Freitag, 17. Juli 2026

Schiggy unterwegs... Der Freischütz - Albtraum für Deutschland in Bonn

 



Schiggy war wieder unterwegs und hat einen „Albtraum für Deutschland“ (so der Untertitel) erlebt. Würde diese Inszenierung auch für mich zum Albtraum werden?

1. Eckdaten zur Vorstellung

Titel: Der Freischütz – Albtraum für Deutschland
Art: Oper
Ort: Oper Bonn
Sprache: deutsch
Datum: 04.07.2026
Beginn: 19:30 Uhr
Reihe / Platz: Reihe 1, Platz 11
Dauer (inkl. Pause): ca. 3 Stunden
Vorlage: Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“
Hinweise: Es ist nicht die klassische Inszenierung, sondern eine sehr freie, moderne Interpretation

 

2. Mein Eindruck von der Show

Durch Zufall bin ich zwei Tage vor der Veranstaltung auf eine Kritik gestoßen. Dadurch erfuhr ich erst, dass mich keine klassische Inszenierung des Freischütz erwarten würde, sondern eine sehr moderne Interpretation, bei der Texte und Rollenauslegungen verändert wurden.
Ich stehe modernen Adaptionen grundsätzlich positiv gegenüber, weil sie oft etwas Frisches in altbekannte Geschichten hineinbringen. Trotzdem war ich etwas enttäuscht, weil ich die Musik von dieser Oper so mag und mich auf eine klassische Inszenierung eingestellt hatte.
Ich hätte mir eine klarere Kommunikation gewünscht, dass es sehr modern und politisch wird. Auch der Untertitel war mir zum Zeitpunkt des Kaufs nicht bekannt. Der Regisseur soll wohl genau für diese Art bekannt sein. Das war mir vorher nicht bewusst. Der Freischütz und Die Zauberflöte sind die einzigen Opern, die ich bisher gesehen habe. Ich bin also nicht tief in der Opernwelt drin und kenne viele Namen und Regiehandschriften nicht.
Gut, nun war ich vorbereitet und wusste, dass ich in zwei Tagen eine ungewöhnliche Adaption sehen würde. Andere Zuschauer waren wohl richtig überrascht, denn kurz nach Beginn bemerkte ich Unruhe im Saal. Plötzlich wurde die Dunkelheit durch den Lichtschein einer geöffneten Tür durchbrochen, die kurz darauf wieder ins Schloss fiel.
Wie immer habe ich, wenn es so etwas gibt, ein Programmheft gekauft. Darin lag auch die Besetzungsliste der heutigen Show. Bei Ännchen wurde zwischen Gesang und Schauspiel unterschieden und es gab den Hinweis, dass sie für Nicole Wacker spielten. Das hat direkt meine Neugier geweckt. So etwas hatte ich damals bei Liebe, Mord und Adelspflichten erlebt. Der Darsteller hatte krankheitsbedingt keine Stimme. Sein Sprachrohr war ein anderer Darsteller, der am Bühnenrand stand und ihm seine Stimme lieh. Gerade das hatte die Show für mich zu etwas Besonderem gemacht. Also war ich direkt gespannt, wie es hier umgesetzt wurde.
So trat dann auch vor Beginn der Intendant vor und erzählte genau davon. Da ja die Texte eigens für Bonn geschrieben wurden, konnte nicht einfach kurzfristig eine andere Sängerin einspringen. Diese würde eben an der Seite stehen und die Texte ablesen. Die Regieassistentin hatte sich bereiterklärt, den schauspielerischen Teil zu übernehmen. Und um uns so richtig zu verwirren, gäbe es in einer Szene eine längere Videosequenz, in der die ursprüngliche Darstellerin zu sehen sei. So würden wir diese wenigstens auch kennenlernen.

Die Musik beginnt, und diese Ouvertüre mag ich ja besonders gerne. Sie ist sehr lang. Man hört die Bläser und Hörner heraus. Da denke ich automatisch an Wald und Jäger. Während dieser Ouvertüre wurden Bilder gezeigt: abwechselnd von strahlenden, hellhäutigen, blonden Familien, oft in bayerischer Tracht, und Menschen mit dunklen Haaren und/oder Hautfarbe, die nicht gerade glücklich wirken. Dass es keine gemeinsamen Fotos gibt, erweckt den Anschein, als sei hier keine Zusammengehörigkeit gewünscht, als gäbe es eben zwei Arten von Menschen. Da ahnte ich schon, warum es in der Kritik hieß, dass der Regisseur nicht für subtile Inszenierungen bekannt ist.
Am Ende der Ouvertüre werden die Fotos nochmals im Schnelldurchlauf gezeigt, wobei das noch untertrieben ist. Die Bilder wechselten so schnell, dass es wie zuckende Blitze wirkte, und ich musste mir die Augen zuhalten. Mir wird bei so etwas schnell schwindlig.
Die Handlung wurde nach Bonn ins Jahr 2029 gelegt. Wir stehen kurz vor den Wahlen. Der ehemalige Plenarsaal ist inzwischen von Pflanzen überwuchert. Diesen Ort hat sich eine rechtsradikale Partei als Parteisitz ausgesucht. Sie wollen an die Macht kommen. Kanzlerkandidatin ist eine blonde Frau in blauem Kostüm, die Samiel genannt werden will. Wer die ursprüngliche Fassung kennt, weiß, dass Samiel die Verkörperung des Teufels ist. In dieser Version ist diese Rolle viel präsenter. Man könnte schon fast sagen, es ist eine der Hauptrollen.
Während die Parteien ihre Parolen, Gewehre und Schlagstöcke schwingen, werden im Hintergrund Zitate der AfD eingeblendet. Diese sind nicht immer vollständig lesbar, weil ein riesiger Bundesadler vor der Wand hängt, wodurch die Projektionen „geknickt“ werden und nicht komplett zu erkennen sind.
Max ist ein Kriegs-Veteran, der seine traumatischen Erlebnisse in Afghanistan immer noch mit sich herumträgt.
Agathe ist wie Ännchen eine sogenannte Tradwife. Beide teilen als Influencer ihr traditionelles Leben mit der Welt.
Kaspar ist ein rechtsradikaler Kampfsportler.
 
Gesanglich konnten mich die Darsteller überzeugen. Sehr schöne, klare Stimmen, ohne Wackler. Das hat sich sehr angenehm angehört.
Überrascht war ich, als ich Agathe gesehen habe. Das Gesicht der Darstellerin kam mir so bekannt vor. War sie etwa auch in der Inszenierung in Wiesbaden dabei gewesen, die ich letztes Jahr gesehen habe? Ein Blick zuhause in die Besetzungsliste bestätigte meine Vermutung. Sie war es also tatsächlich. Schon damals hat mir ihre Stimme gut gefallen. Normalerweise habe ich es ja nicht so mit Sopranstimmen, weil ich da schon ein paar schrille, unangenehme Töne gehört habe. Das war hier aber nicht der Fall.
 
Die Sängerin des Ännchen hatte ebenso eine klare Stimme. Ich fand ihre Mimik dabei interessant. Sie sang nicht einfach nur, sie fühlte es richtig mit, setzte dazu auch Gestik ein.
Der Regieassistentin merkte man dagegen an, dass sie keine Routine hatte. Sie stand meist regungslos auf der Bühne und bewegte nur gelegentlich die Arme. Da sie die Lippen nicht bewegte, war das dann etwas seltsam, aber tragisch fand ich es nicht. Wer weiß, wann sie auch davon erfahren hat. Ich finde es toll, dass sie eingesprungen ist, und die Vorstellung dadurch nicht ausfallen musste. Von mir deshalb ein großes Lob an beide Ännchen-Vertreterinnen. Mit der bereits angekündigten Videosequenz, die aus einer Abfolge verschiedener Fotos von Ännchen bestand, war dann auch die ursprüngliche Darstellerin zu sehen. Dabei kam mir noch eine mögliche Interpretation in den Sinn: Es wird oft kritisiert, dass Menschen in sozialen Medien mit Filtern ihr Aussehen verändern und der Welt eine bearbeitete Version von sich zeigen. Warum also nicht auch Ännchen? Vielleicht sehen wir gleichzeitig ihr „echtes“ Aussehen (die Assistentin, die den Schauspiel-Part übernommen hat) und die Version, die sie nach außen präsentieren möchte (die Fotos der ursprünglichen Darstellerin).  
 
Sehr lustig fand ich die Szene, in der Agathe ihr Hochzeitskleid anzieht. Sie schafft es einfach nicht hinein und kämpft richtig damit. Ännchen bemerkt das gar nicht, weil sie so in ihrer Rolle als Tradwife-Influencerin aufgeht.
Schmunzeln musste ich auch, als die vier Brautjungfern die Bühne betraten, auch wenn die Überraschung wegfiel, weil ich ein Bild von dieser Szene in der Kritik gesehen hatte. Sie hatten lange blaue Kleider an, die jedoch Sicht auf ihre runden, weit fortgeschrittenen Babybäuche gaben, um Agathe den Jungfernkranz zu winden, wie es im Gesangsstück heißt. Sie zeigen ihr, was sie in Zukunft als Ehefrau erwartet. Agathe sieht nicht begeistert aus. Ihr geschockter Blick spricht Bände. Das scheint ihr persönlicher Albtraum zu werden.
Für Lacher sorgte auch ein Satz von Samiel, nachdem sie ordentlich Werbung für ihre Partei gemacht hat: „Und ich verspreche, wenn wir an der Macht sind, gibt es auch wieder einen ordentlichen Freischütz!“ Dass sich der Regisseur dadurch selbst auf die Schippe nimmt, fand ich witzig.
 
Fürst Ottokar, der gegen Ende auftaucht, sieht Friedrich Merz zum Verwechseln ähnlich. Da war dann auch Erheiterung unter den Zuschauern zu spüren.
Vom plötzlichen Erscheinen des Eremiten, der hier Deus ex Machina heißt, war ich überrascht. Samiel meint: „Ach, wir sind hier ja in der Oper. Dann versuche ich es mal mit Gesang.“ Und dann „fährt“ dieser Eremit nach oben aus dem Bühnenboden hervor. Seine Stimme hat meiner Schwester besonders gut gefallen. Er singt, während sich Samiel selbstbewusst vor ihm positioniert. Die Armbewegungen der beiden sind identisch, aber nicht synchron. Samiel ist immer ein paar Sekunden vor ihm, was ich so interpretiert habe, dass sie den Takt vorgibt und die Fäden in der Hand hat.
 
Das Stück endet mit dem Wahlsieg der Partei, und ein riesiges AfD-Plakat mit einer jubelnden Alice Weidel wird herabgelassen. Darauf steht: „Danke, Deutschland!“ Samiel feiert sich, winkt dem Publikum zu und ruft: „Wir sehen uns in Berlin!“, wofür sie vereinzelte Buhrufe erntet.
Der Vorhang fällt und darauf wird „2029 AfD vermeiden“ projiziert. Ein letzter Holzhammer.
Ja, subtil war diese Inszenierung wirklich nicht. Es wird sehr deutlich, was der Regisseur damit sagen wollte.
Ich befürchte nur, dass diese sehr deutliche Botschaft die Menschen, die er damit erreichen möchte, eher nicht umstimmen wird, sondern dass sich manche dadurch sogar provoziert fühlen könnten.
Mir hat die Inszenierung gut gefallen. Die Melodien, die ich so schätze, waren alle noch da, nur eben mit anderen Texten.
Rückblickend wurde diese Inszenierung für mich also kein „Albtraum“, sondern eher eine unerwartete und interessante Begegnung mit einem bekannten Werk.

 

3. Die Besetzung

Schiggy saß im Publikum. Aber wer stand auf der Bühne?

Max: Kai Kluge
Agathe: Alyona Rostovskaya
Kaspar: Tobias Schabel
Ännchen: Katerina von Bennigsen (Gesang) / Anna Pies (Schauspiel)
Ottokar, Fürst: Johannes Mertes
Kuno, Erbförster: Martin Tzonev
Ein Eremit: Christopher Jähnig
Kilian: Ralf Rachbauer
Samiel: Birte Schrein
Brautjungfern:
Iva Danova
Claudia Rodriguez
Marianne Freiburg
Vardeni Davidian
 
außerdem mit:
Chor des Theater Bonn
Extrachor des Theater Bonn
Orchester: Beethoven Orchester Bonn
Musikalische Leitung: Lothar Koenigs

 


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