publikum und verteilt an einige Zuschauer Flyer. Er spricht von einem Protest gegen den Kaiser. Wer ist er? Was hat er vor? Möchte er den Kaiser stürzen?
Im Gegensatz zu den Musicals, die ich bisher in Hanau gesehen habe, hält sich dieses Theaterstück sehr eng an das Märchen und bringt gleichzeitig neue Ideen ein, die für frischen Wind sorgen.
Kaiser Friedrich hat eine Kleiderordnung erlassen. Außer montags ist für jeden Wochentag eine bestimmte Farbe vorgeschrieben.
Welche Farbe an welchem Tag vorgeschrieben ist, teilen die beiden Diener Hans-Georg – vom Kaiser nur H-G genannt – und Rüdiger mit. Es ist zwar Montag und damit freie Kleiderwahl, Turnschuhe sind jedoch trotzdem nicht erlaubt. Den beiden aufmerksamen Lakaien fällt auch sofort auf, dass sich ein Zuschauer in der ersten Reihe nicht daran gehalten hat. Prompt verteilen sie einen Strafzettel über 30 Dukaten. Auch Kaffeeflecken und „unmögliche" Kleidungskombinationen werden geahndet.
Diese Publikumseinbindungen gleich zu Beginn sorgen für viele Lacher – und sie sollen nicht die einzigen bleiben. Im späteren Verlauf leiht sich die Gräfin eine Brille von einer Zuschauerin, weil sie angeblich ihre vergessen hat und ohne sie nichts sehen kann.
Am Souvenirstand hängt ein Hinweis, dass der Kaiser an diesem Tag von Patrick Dollmann gespielt wird. Im Programmheft ist dagegen Christopher Krieg als Kaiser aufgeführt. Da Patrick Dollmann dort nicht erwähnt wird, gehe ich davon aus, dass er kurzfristig eingesprungen ist. Wie viel Vorbereitungszeit ihm blieb, weiß ich nicht. Davon war auf der Bühne allerdings nichts zu merken: Er wirkte sehr sicher und spielte die Rolle, als wäre sie von Anfang an für ihn vorgesehen gewesen. Auch die übrigen acht Darsteller überzeugten in ihren Rollen.
Wilhelm möchte unbedingt eine Audienz beim Kaiser. Er hat einen Brief seines Vaters dabei, den er ihm unbedingt übergeben möchte. Auf Anraten von Matthias, dem Mann, der zuvor die Flyer verteilt hat, gibt er sich als Schneider aus Paris aus. Genau daraus ergeben sich einige herrlich komische Szenen. Angeblich versteht Wilhelm kein Wort Deutsch, weshalb Matthias den Dolmetscher spielt. Dabei übersetzt er jedoch völligen Unsinn: Aus „Das Gewand muss schon am Samstag fertig sein.“ wird „Crème fraîche“ und aus einer Kerkerhaft wird plötzlich „Le misérable Guillotine“.
Matthias schlägt sich den Bauch mit Obst und Gebäck voll und bereichert sich an den goldenen Knöpfen, die für die neue Kleidung des Kaisers gedacht sind. Während er seine neue Rolle sichtlich genießt, plagt Wilhelm zunehmend sein schlechtes Gewissen.
Das liegt vielleicht auch an Rosalie, der Tochter des Kaisers. Beim ersten Aufeinandertreffen sind beide sprachlos und starren sich nur an. Ist das etwa Liebe auf den ersten Blick?
Sie ist die Vorschriften leid und möchte dem goldenen Käfig entfliehen. Oft sitzt oder steht sie mit verschränkten Armen und einem gelangweilten Gesichtsausdruck da.
Dorothea, Gräfin von Voss, scheint ernste Probleme mit Raucherhusten zu haben. Immer wieder hustet sie, wobei eine Wolke aus Rauch (Mehl?) entsteht. Dieser Effekt hat mich beim ersten Mal wirklich überrascht. Im weiteren Verlauf nutzte er sich für mich allerdings etwas ab. Ich fand es aber gut, dass es konsequent durchgezogen wurde. So wirkte das glaubwürdiger, als hätte sie es nur ein- oder zweimal getan.
Als Finanzminister sollte Hofstetten über die Staatskasse wachen, aber er kommt nicht gegen den Kaiser an. Zwar warnt er immer wieder davor, dass nicht genügend Geld vorhanden ist, doch das prallt am Kaiser ab wie an einer Wand. Er scheint aber auch kein großes Durchsetzungsvermögen zu haben und wirkt manchmal etwas unbeholfen.
Dass Dorothea und Hofstetten nicht glücklich sind, zeigen sie in einem Duett, in dem sie beklagen, dass sie gerne tragen würden, was sie selbst möchten.
Beide finden auch später zueinander und küssen sich stürmisch unter dem Beifall des Publikums, was sogar eine Zugabe bekommt.
Von Racknitz strahlt hingegen Selbstbewusstsein aus, aber irgendetwas an seinem Lachen wirkt falsch. Wie sich später herausstellt, war mein Verdacht, dass man ihm nicht trauen sollte, nicht unbegründet.
Hans-Georg und Rüdiger sind hibbelig und laufen mit hochgezogenen Knien im Gleichschritt. Hat der Kaiser das von ihnen verlangt? Glücklich sehen sie nicht aus. Besonders Rüdiger scheint Angst vor Strafen zu haben. Die weit aufgerissenen Augen und die unsicheren Blicke, die er Hans-Georg zuwirft, verraten ihn.
Kaiser Friedrich liebt es exzentrisch. Bunte, extravagante Kleidung und farbenfrohe Perücken sind ihm noch zu langweilig. Im Kaiserreich hält sich das Gerücht, dass er sich stündlich umzieht. Er ist ein eitler Pfau, der sich ständig im Spiegel betrachten muss. Dass das Volk leidet, ist ihm schlichtweg egal. Hauptsache, er kann seinen Lebensstil halten. Wenn nicht genug in der Staatskasse ist, muss er nicht sparen. Nein, stattdessen werden einfach neue Steuern eingeführt, zuletzt sogar eine Luftsteuer auf das Ein- und Ausatmen.
Dass sich darüber Unmut im Volk breitmacht, ist mehr als nachvollziehbar.
Mit dem Trick eines Stoffes, den angeblich nur kluge Menschen oder jene sehen können, die ihres Amtes würdig sind, werden die Bewohner des Schlosses vorgeführt. Aus Angst, vom Kaiser entlassen zu werden, oder auch aus einem ganz anderen Motiv, das ich nicht verraten werde, falls sich jemand das Stück noch ansehen möchte, tun sie so, als würde das prächtigste Gewand aller Zeiten entstehen. In einem Lied werden dann alle möglichen Farben besungen, was die Zuschauer zum Mitklatschen animiert. Davon bin ich bekanntlich kein Fan und dachte nur, dass ich selbst bei einem Theaterstück nicht davor verschont bleiben würde. Ich möchte den Text in Ruhe hören, nicht das Klatschen der Zuschauer.
Interessant fand ich auch, wie unterschiedlich jede Figur die vom Kaiser vorgeschriebene Kleiderordnung umsetzt:
- Wilhelm und Matthias durch Westen
- Hans-Georg und Rüdiger durch Westen und Brillen
- Rosalie durch Haarspange und Akzente am Kleid
- Dorothea durch Akzente am Kleid und Blumen auf dem Kopf
- Hofstetten durch Schärpe und Taschentuch
- Von Racknitz durch Weste und aufgerollte Locken
Nur die Kleidung des Kaisers war immer eine Überraschung, denn er selbst hält sich nicht daran, sondern trägt, was ihm beliebt.
Auch die Bühne wird an mehreren Stellen in der Tagesfarbe beleuchtet. Selbst bei der Nachmittagsvorstellung kam die farbige Beleuchtung gut zur Geltung. Am Abend dürfte die Wirkung allerdings noch stimmungsvoller sein.
Die Bühne hatte drehbare Türelemente, sodass jederzeit erkennbar war, ob die Szene draußen oder im Schloss spielte.
In der oberen Etage gab es eine verschiebbare Wand, sodass, falls gewünscht, das Umkleidezimmer des Kaisers zu sehen war. Immer, wenn er sich umzog, öffnete sich der Schrank, und Kleidung und Perücke fielen heraus.
Sehr überrascht war ich, als sich die Hälfte der unteren Bühne drehte und den Blick auf das Schneiderzimmer freigab. Dort konnte Wilhelm am Webstuhl so tun, als würde er den Stoff bearbeiten, und Matthias die imaginären Kleidungsstücke einer Schneiderpuppe anziehen.
Es gab in manchen Szenen Stühle oder kleinere Requisiten, wie einen Obstkorb oder Hofstettens Kiste mit Kaktus. Die Bühne wirkte so nicht überladen.
Bevor der Kaiser sich in seiner neuen Kleidung dem Volk präsentiert, werden wir von Matthias erst noch eingewiesen. Dazu hat er vier Schilder vorbereitet. Je nach Schild sollten wir applaudieren, „Bravo“ rufen (teilweise auch beides), dem Kaiser versichern, „Was für ein wunderschönes Gewand“ er trägt (W. f. e. w. G. – der ganze Satz hat nicht auf das Schild gepasst), oder – nein, nicht „Pssst“ sagen – ganz ehrfürchtig still sein.
Diese Idee hat mir sehr gut gefallen. Das Publikum hat auch mitgemacht. So konnte das Finale beginnen. In Unterwäsche und langer, grauer Perücke zeigt sich der Kaiser, und wir reagieren entsprechend den Anweisungen. Erst ein Kind löst die Situation auf („Du bist ja ganz nackt.“), woraufhin ein Zuschauer "Bravo" ruft. Dieser wird von Matthias kopfschüttelnd auf das aktuell geltende "Pssst" aufmerksam gemacht.
Mit einer Reprise von Dorotheas und Hofstettens Duett (dieses Mal aber von allen gesungen) endete das Stück.
Wir haben in der ersten Reihe gesessen und hatten eine gute Sicht auf die Bühne. Eine Bekannte, die wir dort getroffen haben, saß in Reihe 7, Platz 40 und erzählte uns später, dass auch sie sehr gut gesehen hat. Die Reihen scheinen also ausreichend anzusteigen, denn sie ist noch kleiner als ich.
Auch der Ton war jederzeit verständlich. Bei den beiden Liedern wurden die Sänger nicht von der Musik übertönt.
Insgesamt hat mir das Theaterstück sehr gut gefallen. Wir mussten während der gesamten Vorstellung immer wieder lachen. Ich finde die Umsetzung sehr gelungen. Ich mochte auch, dass so viel mit dem Publikum agiert wurde und auf spontane Reaktionen von Zuschauern eingegangen wurde.
Die Adaption bleibt der Vorlage treu und bietet dennoch eine moderne und erfrischende Interpretation. Das ist ein Stück, das ich mir erneut anschauen könnte.
3. Schiggys persönliche Highlights
Lieblingsszene: das Finale
Überraschung des Tages: als man zum ersten Mal das Schneiderzimmer sehen konnte.
Lustigster Moment: schwierig, dafür gab es einfach zu viele
Emotionalster Moment: als Hofstetten „seinen Schreibtisch räumen muss“ – wortwörtlich.
4. Die Besetzung
Schiggy saß im Publikum. Aber wer stand auf der Bühne?
Wilhelm: Raphael Grosch
Matthias: Fabian Baecker
Kaiser Friedrich der Schöne: Patrick Dollmann
Hofstetten: Benedikt Selzner
Von Racknitz: Detlev Nyga
Rosalie: Maria Arnold
Dorothea, Gräfin von Voss: Barbara Seeliger
Hans-Georg: Jiri Dehmel
Rüdiger: Rosa Alice Abruscato