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Freitag, 9. Oktober 2026

Schiggy unterwegs... Kiss me, Kate in Kaiserslautern

 



 
Es ist Sonntag und ich bin auf dem Weg zum Pfalztheater Kaiserslautern, um mir „Kiss me, Kate“ anzuschauen – ganz nach meinem Vorsatz, dieses Jahr neue Musicals für mich zu entdecken. Dass die männliche Hauptrolle ausgerechnet Fred heißt, sorgt bei mir direkt für Schmunzeln (Stichwort: unser Feuerstein-Insider-Gag).
Da 2026 für mich bisher ein extrem starker Musical-Jahrgang ist, gehe ich mit entsprechend hohen Erwartungen rein. Ich erwarte einen unterhaltsamen Abend – allerdings kein Stück, das es in meinem persönlichen Ranking weit nach vorne schafft. Oder um es passend zum Stück zu sagen: Gib’s auf, Fred!

1. Eckdaten zur Vorstellung
 
Titel der Veranstaltung: Kiss me, Kate
Art der Veranstaltung: Musical
Ort: Pfalztheater Kaiserslautern
Sprache: Deutsch
Besuch: 04.10.2026
Beginn: 15:00 Uhr
Dauer: ca. 3 Stunden (inkl. Pause)
Reihe / Platz: Parkett Reihe 1, Platz 14
Vorlage: „Der Widerspenstigen Zähmung“ von William Shakespeare

2. Mein Eindruck von der Show
 
Dass meine Glücksschuhe, die ich fast zu jeder Veranstaltung trage, ihren Namen absolut verdienen, beweist sich schon auf dem Hinweg. Nur fünf Minuten später, und wir müssten umkehren und einen riesigen Umweg in Kauf nehmen. Der Grund: Zwischen 13:30 und 14:30 Uhr ist die Ortsdurchfahrt von Olsbrücken komplett gesperrt. Wir rollen aber um Punkt 13:25 Uhr an und dürfen gerade noch durchrutschen.
 
Wir sind zehn Minuten zu früh für den günstigen Theatertarif, der erst ab 14:00 Uhr gilt. Dafür ergattern wir immerhin problemlos eine Lücke im jetzt schon ziemlich vollen Parkhaus. Das Schicksal meint es heute gut mit uns.
Nachdem wir die Besetzungsliste abfotografiert haben, kaufen wir uns erst einmal für jeweils 2,50 € ein Programmheft. Perfekt, um die Wartezeit bis zum Start zu überbrücken – und für mich ein tolles Sammlerstück voller Erinnerungen.
Beim Durchblättern stolpere ich über ein Detail: Das Musical enthält Jazz-Rhythmen. Ich muss gestehen: Ich bin absolut kein Jazz-Fan. Erlebe ich gleich etwa eine böse Überraschung?
Dafür entdecke ich eine überraschende Parallele zu einem meiner Lieblingsfilme: „10 Dinge, die ich an dir hasse“. Dass es darin Anspielungen auf Shakespeare gibt – wie die Nachnamen Stratford und Verona –, ist mir zwar früher schon aufgefallen. Aber dass der Film direkt auf „Der Widerspenstigen Zähmung“ basiert, ist mir völlig neu. Wieder etwas gelernt!
 



Um 14:45 Uhr öffnet sich der Saal. Kaum sitze ich auf meinem Platz, legen meine Sitznachbarn auch schon los und zählen lautstark ihre besuchten Kulturorte samt Bühnen-Größen-Vergleich auf. Zum Glück kann ich so etwas inzwischen gut ausblenden. Ich hoffe inständig, dass sie während der Vorstellung den Mund halten… (Spoiler: Eine absolut vergebliche Hoffnung!)
 
Kurz nachdem sich der Vorhang öffnet, muss ich bereits innerlich grinsen: Auf der Bühne hängt ein Schild mit der Aufschrift „Stage Door“. Das erinnert mich sofort an die Fans, die nach Vorstellungen dorthin stürmen – gerne auch mal ohne Rücksicht auf Verluste. (Die blauen Flecken, die ich selbst schon als Beweis davongetragen habe, sprechen Bände!).
Im Hintergrund steht „Ford‘s Theatre“, sodass ich davon ausgehe, dass dies der Name des Theaters ist.
„Kiss me, Kate“ arbeitet mit dem Prinzip „Stück im Stück“. Wir sehen also, wie sich die Darsteller für ihre eigene Aufführung aufwärmen. Sie laufen außerdem nach vorne zum Orchestergraben und winken. Der Dirigent winkt ihnen zurück. Ein gutes Betriebsklima ist Gold wert!
Sie singen vom „Premierenfieber“ und der ganz besonderen Aufregung, die so ein Abend mit sich bringt. Sowohl die Melodie als auch der Text („Premierenfieber ist ein Gefühl, bei dem dir heiß ist, und doch so kühl.“) sind sehr eingängig. Und vor allem: Ich kann es so gut nachempfinden! Zwar stand ich nie selbst auf einer Theaterbühne, aber dieses kalte Schaudern kenne ich noch allzu gut von meinen eigenen Vorträgen in der Schule. Ja, man könnte den Text auch auf Lampenfieber umschreiben.
Ich bin jedenfalls direkt drin und neugierig, wie es weitergeht. Meine Schwester hatte vorher echte Bedenken. Nach der Vorstellung erfahre ich von ihr, dass sie bei diesem Lied schon wusste, dass sie es genial finden würde.
 
Fred, Lilli, Lois und Bill starten hochmotiviert und besingen mit einem fröhlichen Lied die verschiedenen Stationen ihrer Reise, wie etwa Venedig. Zwei Ensemblemitglieder halten dazu die passenden Ortsschilder hoch. Alle wirken begeistert, beschwingt und voller Leidenschaft für ihren Beruf. Doch so eine Tournee zieht sich… Die Musik wird schleppender und träger. Auch die vier Hauptdarsteller wirken plötzlich wie ausgesaugt. Die Bewegungen werden schwerfällig, der Gesang verkommt zu einem lustlosen Geleier. Sogar die Schildträger agieren nur noch halbherzig, die Freude ist komplett aus den Gesichtern gewichen. Die Luft ist raus, die Motivation im Keller – alle wollen wohl nur noch eins: nach Hause!
 
Dass ein Leben als Darsteller kein Zuckerschlecken ist, zeigt das Training des Ensembles. Ein Paar ist bei der Hebefigur nicht synchron zu den anderen und wird dafür sofort rüde vom Choreografen zurechtgewiesen. Doch kein so gutes Betriebsklima.
Das zeigt auch ein Detail, das meiner Schwester auffällt, mir jedoch entgeht: Ein Mann macht beim Training die Übung einer Frau nach. Sie lacht ihm erst motivierend zu und streckt den Daumen nach oben. Doch in dem Moment, in dem sie sich wegdreht, verzieht sie verächtlich das Gesicht und schüttelt den Kopf. Offenbar findet sie seine Performance doch eher mittelmäßig.
 
Fred Graham hat „Der Widerspenstigen Zähmung“ als Musical adaptiert und übernimmt selbst die Hauptrolle des Petruchio. Bei seinen ersten Tönen denke ich sofort: Was für eine angenehm tiefe Stimme!
Ein angenehmer Zeitgenosse ist Fred allerdings keineswegs. Er fährt schnell aus der Haut, verteilt Beleidigungen gegen seine Ex-Frau, bei denen man nur den Kopf schütteln kann, und wird sogar handgreiflich. Auch seinen Assistenten Paul behandelt er von oben herab. Was interessieren ihn die Gefühle anderer? Hauptsache, das Rampenlicht gehört ihm ganz allein. Dazu passt auch das riesige Plakat, mit dem für das Musical geworben wird. Dort steht zwar über dem Titel der Name Lilli Vanessi, aber ansonsten wird mehrfach Fredric C. Graham genannt, ob bei Buch, Regie oder Hauptrolle.
Um Petruchio zu spielen, muss er sich vermutlich gar nicht groß verstellen – sein reales Leben und seine Rolle ähneln sich erschreckend. Auch die protzige Kette mit dem riesigen „P“ passt perfekt zu so einem Egomanen (wobei ich mir gleichzeitig denke: Das „P“ könnte ja auch glatt fürs Pfalztheater stehen. Ein wirklich lustiger Zufall!).
Als Petruchio fragt er sich schließlich: „Wo ist die liebestolle Zeit?“ und schwärmt singend von seiner wilden Junggesellenzeit und seinen zahlreichen Verflossenen. Mitten im Lied steigt er von der Bühne herab, spaziert durch die erste Reihe und schmachtet verschiedene Frauen im Publikum an.
Ich erinnere ihn wohl an Marcella, denn genau bei diesem Namen zeigt er auf mich, baut sich vor meinem Platz auf und singt mich direkt an. Laut Petruchio bin ich also „gertenschlank“. Danke, endlich bekomme ich auch mal ein Kompliment! Bei „Mrs. Doubtfire“ im März wurde ich schließlich noch fälschlicherweise beschuldigt, einen Apfel nach Stuart geworfen zu haben.
Petruchio bleibt bei seiner Performance konstant in der Rolle, während ich mich vor Lachen kaum einkriegen kann. Abgekauft habe ich ihm sein Gesäusel aber sowieso keine Sekunde – dafür hat er vorher einfach schon zu viele andere Damen im Saal angesungen. Netter Versuch, aber: Gib’s auf, Fred!
 
Lilli, die im Stück-im-Stück die Katharina spielt, besitzt eine sehr ausdrucksstarke Mimik. Jede einzelne Emotion ist sofort in ihrem Gesicht abzulesen. Das wünscht man sich allerdings nicht immer, denn sie kann einen mit ihren Blicken buchstäblich töten!
Lilli ist resolut, lässt sich (fast) nichts gefallen und gibt messerscharfe Kontra. Ihre Wortwahl ist dabei nicht immer die feine englische Art. Für sie ist Fred schlichtweg ein „Drecksack“. Dabei schwebt sie kurz vor der Vorstellung noch im siebten Himmel. Sie glaubt fest daran, dass die Blumen, die ihr Paul in Freds Namen überreicht hat, für sie bestimmt sind. Mit einem breiten Grinsen steckt sie sich die dazugehörige Karte ins Dekolleté. Die bittere Wahrheit erfährt sie erst, als sie sich den Zettel genauer anschaut – dumm nur, dass die eigentliche Aufführung da schon längst läuft. Plötzlich hallt ein wütendes „Drecksack!“ hinter den Kulissen hervor, ehe Lilli als Katharina auf die Bühne stürmt und eine Szene hinlegt, die so definitiv nicht im Skript steht! Sie zerreißt die Karte und pfeffert die Schnipsel verächtlich zu Boden. Jeder Beschwichtigungsversuch macht es nur noch schlimmer.
Ihre Wut ist zwar verständlich, ein Fünkchen mehr Professionalität hätte man in diesem Moment aber durchaus erwarten können.  Zum Glück ist Katharina als Rolle ohnehin als kratzbürstige Furie angelegt. Als Zuschauer von „Der Widerspenstigen Zähmung“ könnte man glauben, das gehöre exakt so zur Regieanweisung dieser Adaption. Als Lilli schließlich mit einem Besen hinter Bianca herjagt, bin ich mir jedenfalls nicht mehr sicher, wie viel davon noch Inszenierung und was schon bitterer Ernst ist.
 
Lois hat im Stück die Rolle der Bianca ergattert. Beim Zusehen frage ich mich allerdings schnell, was wohl die wahren Gründe für diese Besetzung waren – pure Bühnenbegabung jedenfalls eher nicht! Als Bianca spricht Lois streckenweise auffallend monoton. Ihr Gesicht bleibt seltsam ausdruckslos, ganz so, als müsste sie sich krampfhaft darauf konzentrieren, einfach nur fehlerfrei ihren Text aufzusagen.
Gemeinsamkeiten zwischen Lois und ihrer Rolle gibt es aber definitiv: Beide werden von einer Schar an Verehrern umgarnt. In ihrem Solo wird klar, dass Lois auf eine beachtliche Liste verflossener Liebhaber zurückblickt – wovon ihr Freund Bill Calhoun natürlich keinen blassen Schimmer hat. Sobald Bill von der Bildfläche verschwindet, mutiert Lois zur selbstbewussten, verruchten Verführerin und spielt gekonnt mit ihren Reizen. Das dunkle, bläuliche Licht auf der Bühne setzt diesen Charakterwechsel perfekt in Szene.
Taucht Bill jedoch wieder auf, wechselt die Beleuchtung blitzartig zu einem warmen, unschuldigen Gelb. Lois zieht eiskalt die Unschuldsnummer ab, lächelt ihn freundlich, wenn auch leicht zerknirscht an und flötet: „Aber treu bin ich nur dein, Schatz – auf meine Weise!“ Der Arme scheint die Wahrheit nicht zu erkennen (wollen).
 
Bill Calhoun ist spielsüchtig und hat zu allem Überfluss einen Schuldschein über 10.000 Dollar gefälscht – unterschrieben mit dem Namen Fredric C. Graham. Das ruft prompt zwei Ganoven auf den Plan, die das Geld eintreiben sollen und sich direkt an den Theaterleiter wenden.
 
Bedrohlich wirken die beiden allerdings nicht gerade, dafür stellen sie sich schlicht zu dämlich an: Jedes Mal versuchen sie, gleichzeitig durch die Tür zu marschieren, bleiben stecken und quetschen sich schließlich seitwärts hindurch. Mit ihren gestreiften Anzügen und den klassischen Hüten erinnern sie eher an zwei Möchtegern-Al-Capones als an echte Gangster. Da hilft selbst die gezogene Pistole nichts mehr!
Als die beiden durch einen Zufall selbst (erneut) Teil der Aufführung werden, merkt man ihnen aber schnell an, wie viel Spaß ihnen das Theater macht. Ursprünglich wollten sie das Gebäude eigentlich nur heimlich verlassen, stolpern dabei jedoch versehentlich mitten auf die Bühne. Nach einem kurzen Moment der Verunsicherung fangen sie sich überraschend schnell und legen eine astreine Show-Einlage aufs Parkett.
Ihre spontan improvisierte Nummer „Schlag nach bei Shakespeare“ ist ein absoluter Ohrwurm, der in jedem großen Musical ein Showstopper wäre! Würde diese Nummer in einem Musical vorkommen, wäre sie mit Sicherheit für mich das „beste Duett“.
Die beiden saugen den Applaus sichtlich auf und lassen sich gleich für zwei Zugaben auf die Bühne klatschen – beim letzten Mal sogar elegant mit Spazierstock. Also, wenn das keine angehenden Broadway-Stars sind… Das wäre für die zwei auf jeden Fall eine wesentlich lukrativere (und sicherere) Karriere!
 
Garderobier Paul ist quasi im Dauereinsatz damit beschäftigt, über seine eigenen Füße zu stolpern, was beim Publikum jedes Mal für Lacher sorgt. Dabei kann er einem eigentlich nur leidtun – schließlich macht Fred ihn wegen seines Ungeschicks unbarmherzig zur Schnecke.
 
Hattie ist ebenfalls in der Garderobe tätig, wirkt im Gegensatz zu Paul aber stets absolut tiefenentspannt. Sie ist ganz offensichtlich die gute Seele des Hauses: Sie drängt sich nie in den Vordergrund, aber ohne sie würde hinter den Kulissen vermutlich augenblicklich das Chaos ausbrechen.
 
Harry Trevor, der im Stück den Brautvater Baptista spielt, plagen derweil schon bei den Proben schreckliche Zahnschmerzen. Er will dringend zum Zahnarzt, wird von Fred aber immer wieder mit einem knappen „Nur noch eine Minute!“ vertröstet. Fred ignoriert den Armen ansonsten völlig und merkt nicht einmal, wie sich Harry pausenlos die schmerzende Wange hält.
Als Lilli später radikal vom Skript abweicht, ist Harry als Baptista vollkommen überfordert: Er vergisst vor lauter Verwirrung prompt seinen Text und überhört sogar das verzweifelte Zuspielen der Souffleuse. Auch danach beweist er wenig Improvisationstalent. Als Lilli im zweiten Akt einfach nicht auf der Bühne erscheint, fragt er mit ausladender Gestik nach ihrem Verbleib, was ziemlich unbeholfen wirkt. Hilfesuchend dreht er sich zu Fred um – in der Hoffnung, dass der weiß, wo Lilli steckt.
 
Privat hat Lilli übrigens schon Ersatz für Fred gefunden: Harrison Howell, einen General. Die beiden wollen heiraten und überhäufen sich gegenseitig mit Kosenamen wie „Schnurzel“, „Hasi“ oder „Mausi“. Dass er allerdings kaum als treuer Ehemann in die Geschichte eingehen wird, deutet sich an, als er rein zufällig einer früheren Geliebten über den Weg läuft.
 
Durch den Vergleich wird besonders deutlich, wie sehr die Darsteller ihr reales, privates Leben in das Stück-im-Stück übertragen: Lilli und Fred führen ihren Rosenkrieg nahtlos als Katharina und Petruchio fort. Lois hat auch als Bianca an jedem Finger fünf Verehrer. Harry kann sich selbst als Baptista nicht durchsetzen, während Bill auch in der Rolle des Lucentio nicht den richtigen Durchblick hat. Und Paul? Der stolpert selbst als Geistlicher zielsicher über seine eigenen Füße!
Da die Vorstellung des Musicals fast ins Wasser fällt, nachdem Lilli erkennt, für wen die Blumen in Wahrheit bestimmt waren, denkt sich Fred einen Plan aus. Er „gesteht“, dass er den Schuldschein unterschrieben hat und das Geld nur zurückzahlen kann, wenn das Musical erfolgreich sein wird. Das wäre aber nur der Fall, wenn Lilli weiterhin mitspielt. Also drohen die beiden Ganoven ihr mit einer Waffe. Lilli weigert sich zuerst, doch nach einem Schuss, durch den eine Taube getroffen vom Himmel fällt, sieht sie keine andere Wahl als gute Miene zum Spiel zu machen und weiterhin die Katharina zu geben, wenn auch mit sichtlichem Widerwillen.
Doch die Lage eskaliert im Laufe des Stücks völlig. Das Ex-Ehepaar geht im Scheinwerferlicht aufeinander los: Fred legt Lilli sogar kurzerhand übers Knie und versohlt ihr den Hintern! Das restliche Ensemble versucht verzweifelt, die Situation zu überspielen. Die Darsteller eilen nach vorne zum Orchestergraben, geben dem Dirigenten wilde Zeichen und legen eine beschwingte Tanznummer aufs Parkett, während man im Hintergrund vor allem Lilli wütend keifen hört. Weil sich die Gemüter einfach nicht beruhigen, fordert das Ensemble den Dirigenten auf, die Nummer immer und immer wieder zu wiederholen – und das alles mit einem professionellen Lächeln auf den Lippen.
 
Lilli reicht es und sie ruft in der Pause ihren Verlobten an. Dieser erscheint auch samt Militärpolizei. Fred verkauft dem General jedoch die ganze Aufregung im Vorfeld als einen schlechten Scherz von Lilli. Als Lilli dann wenig später exakt den Satz über das FBI fallen lässt, den Fred prophezeit hat, schluckt Harrison den Köder. Er glaubt fest daran, dass seine Verlobte ihn nach Strich und Faden veräppeln will.
Lilli ist fassungslos und hält ihm die Waffe der Ganoven unter die Nase, doch Harrison sieht das ganz locker: „Das ist auch sein gutes Recht als Amerikaner.“ Ja, als ob ein General von einem Revolver schockiert wäre.
Lilli muss also zähneknirschend weiterspielen, auch wenn der zweite Akt spontan abgewandelt werden muss. Die Szene, in der sie vom Esel fällt, wird kurzerhand gestrichen. Das teilt Fred dem Publikum höchstpersönlich mit – die wahren (und schmerzhaften) Gründe verschweigt er natürlich großzügig. Es geht stattdessen direkt mit der Szene weiter, in der Katharina und Petruchio sein Haus erreichen.
Fred legt ihr scheinbar fürsorglich ein weiches Kissen auf die Bank. Doch im allerletzten Moment zieht er es mit einem fiesen Grinsen wieder weg und hockt sich selbst darauf. Lilli landet mit einem unschönen Plumps auf der harten Holzbank und verzieht vor Schmerzen das Gesicht. Ein erneuter Streit sorgt schließlich dafür, dass der gedeckte Tisch „abgeräumt“ wird: Das Geschirr zerspringt scheppernd, das Essen landet auf dem Boden. Ich hoffe, Fred hat eine gute Haftpflichtversicherung!
In einem unbeobachteten Moment schnappt sich Lilli zwei Wurstketten und schmuggelt sie in ihr Dekolleté – doch Fred hat sie längst ertappt und fischt das Diebesgut wieder heraus. Bis sie gezähmt ist, heißt es für sie ab jetzt: Fasten! Als Zuschauer bin ich mir längst unsicher, was hier eigentlich noch „gespielt“ ist und was nicht. Die Grenzen zwischen Realität und Musical sind vollkommen verschwommen.
 
Was die Musik angeht, bin ich rückblickend sehr positiv überrascht! Jedes einzelne Lied hat mir richtig gut gefallen: Sie sind schwungvoll, mitreißend und versprühen diesen Charme der guten alten Broadway-Tage. Es sind etliche Nummern zum Mitschnipsen dabei – was im Publikum glücklicherweise niemand getan hat. Auch nerviges Mitklatschen blieb aus, was ich persönlich als sehr angenehm empfunden habe.
Einen kleinen – beziehungsweise für meine Schwester recht großen – Wermutstropfen gab es allerdings bei dem Song „Es ist viel zu heiß“: Das Mikrofon des Hauptsängers fiel während der gesamten Nummer komplett aus. Dadurch war er selbst bei uns in Reihe 1 kaum zu verstehen. Sobald er sich weiter nach hinten bewegte oder das Orchester etwas aufdrehte, ging sein Gesang völlig unter. Meine Schwester mochte den Song eigentlich unheimlich gerne und hätte gerne gehört, was er singt. So war das Zuhören für sie allerdings extrem anstrengend.
 
Das Bühnenbild hat mir ausgesprochen gut gefallen, vor allem diese Abgrenzung von der „realen“ Ebene zum Bühnenstück. Das „echte“ Bühnenbild sieht deutlich realistischer als das des Musicals aus. Der Backstagebereich im Theater besteht aus vielen Holzelementen. Man sieht u.a. Querbalken. Ich bekomme sofort das Gefühl, mich in einem echten, alten Theater zu befinden. Die Schilder sehen gebraucht aus. Sie könnten vielleicht einen neuen Anstrich vertragen. Gleichzeitig hat es aber auch einen gewissen Charme: ein Theater, das scheinbar schon viel erlebt hat. Da passt auch der alte Pförtner an der Stage Door perfekt ins Bild, der gewissenhaft und ruhig seiner Arbeit nachgeht und kleinere Reparaturen direkt selbst erledigt. Dort hängt auch das Haustelefon, das einige Darsteller für private Anrufe nutzen.
Lilli hat dagegen den Luxus, ein eigenes Telefon in ihrer Garderobe zu besitzen. Dieses steht auf ihrem Schminktisch. Die Wände sind mit einer Shakespeare-Tapete versehen. Drei Poster von früheren Inszenierungen lassen mich spekulieren, dass Lilli ihrer Zeit als erfolgreiche Darstellerin etwas nachtrauert.
Ein großer Aufdruck eines Satzes auf der Tapete bringt mich immer wieder ins Grübeln. Ich vermute, dass es ein Shakespeare-Zitat ist. Das möchte ich zuhause unbedingt herausfinden. Obwohl ich das Zitat nur noch bruchstückhaft weiß, finde ich dank Suchmaschine die Lösung: „He that knows better how to tame a shrew, now let him speak…“ ist tatsächlich ein Zitat aus „Der Widerspenstigen Zähmung“ und zwar ein Monolog von Petruchio kurz nach seiner Heirat mit Katharina. Ich mag solche Anspielungen sehr.
Die fahrbaren Kleiderständer trennen gleichzeitig Lillis und Freds Garderobe.
Wechselt das Geschehen auf die Musical-Ebene, erstrahlen die Fassaden plötzlich in einem knalligen Kirschrosa und schreien förmlich nach künstlicher Kulisse. Als Hintergrund dient eine aufgezeichnete Stadtsilhouette. Mir gefällt dieses bewusst Offensichtliche unheimlich gut – man muss schließlich bedenken, dass die Handlung in den späten 1940er-Jahren spielt, als man im Theater noch ganz offen zu seinen künstlichen Kulissen stand.
Das oberste Fenster der farbenfrohen Fassade lässt sich übrigens öffnen. Wer davor steht, muss aufpassen: Es kann jederzeit passieren, dass eine wütende Lilli alias Katharina einen Blumentopf herausfeuert!
Besonders gut hat mir der mediterrane Brunnen mit dem Löwenkopf in Steinoptik gefallen, denn einen sehr ähnlichen habe ich im Miniformat an meiner weihnachtlichen griechischen Krippe angebracht.
Der Tisch und die Bank aus Holz vermitteln eine rustikale, beschauliche Atmosphäre, die im starken Kontrast zur aufgeladenen Stimmung stehen.
 
Auch die Kostüme beider Ebenen unterscheiden sich deutlich voneinander. In den 1940ern tragen sie viel Schwarz und Spitze, Hotpants, Hosenträger, Hüte. Da muss ich irgendwie an Cabaret und Chicago denken, auch wenn ich diese Stücke bisher nur von Bildern und Ausschnitten kenne.
Im Musical wird Mut zur Farbe bewiesen: Gelb, Lila, Grün, Blau, Orange und Türkis leuchten um die Wette. Die Männer tragen Strumpfhosen, bei denen ich sofort an „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ denken muss, dazu meistens Codpieces. Vereinzelt werden auch Pluderhosen getragen. Außerdem haben sie ein Wams an, während die Frauen in ebenso farbenfrohen Kleidern mit Mieder und ballonartigem Rockteil gekleidet sind.
Katharinas Hochzeitskleid ist weiß und hat einige „echte“ rote Rosen auf dem Rockteil. Das finde ich ein lustiges Detail, weil Lilli als Katharina ja vor Wut Rosen aus dem Fenster wirft.
Biancas Hochzeitskleid hat deutlich mehr Pinkanteil und aufgedruckte Blumen, wodurch es viel romantischer und verträumter wirkt.
Als der Esel auftritt und mittanzt, muss ich lachen. Auch dieses Kostüm gefällt mir gut.
 
Wegen der kommentierenden Sitznachbarn konnte ich mich leider nicht durchgängig auf das Stück konzentrieren. So sind mir neben der bereits angesprochenen Trainingsszene mit dem falschen Zuspruch weitere Details entgangen, die meiner Schwester aufgefallen sind:
Die Harfe ist einmal schön herauszuhören. Da ich dieses Instrument besonders gerne mag, ärgert es mich, dass mir die Stelle wegen der Sitznachbarn entgangen ist.
Der Pförtner versucht sehr lange, das Licht an der Stage Door zu reparieren und erscheint auch später zum Schlussapplaus mit einer Glühlampe.
 
Dafür entgeht mir nicht die Berührung der Wange des Harry-Darstellers und auch die um Aufmerksamkeit konkurrierenden Lilli- und Fred-Darsteller sind nicht zu übersehen. Diese Anspielungen auf die Rollen finde ich wirklich amüsant.
 
Insgesamt hat mir das Stück sehr gut gefallen. Mir war es keine Sekunde lang langweilig. Ich war von Sekunde 1 an sehr gespannt, was passiert und meine Gedanken sind nicht abgeschweift. Der erste Akt dauert rund 85 Minuten, fühlte sich jedoch deutlich kürzer an. Ich konnte viel lachen, und auch die Befürchtung, dass mir die Musik wegen der Jazz-Elemente nicht gefallen könnte, bewahrheitete sich nicht. Eine praktisch rundum gelungene Inszenierung mit überzeugenden Darstellern und einer stringenten Handlung. Ohne den Mikrofonausfall und die störenden Sitznachbarn hätte es tatsächlich Platz 1 angreifen können. So landet es punktgleich mit „Der Graf von Monte Christo“ auf Platz 3. Da ich keine Plätze doppelt vergebe, gehen beide Stücke ins Tiebreak. „Der Graf von Monte Christo“ gewinnt die 0,1 Tiebreakpunkte und bleibt auf Platz 3, weil ich dieses Musical dreimal gesehen habe. „Kiss me, Kate“ kann sich mit glatten 190 Punkten einen herausragenden vierten Platz sichern. Gib’s auf, Fred!? – Von wegen, ich würde mir dieses Stück jederzeit wieder anschauen!
 
 
Schiggys Schlusswort
Schiggy zieht ihr ganz persönliches Schildkröten-Fazit:
Wenn zwei sich auf der Theaterbühne streiten, freut sich die Panzerechse! Ein feuriger Schlagabtausch, mitreißende Musik und zwei charmante Ganoven – da verzeiht man selbst ein stummes Mikrofon. Nur eines steht für mich fest: Unter meinem Panzer bin ich von Natur aus absolut gertenschlank!
Bis zum nächsten Abenteuer
Eure Schiggy
 
3. Persönliche Highlights
Highlight des Tages: Das geniale „Stück im Stück“-Prinzip – die Grenzen zwischen Realität und Shakespeare verschwimmen komplett!
Bestes Solo: „Aber treu bin ich nur dir“ – Lois zieht eiskalt die perfekte Unschuldsnummer ab.
Bestes Duett: „Schlag nach bei Shakespeare“
Ohrwurm des Tages: Einige, da kann ich mich nicht festlegen
Beste Ensemblenummer: „Premierenfieber“ (weil bei „Es ist viel zu heiß“ ja leider der Ton nicht mitspielte)
Lustigster Moment: Das Ende der langen Tour
Unvergessen: Als Petruchio mich als Marcella ansingt (Stichwort: „gertenschlank“ :-D)
 
4. Besetzung der besuchten Vorstellung

Schiggy saß im Publikum – aber wer stand eigentlich auf der Bühne?
Lilli Vanessi/Katharina: Astrid Vosberg
Fred Graham/Petruchio: Darius Merstein-MacLeod
Lois Lane/Bianca: Valerie Gels
Bill Calhoun/Lucentio: Johannes Fritsche
Hattie, Garderobiere/Wirtin: Bethany Yeaman       
Paul, Garderobier/Putzmacher: Stefan Merten
Erster Ganove: Daniel Böhm
Zweiter Ganove: Günther Fingerle
Harry Trevor/Baptista: Henning Kohne
Harrison Howell: Marcus Hering
Arbeiter/Hortensio u.a.: Ivan Lytvynenko
Taxifahrer/Gremio u.a.: Julian Stöcklein
Arbeiter/Gregor u.a.: Win McCain
Ankleiderin: Sinja Maschke
Elena: Elena Laborenz
Ralph, Inspizient: Andreas Neigel
Pops, Pförtner: Andreas Bronkalla
 
außerdem mit
Chor, Tanzensemble und Statisterie des Pfalztheaters
 
Es spielt die Pfalzphilharmonie Kaiserslautern unter der musikalischen Leitung von Massimilano Iezzi.
 
5. Spoilerteil
Zu guter Letzt möchte ich noch kurz auf das große Finale eingehen. Falls ihr das Musical selbst noch sehen und euch am Schluss überraschen lassen wollt, ist hier für euch die Endstation des Berichts erreicht. Für alle anderen: Vorhang auf für den letzten Akt!
 
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Die Ganoven werden informiert, dass der Auftraggeber gestorben ist und die Schuld somit hinfällig ist. Lilli kann mit dem General verschwinden, was sie auch erhobenen Hauptes tut.
Diese Vorstellung scheint gelaufen zu sein. Die einzige Hoffnung scheint die Ersatzdarstellerin zu sein, nach der Fred verzweifelt ruft. Nur leider fehlt von der besagten Dame jede Spur. Überraschung. Lilli betritt die Bühne und wirkt erstaunlich gefasst. Ohne Streit zu suchen spielt sie die finale Szene. Gibt es doch noch ein Happy End sowohl für Katharina und Petruchio als auch für ihre Darsteller? Es sieht ganz danach aus. Sie küssen sich am Ende, ohne dass jemand ein Auge verliert. Doch kaum fällt der Vorhang, fahren sie auseinander und das Gezanke geht wieder los. Lilli und Fred können wohl nicht miteinander – allerdings auch nicht ohne einander.
 
Selbst beim finalen Schlussapplaus ziehen die Darsteller von Lilli und Fred ihre Rollen als streitendes Ex-Paar eiskalt durch. Da wird sich beim Verbeugen dreist vor den anderen gestellt, dem Ex-Partner die Show gestohlen oder dieser einfach unsanft zur Seite geschubst. Dass die Schauspieler diesen Meta-Humor bis zur allerletzten Sekunde aufrechterhalten, macht einfach unheimlich viel Spaß beim Zusehen!

Montag, 21. September 2026

Schiggy unterwegs... Disney's Die Eiskönigin in Stuttgart

 


Schiggy war wieder unterwegs und ist dabei mitten im September in einen Schneesturm geraten.
Eigentlich sollte die Reise nach Arendelle schon am 11. September stattfinden – exakt an dem Tag, an dem ich vor vier Jahren das Musical zum ersten Mal in Hamburg gesehen hatte. Da das Stück nur noch bis Januar 2027 laufen wird und ich keine weitere Vorstellung besuchen werde, wusste ich: Dies würde mein letzter Besuch in Arendelle sein.
Doch wie das Schicksal so spielt: Für den 11. September gab es damals noch keine Tickets. Sie wurden erst später freigeschaltet, als ich bereits Tickets für Romeo & Julia hatte. So wurde es schließlich der 13. September.
Ein denkwürdiges Datum, denn es war meine allerletzte Chance, eine Audienz bei der Eiskönigin zu erhalten, bevor sich der Vorhang endgültig schließt.


1. Eckdaten zur Vorstellung


Titel der Veranstaltung: Disney’s Die Eiskönigin
Art der Veranstaltung: Musical
Ort: Stage Apollo Theater Stuttgart

Sprache: Deutsch
Besuch: 13.09.2026
Beginn: 14:00 Uhr
Dauer: ca. 2,5 Stunden (inkl. Pause)
Reihe / Platz: Parkett rechts, Reihe 1, Platz 2
Vorlage: der gleichnamige Disney-Film




2. Mein Eindruck von der Show
 

Nachdem ich letztes Jahr auf Platz 1 gesessen und dort direkt den Dirigenten vor mir stehen hatte, habe ich dieses Mal extra Platz 2 gewählt.
 
Als der Vorhang aufgeht und ich die spielenden Kinder sehe, denke ich bei der jungen Anna sofort: Oh, wie süß! Sie ist noch so klein.
Gleichzeitig muss ich mir direkt ins Gedächtnis rufen, dass dies der Beginn meiner letzten Vorstellung ist. Die möchte ich noch einmal richtig genießen.
Anna ist ein Wildfang, der kaum eine Sekunde stillsitzen kann. Voller Energie springt sie herum, reißt die Arme hoch und wirbelt über die Bühne.
Ihre ältere Schwester Elsa ist das genaue Gegenteil: ruhig, vernünftig und gelassen, aber auch ernst.
Einmal stupst sie Anna auf die Nase – eine Geste, die sie später bei der Feier wiederholt. Sie wirkt so spontan und herzlich, dass sie mir im Gedächtnis bleibt.
Von der Bühnenführung weiß ich, dass es feste Elsa-Anna-Pärchen gibt. Diese beiden Mädchen wirken sehr vertraut miteinander und harmonieren ausgesprochen schön. Sie scheinen sich gut zu ergänzen. Ihr Verhältnis wirkt dadurch sehr glaubwürdig. Überhaupt finde ich, dass beide so natürlich spielen.
 
Elsa tut mir richtig leid. Sie hat sich ihre Magie nicht ausgesucht und empfindet sie eher als Fluch. Nachdem sie Anna aus Versehen verletzt hat, zieht sie sich noch mehr zurück. Selbst vor ihrer Mutter schreckt sie zurück und will keine Berührung zulassen – aus Angst, noch einmal jemanden zu verletzen, der ihr wichtig ist.
Annas Gedächtnis wurde gelöscht. Sie weiß also nichts mehr von Elsas Fähigkeiten. Sie versteht die Welt nicht mehr und weiß nicht, warum ihre Schwester plötzlich so abweisend ist.
Anna fragt Elsa: „Willst du einen Schneemann bauen?“ Sie ist wieder ein kleiner Wirbelwind. Nach Elsas Absage verlässt sie jedoch mit hängenden Schultern die Bühne, nur um es kurz darauf mit anderen Vorschlägen erneut zu versuchen.
Traurig finde ich den Schiffsuntergang der Eltern, der mit vergleichsweise einfachen Mitteln dargestellt wird: Die Eltern stehen etwas erhöht auf einer Art Podest und schwanken hin und her, während sich das Ensemble rundherum windet. Dazu kommen Blitzeffekte.
Dadurch habe ich tatsächlich das Gefühl, dass die See sehr rau ist, die Wellen gegen den Schiffsrumpf peitschen und das Schiff schließlich zum Kentern bringen. Die Eltern werden von den Wellen fortgetragen.
Auf Elsa lastet nun eine gewaltige Bürde.
 
Während des Liedes über den Schneemann wird Anna erwachsen. Diese Darstellerin habe ich in jeder meiner Stuttgarter Vorstellungen gesehen. Zuerst war sie die alternierende Anna und wurde später zur Erstbesetzung.
Was mir sofort auffällt: Ihr Schauspiel wirkt immer noch erfrischend, und ich habe zu keiner Zeit das Gefühl, dass sie von dieser Rolle langsam ermüdet ist. Stattdessen habe ich auch bei diesem Besuch das Gefühl: Da steht Anna auf der Bühne – nicht eine Darstellerin, die Anna spielt.
Anna liegt im Bett und will nicht aufstehen. Die Dienerin zieht deshalb ihre Decke weg. Anna erhebt sich gähnend und streckend, ihre Haare stehen ihr wild ab. Das sieht überhaupt nicht prinzessinnenhaft aus, aber es ist typisch Anna. Noch halb im Tiefschlaf wiederholt sie die Worte der Dienerin falsch: „Klar, die Tönung meiner Schwester.“ Dann merkt sie es selbst: „Die Krönung!“
Plötzlich ist sie hellwach und strahlt voller Lebensfreude – und dieses Lächeln will nicht mehr aus ihrem Gesicht verschwinden.
Die Dienerinnen haben etwas Schwierigkeiten, ihr ins Kleid zu helfen, weil sie einfach nicht stillstehen kann. Genau wie damals als Kind.
Anna ist eine kleine Träumerin, die darauf hofft, auf dem Fest ihrer großen Liebe zu begegnen. Dabei ist sie schon etwas naiv und auch leichtgläubig. Aber sie hatte eben kaum Kontakt zur Außenwelt und kennt die Menschen und das Leben außerhalb des Schlosses daher nicht besonders gut.
 
Elsa wirkt kühl, streng und unnahbar. Im Gegensatz zu Anna, deren Gesicht praktisch ein offenes Buch ist, muss man bei Elsa genauer hinschauen. Sie ist verschlossen und ihre Gefühle sind subtiler.
Als noch sehr junge Königin, die praktisch auf sich allein gestellt ist und niemanden hat, den sie um Rat fragen kann, trägt sie eine große Verantwortung. Diese Verantwortung ist gleichzeitig eine enorme Belastung.
Man erkennt jedoch, dass ihre scheinbare Kälte eigentlich nur eine Schutzschicht ist.
Besonders in ihrem Solo „Monster“ bröckelt diese Fassade. Sie hält sich selbst für eine Gefahr für andere Menschen und scheint von ihrer eigenen Magie überfordert zu sein.
Auf dem Ball taut sie kurz auf. Doch das hält nicht lange. Sofort strafft sie wieder die Schultern und setzt ihre kalte Miene auf.
 
Als sie jedoch glaubt, Anna sei tot, wird ihre Verletzlichkeit deutlich. Ihre Lippen zittern, die Augen sind weit aufgerissen, und sie scheint nicht so recht zu wissen, was sie mit ihren Händen machen soll.
Die Darstellerin habe ich vorher noch in keinem Stück gesehen. Deshalb bin ich beim ersten Ton wirklich überrascht, wie vergleichsweise tief ihre Stimme ist. Und wer schon einmal einen meiner Erlebnisberichte gelesen hat, weiß, dass ich tiefe Stimmen sehr mag.
Ihre Stimme klingt schön klar und sauber – da wackelt kein Ton.
Während sie in ruhigen Momenten zart und verletzlich klingt, kommt in den kraftvollen Stellen eine große Willensstärke zum Vorschein.
„Lass jetzt los“ wird praktisch bei jedem Konzert gesungen, das ich bisher besucht habe. Ich kann es eigentlich kaum noch hören. Durch diese etwas tiefere Stimme und die anderen Betonungen wirkt das Lied jedoch vertraut und gleichzeitig neu und frisch.
 
Als Kinder scheinen die Schwestern ein Herz und eine Seele zu sein, während ihr Verhältnis als Erwachsene deutlich distanzierter ist.
So kann Anna es kaum glauben, als Elsa sie bei der Krönungsfeier anspricht. Nur kurz währt der gemeinsame Moment, in dem sich beide über den Geruch von Schokolade freuen, ehe sich Elsa wieder in ihr Schneckenhaus aus Eis zurückzieht.
Als die Situation auf der Feier eskaliert und besonders Pitzbühl die Menge anstachelt, steht Anna zu ihrer Schwester und verteidigt sie.
Sie macht sich sogar auf die Suche nach ihr – typisch Anna allerdings etwas kopflos und ohne passende Winterbekleidung. Ich möchte eigentlich den Kopf schütteln, als sie bibbernd und mit gefrorenem Kleid angetrippelt kommt. Aber dieser herzlichen Person kann man einfach nicht böse sein.
 
Als sich das Tor zur Krönungsfeier öffnet und die Menschen hereinströmen, fällt mir ein Gast sofort auf.
Die Darstellerin schwebt geradezu leichtfüßig herein, mit einem solchen Strahlen im Gesicht, das so ansteckend fröhlich und freundlich wirkt, dass ich einfach hinschauen muss. Ihre Augen wirken offen, wodurch auch ihr Lachen ehrlich wirkt.
Ihre Energie und Spielfreude erinnern mich in diesem Moment total an Annas lebensfrohe Art – einfach mitreißend. Und das alles, ohne ein Wort zu sagen!
Später im Auto muss ich unbedingt nachschauen, wer das ist, damit ich auch einen Namen zu dem Gesicht habe: Jianna Fagon.
Meiner Schwester geht es übrigens genauso. Sie erzählt mir später, dass sie gar nicht sagen kann, wer neben der Darstellerin gestanden hat, weil sie von dieser Ausstrahlung so gefangen war.
 
Auch der Olaf-Darsteller war in Stuttgart immer derselbe gewesen.
Er hat den Schneemann als Figur vor sich, seine Füße an der untersten Schneeballkugel befestigt. Es lohnt sich jedoch, nicht nur auf Olaf als Schneemann zu achten, sondern auch auf den Darsteller dahinter.
Er spricht den Text nämlich nicht nur – er spielt ihn mit seinem Gesicht mit.
So reißt er Mund und Augen auf, wenn er sich erschreckt. Er lacht, wenn er gut gelaunt ist, schaut besorgt oder vorwurfsvoll und wird bei seinem Solo träumerisch, wenn er sich vorstellt, was er „Im Sommer“ alles machen möchte.
 
Kristoff verkauft Eisblöcke und ist überhaupt nicht begeistert, als Anna und Hans zusammenstoßen und auf seiner Ladung landen.
Er macht zunächst einen rauen Eindruck, und eigentlich kann man ihn sich nicht wirklich in einem Palast vorstellen. Außerdem scheint er das genaue Gegenteil von Anna zu sein.
Locker ist er vor allem, wenn er mit seinem Rentier spricht. Da habe ich das Gefühl, zwei beste Freunde vor mir zu sehen.
Er bietet Anna seine Hilfe an, drängt sich dabei schon fast ein wenig auf. Im Laufe der Handlung zeigt sich jedoch, dass er ein guter Mensch ist, der sich um andere sorgt.
 
Sven ist eine stumme Rolle, dem Kristoff seine Stimme gibt. Das Rentier war schon im Film meine Lieblingsfigur, eben weil es nichts sagt und ausschließlich über seine Mimik kommuniziert.
Den Darsteller im Musical bekommt man gar nicht zu Gesicht, weil er sich vollkommen in Sven versteckt hat. Dabei müsste er sich mit seiner Leistung nun wirklich vor niemandem verstecken: Er bewegt sich stets auf Stelzen, galoppiert, stellt sich auf die Hinterbeine, tritt aus, legt sich hin und kickt Dinge weg. Das sieht erstaunlich mühelos aus.
Ich würde wahrscheinlich nicht einmal stehen können, weil ich die Balance nicht halten könnte.
Immer wieder lustig finde ich es, wenn er Kristoff mit dem Hinterbein tritt, nachdem dieser in seinem Lied behauptet, Rentiere würden stinken.
 
Hans aus dem Süden ist ein Prinz, mit dem sich Anna sofort gut versteht.
Dass er ganz andere Absichten hat, war im Film eine große Überraschung und wirkte auf mich auch etwas unglaubwürdig. Ich denke da zum Beispiel an die Szene, als er ins Wasser stürzt und der weglaufenden Anna, die schnell zur Krönung muss, verliebt hinterherschaut. Da ihn niemand beobachtet, müsste er eigentlich gar nichts vorspielen.
Im Musical deutet sich dagegen eher an, dass er nicht ganz ehrlich ist. In seinem Solo erklärt er, dass er der dreizehnte Sohn ist und seine Chancen auf den Thron damit praktisch bei null liegen.
 
Als Pitzbühl habe ich in allen sechs Vorstellungen, also auch in Hamburg, denselben Darsteller gesehen.
Optisch passt er sehr gut zur Filmfigur. Er ist eher klein und hat eine auffällige Frisur, dazu eine markante, fast krächzende Stimme.
Anna lobt zunächst seine Stiefeletten und fragt ihn anschließend: „Was bringen die? Sechs, sieben Zentimeter?“, Das bringt das Publikum zum Lachen.
Ich muss gleichzeitig schmunzelnd denken – als selbst nicht besonders große Person: „Och Mensch, lass doch mal die kleinen Leute in Ruhe!“
 
„Liebe, sie öffnet Tür’n“ finde ich ein wirklich süßes Duett, auch wenn ich weiß, dass Hans ein falsches Spiel spielt.
Tatsächlich gefällt es mir besser als das Duett zwischen Anna und Kristoff.
Anna und Hans wirken beide unbeholfen und scheinen denselben Humor zu haben. Sie tanzen ausgelassen und albern dabei auch herum. Wenn man die Wahrheit nicht kennt, könnte man tatsächlich denken, dass sich hier zwei gesucht und gefunden haben.
Die Melodie ist fröhlich und positiv und passt wunderbar zu Annas Naturell.
Auch das Bühnenbild unterstützt die Stimmung: Die vielen lila Blumen, die mich ein wenig an Flieder erinnern, sehen nicht nur schön aus. Gemeinsam mit dem blauen Hintergrund erzeugen sie eine harmonische und friedliche Atmosphäre. Ich habe tatsächlich das Gefühl, die beiden draußen im königlichen Garten zu begleiten.
Lachen muss ich dabei ebenfalls: Anna klatscht sich mit Hans ab. Er hat allerdings etwas zu kräftig eingeschlagen. Danach schüttelt sie ihre Hand und verzieht das Gesicht, als sie sich kurz von ihm abwendet. Vor Hans tut sie so, als wäre nichts gewesen.
 
Anna und Kristoff fragen sich: „Wann warst du schon mal verliebt?“
Sie sind auf dem Weg zum Nordberg, und Anna erzählt ihm, dass sie sich nach nur wenigen Stunden mit Hans verloben wollte, von ihrer Schwester jedoch nicht den Segen bekam.
Kristoff findet das völlig überstürzt.
Die beiden ziehen sich gegenseitig auf und sind jeweils überzeugt, dass der andere keine Ahnung von der Liebe hat. Da ahnt man bereits, dass sich zwischen ihnen etwas entwickeln wird.
Überall ist Schnee und Eis. Zum Glück hat Kristoff wärmere Kleidung für Anna dabei. Sie reißt sich ungeniert das Kleid herunter, woraufhin er peinlich berührt Sven als Sichtschutz zwischen sie drängt.
Um weiterzukommen, müssen sie eine Brücke überqueren. Diese erweist sich als rutschige Eisfläche, was Kristoff am eigenen Leib zu spüren bekommt. Er schlittert zurück und stürzt dabei fast von der Klippe. Anna muss ihm zu Hilfe eilen.
Das gefällt mir: Erst hat er dafür gesorgt, dass sie nicht mehr frieren muss, dann verhindert sie, dass er den Halt verliert. Das hat schon etwas von Geben und Nehmen.
 
Was würde ein Schneemann „Im Sommer“ tun? Olaf verrät es uns.
Beschwingt nimmt er uns mit auf eine Reise in die warme Jahreszeit, wenn die Bienen summend herumfliegen und wir am Strand Muscheln sammeln können. Sogar eine Möwe schaut kurz vorbei.
Der Schneemann schnappt sich einen Hut und legt eine flotte Sohle aufs Parkett – inklusive Steppeinlage.
Ich mag diese Szene, weil sie so unbeschwert ist. Gleichzeitig ist sie ein wenig traurig, weil man weiß, dass Olaf in dieser Jahreszeit schmelzen würde. Ich wünsche mir da eigentlich, dass ihm niemand diese Illusion nimmt.
 
Kaum erklingen die ersten Töne von „Lass jetzt los“, denke ich ironisch: Ach ja, mein Lieblingslied.
Dann wird mir bewusst, dass dies der letzte Song vor der Pause ist.
Wo ist die Zeit geblieben? Die ist ja wie im Flug vergangen.
Wie ich bereits geschrieben habe, hat mich die Version in dieser Vorstellung positiv überrascht.
Auf zwei Effekte habe ich schon gewartet. In früheren Vorstellungen habe ich sie fast immer wegen Störungen anderer Zuschauer verpasst. Bei diesem letzten Besuch möchte ich sie noch einmal ganz bewusst erleben.
Zuerst fliegt der Handschuh fort, dann der Mantel.
In Reihe 1 erkenne ich den Faden, der die Kleidungsstücke wegzieht. Wer sich die Illusion nicht nehmen lassen möchte: In Reihe 5 habe ich ihn damals nicht entdeckt.
Auch wenn ich inzwischen die Auflösung des Tricks bemerkt habe, hat das Ganze trotzdem etwas Magisches.
Außerdem wechselt Elsa von ihrem dunklen Krönungskleid zu ihrem eisblauen, enganliegenden Kleid. Dieser Kostümwechsel hat in den von mir besuchten Vorstellungen immer wieder für Szenenapplaus gesorgt – auch dieses Mal.
Der kristallene Vorhang, der den Eispalast lebendig werden lässt, wird herabgelassen, sodass alles glitzert und funkelt.
Ein gelungener Abschluss des ersten Aktes, bei dem ich vollkommen vergesse, dass ich das Lied eigentlich nicht mag.



 
„Hygge“ ist schon seit meinem ersten Besuch in Hamburg ein Ohrwurm für mich. Das Lied versprüht Gemütlichkeit und Lebensfreude.
Die Besucher des Krämerladens sitzen am Holztisch, trinken Glühwein, stricken einen Schal und unterhalten sich. Sogar eine Sauna gibt es dort.
Anna und Kristoff können mit dem Begriff zunächst nichts anfangen, doch der Ladenbesitzer Oaken erklärt ihnen, was Hygge bedeutet – zum Beispiel in die „Lieblingspuschen“ zu schlüpfen oder mit Freunden zu „schnacken“.
Das verbreitet sofort gute Laune. Ich würde mich am liebsten mit an den Tisch setzen.
Am Ende führen sie vor dem Vorhang eine schwungvolle Choreografie auf, bei der sie die Becher schwingen und ein Bein hochheben. Auch wenn sie dabei sitzen, wirkt das Ganze so ansteckend, dass ich mittanzen möchte – wenn ich nicht zwei linke Füße hätte.
Leider kam meine Sitznachbarin auf die Idee, trotz des Verbots ab dem zweiten Akt einzelne Augenblicke zu filmen oder zu fotografieren. Ich sah es zwar nur aus den Augenwinkeln, aber diese Bewegungen haben mich bereits abgelenkt.
 
Elsa hält sich selbst für ein „Monster“. Das Lied beginnt langsam, und es schwingt so ein bittersüßer Ton mit, was durch den Text nur verstärkt wird. „Angst wird dir dein größter Feind. Ihr folgen Tod und Leid.“ Das lässt erahnen, wie es in Elsas Innern aussieht. Bei diesen Zeilen überlege ich, ob sich Elsa die Schuld am Tod ihrer Eltern gibt. Schließlich haben sie damals die Schiffsreise unternommen, um Antworten wegen ihrer Magie zu finden.
Ihre Aussagen sind erschreckend, etwa als sie fragt: „Kommt die Dunkelheit in mir nun ans Licht? Bin ich ein Monster – voller Wut, das einfach anderen blind wehtut. Dann seid vor diesem Monster auf der Hut.“
Pitzbühls Männer, begleitet von Hans, kämpfen sich durch den Sturm. Sie wollen den Winter stoppen.
Während Elsa vorne am Bühnenrand steht, wabert Nebel über die Bühne. Dabei habe ich das Gefühl, dass die Kälte bis zu uns in die erste Reihe vordringt. Die Temperatur im Saal scheint um einige Grad gesunken zu sein. Mich fröstelt es plötzlich. Es ist ein beklemmender Moment, der mich in Elsas düsteren Strudel hineinzieht.
 
Das Musical kann mit seinem Bühnenbild und den Effekten überzeugen.
Durch die überwiegend eisblaue Farbgestaltung und das eher kalte Licht entsteht in Kombination mit Nebel und Kälte tatsächlich der Eindruck einer verschneiten, eisigen Welt.
Ich habe das Gefühl, dass ich mich gerade in Arendelle befinde.
Neben den bereits angesprochenen Punkten gibt es noch weitere positive Aspekte.
Bei der Krönungsfeier zieht Anna Elsa den Handschuh aus. Elsa reagiert panisch.
Plötzlich schießt von rechts mit einem lauten Zischen eine Eiswand herein.
Bei meinem ersten Besuch in Hamburg war das ein echter Schreckmoment, weil es so unerwartet kam. Bei diesem letzten Besuch war ich vorbereitet. Trotzdem habe ich einige überraschte Ausrufe aus dem Publikum gehört. Wenn man nicht damit rechnet, kann man sich dabei wirklich erschrecken.
Bei der Bühnenführung wurde erklärt, dass diese Eiswand tatsächlich gekühlt wird, was das Kältegefühl in der ersten Reihe erklärt.
Bei der Vorstellung am 13. September ist mir außerdem etwas aufgefallen, das ich vorher noch nicht bemerkt hatte: Als Elsa Anna auffordert, zu gehen, scheint der Eispalast zu bröckeln. Die Wände werden rötlich und bekommen Risse.
Dieser Effekt verstärkt sich, als Pitzbühls Männer und Hans eintreffen.
 
Auch meiner Schwester ist ein Detail aufgefallen, das uns vorher entgangen war. Ich habe es allerdings auch beim sechsten Besuch nicht gesehen.
Nachdem Anna ihr Kleid ausgezogen hat, versteckt Kristoff es an der Brücke. Meine Schwester dachte immer, er würde es im Rucksack verstauen.
Ich muss zugeben, dass ich mir darüber überhaupt keine Gedanken gemacht habe.
So ist es natürlich stimmig, weil einer von Pitzbühls Männern das Kleid findet und nach Arendelle bringt.
 
Eine traurige Szene gegen Ende wird mit etwas Humor aufgelockert. Hans zeigt sein wahres Gesicht und löscht das Feuer im Kamin. Mit einem fiesen Grinsen verlässt er den Raum – in der Erwartung, dass Anna stirbt. Da ruft ein Kind dazwischen, dass gleich Olaf kommt und das Feuer wieder anmacht. Bei Kindern finde ich solche spontanen Reaktionen ja immer nett.
Olaf öffnet die Tür mit seiner Karotten-Nase, sieht die bibbernde Anna und zündet mit seinem Ast-Finger das Feuer trotz Annas Warnung an. Dabei habe ich dieses Mal entdeckt, dass er eine Verlängerung daran hat, die brennen kann – ähnlich einer Wunderkerze.
Der Schneemann ist erst fasziniert und meint: „Wow!“ Doch schnell merkt er, dass es heiß ist, sieht seinen Arm an, blickt wieder Richtung Publikum und schreit. Dabei reißt der Darsteller die Augen so weit auf, dass man seinen Schmerz mitfühlt. Er pustet, und das Feuer geht zu früh aus. Olaf lässt sich davon nicht beirren und pustet einfach weiter, was besonders komisch wirkt. Man könnte aber auch sagen, dass er eben auf Nummer sicher gehen will. Ich sehe, dass Olaf den Ast gegen den Kamin schlägt, sodass die Verlängerung abfällt. Auch das ist mir in vorherigen Vorstellungen entgangen.
Immer wieder herzergreifend ist der Moment, als Olaf die Folgen der Hitze hautnah spürt und zu Anna meint: „Manche Leute sind es wert, dass man für sie schmilzt.“
 
Eine meiner Lieblingsszenen ist fast am Ende der Vorstellung: Die frierende Anna sucht eigentlich Kristoff, damit er sie mit seinem Kuss retten soll. Dabei bemerkt sie jedoch, dass Hans gerade dabei ist, ihre Schwester zu töten. Also geht sie dorthin und stellt sich ihm in den Weg. Sie erstarrt schließlich zu Eis, und das Schwert prallt an ihrem Arm ab. Dabei ist sie in ein weißes Kostüm gehüllt und trägt eine weiße Perücke. Auch das Ensemble gleicht ihr optisch und bildet mit ihr einen Eisblock. Stille. Nur Elsa kann es nicht glauben. Doch dann bewegen sich Annas Finger. Das Ensemble umrahmt und verdeckt sie, sodass man ihren Kostümwechsel nicht sieht. Schließlich wird sie in ihrem grünen Kleid hochgehoben. Die beiden Schwestern umarmen sich, und Elsa erkennt, dass Liebe stärker als Angst ist. So gelingt es ihr, Arendelle vom Eis zu befreien.
 
Im ersten Akt war das Publikum relativ ruhig, auch wenn ein älteres Ehepaar ab und zu kommentierte, wer gerade die Bühne betreten hatte.
Es wurde viel gelacht, aber nicht die Schlusstöne verklatscht.
In der Pause schlug dann leider mein „Dummschwätzer-Magnet“ an. Selbsternannte Experten mussten unbedingt mitteilen, was sie alles können und sind dafür extra nach vorne getreten.
Eine Mutter zählte die Instrumente auf, die ihre musikalischen Kinder alle spielten, wenn sie nicht gerade zum Ballett, Chor oder Turnen gehen würden. Da denke ich mir immer: Warum müsst ihr so etwas laut erzählen? Die Kinder müssten das doch selbst wissen. Dann rief sie plötzlich: „Seht ihr! Das ist genau das gleiche Klavier, das wir auch zuhause haben.“
Meine Schwester drehte sich augenrollend zu mir um: „War ja klar.“ Ich bin wirklich keine Musik-Expertin, aber ein Klavier in einem Musical-Orchestergraben erschien selbst mir merkwürdig. Also meinte ich, ohne nachzusehen: „Das ist doch bestimmt ein Keyboard.“ Meine Schwester warf zur Absicherung einen Blick in den Orchestergraben und bestätigte meine Vermutung. Einmal darf ich ja recht haben. (Ansonsten halte ich ja gerne einmal ein Bajan für ein Akkordeon -> s. Brass Band Hessen Konzert)
Aber auch andere Leute strömten in der Pause nach vorne. Ich finde es ja immer ganz toll, wenn man da sitzt und andere sich vor einen stellen, am Rand anlehnen und einem dabei ihren Hintern ins Gesicht entgegenstrecken. Warum sollte man auch zwei Schritte weitergehen, wo niemand sitzt?
Im zweiten Akt war es dann deutlich unruhiger. Ich weiß nicht, ob das daran liegt, dass es die Open Bar gibt und sich die Leute Cocktails und Sekte genehmigen und Hemmungen sinken. Das ältere Ehepaar war deutlich gesprächiger und kommentierte einige Szenen, sodass ich nur dachte: Ich habe selbst Augen im Kopf.
Die Sitznachbarin filmte fleißig, wie ich bereits angemerkt habe. Ich bekam Tritte gegen den Sitz. Die Kinder neben meiner Schwester hüpften auf ihren Sitzen herum. Einmal verfehlte eins der Mädchen ihren Sitz und landete mit einem lauten Plumps auf dem Boden.
Hinzu kamen die Geräusche vom Getränke-Schlürfen und Popcornessen.
Bei solchen Störungen fällt es mir schwer, mich auf die Bühne zu konzentrieren.
 
Die Show an sich hat mir wirklich sehr gut gefallen. Ich bin in die magische, verschneite Welt von Arendelle eingetaucht, habe mit den Schwestern auf dem Ball getanzt, bin über eisige Flächen geschlittert, habe vom Sommer geträumt, bin geheimnisvollen Menschen mit leuchtenden Augen begegnet und habe schließlich erlebt, was Schwesternliebe bewirken kann.
Auch beim sechsten Besuch war es mir nicht langweilig. Ich konnte ja sogar neue Details entdecken. Und es war doch unerwartet besonders emotional, weil mir bewusst wurde, dass es endgültig das letzte Mal war.
So konnte diese Vorstellung trotz der Störfaktoren 188,5 Schneeflocken bzw. Punkte sammeln und damit den 4. Platz in meinem persönlichen Ranking erreichen.


Schiggys Schlusswort

Schiggy zieht ihr ganz persönliches Schildkröten-Fazit: Manchmal gerät man mitten im Sommer in einen Schneesturm, erfährt die wahre Bedeutung von Hygge, muss sich im Publikum gegen verkannte Klavier-Experten behaupten – und lernt am Ende, dass manche Erinnerungen es einfach wert sind, für sie zu schmelzen.
Mach's gut, Arendelle!
Bis zum nächsten Abenteuer
Eure Schiggy

 



 
3. Persönliche Highlights
Highlight des Tages: „Monster“
Bestes Solo: „Im Sommer“
Bestes Duett: „Liebe, sie öffnet Tür’n“
Ohrwurm des Tages: „Hygge“
Beste Ensemblenummer: Anna erstarrt mit dem Ensemble zu einem Eisblock
Lustigster Moment: Olaf pustet weiter, obwohl das Feuer bereits erloschen ist
Emotionalster Moment: als Anna am Ende ihre Finger bewegt und langsam auftaut
 
4. Besetzung der besuchten Vorstellung

Schiggy saß im Publikum – aber wer stand eigentlich auf der Bühne?

Elsa: Chiara Fuhrmann
Anna: Kim Fölmi
Kristoff: Jonathan Hamouda Kügler
Olaf: Kaj Louis Lucke
Hans: Simon Loughton
Pitzbühl: Eric Minsk
Sven: Artem Salastelnyk
 
Königin Iduna: Lanie Sumalinog
König Agnarr: Oliver Aagaard-Williams
Bulda: Enny de Alba
Pabbie: Luca Marchetti
Oaken: Stuart Pattenden
junge Elsa: Arya Siba
junge Anna: Maila Pauline

In weiteren Rollen:
Demi Kromheer, Valeria Vegezzi, Olívia Branco, Jianna Fagon, Marika Coradeschi, Anna Lisa Gnielinski, Enny de Alba, Lanie Sumalinog, Lola Kinard, Nikos Samouridis, Shane Landers, Dante Turco, Luca Marchetti, Gianmarco Grasso, Edwin Parzefall, Yannick Dijck, Stuart Pattenden, Oliver Aagaard-Williams

Es spielt das Orchester des Stage Apollo Theater unter der Leitung von Guido Löflad.



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