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Montag, 3. August 2026

Schiggy unterwegs... Brass Band Hessen in Bad Vilbel


Schiggy war wieder unterwegs … und das nur wegen eines Instagram-Videos, das nicht einmal eine Minute lang war.
Bei unserem Besuch von Robin Hood in Fulda am 2. August 2025 waren wir etwas zu früh dran. Meine Schwester zeigte mir spontan ein Video, das kurz zuvor in ihrem Instagram-Feed aufgetaucht war. Zu sehen war die Brass Band Hessen bei ihrem Auftritt in der Wasserburg Bad Vilbel. Trotz eines heftigen Unwetters spielten die Musiker unbeirrt weiter. Der Dirigent, inzwischen komplett durchnässt, warf irgendwann sogar sein klatschnasses Jackett auf den Bühnenboden.
Dieser Einsatz hat mich damals so nachhaltig beeindruckt, dass für mich feststand: Beim nächsten Mal muss ich selbst dabei sein!
Und ich habe es nicht nur gesagt – ich habe es tatsächlich wahr gemacht. Und das, obwohl ich damals noch gar nicht wusste, was eine Brass Band eigentlich genau ist …

1. Eckdaten

Titel: Brass Band - Tour 2026
Art: Konzert
Ort: Wasserburg Bad Vilbel
Sprache: -
Datum: 02.08.2026
Beginn: 12:00 Uhr
Reihe / Platz: Reihe 10, Platz 15
Dauer (inkl. Pause): ca. 2,5 Stunden
Vorlage: -
Hinweise: Sämtliche aufgeführten Kompositionen wurden an diesem Tag erstmals für eine Brass Band arrangiert und aufgeführt. Es handelte sich also ausschließlich um Weltpremieren.

2. Mein Eindruck 

Wir kamen besser durch den Verkehr als gedacht und erreichten die Wasserburg Bad Vilbel deshalb früher als geplant.
Wir setzten uns noch eine Weile auf eine Bank in der Nähe und hörten von dort aus der Band beim Einspielen zu. Das klang bereits sehr vielversprechend und ließ meine Vorfreude weiter steigen.

Eine halbe Stunde vor Konzertbeginn durften wir unsere Plätze einnehmen. Obwohl sie überdacht waren, brannte die Sonne erbarmungslos darauf. Ein älteres Ehepaar stand kurz darauf auf und meinte, sie würden sich lieber in den Schatten setzen. So kamen wir ins Gespräch. Sie erzählten mir, dass sie normalerweise weiter hinten sitzen würden, diesmal aber erst spät Karten gekauft hätten und nur noch Plätze bekommen hätten, weil jemand seine Tickets zurückgegeben hatte. Außerdem empfahlen sie uns das Konzert des Jugendorchesters, das zwei Wochen später ebenfalls in der Wasserburg stattfindet. Leider passt dieser Termin für mich nicht. Für das nächste Jahr habe ich mir den Besuch aber bereits fest vorgenommen.

Besonders schön fand ich, dass sie uns später noch einmal zunickten, als sie auf ihre Plätze zurückkehren konnten. Inzwischen war die Sonne weitergewandert und dort lag nun endlich Schatten. Auch nach der Pause lächelten sie uns wieder freundlich zu. An diese nette Begegnung werde ich mich gerne erinnern.

Leider sorgten nicht alle Besucher für so angenehme Begegnungen. Darauf möchte ich später noch eingehen. Zunächst möchte ich aber das Positive hervorheben: Das Konzert hat mich so begeistert, dass ich im nächsten Jahr unbedingt wiederkommen möchte.

Arsenal von Jan van der Roost ist der traditionelle Eröffnungsmarsch der Band. Für mich als Erstbesucher war das Stück natürlich vollkommen neu. Umso gespannter bin ich, ob ich es im nächsten Jahr wiedererkenne.

Nach diesem Auftakt erzählte der Moderator, der sich später als Simon Dillmann vorstellte, etwas über das erste Konzertstück: Fate of the Gods von Steven Reineke. Als dabei das Wort „Edda“ fiel, musste ich kurz grinsen, weil ich dieses Werk erst vor gar nicht allzu langer Zeit gelesen hatte, um mich näher mit der nordischen Mythologie zu beschäftigen.

Ich fand die kurzen Anmoderationen sehr hilfreich, weil ich mit Brass Bands und sinfonischer Blasmusik überhaupt nicht vertraut bin. Deshalb fand ich auch die Informationen über den musikalischen Hintergrund der Komponisten – etwa, dass Steven Reineke selbst Trompeter ist – besonders interessant.

Schon während dieses ersten Stücks entstanden vor meinem inneren Auge lebendige Bilder. Ich hörte nicht einfach die einzelnen Instrumente – ich hörte Thors Donnerschläge und sah die nordischen Götter förmlich vor mir. Gegen Ende hatte ich sogar das Gefühl, als würde gerade einer dieser Götter sterben. Die Musik klang so dramatisch, dass sie auf mich wie ein letzter, verzweifelter Todeskampf wirkte.

Beim nächsten Stück bin ich mir beim Titel leider nicht ganz sicher. Ich glaube, es war Pirates Revenge von Adrian B. Sims, hundertprozentig sicher bin ich mir allerdings nicht. Ich habe mir die Titel nämlich erst in der Pause beziehungsweise auf dem Nachhauseweg notiert.

Lustig fand ich die Moderation, in der Simon Dillmann versuchte, den Bogen von der Hölle zum Thema Wasser zu schlagen. Schließlich erzählte er einfach, dass die Band am Vortag in der Nähe eines Weihers gewesen sei und dort spontan schwimmen gegangen wäre.

Ob es nun tatsächlich dieses Stück oder doch ein anderes mit „Revenge“ im Titel war – beim Hören hatte ich sofort Piraten vor Augen. Zunächst schien das Schiff noch durch ruhige Gewässer zu fahren, doch schon bald peitschte die Gischt gegen den Rumpf und die See wurde immer stürmischer. Ich sah die Piraten mit erhobenen Säbeln vor mir, bereit, jedes Schiff zu entern, das ihren Weg kreuzte. Die Musik klang für mich nach entschlossenen, furchtlosen Seeräubern, während ihre schwarze Flagge im Wind flatterte.

Das dritte Stück beginnt im Original mit einem Klarinettensolo. Da dieses Instrument in einer Brass Band nicht vertreten ist, hatte Hans-Reiner Schmidt diesen Part für das Euphonium umgeschrieben. Als der Moderator das erwähnte, jubelten einige Besucher. Daraufhin sagte er augenzwinkernd: „Dass es Glück ist, dass niemand bei uns Klarinette spielt, spiegelt nicht unbedingt die Meinung eines Bandmitglieds wider. Was Sie daraus schließen, ist Ihre Sache. Klarinettenspieler sind auch Menschen.“

Interessant fand ich, dass es zwischen klassischem Orchester und Brass Band offenbar eine kleine, humorvolle Rivalität gibt. Als ich einer Bekannten, die Klarinette und Oboe spielt, von meinem geplanten Konzertbesuch erzählt hatte, schnaubte sie ebenfalls nur verächtlich. Mein Standpunkt dazu ist allerdings ganz einfach: Ich bin wie die Schweiz – neutral. Ich höre beides sehr gerne.

Hier konnte ich zum ersten Mal ein Euphonium als Soloinstrument erleben. Vor diesem Konzert kannte ich das Instrument überhaupt nicht. Bei meiner anschließenden Recherche erfuhr ich, dass die Bezeichnung aus dem Griechischen stammt und „wohlklingend“ bedeutet. Einen passenderen Namen könnte ich mir kaum vorstellen, denn genau so habe ich seinen Klang empfunden.

Der nächste Block bestand aus vier zusammenhängenden Teilen und nahm das Publikum mit auf eine musikalische Reise nach Irland. Die Klänge zogen mich so sehr in ihren Bann, dass ich nach dem ersten Teil bereits dachte, das Stück sei zu Ende. Ich klatschte sogar kurz – allerdings nur gemeinsam mit zwei oder drei anderen Besuchern. Niemand sonst? Ach ja, das war ja erst der erste Teil! Ich hatte völlig vergessen, dass noch drei weitere folgen würden. Auch nach den nächsten Abschnitten musste ich mich immer wieder beherrschen, nicht erneut zu applaudieren. Vereinzelt passierte genau das auch anderen Zuhörern. Nach dem Finale drehte sich Hans-Reiner Schmidt grinsend zum Publikum um und zeigte mit vier ausgestreckten Fingern nach oben – eine humorvolle Erinnerung daran, dass das Werk aus vier Teilen bestanden hatte.

Als Zugabe vor der Pause kam schließlich echtes Riverdance-Feeling auf. Dieses Stück kannte ich sofort und verband es unmittelbar mit der berühmten Tanzshow. Nach und nach rückte jede Instrumentengruppe mit einem eigenen musikalischen Part in den Mittelpunkt. Dabei erhoben sich die jeweiligen Musiker von ihren Plätzen, bis schließlich die gesamte Band gemeinsam mit voller Kraft spielte. Da brauchte es keine Stepptanzgruppe mehr, um sich nach Irland versetzt zu fühlen.

Auf das Mitklatschen des Publikums hätte ich zwar gut verzichten können – davon bin ich grundsätzlich kein großer Fan –, aber ich kann verstehen, dass sich viele von der Musik mitreißen ließen. So sorgte das Stück für einen schwungvollen und fröhlichen Abschluss des ersten Konzertteils.

Zu Beginn des zweiten Konzertteils glaubte ich schließlich, endlich ein Instrument zu erkennen: ein Akkordeon, das der Musiker Wassily auf seinem Weg vom linken Eingang zur Bühne spielte. Spoiler: Ich lag daneben. Wie er später erklärte, handelte es sich nicht um ein Akkordeon, sondern um ein Bajan. Ich bin eben kein Experte.

Das Stück erkannte ich sofort wieder, weil wir es bereits draußen während des Einspielens gehört hatten. Schon zu diesem Zeitpunkt hatte mich die Melodie an einen Tango erinnert, dieser Eindruck verstärkte sich nun noch. Das Schaben über das Güiro ließ mich dagegen an quakende Frösche denken. Vor meinem inneren Auge entstand deshalb das Bild von zwei Menschen, die barfuß über eine Wiese Tango tanzen, während sie an einem Teich voller Frösche vorbeiziehen.

Das Stück heißt übrigens Adiós Nonino von Astor Piazzolla, der es nach dem Tod seines Vaters komponierte. Mit diesem Wissen bekam die Musik für mich im Nachhinein noch eine ganz andere emotionale Tiefe.

Zur Einstimmung hatte der Moderator zuvor wieder eine kleine Anekdote erzählt, die für einige Lacher sorgte: Es gebe zwei Länder, in denen der Tango als Nationaltanz gelte – Argentinien und … Finnland. Tatsächlich erfreut sich der Tango dort großer Beliebtheit. Seit 1985 findet in Finnland sogar ein eigenes Tango-Festival statt.

Wer sich über Zugverspätungen ärgert, sollte sich vielleicht Rail Riffs von Brian Balmages anhören. Vielleicht vergisst man bei dieser Melodie seinen Frust für einen Moment.

Mich erinnerte das Stück an eine Fahrt mit einer alten Dampflok. Ich sah förmlich den Rauch in den Himmel aufsteigen, hörte das Zischen des Dampfes und das rhythmische Rattern der Räder über die Schienen. Selbst die Kuppelstangen schienen sich vor meinem inneren Auge zu bewegen. Die Fahrt wirkte angenehm und gleichmäßig – nicht so schnell, dass man in einer Kurve Angst um eine Entgleisung haben müsste, aber auch nicht so langsam, dass man befürchten würde, nie am Ziel anzukommen. Mit dieser Dampflok würde ich jederzeit noch einmal mitfahren.

Der Moderator kündigte anschließend etwas fürs Herz an: eine Komposition, bei der wir uns zurücklehnen und entspannen sollten, denn für das darauffolgende Stück würden wir diese Ruhe dringend brauchen.

Appalachian Morning von Robert Sheldon nimmt uns mit auf einen Spaziergang durch die Wälder und Berge des Cumberland Gap. Vor meinem inneren Auge ritt ich auf einem Pferd durch die weite Landschaft, während die aufgehende Sonne die Umgebung in warmes Licht tauchte und ihre ersten Strahlen sanft die Nase kitzelten. Es war eine wunderbar ruhige Komposition, die eindrucksvoll zeigte, wie vielseitig eine Brass Band sein kann.

Vor meinem Besuch hatte mir jemand gesagt: „Eine Brass Band kann nur eins: laut sein.“ Nach diesem Stück kann ich nur sagen: Nein, eben nicht. Appalachian Morning ist für mich der beste Gegenbeweis.

Simon Dillmann meinte vor dem letzten Block, dass er uns in diesem Jahr wahrscheinlich zum letzten Mal durch ein Konzert begleiten würde. Daraufhin war aus dem Publikum ein bedauerndes „Ohhh“ zu hören. Er nickte lächelnd und sagte, dass er diese Reaktion sehr zu schätzen wisse.

Es folgte Time Machine – Meilensteine der Rockgeschichte, wie der „junge Mann“ Hans-Reiner Schmidt dieses Medley betitelt hatte. Kurz darauf nahm Simon Dillmann das „jung“ jedoch wieder zurück und sprach nur noch vom „Mann“. Der Dirigent deutete daraufhin scherzhaft an, dass ihm das Kreuz wehtue.

Da der Moderator noch weitersprechen wollte, wurde aus der Pommesgabel kurzerhand der Schweigefuchs. „Nur eine Mini-Änderung der Handposition, und schon wird aus Jubeln Ruhe“, kommentierte er augenzwinkernd.

Bevor das Medley begann, wurde das Publikum eingewiesen. Immer wenn der Dirigent eine geballte Faust zeigte, sollten wir laut „Thunder!“ rufen. Wer mit dem englischen „th“ Schwierigkeiten hätte, könne stattdessen einfach „Fanta!“ rufen – das würde in der Menge ohnehin niemand merken. Darüber musste ich innerlich lachen, weil wir in der fünften Klasse ständig „th, th, th, th, th“ üben mussten, um genau diesen Laut richtig auszusprechen. Daran sollte es also nicht scheitern. Allerdings sollte der Ruf möglichst tief und kräftig klingen – und da war ich mit meiner eher hohen Stimme dann doch etwas im Nachteil.

Neben Thunderstruck waren unter anderem auch Wind of Change, Smoke on the Water, Another One Bites the Dust, We Are the Champions, (I Can't Get No) Satisfaction, I Was Made for Lovin’ You und Highway to Hell als Brass-Band-Arrangements zu hören. Welche dieser Nummern letztlich die Zugabe war, weiß ich allerdings gar nicht mehr. Dafür waren die Eindrücke an diesem Nachmittag einfach zu vielfältig.

Etwas schade fand ich, dass nach nahezu jedem Solo applaudiert wurde. Dadurch gingen die unmittelbar anschließenden musikalischen Übergänge teilweise unter. Hinzu kam, dass hinter mir ein Mann und eine Frau immer wieder mitsangen – meinem Empfinden nach allerdings eher schief als schön. Die Frau nannte zudem bei fast jedem Titel den Namen des Liedes und erzählte ihrer Begleitung, dass sie es kenne. Mich hat das leider etwas aus dem Konzert gerissen. Ich wollte mich ganz auf die Musik der Brass Band konzentrieren, und solche Gespräche oder Gesangseinlagen lenkten davon ab.

Und damit komme ich zu der bereits angedeuteten weniger angenehmen Begegnung mit anderen Zuschauern. Diese beiden hatten bereits vor Beginn der Vorstellung sowie in der Pause lautstark erzählt, welche Veranstaltungen sie schon besucht hatten. Sie nannten dabei immer wieder den vierstelligen Preis pro Person und berichteten den Zuschauern um sie herum, welche Instrumente sie spielten und dass sie selbst Sänger seien. Titel aufgezählt – und losgesungen.

Das ließ mich zwar regelmäßig die Augen verdrehen, aber damit hätte ich noch leben können, wenn sie während des Konzerts ruhig geblieben wären. Leider war das nicht der Fall.

Der Mann erklärte dann noch, dass er beispielsweise Tenorhorn spiele, das wie ein Bariton klinge, nur eben tiefer. Ich dachte ja immer, dass ein Tenor höher als ein Bariton wäre. Aber gut – ich habe schließlich auch das Bajan zunächst für ein Akkordeon gehalten.

Das Konzert an sich hat mich wirklich begeistert. Wucht und Dynamik wechselten sich mit leisen, sanften Tönen ab. Insgesamt war es ein äußerst abwechslungsreiches Konzert. Auch meine Schwester fand es großartig und hatte nur die gleichen negativen Punkte, die ja ausschließlich das Publikum betrafen.

Wir wollen nächstes Jahr unbedingt wieder hin. Da die beiden Störenfriede verkündet haben, dass sie immer auf genau diesen Plätzen sitzen, können wir dieses Erlebnis zumindest verhindern, indem wir uns Sitze weit genug entfernt aussuchen. Das nette Pärchen vom Anfang erzählte, dass sie sonst immer bei der Technik hocken. Das wäre doch eine Überlegung wert.

Besonders schön fand ich, dass Hans-Reiner Schmidt jeden einzelnen Musiker umarmte, bevor diese die Bühne wieder über den linken Gang verließen. Ganz nebenbei hatte das noch einen angenehmen Nebeneffekt: Die Zuschauer, die sonst am liebsten schon vor dem letzten Applaus nach draußen stürmen, mussten dieses Mal warten. Ich finde dieses voreilige Verlassen einer Veranstaltung – ganz gleich welcher Art – den Künstlern gegenüber immer etwas unhöflich.

Beim Moderator hakte sich der Dirigent schließlich unter und fasste sich mit der freien Hand ans Kreuz. Mit sichtlichem Augenzwinkern spielte er den alten, klapprigen Herrn und sorgte damit noch einmal für Lacher.

Am Ausgang wartete Hans-Reiner Schmidt anschließend auf die Besucher und verabschiedete sich persönlich von allen, die ihm zum Abschied die Hand geben wollten. Ein sympathischer Abschluss eines rundum gelungenen Konzertnachmittags.

Ich freue mich schon auf das Konzert 2027!

Freitag, 31. Juli 2026

Schiggy unterwegs... Die Feuerzangenbowle in Bad Vilbel


Schiggy („nicht mit drei F“, aber guter Laune) war wieder unterwegs nach Bad Vilbel – in die malerische Kulisse der Wasserburg, der letzten Station unseres dreitägigen Kultur-Marathons. Wie jedes Jahr finden dort die Burgfestspiele mit einem abwechslungsreichen Programm statt.
Nachdem ich im Amphitheater Hanau bereits ein märchenhaftes Musical und ein klassisches Drama erlebt hatte, stand diesmal pure Nostalgie auf dem Spielplan. Die Inszenierung von „Arsen und Spitzenhäubchen“ im vergangenen Jahr hatte mir so gut gefallen, dass meine Vorfreude entsprechend groß war. Den berühmten Filmklassiker von 1944 hatte ich mir zur Einstimmung in der Woche zuvor noch einmal angesehen und war gespannt, wie der Humor auf der Bühne funktionieren würde.
An meiner Seite hatte ich neben Fabian diesmal ein besonders spannendes Test-Publikum: eine Freundin, die mit dem Film nie richtig warm geworden war, und ihren Opa (Jahrgang 1939), bekennender Fan der Vorlage. Würde das Theaterstück eine Film-Skeptikerin überzeugen und gleichzeitig einem echten Kenner gerecht werden?

1. Eckdaten

Titel: Die Feuerzangenbowle
Art: Theaterstück
Ort: Wasserburg Bad Vilbel
Sprache: Deutsch
Datum: 26.07.2026
Beginn: 18:15 Uhr
Reihe / Platz: Reihe 12, Platz 15
Dauer (inkl. Pause): ca. 2,5 Stunden
Vorlage: der gleichnamige Roman von Heinrich Spoerl sowie der gleichnamige Filmklassiker von 1944
Hinweise: Die Romanvorlage kenne ich nicht; meine Vergleiche beziehen sich daher ausschließlich auf die Verfilmung von 1944.

2. Mein Eindruck von der Show

Als wir unsere Plätze einnahmen, war der Klassenraum bereits zu sehen: stark ansteigende Sitzreihen, sodass selbst die Schultische in den hinteren Reihen gut erkennbar waren.  Auf der Tafel im Hintergrund waren in alter Schrift prägnante historische Daten notiert: die Bauernkriege (1524–1525), der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) und die Schlacht bei Vilbel (1759). Das weckte sofort Erinnerungen an den Geschichtsunterricht und eine Zeit, in der ich Fakten wie diese selbst auswendig lernen musste. Im Gegensatz zum eher nüchternen Bühnenbild des Musicals „Wie im Himmel“ wirkte diese Kulisse von Beginn an deutlich lebendiger und detailreicher.

Noch vor Vorstellungsbeginn betraten die Schauspieler die Bühne – einer von ihnen bereits leicht torkelnd. Sie brachten ihre Stühle mit, begrüßten sich und klatschten sich ab, während ein ausgestreckter Handschlag demonstrativ ignoriert wurde. Offenbar lag hier schon etwas in der Luft! Mir gefiel diese Idee sehr, denn die Darsteller befanden sich bereits in ihren Rollen, noch bevor das eigentliche Stück begonnen hatte. Auch zu Beginn des zweiten Aktes war das so gelöst, sodass meine Begleitung zwei Fotos von einigen Darstellern auf der Bühne machen konnte, die ich euch später zeigen werde.

Durch die Handlung führt ein namenloser Erzähler, der zwischen seiner eigenen Rolle, dem Kellner und dem Schüler Ackermann wechselt. Dieser serviert zunächst die titelgebende Feuerzangenbowle, ehe er Johannes Pfeiffer mit einem Fingerschnips zurück ins Gymnasium versetzt, sich eine Mütze aufzieht und selbst zum Oberprimaner wird.

Die Drehbühne, die die Schauspieler von Hand bewegen, zeigt auf der anderen Seite das Zimmer der Pension, in dem Pfeiffer (ja, richtig „mit drei F“) während seiner Schulzeit wohnt. Die Darstellung dieses Zimmers gefällt mir ebenfalls gut. Die Wände wirken wie mit geblümten Tapeten versehen, und durch die schräge Konstruktion ist im oberen Drittel eine Holzdecke zu sehen. Dort, wo sich im Klassenraum die Tafel befindet, ist hier ein Fenster mit gelbem Vorhang angebracht. Dass das Fenster passend in die Kulisse integriert wurde und sich sogar öffnen lässt, ist ein schönes Detail. Die gestreifte Couch strahlt etwas Elegantes und Zeitloses aus. Daneben steht ein kleines Schränkchen mit Büchern, einem Foto und einer Blumenvase. Sogar die Koffer stehen schon bereit. Ich mag diese kleinen Details, weil sie das Gefühl vermitteln, dass dort tatsächlich jemand lebt.

Da die Aufführung bei Tageslicht stattfand, kam das Lichtkonzept kaum zur Geltung, weshalb ich darauf nicht näher eingehen werde.

Die Szenenwechsel verlaufen fließend und ohne Unterbrechung – teilweise wird schon während des Drehens weitergespielt. Besonders der schnelle Wechsel zwischen Klassenzimmer und Pension ist mir in Erinnerung geblieben: Wie ein Karussell dreht sich die Bühne fortlaufend, und die Handlungsfäden wechseln nahtlos zwischen beiden Orten, ohne dass es abgehackt wirkt. Das versprüht eine tolle Dynamik, ähnlich wie schnelle Schnitte im Film. In dem Moment dachte ich nur: Oh, da würde ich am liebsten gleich eine Runde mitdrehen!

Lehrer Crey, von den Schülern „Schnauz“ genannt, bekommt sofort nach seinem ersten Satz Szenenapplaus. Ich kann aber auch gar nicht anders, als über sein „Setzön Sä säch!“ herzlich zu lachen. Genau wie im Film! Auch seine strenge Haltung, Mimik und Gestik erinnern stark an den Schauspieler, der den disziplinversessenen Schnauz 1944 verkörperte. Und er fiel Sekunde aus der Rolle, sondern hielt diese spezielle Aussprache konsequent bei.




Das komplette charakterliche Gegenteil: Bömmel! Er hätte kein Problem damit, von den Schülern beim Namen gerufen zu werden, muss aber wegen des Direktors mit „Herr Professor“ angesprochen werden. Eine rheinische Frohnatur mit passendem Dialekt, die alles eher locker nimmt. „Da stelle ma uns ma janz dumm“ – diesen berühmten Spruch sagt er mehr als einmal. Zu Beginn jeder Schulstunde zieht er seine Schuhe aus und offenbart zwei verschiedene Strümpfe: einen grünen und einen schwarzen. Die Schüler machen sich einen Spaß daraus, einen Schuh zu stibitzen und aus dem Fenster zu werfen. Nur sollten sie vielleicht besser darauf achten, wohin sie ihn feuern – ein wütendes Miauen ertönt! Die arme Katze... was kann sie denn dafür? Bömmel lässt sich von dem Streich jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Stattdessen lässt er sich auf dem Lehrerpult sitzend von den Schülern zum Direktor tragen und stimmt dabei ein munteres „Kölle Alaaf“ an, das das Publikum direkt zum Mitklatschen bewegt.


Und wie schlägt sich der erfolgreiche Schriftsteller Johannes Pfeiffer? Er hat sich durch das Entfernen des Schnurrbarts, eine neue Frisur und passende Kleidung optisch prima dem Alter eines Oberprimaners angepasst. Man merkt ihm sichtlich an, wie viel Spaß er an dieser Rolle hat. Nach seinen schlagfertigen Antworten sucht er immer wieder den Blickkontakt zu seinen Mitschülern – ganz so, als wolle er sich die Bestätigung abholen, was für ein raffinierter Lausbub er doch ist.

In der Musikstunde singt er absichtlich so schief, dass er sogar vom Unterricht freigestellt wird. Geleitet wird dieser von der Tochter des Direktors: Eva. Sie ist in diesem Theaterstück anders als im Film eine Referendarin und keine Schülerin. Der Altersunterschied zwischen ihr und Pfeiffer ist dadurch nicht so groß, wodurch die sich langsam entwickelnde Liebesgeschichte keinen befremdlichen Beigeschmack hat. Eva ist eine selbstbewusste, junge Frau voller Lebensfreude. Deshalb kann ich auch die Entscheidung ihres Vaters nicht nachvollziehen, der sie unbedingt mit Schnauz verkuppeln möchte. Neben der lebhaften Eva wirkt Schnauz beim Tanz mit seiner steifen Art extrem unbeholfen – die beiden sind einfach zu gegensätzlich. Ihr Herz scheint sie sowieso schon längst an den vermeintlichen Oberprimaner Pfeiffer verschenkt zu haben. Gleich in der ersten Stunde hängt sie an seinen Lippen, als er ein Gedicht zitiert, beugt sich vor und verliert fast das Gleichgewicht. Wie ertappt zuckt sie zusammen und schüttelt sich – Gefühle wären in dieser Lehrer-Schüler-Situation schließlich unangebracht.

Und doch finden sie immer wieder zueinander. Eine Szene hat sich dabei besonders in mein Gedächtnis eingegraben: Eva und Pfeiffer treffen draußen aufeinander, als es plötzlich zu regnen beginnt (untermalt von passenden Regengeräuschen). Eva spannt ihren Schirm auf und beide suchen Schutz in der Schule. Sie schüttelt den Schirm aus, während er aus seinem Jackett schlüpft und es auswringt. Gerade diese kleinen Gesten lassen die Szene unglaublich authentisch wirken – so, als wären die beiden tatsächlich in einen Regenschauer geraten.




Nicht vergessen möchte ich die legendäre Heidelbeerwein-Szene, die in Bad Vilbel für fast pausenloses Lachen sorgt. „Jeder nor einen wönzigen Schlock!“ Mir tut Schnauz da schon fast ein wenig leid, als er fassungslos miterleben muss, wie seine Schüler von seinem selbstgemachten Wein angeblich vollkommen betrunken werden. Sie lallen und torkeln; ein Schüler zieht sich sogar aus und legt sich zum Schlafen auf die Bank. Schnauz ist komplett überfordert und versteht die Welt nicht mehr.

Einen kurzen, aber vom Publikum mit viel Applaus und Jubelrufen gefeierten Auftritt hat der junge Lehrer Brett im Biergarten. In Lederhosen legt er eine flotte Sohle aufs Parkett, kreist die Hüften, wackelt mit dem Hintern und reißt die Arme nach oben. In diesem Moment scheint ihm vollkommen egal zu sein, was die anderen von ihm denken.


Der Fingerschnips, mit dem der Kellner die Haupthandlung einläutet, wird an zwei weiteren Stellen aufgegriffen. Nachdem er die Bühnen-Gäste bedient hat, meint er, jetzt können wir uns einen Drink holen. 
Wer befürchtet, dass die Lachmuskeln gegen Ende aus der Übung kommen könnten, kann sich entspannen: Im Finale wartet eine weitere großartige Szene. Pfeiffer parodiert als Crey verkleidet eben genau diesen Lehrer – ohne dessen Aussprache oder den erhobenen Zeigefinger zu vergessen. In dieser Rolle ruft er sich sogar selbst auf und reagiert empört, weil „Schüler Pfeiffer“ nicht antwortet. Die Oberprimaner, die Schülerinnen des Lyzeums und Eva kringeln sich vor Lachen, und auch auf den Tribünen bleibt kein Auge trocken. Erst recht nicht, als Direktor Knauer und der Oberschulrat den Klassenraum betreten und Pfeiffer seine Fassade aufrechterhalten soll – ganz ohne Konsequenzen, wie der Direktor ihm verspricht. Schließlich erscheint noch der echte Schnauz, dem Pfeiffer die Uhr verstellt hat und der deshalb verschlafen hat. So stehen plötzlich zwei „Lehrer“ mit derselben speziellen Aussprache auf der Bühne, und jeder behauptet von sich, der wahre zu sein. Auch hier beweist Pfeiffer seine Schlagfertigkeit: „Ich bin der echte. Ich war zuerst da!“

Nachdem er sich schließlich als berühmter Schriftsteller zu erkennen gibt, erfahren wir, dass alles nur erfunden war. Der Kellner taucht wieder auf. Fingerschnips. Die Szene erstarrt. Ende. Mir gefällt es sehr, wie sich hier der Kreis schließt und wir am Schluss wieder am Ausgangspunkt ankommen.

Wie hat es unserem Gespann gefallen? Die Antwort fällt eindeutig aus: Die Inszenierung ist für uns ein Volltreffer! Die cleveren Anpassungen – wie etwa Evas Rolle als Referendarin – tun der Dynamik spürbar gut und wirken zeitgemäßer als in der Filmvorlage. Die Energie des Ensembles, die fließenden Szenenwechsel auf der Drehbühne und der Humor, der auch heute noch funktioniert, haben den Abend wie im Flug vergehen lassen.

Die film-skeptische Freundin fand diese Inszenierung deutlich besser als den Film. Sie hat viel gelacht und lobte die Bühne sowie die stimmigen Kostüme. Und der Opa? Als Kenner des Klassikers war er ebenso begeistert. Sein persönliches Highlight: die Schlussszene mit der Parodie. Sein Wortlaut: „Sagenhaft, wie er ihn imitiert hat.“ Ich denke, dem muss man nichts mehr hinzufügen!

Auch Fabian und mir hat das Stück sehr gut gefallen. Es war ein rundum gelungener Abschluss unseres Kultur-Marathons.

3. Schiggys persönliche Highlights

Lieblingsszene: Ganz klar die Regenszene zwischen Eva und Pfeiffer! Das Ausschütteln des Schirms und das Auswringen des Jacketts waren diese wunderbaren kleinen Details, die die Szene so authentisch und lebendig gemacht haben.
Überraschung des Tages: der tanzende Lehrer in Lederhosen – damit hätte ich überhaupt nicht gerechnet.
Lustigster Moment: Hier kann ich mich schlichtweg nicht für eine einzige Szene entscheiden. Ob es das unvergessliche „Setzön Sä säch!“ von Schnauz war, Bömmels zweifarbige Socken samt unschuldigem Katzen-Opfer, die Heidelbeerwein-Kostprobe oder die Schnauz-Parodie – das Stück jagt einen humorvollen Höhepunkt nach dem nächsten.

4. Die Besetzung

Schiggy saß im Publikum. Aber wer stand auf der Bühne?

Dr. Johannes Pfeiffer: Peter Wagner
Erzähler / Kellner / Ackermann: Marc Scheufen
Eva Knauer: Uta Krüger
Frau Windscheid: Britta Hübel
Marion / Frau Direktor Knauer / Inge: Isa Weiß
Direktor Knauer / Justizrat Fleisch: Wolfgang Seidenberg
Prof. Crey (Schnauz) / Apotheker Fröbel: Kai Möller
Bömmel / Bankier Etzel: Peter Englert
Dr. Brett / Inspektor Prall: Günter Alt
Oberschulrat / Dr. med. Hellwig: Andreas Krämer
Rudi Knebel: Steven Cloos
Der kleine Luck: Dino Niethammer
Husemann: Lukas Koller
Rosen: Leander Hesse
Melworm: Vincent Lang
Charlotte: Ambritt Faubel

Donnerstag, 30. Juli 2026

Schiggy unterwegs... Amadeus in Hanau


Schiggy war wieder unterwegs und hat diesmal eine Zeitreise ins 18. Jahrhundert unternommen – in die Epoche, in der der berühmte Komponist Wolfgang Amadeus Mozart lebte und wirkte.

Nachdem ich 2023 in Tecklenburg das Musical „Mozart!“ besucht und 2024 in Wiesbaden seine Oper „Die Zauberflöte“ gesehen hatte, stand nun in Hanau mein erster Theaterklassiker auf dem Programm. Bisher hatte ich im Amphitheater Hanau ausschließlich Märchenadaptionen erlebt. Mit „Amadeus“ tauchte ich diesmal in die Welt Mozarts, seiner Musik und seiner besonderen Beziehung zu Antonio Salieri ein.

1. Eckdaten

Titel: Amadeus
Art: Theaterstück
Ort: Amphitheater Hanau
Sprache: Deutsch
Datum: 25.07.2026
Beginn: 20:30 Uhr
Reihe / Platz: Reihe 1, Platz 34
Dauer (inkl. Pause): ca. 2 Stunden 25 Minuten
Vorlage: Leben von Wolfgang Amadeus Mozart
Hinweise:

2. Mein Eindruck von der Show

Da ich erst am Vortag im Amphitheater das Musical „Schneewittchen“ gesehen habe, konnte ich das Bühnenbild direkt vergleichen. Der Apfelbaum war verschwunden. Wirkten die Wände am Freitag noch wie Felsen, sahen sie jetzt erdiger aus. Die Torbögen waren – wie bei „Tischlein, deck dich“ – Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Gebäuden. Dadurch erschien die Bühne schlichter und ernster, was gut zu der Geschichte um Macht, Neid und Rivalität passte. 

Das Stück beginnt: Ein Mann wird im Rollstuhl auf die Bühne gefahren und mit dem Rücken zum Publikum platziert. Plötzlich beginnt er mit krächzender, schwacher Stimme auf Italienisch zu sprechen. Sein vermeintlicher Diener übersetzt für das Publikum. Der Mann, der sich als Salieri herausstellt, fleht den vor über 30 Jahren verstorbenen Mozart um Verzeihung an und behauptet, dessen Mörder zu sein. Er dreht sich um, und ich frage mich, ob er das ernst meint. Ist er vielleicht verwirrt? Er sieht sehr alt, gebrechlich und nicht gerade gesund aus.

Seine weiß gekleideten Venticelli – die „Lüftchen“ – halten es jedenfalls für ein Gerücht. Sie fragen gezielt ein paar Zuschauer, ob diese Salieris Behauptung für eine Lüge halten, und betonen: „ICH glaube das nicht!“

Gebeugt sitzt Salieri im Rollstuhl und fixiert das Publikum mit verkniffenen Augen. Er möchte uns an seinen Erinnerungen teilhaben lassen – wir sollen seine Beichtväter sein. Sein gelblicher Mantel fällt mir sofort auf. Ich frage mich, ob er ein Hinweis auf den Neid ist, der Salieri im Laufe der Handlung immer stärker bestimmt. Als er sich aus dem Rollstuhl erhebt, seinen Mantel sowie die weißhaarige, strähnige Perücke abnimmt und aufrecht steht, scheint er von einer Sekunde auf die nächste um Jahre jünger geworden zu sein. Nun tauchen wir gemeinsam mit ihm ganz ins 18. Jahrhundert ein und erfahren, wie sich Salieri und Mozart einst kennengelernt haben.

Schon bei der ersten Begegnung mit Mozart zeigt die Inszenierung, dass dieser sich nicht besonders um gesellschaftliche Konventionen schert. Während Salieri im Sessel in sich ruht, hört man plötzlich nur ein „Miau“ und ein „Quiek“. Ich bin neugierig, was das zu bedeuten hat. Kurz darauf erscheinen Mozart und Constanze und albern herum. Quiekend rennt sie die Treppe hinab und versteckt sich kichernd hinter dem Klavier, während er auf allen vieren nach ihr sucht und beide schließlich ausgelassen über den Boden rollen. Für die strengen gesellschaftlichen Vorstellungen des 18. Jahrhunderts ist dieses Verhalten alles andere als standesgemäß – und genau dadurch wird deutlich, wie unangepasst diese Mozart-Figur angelegt ist. Salieri schüttelt den Kopf. Mozart lacht nur und macht nicht den Eindruck, als wäre es ihm peinlich, von einem Fremden in dieser Situation beobachtet worden zu sein.

Überhaupt legt er oft ein kindisches Verhalten an den Tag: Er springt herum, nennt Graf Orsini-Rosenberg eine „Kröte“ oder piekt jemandem in die Nase. Dabei lacht er laut, legt den Kopf in den Nacken und hält sich scheinbar für den größten Komiker.

Salieri hingegen ist ein pflichtbewusster, gläubiger und von Ehrgeiz geprägter Mann, der immer wieder direkt zu Gott spricht und ihm später sogar Vorwürfe macht. Sein Portrait, das in seinem Haus hängt, spiegelt seinen Charakter sehr gut wider: Die strenge und würdige Darstellung entspricht dem Bild, das man auch von ihm als Mensch bekommt. Seine Stellung als Hofkompositeur von Kaiser Joseph ist ihm wichtig, und er möchte sie um keinen Preis verlieren. Er will den Kaiser mit eingängigen Melodien beeindrucken, wird aber immer wieder von Mozart bloßgestellt.

Dabei nutzt dieser nicht einmal viele Worte. Mozarts provokantes Verhalten zeigt sich in kleinen Gesten: Immer wieder überschreitet er bewusst Grenzen und scheint Freude daran zu haben, andere vor den Kopf zu stoßen. Selbst mit seinem Taktstock macht er anstößige Anspielungen – etwa, indem er ihn in Bezug auf Salieri und dessen Frau nach unten hängen lässt, während er steil nach oben zeigt, wenn er von sich selbst spricht, begleitet von einem spöttischen Grinsen. So bleibt der Eindruck zurück, dass Mozart jede Gelegenheit nutzt, um zu provozieren.

Ein weiteres Beispiel für Mozarts überhebliches Auftreten zeigt sich in der Szene, in der Salieri ihm eine eigene Komposition vorlegt. Mozart behauptet, dass er die Partitur nach einmaligem Ansehen bereits beherrsche, gibt Salieri mit einem überheblichen Grinsen das Notenblatt zurück und beginnt zu spielen. Dabei gähnt er ungeniert. Die Geste ist ausgesprochen respektlos, steckt für Salieri darin doch vermutlich viel Arbeit und Können. Doch Mozart erkennt sofort die Schwächen der Komposition und macht daraus spontan eine eigene, deutlich komplexere Version.

Gerade dieser Moment zeigt die widersprüchliche Darstellung Mozarts: Einerseits ist er arrogant und verletzend, andererseits wird sein außergewöhnliches musikalisches Talent unübersehbar. Das erkennt auch Salieri an, der es als ungerecht empfindet und Gott sein Leid klagt. Die Wut beginnt an ihm zu nagen, bis der ansonsten eher beherrschte Mann schließlich laut und mit donnernder Stimme verkündet, dass er und Mozart fortan Feinde sind. Bei den vielen Demütigungen, die er vom jüngeren Komponisten ertragen musste, kann ich seinen Groll durchaus nachvollziehen.

Ich denke mir: Es stimmt, wenn er selbst von sich sagt, dass er ein Genie ist. Seine Musik ist großartig und zeitlos – ich höre sie unheimlich gerne. Aber gleichzeitig finde ich sein Verhalten unmöglich. Das Kindische stört mich dabei gar nicht. Vielleicht ist es genau das, woraus er seine Kreativität zieht: dass er eben nicht steif und ernst ist, sondern sich das Kindliche bewahrt hat. Er müsste sich aber nicht so über andere stellen und sie entwürdigen.


Salieri beginnt zu intrigieren und erreicht, dass der Tanz aus Mozarts Oper gestrichen wird, da Ballett bei Hofe nicht erlaubt ist. Mozart reagiert empört und schlägt mit der Faust auf das Klavier. Während er sich gegen die Änderung wehrt, werden die entsprechenden Seiten aus dem Notenheft entfernt. Er soll die Oper einfach anpassen – schließlich sei er doch talentiert genug, eine neue Lösung zu finden. Doch Mozart weigert sich. Für ihn geht es nicht darum, irgendeine Melodie zu schreiben, sondern genau diese eine, perfekte Vision zu bewahren.

Statt die Vorgabe einfach hinzunehmen, findet er jedoch einen ganz eigenen Weg: Bei der Probe lässt er die Tänzer mitten in der Szene erstarren. Als der Kaiser verwundert fragt, was diese ungewöhnliche Darstellung bedeuten soll, erklärt Mozart, dass an dieser Stelle eigentlich der verbotene Tanz stattfinden würde. Da dieser nicht erlaubt sei, könnten sich die Tänzer eben nicht bewegen. Die schlaue Lösung überzeugt den Kaiser, der dieses starre Bild befremdlich findet – und Mozart bekommt erneut seinen Willen. Während Mozart triumphiert, entgleiten Salieris Gesichtszüge vollends.

Kaiser Joseph II. macht in der weiß-roten Galauniform eines österreichischen Feldmarschalls einen erhabenen Eindruck. Während er nach außen hin entscheidungskräftig auftritt, enthüllt die Inszenierung feine Zwischentöne: Mozarts komplexe Musik versteht der Kaiser gar nicht – seine Äußerung, es seien „zu viele Noten“, scheint entlarvend. Oft muss ihm sein Diener erst zu den passenden Formulierungen verhelfen, die er dann mit seinem wienerischen Einschlag wiederholt.

Nach der Hochzeit möchte Constanze ihren Mann unterstützen und dafür sorgen, dass er Aufträge bekommt. Läuft sie zuerst noch geschockt vor Salieris Annäherungsversuchen fort, sucht sie später selbst seine Nähe, setzt sich breitbeinig auf das Klavier und hebt den Rock hoch. Ihr Blick wirkt entschlossen, aber sie macht keine Anstalten, ihre Abneigung zu verbergen: „Bringen wir es hinter uns.“

Constanzes Ehe mit Mozart scheint dennoch glücklich zu sein. Die beiden teilen denselben Humor und lachen ständig zusammen. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass sie eifersüchtig ist, wenn ihr Mann andere Frauen unterrichtet. Sie vertraut ihm und weiß, dass sie das Geld aus den Musikstunden dringend nötig haben. Als sich die Geldprobleme häufen, sieht sie keinen anderen Ausweg, als mit ihren beiden Kindern erst einmal fortzugehen – doch sie verspricht, wiederzukommen.

Durch die Ausstattung und Kostüme fühle ich mich auf Anhieb ins 18. Jahrhundert versetzt. Mit typischen Schnallenschuhen, Justaucorps, Gilets, Kniebundhosen und Chemisenkleidern tritt das Ensemble historisch überaus stimmig auf. Meine Begleitung fand vor allem Strack sehr authentisch: Die Perücke saß perfekt, und in Kombination mit dem rosafarbenen Kostüm sah der Darsteller nicht verkleidet aus, sondern so, als stamme er tatsächlich direkt aus der Wiener Klassik.

Ganz anders verhielt es sich bei Mozart: Bei ihm wirkte das weiße Haarteil wie eine erzwungene Maskerade. Passend zu seiner Missachtung der Etikette lugten die eigenen braunen Haare darunter hervor. Diese vorgespielte Anpassung fiel erst von ihm ab, als er die Perücke im späteren Verlauf ablegte und endlich ganz er selbst sein durfte.

Constanze trägt zwar ein schickes, pastellgelbes Kleid, ihr offenes Haar passt aber nicht ganz zu den strengen Gewohnheiten der Wiener Klassik. Das habe ich einerseits als Zeichen ihrer unkonventionellen, bewusst nicht angepassten Art gedeutet, andererseits als Brücke zur heutigen Zeit. Sie ist eine Frau, die auch heute so leben könnte, ohne von allen angestarrt zu werden.

Mozarts Musik wird immer wieder wunderbar eingebunden – sei es bei einer Opernaufführung, bei Proben, wenn Salieri die Notenblätter liest und die Musik in seinem Kopf hört, oder wenn Mozart selbst komponiert. Bei den Aufführungen spüre ich, wie sehr Mozart in seiner Kunst aufgeht. Er fühlt die Musik durch und durch; seine Gesichtszüge verändern sich und gehen mit der Melodie mit. Er scheint völlig in einer anderen Welt zu sein und merkt nicht einmal, dass sich manche Besucher (darunter auch der Kaiser) nach mehreren Stunden Aufführung langweilen. Er zeigt sich dabei von seiner ganz natürlichen Seite. Ich hatte das Gefühl: Das ist der wahre Mozart. Hier ist er absolut in seinem Element.

Die Opernaufführungen fand ich generell wirklich sehr gut inszeniert. Drei der Torbögen werden umgedreht und zeigen nun das prächtige Innere des Opernhauses. Oben befindet sich die Kaiserloge mit ihren vornehmen, rot bezogenen Stühlen, während die Bühne in warmes Licht gehüllt ist. Dass Mozart beim Dirigieren zum Publikum schaut und damit den Besuchern der Loge den Rücken zudreht, passt hervorragend: Den Dirigenten sieht man nun einmal meistens von hinten, weil er dem Orchester zugewandt ist.

Bei der Opernsängerin Katharina Cavalieri fiel mir auf, dass ihre Lippenbewegungen nicht immer ganz synchron zum Gesang waren. Das sah etwas irritierend aus, fiel aber nicht weiter ins Gewicht – es war nur eine kurze Szene, die den Abend in keiner Weise getrübt hat.

Da ich vor zwei Jahren „Die Zauberflöte“ gesehen habe, war ich sehr gespannt, ob sie auch in diesem Theaterstück repräsentiert wird. Das wurde sie tatsächlich – allerdings in einem ganz anderen Ambiente als dem der höfischen Oper. Mozart möchte mit seiner Musik schließlich nicht nur die vornehme Gesellschaft beeindrucken, sondern alle Menschen erreichen. Deshalb hat er sich entschieden, das Stück in einer einfachen Lokalität aufzuführen: Hier sucht man vergeblich nach gepolsterten Sesseln, stattdessen sitzen die Zuschauer auf schlichten Holzbänken. Die karge Beleuchtung verströmt eine eisige Kälte. Die wandelbaren Torbögen zeigen nun Wände, die ihre besten Tage längst hinter sich haben und den Rauch vieler Jahre eingesogen zu haben scheinen. Sie sind teilweise mit Zetteln beklebt – definitiv kein Ort, an dem der Adel üblicherweise verkehrt. Genau in diesem historischen Ambiente des Freihaustheaters auf der Wieden feierte Mozarts Meisterwerk am 30. September 1791 seine echte Uraufführung.

Es scheint fast so, als könnte Mozart nichts erschüttern, doch Salieris Intrigengift entfaltet allmählich seine Wirkung. Mozarts Geldprobleme häufen sich, und die Aufträge bleiben aus. Nachdem Constanze vorübergehend auf Abstand gegangen ist, zieht er sich immer weiter zurück und verliert sich zunehmend in Krankheit, Alkohol und Wahnvorstellungen. Als eine geheimnisvolle, schwarz gekleidete Gestalt auftaucht und bei ihm ein Requiem – eine Totenmesse – in Auftrag gibt, beschleunigt das seinen Untergang. Der geschwächte Mozart steigert sich in den Glauben hinein, er schreibe die Musik für sein eigenes Begräbnis.

Schließlich scheint sich bei Salieri das schlechte Gewissen zu melden. Er sucht die Aussprache mit Mozart und erklärt ihm, dass sie sich über die Jahre gegenseitig vergiftet haben. Doch Mozart ist schon so von seinem Wahn zerfressen, dass er ihn nur noch auslacht – allerdings nicht mit seinem fröhlichen, kindischen Lachen, sondern mit einem bittersüßen Lachen, bei dem man spürt, dass er nicht mehr er selbst ist. Als Constanze schließlich zu ihm zurückkehrt, bleiben den beiden nur noch die letzten gemeinsamen Stunden, bevor das Genie viel zu jung stirbt.

Am Ende schließt sich der Kreis: Salieri kehrt in den Sessel zurück, setzt seine Perücke auf und legt den Mantel um. Aus dem jüngeren Mann, der uns seine Erinnerungen erzählt hat, wird wieder der gebrechliche alte Salieri vom Anfang. Doch mein Blick auf ihn hat sich verändert. Während er zu Beginn wie ein verwirrter Greis wirkt, wird nun deutlich, dass hinter seinem Geständnis ein kalkulierter Plan steckt: Indem er behauptet, Mozarts Mörder zu sein, möchte er selbst Teil von dessen Unsterblichkeit werden. Er will nicht vergessen werden – selbst wenn sein Name der Nachwelt nur als der Mann in Erinnerung bleibt, der das Genie auf dem Gewissen hat.

Doch ob sich sein Wunsch erfüllen wird, ist fraglich. Wie zu Beginn wenden sich die Venticelli ans Publikum und wollen wissen, ob wir es glauben. Sie tun es jedenfalls nicht.

Mein erster Theaterklassiker im Amphitheater Hanau hat mich auf ganzer Linie begeistert. Die Inszenierung von „Amadeus“ schafft für mich den Spagat zwischen historischem Flair und emotionaler Tiefe. Besonders beeindruckt hat mich, wie greifbar die Zerrissenheit der Figuren dargestellt wurde: Auf der einen Seite das kindliche, oft anstrengende Genie Mozart, das in seiner Musik vollkommen aufgeht; auf der anderen Seite der vom Neid zerfressene Salieri, dessen Verzweiflung und Hunger nach Ruhm stets spürbar waren. Das wandelbare Bühnenbild, das stimmige Kostümkonzept und die geschickte Einbindung von Mozarts unsterblicher Musik machten den Abend für mich zu einer rundum gelungenen Zeitreise ins 18. Jahrhundert.



3. Schiggys persönliche Highlights

Lieblingsszene: Die Szene in der Oper, in der Mozart vollkommen in seiner Musik aufgeht – weil ich da das Gefühl hatte, den echten Mozart hinter all seinen Provokationen zu entdecken.
Überraschung des Tages: Als sich Salieri aus dem Rollstuhl erhob und plötzlich viel jünger wirkte.
Lustigster Moment: Als Constanze und Mozart beim Herumtollen bemerken, dass sie beobachtet werden, und für einen kurzen Augenblick erschrocken erstarren.
Emotionalster Moment: Mozarts Tod in Constanzes Armen.

4. Die Besetzung

Schiggy saß im Publikum. Aber wer stand auf der Bühne?

Wolfgang Amadeus Mozart: Jan Mirow
Antonio Salieri: Hartmut Volle
Constanze Weber (Mozarts Frau): Hanna Vogler
Joseph II. (Kaiser von Österreich): Patrick Dollmann
Graf Johann Kilian von Strack (kaiserlicher Kammerherr): Detlev Nyga
Graf Franz Orsini-Rosenberg (Direktor der Nationaloper): Raphael Grosch
Baron Gottfried von Swieten (Präfekt der Nationalbibliothek): Jan Henning Kraus
Zwei Venticelli („Lüftchen“, Zuträger von Infos u. Gerüchten): Maria Arnold, Fabian Baecker
Katharina Cavalieri: Sonja Plahusch
Teresa Salieri: Sigrid Roßmann
Bürger von Wien, Diener, Bauern u. a.: Felix Volnhals, Frank Klimek

Mittwoch, 29. Juli 2026

Schiggy unterwegs... Schneewittchen in Hanau

 

Spieglein, Spieglein an der Wand – welches ist das schönste Musical im ganzen Land?
Schiggy war wieder unterwegs. Diesmal führte mich meine Reise ins Königreich Veldorian bei Hanau, um den magischen Spiegel zu befragen: Hat diese Inszenierung das Zeug zum Musical-Highlight des Jahres 2026? 
Auch der Trailer weckte meine Vorfreude, sodass ich mit entsprechend hohen Erwartungen zur Vorstellung anreiste.

1. Eckdaten zur Vorstellung

Titel: Schneewittchen
Art: Musical
Ort: Amphitheater Hanau
Sprache: Deutsch
Datum: 24.07.2026
Beginn: 20:30 Uhr
Reihe / Platz: Reihe 1, Platz 34
Dauer (inkl. Pause): ca. 2 Stunden
Vorlage: das gleichnamige Märchen der Gebrüder Grimm
Hinweise:
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2. Mein Eindruck von der Show

Das Grundgerüst der Bühne kam mir sofort vertraut vor. Wie schon bei den anderen Produktionen, die ich in diesem Jahr dort besucht habe, besteht sie aus zwei Ebenen mit fünf Torbögen im Erdgeschoss sowie seitlichen Treppenaufgängen. Doch der Teufel – oder in diesem Fall das Märchen – steckt im Detail: Die Wände wirken wie aus schwerem, kunstvoll verziertem Stein und verleihen der Bühne eine düster-herrschaftliche Schlossatmosphäre. Einen reizvollen Kontrast dazu bildet der große rosafarbene Blütenbaum, an dessen rechter Seite ein einzelner Apfel hängt – ein schlichtes, aber wirkungsvolles Detail, das sofort erkennen lässt, welches Märchen erzählt wird.
Bereits die Vorgeschichte zu Beginn hat mich in ihren Bann gezogen. Anstatt auf aufwendige Kulissenwechsel zu setzen, erzählt das Ensemble die Handlung mit ausdrucksstarker Symbolik: Wiegende Arme stehen für das Baby, ein mit den Händen geformtes Dach symbolisiert das Schloss, und ein plötzliches Zusammenzucken stellt den berühmten Nadelstich der Königin dar. Gemeinsam mit dem herabrieselnden weißen Konfetti, das den Schnee verkörpert, reichen diese minimalistischen Mittel vollkommen aus, um mich unmittelbar in die Märchenwelt hineinzuziehen.
Während die Handlung ihren Lauf nimmt, wächst zugleich meine Vorfreude darauf, wie das Lichtkonzept seine volle Wirkung entfalten wird, sobald die Dunkelheit einsetzt.

Bevor ich auf die einzelnen Rollen eingehe, möchte ich zunächst das gesamte Ensemble hervorheben. Sowohl schauspielerisch als auch gesanglich hat mich die Besetzung von Anfang bis Ende überzeugt. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, dass auch nur ein Ton wackelte oder Unsicherheiten aufkamen. Jeder Song klang stimmlich sauber, präzise und sicher, sodass ich mich voll und ganz auf die Geschichte und die Figuren einlassen konnte.

Wer hier das klassisch naive, sanftmütige Mädchen erwartet, wird überrascht: Prinzessin Schneewittchen ist zu Beginn ausgesprochen oberflächlich. Sie ist sich ihrer Schönheit vollkommen bewusst, posiert mit übertriebenen Gesten und einem breiten Dauergrinsen. Sie hält sich selbst für perfekt und empfindet es bereits als kleine Katastrophe, wenn ihre Haare einmal nicht sitzen.
Als Lord Ares sie zur Flucht in den Wald drängt, wird schnell deutlich, wie abhängig sie von ihrem luxuriösen Leben ist. Ohne Zofe und Diener fühlt sie sich völlig hilflos. Das selbstbewusste Lächeln weicht einer trotzigen Schnute – fast wie bei einem Kleinkind, dem man das Lieblingsspielzeug weggenommen hat. Ihr Plan für den Wald? Erst einmal darauf warten, dass der Märchenprinz auftaucht und sie rettet.
Gerade diese charakterliche Schwäche empfinde ich jedoch als einen der klügsten Schachzüge der Inszenierung, denn dadurch wirkt die Handlung deutlich nachvollziehbarer als im Originalmärchen. Dass sie sich das Mieder viel zu eng schnüren lässt, geschieht nicht aus bloßer Naivität, sondern aus Eitelkeit: Sie möchte für Prinz Florin möglichst makellos aussehen. Auch ihr Vertrauen in die verkleidete Königin ergibt Sinn, denn Schneewittchen hält sie für eine von Lord Ares angekündigte Dienerin. Selbst der vergiftete Kamm erhält eine schlüssige neue Bedeutung. Er ist kein beliebiger Kamm, sondern ein Abschiedsgeschenk von Ares, das sie im Wald verloren hat. Als sie ihn wiederfindet, überwiegt die Freude über das vertraute Erinnerungsstück jedes Misstrauen.
Am spannendsten finde ich jedoch ihre Entwicklung im weiteren Verlauf. Schneewittchen legt nicht nur ihr Prinzessinnenkleid ab, sondern auch ihre verwöhnte Haltung. Sie erkennt, dass sie sich keinen Zacken aus der Krone bricht, wenn sie den Zwergen im Alltag hilft. Schritt für Schritt wächst sie über sich hinaus, lernt, sich selbst zu verteidigen, und begreift schließlich, dass weit mehr in ihr steckt als eine schöne Fassade.

Königin Sirenna bringt eine spannende Hintergrundgeschichte mit. An ihrem eigentlichen Ziel ändert das allerdings nichts: Sie will die Schönste im ganzen Land sein und Schneewittchen aus dem Weg räumen. Dabei beherrscht sie das Spiel mit den Masken perfekt. Nach außen begegnet sie ihrem Umfeld mit einem freundlichen Lächeln, doch sobald sich jemand abwendet, bröckelt die glamouröse Fassade. Plötzlich treten finstere Blicke und ein gehässiges Grinsen zum Vorschein. Nein, mit dieser Königin möchte ich definitiv keine Teestunde verbringen!

Über die Figur der Amneris möchte ich an dieser Stelle bewusst noch nicht allzu viel verraten, auch wenn mir das wirklich schwerfällt. Warum das so ist, erläutere ich erst im Spoilerteil unter Punkt 5.

Lord Ares steht Sirenna als treuer Diener zur Seite, unterstützt Schneewittchen jedoch heimlich bei ihrer Flucht. Er ist ein ruhiger und besonnener Charakter, der ein großes Geheimnis mit sich trägt. Der Darsteller verkörpert diese Rolle angenehm zurückhaltend, was auf mich sehr glaubwürdig wirkt. Denn wer im Hintergrund unbemerkt die Fäden ziehen möchte, sollte schließlich möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Prinz Florin aus Thandor bricht mit dem Klischee des unfehlbaren Märchenprinzen. Das zeigt sich bereits bei seiner ersten Begegnung mit Schneewittchen. Sein Versuch, sich lässig und selbstbewusst zu präsentieren, entwickelt sich schnell zu einem unfreiwillig komischen Moment.
Als Schneewittchen ungeschickt gegen sein Schwert stößt, versucht Florin, die Situation mit einem hölzernen „Boing, boing“ zu überspielen – nur um sich im nächsten Moment ertappt an die Stirn zu fassen. Gerade diese Selbstironie lässt ihn sympathisch wirken. Er scheint selbst zu merken, dass er eher für eine peinliche Situation sorgt, als den perfekten Helden abzugeben.
Auch im Umgang mit bekannten Märchensymbolen beweist die Inszenierung viel Humor. Als Florin den Zwergen begegnet, reagiert er augenzwinkernd mit einem „Heiho, heiho“ und deutet dabei das Ziehen einer imaginären Zipfelmütze an. Diese charmante Hommage an den Disney-Klassiker bildet einen amüsanten Kontrast zu den kämpferischen Hanauer Zwergen.
Zum Lachen brachte mich Florin schließlich auch nach seinem scheinbar missglückten Heiratsantrag. Als Schneewittchen die Flucht ergreift, sucht er mit einem zerknirschten und sichtlich peinlich berührten Blick den direkten Augenkontakt zum Publikum. Dieser wortlose Moment sagt mehr als jede Dialogzeile und zeigt eine weitere Facette dieser ungewöhnlichen Prinzenfigur.

Besonders gespannt war ich auf die bärtigen Zwerge – und sie haben mich tatsächlich überrascht. Mit dem klassischen Märchenbild haben sie nur wenig gemeinsam: Die Gruppe besteht aus sechs statt sieben Mitgliedern, die Darsteller sind auffallend groß, tragen keine Zipfelmützen und machen selbst unmissverständlich klar, dass ein Disney-haftes „Heiho“ bei ihnen Hausverbot hat. Auch ihre Aufgabe unterscheidet sich deutlich vom bekannten Vorbild. Statt im Bergwerk zu arbeiten, suchen sie den Eingang zum verborgenen Zwergenreich. Ihre raue und ungezähmte Art unterstreichen sie immer wieder mit einem kollektiven, geräuschvollen Ausspucken auf den Boden, sobald ihnen etwas gegen den Strich geht.

Rurik macht aus seiner Skepsis gegenüber Schneewittchen von Anfang an keinen Hehl. Auffällig war für mich, wie deutlich er seine Ablehnung allein durch Mimik und Gestik zeigte. Genervtes Augenrollen, demonstrativ verschränkte Arme oder das provokante Nachahmen von Schneewittchens Gang – sein gesamter Körper signalisiert Widerstand, noch bevor er überhaupt ein Wort sagt.

Grimbold strahlt als ältester Zwerg eine enorme Souveränität und Gelassenheit aus, wodurch seine Rolle als Anführer völlig selbstverständlich wirkt. Beim Gesang hat er mich dann allerdings eiskalt erwischt: Seine tiefe, kraftvolle Bassstimme kam für mich völlig unerwartet. Da ich solche tiefen Stimmen sehr gerne höre, zählt dieser Moment zu meinen musikalischen Highlights des Abends.

Das genaue Gegenteil davon ist das Nesthäkchen Nurik, der einzige Zwerg ohne Bart. Statt eines Kampfstocks trägt er einen Putzmopp und kümmert sich um die Hausarbeit der Gruppe. Mit seiner quirligen Art bringt er spürbar Leichtigkeit in die ansonsten eher raue Zwergenschar. Er springt und läuft beinahe ununterbrochen umher und sucht mit seinem offenen, neugierigen Blick immer wieder die Nähe zu Schneewittchen. Sogar eine Krone strickt er für sie. Offenbar sieht er in ihr trotz allem weiterhin die Prinzessin, die sie nach außen verkörpert.




Die Tontechnik hinterließ einen durchweg positiven Eindruck. Die Lautstärke war hervorragend abgestimmt, sodass weder Dialoge noch Gesang untergingen. Sämtliche Darsteller waren jederzeit klar und deutlich zu verstehen, ohne dass störende Tonprobleme auftraten.

Offiziell wird das Stück – ähnlich wie bereits „Hänsel und Gretel“ im vergangenen Jahr – als „Familientheater mit Musik“ beworben. Nach meinem Eindruck wird diese Bezeichnung der Produktion jedoch kaum gerecht. Für mich handelt es sich vielmehr um ein vollwertiges Musical – lediglich ohne Live-Orchester. Während der Vorstellung fiel dieser Unterschied überhaupt nicht negativ auf. Die musikalischen Einspielungen fügten sich stimmig in das Gesamtbild ein.

Vor allem das Ende von Königin Sirennas Solo ist mir in Erinnerung geblieben. Ein greller weißer Lichtstrahl setzt den Fokus kompromisslos auf die Königin, während der Rest der Bühne in völliger Dunkelheit verschwindet. Das passt für mich hervorragend zu ihrem Charakter, denn sie möchte um jeden Preis im Mittelpunkt stehen und sämtliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Dass das Licht dabei bewusst steril weiß statt warm gelb gewählt wurde, empfinde ich als gelungenen inszenatorischen Kniff. Sirenna hüllt sich damit sinnbildlich in Unschuld: Das kalte Weiß vermittelt den Eindruck makelloser Reinheit und verschleiert zugleich ihre dunkle, skrupellose Seite – eine visuelle Täuschung, die perfekt zu ihrer Figur passt.

Die Szenenwechsel im Wald werden ebenso wirkungsvoll durch die Lichtfarben unterstützt. Der Rückzugsort der Zwerge erstrahlt häufig in einem mystischen Grün, das sich bei aufziehender Gefahr in ein warnendes, bedrohliches Rot verwandelt. So erzählt das Licht die Handlung aktiv mit und verstärkt die jeweilige Stimmung zusätzlich.

Ein echter Gänsehautmoment war für mich schließlich das Totenlied der Zwerge. Das Licht wird stark gedimmt, während düstere Nebelschwaden über den Bühnenboden ziehen. Gemeinsam erzeugen diese Effekte eine beklemmende, fast magische Atmosphäre, die die emotionale Wucht der Szene noch einmal deutlich verstärkt.

Das Bühnenbild hat mir bei dieser Inszenierung ebenfalls ausgesprochen gut gefallen. Unerwartet kam für mich der Moment, in dem sich die Torbögen plötzlich nach vorne bewegten. Ihre Rückseiten sind als moosbewachsene Felswände gestaltet und kommen unter anderem als Zwergenhäuschen zum Einsatz. Ein aus Ästen angedeutetes Fenster genügt dabei bereits, um den neuen Spielort glaubhaft und stimmungsvoll wirken zu lassen.

Nicht nur die großen Kulissenelemente, sondern auch die kleineren Requisiten tragen entscheidend zur Atmosphäre bei. Im Königsschloss werden bei feierlichen Anlässen Fahnen geschwenkt. Dass ausgerechnet der Pfau als Wappentier gewählt wurde, fügt sich für mich stimmig in die Inszenierung ein: Sowohl Königin Sirenna als auch – zumindest zu Beginn – Schneewittchen erinnern mit ihrer Eitelkeit und ihrem Drang, sich selbst in Szene zu setzen, an einen stolzen Pfau. Dieses Motiv greift die Inszenierung auf elegante Weise auf.

Mit wenigen Handgriffen entstehen aus steinernen Quadern und einer Holzplatte der Esstisch der Zwerge sowie die passende Einrichtung mit Tellern, Bechern und Besteck. Gerade diese schlichte Gestaltung passt hervorragend zu ihrem einfachen und bodenständigen Lebensstil.

Ein weiteres cleveres Bühnenelement ist das Drehelement, das auf seiner Rückseite den Keller des Schlosses mit dem magischen Spiegel verbirgt. Das davorhängende Tuch wird nur dann zur Seite gezogen, wenn der Spiegel befragt werden soll. Dadurch erhält jeder seiner Auftritte eine besondere Wirkung und hebt ihn deutlich von den übrigen Bühnenszenen ab.

Natürlich darf auch der Glassarg, in dem Schneewittchen liegt, nicht fehlen. Zwar waren an den Seiten die Lüftungsschlitze zu erkennen, gestört hat mich das jedoch überhaupt nicht. Im Gegenteil: Gerade bei einer sommerlichen Open-Air-Vorstellung kann ich gut nachvollziehen, dass diese aus praktischen Gründen notwendig sind.

Die Kostüme haben mir ausgesprochen gut gefallen. Sie verbinden märchenhafte Elemente mit einem modernen Design und unterstreichen sowohl den Charakter als auch die Entwicklung der einzelnen Figuren.

Schneewittchen trägt zu Beginn ein langes, blutrotes Kleid. Ihre schwarzen Haare sind lang, gepflegt und glänzend – passend zu ihrer Eitelkeit und ihrem Wunsch, stets perfekt auszusehen. Im Laufe der Handlung verändert sich ihr Erscheinungsbild jedoch deutlich: Das Kleid wird schmutzig, ihre Haare wirken zunehmend ungepflegt und der vergiftete Kamm muss schließlich herausgeschnitten werden. Mit ihren kurzen, lockigen Haaren, einer Hose und einem moosbewachsenen Umhang wirkt sie schließlich nicht mehr wie die oberflächliche Prinzessin vom Anfang, sondern wie eine bodenständige junge Frau. Auf eindrucksvolle Weise zeigt diese äußere Veränderung ihre innere Entwicklung.

Königin Sirenna trägt durchgehend weiße Gewänder. Wie bereits beim Lichtkonzept beschrieben, verbinde ich diese Farbe mit dem Bild von Unschuld. Gerade bei Sirenna wirkt dieses Weiß jedoch wie eine bewusste Täuschung: Nach außen erscheint sie makellos und rein, während sich hinter dieser Fassade eine skrupellose Herrscherin verbirgt. Ihre große Krone unterstreicht zusätzlich ihren Machtanspruch und vermittelt den Eindruck, dass jeder sofort erkennen soll, wer hier das Sagen hat.

Die Zwerge tragen zottelige Bärte und wilde Frisuren, die ihre raue Lebensweise unterstreichen. Ihre Gewänder erinnern in Kombination mit den Rüstungselementen eher an eine Gruppe erfahrener Krieger als an die häufig niedlich dargestellten Märchenzwerge. Damit passt ihr Erscheinungsbild hervorragend zu ihrer kämpferischen und ungezähmten Art.

Ein Vorteil bei dieser Produktion: Das Album ist sowohl als Stream als auch zum Kauf erhältlich. Ich habe diese Möglichkeit genutzt und konnte die Songs nach der Vorstellung noch einmal in Ruhe auf mich wirken lassen. Während ich bei „Tischlein, deck dich“ noch mit Umschreibungen arbeiten musste, weil weder eine Songliste noch ein Album verfügbar waren, kann ich hier die konkreten Titel nennen und gezielt auf einzelne Lieder eingehen. Da eine ausführliche Besprechung aller Songs den Rahmen sprengen würde, habe ich mich auf vier Titel beschränkt, die mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben sind.

„Alles Lüge“ räumt mit den Geschichten auf, die man über Zwerge kennt. Ja, das machen die Zwerge unmissverständlich klar: Sie sind nicht klein, tragen keine Zipfelmützen und haben weit mehr als nur eine einzige Eigenschaft. Für mich sind das eindeutige Anspielungen auf die Disney-Version, in der es beispielsweise Happy (immer fröhlich), Schlafmütz (immer müde) oder Brummbär (immer grimmig) gibt. Für die Zwerge ist das sogar „ausgemachter Mist, weil die Wahrheit über uns vollkommen anders ist“. Die Melodie ist überwiegend schwungvoll und animierte das Publikum zum Mitklatschen. In der Mitte wird sie deutlich ruhiger und erinnerte mich klanglich an den Beginn des Disney-Lieds „Heiho“. Doch stattdessen rufen sie: „Kein Heiho. Kein Heiho.“ Gegen Ende nimmt das Lied wieder Fahrt auf.

Schneewittchens Entwicklung wird in „Pack mit an“ unterstrichen. Anfangs zählt sie als ihre Fähigkeiten lediglich Singen, Tanzen und Sich-im-Kleid-Drehen auf, doch das beeindruckt die Zwerge nicht. Sie gerät zunehmend in Verzweiflung, bis Nurik sie dazu motiviert, mit anzupacken. Umso erstaunter sind die anderen, als sie plötzlich kocht und putzt. Sie ist also nicht wie im Original von Anfang an auf die Rolle der fleißigen Hausfrau festgelegt. Nein, es ist etwas Besonderes, dass sie im Haushalt mithilft, weil sie zuvor keinen Finger krumm gemacht und die Arbeit stets anderen überlassen hatte. Das zeigt, dass sie von ihrem hohen Ross absteigt und sich nicht mehr scheut, sich die Hände schmutzig zu machen. Anfangs noch ungeschickt, lernt sie schließlich sogar, sich mit dem Kampfstock zu verteidigen. Passend zu ihrer Entwicklung verändert sich auch die Melodie – von beschwingt über melancholisch bis hin zu dynamisch.

Nicht nur Schneewittchen hatte sich von Königin Sirenna „Ein falsches Bild“ gemacht. Auch andere Figuren verbergen ihre wahren Absichten. Mit genau diesem Motiv spielt das Lied. Schneewittchen erkennt, was Sirenna wirklich vorhat, während diese versucht, eine falsche Fährte zu legen. Schneewittchen ist enttäuscht und fühlt sich hintergangen, während Amneris endlich die Wahrheit ans Licht bringen möchte. Dieses Terzett hat mir sehr gut gefallen. Die Stimmen harmonierten hervorragend miteinander, und gerade der mehrstimmige Gesang hat mich fasziniert.

Im Finale der Inszenierung erfahren wir noch mehr Wahrheiten „Über Märchen“. Hier fiel meiner Begleitung auf, dass die Darsteller so taten, als würden sie ein Buch aufschlagen und Seite für Seite umblättern. Statt eines klassischen Happy Ends erwartet das Publikum ein rhythmischer Abschluss mit einem augenzwinkernden Blick auf das Märchengenre. Auch hier klatschten die Zuschauer mit und sorgten für einen stimmungsvollen Abschluss.

Eine kleine persönliche Randnotiz zum Schluss: In einer Szene trägt Schneewittchen Baumstämme, die in Wirklichkeit weiche, runde Sitzkissen sind und durch ihre Optik tatsächlich wie dick geschnittene Baumscheiben wirken. Dieses Detail brachte mich sofort zum Schmunzeln, denn genau solche Sitzkissen kenne ich auch aus eigener Erfahrung.

Dabei musste ich an meinen Besuch in Tecklenburg zurückdenken: Als ich dort aufstehen wollte, um eine andere Besucherin vorbeizulassen, rutschte mein Sitzkissen über die Bank nach hinten. Der Besucher hinter mir hob es auf und kommentierte den Moment scherzhaft mit einem „Autsch, mein Fuß!“, bevor er mir das Kissen zurückreichte. Die Ähnlichkeit zur Requisite in Hanau war für mich daher ein unerwarteter und amüsanter kleiner Wiedererkennungsmoment.

Insgesamt hat mir der Besuch von „Schneewittchen“ ausgesprochen gut gefallen. Die Vorstellung war für mich äußerst kurzweilig, sodass ich selbst überrascht war, wie schnell der erste Akt vergangen ist. Die Mischung aus humorvollen Momenten, stimmungsvoller Atmosphäre und einer gelungenen Figurenentwicklung hat mich über die gesamte Dauer hinweg bestens unterhalten.

Die Inszenierung bleibt dem Originalmärchen der Gebrüder Grimm treu, setzt jedoch gleichzeitig eigene Akzente und interpretiert bekannte Elemente auf frische Weise. Die vorgenommenen Änderungen wirken dabei nicht aufgesetzt oder erzwungen, sondern fügen sich stimmig in die Geschichte ein. Einige dieser Anpassungen möchte ich an dieser Stelle jedoch noch nicht vorwegnehmen, sondern im Spoilerteil unter Punkt 5 genauer beleuchten.

Ein besonderer Hinweis darauf, wie sehr mich die Produktion überzeugt hat, zeigt sich auch in meiner persönlichen Jahreswertung: „Schneewittchen“ hat es tatsächlich geschafft, meinen bisherigen Favoriten „Der Graf von Monte Christo“ vom ersten Platz zu verdrängen. Damit steht die Hanauer Märchenproduktion aktuell an der Spitze meiner Musical-Highlights 2026, während „Der Graf von Monte Christo“ nun den zweiten Platz vor „Tischlein, deck dich“ belegt.

3. Schiggys persönliche Highlights

Lieblingsszene: das Warten nach dem Heiratsantrag

Bestes Solo: „Was weißt du schon? – Reprise“

Bestes Duett: „Was weißt du schon?“

Ohrwurm des Tages: „Ein falsches Bild“

Überraschung des Tages: Grimbolds tiefe Bassstimme in „Mør'dar Nuîk Bombadur“. Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet – und genau deshalb ist mir dieser Moment besonders in Erinnerung geblieben.

Beste Ensemblenummer: „Alles Lüge“. Mir gefiel, wie die Zwerge hier mit den bekannten Klischees über ihre eigene Figur aufräumen.

Lustigster Moment: Hier könnte ich mehrere Szenen nennen, aber einige davon würden bereits zu viel über die Handlung verraten. Daher bleibt es bei einem sehr knappen: Die Inszenierung hatte viele Momente, die mich zum Lachen gebracht haben.

Emotionalster Moment: „Mør'dar Nuîk Bombadur“ und die Szene um Amneris' Geheimnis. Beide Momente haben bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen.


4. Die Besetzung

Schiggy saß im Publikum. Aber wer stand auf der Bühne?


Schneewittchen von Veldorian: Rosa Alice Abruscato
Königin Sirenna von Veldorian: Johanna Haas
Amneris: Barbara Bach
Lord Ares: Benedikt Selzner
Prinz Florin von Thandor/Dalwin: Marius Schneider
Ranghilda u.a.: Barbara Seeliger
Grimbold u.a.: Jan Henning Kraus
Rurik u.a.: Valentin Mirow
Sigurd u.a.: Hanna Kogler
Nurik u.a.: Jiri Dehmel

5. Spoiler

Diesen Erlebnisbericht zu schreiben, fiel mir überraschend schwer. Nicht etwa, weil mir nichts eingefallen wäre – ganz im Gegenteil. Es gibt so viel zu erzählen. Das Problem war vielmehr, dass sich viele meiner Eindrücke nur anhand konkreter Szenen beschreiben lassen und ich damit zwangsläufig einen großen Teil der Handlung verrate. Deshalb habe ich mich wie beim Bericht zu „Wie im Himmel“ dazu entschieden, meine Gedanken im Spoilerteil zu beschreiben.

Da für das Musical noch eine Tour durch Bremen, Chemnitz und München geplant ist, gilt: Wer sich die Inszenierung dort noch ansehen und sich überraschen lassen möchte, sollte an dieser Stelle lieber nicht weiterlesen.

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Amneris ist die Frau im Spiegel. Sie wirkt sehr alt, hat langes graues Haar und ein von Falten gezeichnetes Gesicht. Ich hatte ehrlich gesagt vermutet, dass sie in Wahrheit Schneewittchens Mutter ist und von Sirenna in den Spiegel verbannt wurde. Immer wenn die Königin vor dem Spiegel steht, imitiert Amneris ihre Bewegungen exakt, als wäre sie tatsächlich ihr Spiegelbild. Gleichzeitig strahlt sie eine tiefe Traurigkeit und Verzweiflung aus. Für mich war deshalb klar, dass mehr hinter ihrer Geschichte stecken musste.

Am Ende stellt sich heraus, dass sie Schneewittchens Tante ist. Wegen ihres Aussehens wurde sie von den Menschen verspottet und gedemütigt. Ihre Schwester versteckte sie im Keller, weil der König sie als zu hässlich empfand. Als er sie schließlich entdeckte, verbannte er sie. Nach dem Tod ihrer Schwester tauschte Amneris mit der Frau im Spiegel den Platz, nahm als Sirenna deren Stelle ein und gewann das Herz des Königs.

Dadurch erhält ihre Besessenheit von Schönheit eine nachvollziehbare Motivation. Sie hat selbst erlebt, wie grausam Menschen mit jemandem umgehen können, der nicht ihrem Schönheitsideal entspricht. Diese Erfahrung möchte sie nie wieder machen. Auch dass sie den König letztlich nicht aus Machtgier, sondern aus Rache für das, was er ihr angetan hat, vergiftet, lässt sie in einem anderen Licht erscheinen. Sie bleibt zwar die Gegenspielerin, ist aber keine eindimensionale Missetäterin. Die jahrelangen Qualen haben sie geprägt und innerlich abstumpfen lassen.

Eine der lustigsten Szenen der Inszenierung war für mich Schneewittchens Geschenkübergabe an die Zwerge. Stolz berichtet sie, dass Nurik ihr das Stricken beigebracht hat und sie für jeden ein persönliches Geschenk vorbereitet hat: eine selbstgestrickte rote Socke. Der Haken daran: Die Socken sind derart groß geraten, dass sie eher einem Riesen passen würden als einem Zwerg. Die Zwerge wissen damit allerdings umzugehen und nutzen sie kurzerhand als Kopfbedeckung. Damit entsteht eine witzige Anspielung auf die klassischen Zipfelmützen, die man aus dem Märchenbild kennt – nur eben auf eine völlig unerwartete Weise.

Das Sprichwort „Was sich liebt, das neckt sich“ wird im Duett zwischen Schneewittchen und Rurik besonders deutlich. Was zunächst wie gegenseitige Ablehnung wirkt, entpuppt sich nach und nach als aufkeimende Zuneigung. Zwischen den beiden knistert es längst, auch wenn sie sich ihre Gefühle selbst noch nicht eingestehen wollen. Ihre Beziehung entwickelt sich angenehm langsam, und an ihren Blicken und Gesichtsausdrücken erkennt man immer wieder, dass da längst mehr ist.

Als Schneewittchen verzweifelt auf dem Boden liegt und sich hässlich findet, beugt sich Rurik über sie und ruft spontan: „Aber du siehst doch super aus!“ Dafür gab es Szenenapplaus. Offenbar war ich nicht die Einzige, die sich wünschte, dass die beiden zueinanderfinden.

Später gibt es eine ruhige Szene zwischen ihnen, in der es beinahe zu einem Kuss kommt. Doch ausgerechnet in diesem Moment platzen die anderen Zwerge herein. Sie begreifen sofort, was los ist, und ziehen Rurik damit auf.

Auch später sorgt Rurik immer wieder für humorvolle Momente. Als Schneewittchen während des Heiratsantrags davonläuft – eigentlich nur, weil sie sich in ihrer Hose unpassend gekleidet fühlt und sich umziehen möchte –, kommentiert er die Situation mit trockener Ironie. Während Florin völlig verunsichert ist, meint Rurik mit schelmischem Grinsen nur: „Sie kommt bestimmt wieder.“ Später setzt er noch einen drauf und sagt trocken: „Ich glaube, sie hat dich sitzenlassen.“

Umso mehr spricht sein enttäuschter Gesichtsausdruck Bände, als Schneewittchen schließlich im roten Kleid zurückkehrt und Florins Antrag annimmt. In diesem Moment tat er mir wirklich leid.

Seine Solo-Reprise von „Was weißt du schon?“ gehört für mich zu den emotionalsten Momenten des Musicals. Man spürt, wie tief ihn die Situation trifft. Meine Begleitung erzählte mir später sogar, dass sie ihn in diesem Moment am liebsten einfach in den Arm genommen und getröstet hätte.

Auf dem Rückweg wird deutlich, welche Absichten Florin tatsächlich verfolgt. Schneewittchen empfindet das Kleid als unbequem und möchte wieder ihre Hosen anziehen. Doch Florin wirft den Kleiderbeutel einfach weg und erklärt, er wolle keine Frau in Hosen. Das lässt sich durchaus auch als „keine Frau, die Widerworte gibt“ verstehen.

Als Schneewittchen ihm von ihren Plänen für Thandor erzählt, muss Florin schließlich eingestehen, dass das Königreich bankrott ist. Fast beiläufig murmelt er zerknirscht: „Und meine Eltern haben sich mit dem Rest aus dem Staub gemacht.“ Spätestens da erkennt Schneewittchen, dass er sie nie wirklich geliebt hat, und kehrt zu den Zwergen zurück.

Bei einer vermeintlichen Aussprache täuscht Sirenna Schneewittchen gezielt. Sie spiegelt ihr falsche Erinnerungen vor, unter anderem, dass sie früher immer gemeinsam Äpfel gegessen hätten. Dadurch wirkt Schneewittchen später keineswegs kopflos oder naiv, als sie in den vergifteten Apfel beißt. Sie glaubt tatsächlich, dass in der Königin noch die gute Amneris steckt und diese sich mit ihr versöhnen möchte.

Florin wittert dagegen seine Chance auf Reichtum. Er behauptet, Schneewittchen habe ihm das Eheversprechen gegeben, und während die Zwerge verzweifelt nach dem Grund suchen, warum sie nicht mehr atmet, lässt er unbemerkt das belastende Beweisstück verschwinden.

Schneewittchen wird schließlich in den Glassarg gelegt. Es kommt zum Streit zwischen Rurik und Florin. Dabei zählt Rurik auf, was Schneewittchen alles ausmacht: Sie ist nicht nur schön, sondern auch mutig, liebevoll und … wach. Ja, wach …

Diese Szene war für mich einer der komischsten Momente des Abends. Rurik stößt versehentlich gegen den Glassarg, woraufhin das Apfelstück aus Schneewittchens Mund fällt und sie wieder zu atmen beginnt. Während Rurik noch verzweifelt nach weiteren Komplimenten sucht, bemerkt einer der anderen Zwerge: „Sie ist wach.“ Doch Rurik ist so auf seine Aufzählung konzentriert, dass er nur wiederholt: „Ja, genau, wach“, bevor er sich schließlich umdreht und erst dann realisiert, dass Schneewittchen tatsächlich wieder lebt.

Der anschließende Kuss zwischen den beiden wurde vom Publikum mit großem Applaus gefeiert. Mir gefällt es sehr, dass Schneewittchen und Rurik am Ende ein Paar werden.

Eine ähnliche Entwicklung habe ich bereits in einer anderen Schneewittchen-Adaption erlebt. Auch dort wurden Gefühle zwischen Schneewittchen und einem der Zwerge angedeutet. Dieser Handlungsstrang wurde jedoch letztlich nicht weiterverfolgt, und die Geschichte kehrte zum klassischen Ende mit dem Prinzen zurück. Umso mehr hat es mich gefreut, dass die Hanauer Inszenierung diesen Gedanken konsequent weiterentwickelt und daraus eine glaubwürdige Liebesgeschichte entstehen lässt.

Schön fand ich außerdem, dass Amneris am Ende wieder sie selbst sein kann. Sie muss sich nicht länger verstecken und wird so akzeptiert, wie sie ist. Das habe ich ihr von Herzen gegönnt, denn die Auflösung ihres Geheimnisses hat mich wirklich berührt.

„Und sie lebten glücklich...“ – Moment, da erhebt Schneewittchen Einspruch und unterbricht den Erzähler. Sie weist ihn darauf hin, dass sie und Rurik sich auch in Zukunft ständig kabbeln werden. Den Beweis liefern sie sofort mit einer Diskussion über ihre künftigen Kinder. Dieses Ende fand ich wunderbar erfrischend, weil es sich nicht wie ein erzwungenes Märchen-Happy-End anfühlt.

Montag, 20. Juli 2026

Schiggy unterwegs... Des Kaisers neue Kleider in Hanau


Schiggy war wieder unterwegs und wollte „Des Kaisers neue Kleider“ in Hanau bestaunen. Im ganzen Land sprach man davon, dass man solch prächtige Gewänder noch nie zuvor gesehen hatte.
Nachdem ich in den vergangenen Jahren von den Musicals der Brüder Grimm Festspiele jedes Mal begeistert war, wollte ich dieses Jahr auch einmal eines der Theaterstücke besuchen.

1. Eckdaten zur Vorstellung

Titel: Des Kaisers neue Kleider
Art: Theaterstück
Ort: Amphitheater Hanau
Sprache: Deutsch
Datum: 18. Juli 2026
Beginn: 14:00 Uhr
Reihe / Platz: 1, Platz 36
Dauer (inkl. Pause): 2 Stunden
Vorlage: das gleichnamige Märchen von Hans Christian Andersen
Hinweise: /

2. Mein Eindruck von der Show

Noch vor der eigentlichen Vorstellung läuft ein Mann durchs Publikum und verteilt an einige Zuschauer Flyer. Er spricht von einem Protest gegen den Kaiser. Wer ist er? Was hat er vor? Möchte er den Kaiser stürzen?
Im Gegensatz zu den Musicals, die ich bisher in Hanau gesehen habe, hält sich dieses Theaterstück sehr eng an das Märchen und bringt gleichzeitig neue Ideen ein, die für frischen Wind sorgen.
Kaiser Friedrich hat eine Kleiderordnung erlassen. Außer montags ist für jeden Wochentag eine bestimmte Farbe vorgeschrieben.
Welche Farbe an welchem Tag vorgeschrieben ist, teilen die beiden Diener Hans-Georg – vom Kaiser nur H-G genannt – und Rüdiger mit. Es ist zwar Montag und damit freie Kleiderwahl, Turnschuhe sind jedoch trotzdem nicht erlaubt. Den beiden aufmerksamen Lakaien fällt auch sofort auf, dass sich ein Zuschauer in der ersten Reihe nicht daran gehalten hat. Prompt verteilen sie einen Strafzettel über 30 Dukaten. Auch Kaffeeflecken und „unmögliche" Kleidungskombinationen werden geahndet.
Diese Publikumseinbindungen gleich zu Beginn sorgen für viele Lacher – und sie sollen nicht die einzigen bleiben. Im späteren Verlauf leiht sich die Gräfin eine Brille von einer Zuschauerin, weil sie angeblich ihre vergessen hat und ohne sie nichts sehen kann.
Am Souvenirstand hängt ein Hinweis, dass der Kaiser an diesem Tag von Patrick Dollmann gespielt wird. Im Programmheft ist dagegen Christopher Krieg als Kaiser aufgeführt. Da Patrick Dollmann dort nicht erwähnt wird, gehe ich davon aus, dass er kurzfristig eingesprungen ist. Wie viel Vorbereitungszeit ihm blieb, weiß ich nicht. Davon war auf der Bühne allerdings nichts zu merken: Er wirkte sehr sicher und spielte die Rolle, als wäre sie von Anfang an für ihn vorgesehen gewesen. Auch die übrigen acht Darsteller überzeugten in ihren Rollen.
Wilhelm möchte unbedingt eine Audienz beim Kaiser. Er hat einen Brief seines Vaters dabei, den er ihm unbedingt übergeben möchte. Auf Anraten von Matthias, dem Mann, der zuvor die Flyer verteilt hat, gibt er sich als Schneider aus Paris aus. Genau daraus ergeben sich einige herrlich komische Szenen. Angeblich versteht Wilhelm kein Wort Deutsch, weshalb Matthias den Dolmetscher spielt. Dabei übersetzt er jedoch völligen Unsinn: Aus „Das Gewand muss schon am Samstag fertig sein.“ wird „Crème fraîche“ und aus einer Kerkerhaft wird plötzlich „Les misérable Guillotinés“.
Matthias schlägt sich den Bauch mit Obst und Gebäck voll und bereichert sich an den goldenen Knöpfen, die für die neue Kleidung des Kaisers gedacht sind. Während er seine neue Rolle sichtlich genießt, plagt Wilhelm zunehmend sein schlechtes Gewissen.
Das liegt vielleicht auch an Rosalie, der Tochter des Kaisers. Beim ersten Aufeinandertreffen sind beide sprachlos und starren sich nur an. Ist das etwa Liebe auf den ersten Blick?
Sie ist die Vorschriften leid und möchte dem goldenen Käfig entfliehen. Oft sitzt oder steht sie mit verschränkten Armen und einem gelangweilten Gesichtsausdruck da.
Dorothea, Gräfin von Voss, scheint ernste Probleme mit Raucherhusten zu haben. Immer wieder hustet sie, wobei eine Wolke aus Rauch (Mehl?) entsteht. Dieser Effekt hat mich beim ersten Mal wirklich überrascht. Im weiteren Verlauf nutzte er sich für mich allerdings etwas ab. Ich fand es aber gut, dass es konsequent durchgezogen wurde. So wirkte das glaubwürdiger, als hätte sie es nur ein- oder zweimal getan.
Als Finanzminister sollte Hofstetten über die Staatskasse wachen, aber er kommt nicht gegen den Kaiser an. Zwar warnt er immer wieder davor, dass nicht genügend Geld vorhanden ist, doch das prallt am Kaiser ab wie an einer Wand. Er scheint aber auch kein großes Durchsetzungsvermögen zu haben und wirkt manchmal etwas unbeholfen. 
Dass Dorothea und Hofstetten nicht glücklich sind, zeigen sie in einem Duett, in dem sie beklagen, dass sie gerne tragen würden, was sie selbst möchten.
Beide finden auch später zueinander und küssen sich stürmisch unter dem Beifall des Publikums, was sogar eine Zugabe bekommt.
Von Racknitz strahlt hingegen Selbstbewusstsein aus, aber irgendetwas an seinem Lachen wirkt falsch. Wie sich später herausstellt, war mein Verdacht, dass man ihm nicht trauen sollte, nicht unbegründet.
Hans-Georg und Rüdiger sind hibbelig und laufen mit hochgezogenen Knien im Gleichschritt. Hat der Kaiser das von ihnen verlangt? Glücklich sehen sie nicht aus. Besonders Rüdiger scheint Angst vor Strafen zu haben. Die weit aufgerissenen Augen und die unsicheren Blicke, die er Hans-Georg zuwirft, verraten ihn.
Kaiser Friedrich liebt es exzentrisch. Bunte, extravagante Kleidung und farbenfrohe Perücken sind ihm noch zu langweilig. Im Kaiserreich hält sich das Gerücht, dass er sich stündlich umzieht. Er ist ein eitler Pfau, der sich ständig im Spiegel betrachten muss. Dass das Volk leidet, ist ihm schlichtweg egal. Hauptsache, er kann seinen Lebensstil halten. Wenn nicht genug in der Staatskasse ist, muss er nicht sparen. Nein, stattdessen werden einfach neue Steuern eingeführt, zuletzt sogar eine Luftsteuer auf das Ein- und Ausatmen. 
Dass sich darüber Unmut im Volk breitmacht, ist mehr als nachvollziehbar.
Mit dem Trick eines Stoffes, den angeblich nur kluge Menschen oder jene sehen können, die ihres Amtes würdig sind, werden die Bewohner des Schlosses vorgeführt. Aus Angst, vom Kaiser entlassen zu werden, oder auch aus einem ganz anderen Motiv, das ich nicht verraten werde, falls sich jemand das Stück noch ansehen möchte, tun sie so, als würde das prächtigste Gewand aller Zeiten entstehen. In einem Lied werden dann alle möglichen Farben besungen, was die Zuschauer zum Mitklatschen animiert. Davon bin ich bekanntlich kein Fan und dachte nur, dass ich selbst bei einem Theaterstück nicht davor verschont bleiben würde. Ich möchte den Text in Ruhe hören, nicht das Klatschen der Zuschauer.
Interessant fand ich auch, wie unterschiedlich jede Figur die vom Kaiser vorgeschriebene Kleiderordnung umsetzt:
- Wilhelm und Matthias durch Westen
- Hans-Georg und Rüdiger durch Westen und Brillen
- Rosalie durch Haarspange und Akzente am Kleid
- Dorothea durch Akzente am Kleid und Blumen auf dem Kopf
- Hofstetten durch Schärpe und Taschentuch
- Von Racknitz durch Weste und aufgerollte Locken
Nur die Kleidung des Kaisers war immer eine Überraschung, denn er selbst hält sich nicht daran, sondern trägt, was ihm beliebt.
Auch die Bühne wird an mehreren Stellen in der Tagesfarbe beleuchtet. Selbst bei der Nachmittagsvorstellung kam die farbige Beleuchtung gut zur Geltung. Am Abend dürfte die Wirkung allerdings noch stimmungsvoller sein.
Die Bühne hatte drehbare Türelemente. So war jederzeit erkennbar, ob die Szene draußen oder im Schloss spielte.
In der oberen Etage gab es eine verschiebbare Wand, sodass falls gewünscht, das Umkleidezimmer des Kaisers zu sehen war. Immer, wenn er sich umzog, öffnete sich der Schrank, und Kleidung und Perücke fielen heraus.
Sehr überrascht war ich, als sich die Hälfte der unteren Bühne drehte und den Blick auf das Schneiderzimmer freigab. Dort konnte Wilhelm am Webstuhl so tun, als würde er den Stoff bearbeiten, und Matthias die imaginären Kleidungsstücke einer Schneiderpuppe anziehen.
Es gab in manchen Szenen Stühle oder kleinere Requisiten, wie einen Obstkorb oder Hofstettens Kiste mit Kaktus. Die Bühne wirkte so nicht überladen.
Bevor der Kaiser sich in seiner neuen Kleidung dem Volk präsentiert, werden wir von Matthias erst noch eingewiesen. Dazu hat er vier Schilder vorbereitet. Je nach Schild sollten wir applaudieren, „Bravo“ rufen (teilweise auch beides), dem Kaiser versichern, „Was für ein wunderschönes Gewand“ er trägt (W. f. e. w. G. – der ganze Satz hat nicht auf das Schild gepasst), oder – nein, nicht „Pssst“ sagen – ganz ehrfürchtig still sein.
Diese Idee gefällt mir sehr gut. Das Publikum macht auch mit. So kann das Finale beginnen. In Unterwäsche und langer, grauer Perücke zeigt sich der Kaiser, und wir reagieren entsprechend den Anweisungen. Erst ein Kind löst die Situation auf („Du bist ja ganz nackt.“), woraufhin ein Zuschauer "Bravo" ruft. Dieser wird von Matthias kopfschüttelnd auf das aktuell geltende "Pssst" aufmerksam gemacht.
Mit einer Reprise von Dorotheas und Hofstettens Duett (dieses Mal aber von allen gesungen) endet das Stück.
Wir haben in der ersten Reihe gesessen und hatten eine gute Sicht auf die Bühne. Eine Bekannte, die wir dort getroffen haben, saß in Reihe 7, Platz 40 und erzählte uns später, dass auch sie sehr gut gesehen hat. Die Reihen scheinen also ausreichend anzusteigen, denn sie ist noch kleiner als ich. 
Auch der Ton war jederzeit verständlich. Bei den beiden Liedern wurden die Sänger nicht von der Musik übertönt.
Insgesamt hat mir das Theaterstück sehr gut gefallen. Wir mussten während der gesamten Vorstellung immer wieder lachen. Ich finde die Umsetzung sehr gelungen. Ich mochte auch, dass so viel mit dem Publikum agiert wurde und auf spontane Reaktionen von Zuschauern eingegangen wurde. 
Die Adaption bleibt der Vorlage treu und bietet dennoch eine moderne und erfrischende Interpretation. Das ist ein Stück, das ich mir erneut anschauen könnte.

3. Schiggys persönliche Highlights

Lieblingsszene: das Finale.

Überraschung des Tages: als man zum ersten Mal das Schneiderzimmer sehen konnte.

Lustigster Moment: schwierig, dafür gab es einfach zu viele.

Emotionalster Moment: als Hofstetten „seinen Schreibtisch räumen muss“ – wortwörtlich.


4. Die Besetzung

Schiggy saß im Publikum. Aber wer stand auf der Bühne?

Wilhelm: Raphael Grosch
Matthias: Fabian Baecker
Kaiser Friedrich der Schöne: Patrick Dollmann
Hofstetten: Benedikt Selzner
Von Racknitz: Detlev Nyga
Rosalie: Maria Arnold
Dorothea, Gräfin von Voss: Barbara Seeliger
Hans-Georg: Jiri Dehmel
Rüdiger: Rosa Alice Abruscato


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