Für die letzte Vorstellung in Fulda (vor der Winterspielzeit in Hameln) hatten wir die Plätze 15 und 16 in Reihe A. Zunächst befürchtete ich, dass die Sicht so weit am Rand noch schlechter sein würde als zuletzt auf Platz 12. Doch das Gegenteil war der Fall: Da die Sitzreihen in einer leichten Welle verlaufen, blickt man schräg zur Bühne. Das erlaubte einen Blick zwischen den Darstellern hindurch ins Bühnengeschehen.
Ich konnte Elkes Gesicht im Wochenbett sehen, das mir letzte Woche durch das hohe Bettende verdeckt geblieben war. Ihre Schmerzen so mitzuerleben, verlieh der Szene mehr Emotion.
Meiner Schwester gefiel es, dass wir bei Duetten beide Darsteller gleichzeitig im Blick hatten, ohne ständig den Kopf hin und her drehen zu müssen.
Bei diesem dritten Besuch fielen mir übrigens wieder einige neue Details auf:
So erkannte ich erstmals, dass Trins Katze tatsächlich ein Gesicht hat. Das war mir bei den beiden vorherigen Vorstellungen überhaupt nicht aufgefallen, obwohl ich im Programmheft bereits entdeckt hatte, dass sie Augen hat.
Nachdem Trin dem Vater von Hauke entsetzt zeigt, dass Hauke ihre Katze erschlagen hat, und den blutigen Sack loslässt, ist zu sehen, dass ihre Hand rot ist. Tede Haien spricht seinen Sohn darauf an und zieht dessen Ärmel hoch. Die Kratzspuren sind dabei ganz deutlich zu erkennen.
Als Trin einmal direkt vor uns stand und ihren durchdringenden Blick über die Reihen schweifen ließ, hatte ich für einen kurzen Augenblick die Illusion, dass sie mich direkt ansieht. Unweigerlich bin ich im Stuhl zurückgewichen.
Der unbekannte, vermummte Mann stand bei Trins Todesszene im Hintergrund. Das unterstützt die Theorie meiner Schwester, dass es sich dabei um den Tod handeln könnte. Aufgefallen ist uns, dass er eine tiefe Sprechstimme hat.
Elkes Solo „Für wen?“ fand ich bereits letzte Woche sehr emotional. In dieser Vorstellung kämpfte allerdings nicht nur Elke mit den Tränen. Auch Haukes Augen wirkten verdächtig wässrig und gerötet. Darauf war ich überhaupt nicht vorbereitet.
Meiner Schwester fiel außerdem auf, dass Hauke über Elkes Babybauch streichelte und das Kind in seinen Armen schaukelte. Sie meinte dazu, daran würde man merken, dass der Darsteller selbst Vater sei.
Einige Dinge waren mir bereits letzte Woche aufgefallen, nur hatte ich vergessen, sie zu erwähnen. Nachdem ich sie nun auch bei der Dernière wieder bemerkt habe, möchte ich sie an dieser Stelle noch ergänzen.
Wenn der Schimmel seitwärts mit dem Kopf nach links stand, erschien mir das Auge durchscheinend, als wäre das Mondlicht darin gefangen. Dadurch entstand ein unheimlicher und mysteriöser Eindruck. In diesen Momenten hätte nur noch Nebel gefehlt, und man hätte tatsächlich anfangen können, an seinem Verstand zu zweifeln und sich zu fragen, ob dieses Pferd überhaupt ein gewöhnliches Tier sei
Die Darstellung des Schimmels mit den Kopfbewegungen, dem Wiehern und dem Prusten gefiel meiner Schwester diesmal deutlich besser als letzte Woche. Es wirkte auf sie natürlicher.
Außerdem muss ich meinen Bericht zur zweiten Vorstellung korrigieren: Ich war danach ja überzeugt gewesen, dass das Pferd aus drei Einzelteilen besteht. So sah der Effekt zumindest zu Beginn für mich aus – übrigens auch in dieser letzten Vorstellung wieder.
Meine Schwester ist allerdings sicher, dass der Schimmel aus einem Stück besteht. Sie sah, wie dieser in der Anfangsszene auf Rollen weggezogen wurde. Sie vermutet lediglich einen zusätzlichen Kopf.
Die Stimme von Haukes Vater beziehungsweise dem Oberdeichgrafen (Doppelrolle) finde ich angenehm tief. Das war mir damals schon bei „Robin Hood“ aufgefallen, als der Darsteller Robins Vater sowie John Little spielte. Diese Doppelrolle habe ich insgesamt 16 Mal gesehen. Besonders der Gesang gefällt mir in dieser Stimmlage sehr gut. Ich mag einfach tiefe Stimmen.
Auf eine Szene habe ich dieses Mal besonders geachtet: Meine Schwester hatte bei der zweiten Vorstellung das Gefühl, dass die Bühne noch stärker schwankt als bei der ersten Show, während ich davon überhaupt nichts bemerkte. Sie hatte allerdings auf Trin geachtet, während ich die Tänzer im Hintergrund beobachtete.
Deshalb wollte ich ein kleines Experiment starten und habe bewusst Trin fixiert. Und tatsächlich: Für einen Moment glaubte ich ebenfalls, dass sich die Bühne hebt, wenn auch nicht so stark wie damals bei unserem ersten Besuch. Meine Schwester nahm es ebenfalls nicht lange wahr.
In zwei Szenen sind mir Handlungen aufgefallen, bei denen ich mir unsicher bin, ob sie bereits in den vorherigen Vorstellungen so gespielt wurden oder ob es sich vielleicht sogar um Dernierenscherze handelte.
Nach der Verkündung von Elkes und Haukes Verlobung schnappt sich Vollina ein volles Tablett und stampft damit von der Bühne. Das sorgt für einige Lacher im Publikum.
Bei der Feier zum Bau des neuen Deiches erschien Ole wie immer betrunken. Außerdem fiel er um und blieb ausgestreckt auf dem Boden liegen. Da habe ich mich gefragt, ob er das bei den vorherigen Vorstellungen auch schon so gemacht hat. Meine Schwester konnte sich ebenfalls nicht mit Gewissheit daran erinnern, da sie darauf nicht besonders geachtet hatte.
In dieser Szene ist allerdings auch wirklich viel los auf der Bühne: Der Oberdeichgraf erscheint und erhält von Wienke einen Blumenstrauß, während die Dorfbewohner ausgelassen feiern und tanzen.
Beim Duett „Sternenmeer“ machten wir dann wie verabredet unsere Mini-Lichter an. Elke und Hauke waren zunächst ganz auf sich konzentriert, bis sie sich schließlich in Richtung Publikum drehten. Elke war sichtlich überrascht, was man deutlich an ihrem Gesichtsausdruck erkennen konnte. Das brachte die Zuschauer in dieser eigentlich besinnlichen Szene zum Lachen.
Ich drehte mich zwar kurz um, konnte das Lichtermeer von meinem Platz aus aber nicht wirklich gut erkennen. Später zeigte mir meine Schwester ein Foto von Instagram, das jemand aus dem Hintergrund der Bühne aufgenommen hatte. Das sah wirklich toll aus. Da kann ich mir gut vorstellen, wie schön dieser Anblick live für die beiden Darsteller gewesen sein muss. Es passte jedenfalls perfekt zum Titel des Liedes.
Nach dem Showdown sollte das Licht erneut erstrahlen. Das fand ich allerdings nicht mehr ganz so wirkungsvoll. Es war einfach zu kurz vor dem Ende. Da suchte so mancher Zuschauer vermutlich schon nach dem Handy, um pünktlich den Schlussapplaus filmen zu können.
Leider war das Publikum bei dieser Vorstellung nicht so angenehm wie letzte Woche. Teilweise gab es mal wieder dieses Gerede über die besten Plätze oder die eigenen Leistungen. Es wurde auch damit geprahlt, wen man von den Darstellern alles persönlich kennt. So etwas nervt mich immer, selbst wenn es vor oder nach der Show oder in der Pause stattfindet.
Auch „Quietschies“, wie ich die Hyper-Fans eines bestimmten Darstellers gerne nenne, waren wieder da. Das fällt mir immer besonders auf: Bei ihrem „Star“ wird laut gejubelt, die Hände werden hochgerissen und gerne auch „Herzchen“ geformt, während andere Darsteller nur mit einem müden, fast schon gelangweilten Applaus bedacht werden.
Meiner Schwester klingelten jedenfalls die Ohren, weil ihre Sitznachbarin ständig so laut schrie und pfiff. Meine Sitznachbarin war zum Glück nicht ganz so laut. Ihre „Wuhhh“-Rufe klangen allerdings immer eher nach „Buh“.
Außerdem packte sie während der Pause ständig im Wechsel ihr Handy aus der Hosentasche und steckte es wieder zurück. Dabei fuhr sie jedes Mal ihren Ellbogen aus und war so nah an meinem Gesicht, dass ich in Deckung gehen musste, um nicht noch ein Veilchen zu kassieren.
Dass sie damit nicht die einzige Rücksichtslose im Saal war, musste meine Schwester anschließend schmerzhaft erfahren. Eine Frau stapfte hinter uns vorbei und traf meine Schwester dabei ziemlich hart am Kopf. Sie fasste sich danach an den Hinterkopf, worauf die Frau nur gackernd meinte: „Die Frisur sitzt noch.“
Nach der Show drängelten sich dann Personen nach vorne, nur um anschließend mitten im Weg stehen zu bleiben. Das sind mir immer die Liebsten.
Oder jemand schubste mich mit der Begründung „Muss zur Stagedoor!“ zur Seite. Ach ja, die Quietschies… Sie wären eigentlich auch ein gutes Thema für ein Musical.
Die Show selbst war wirklich gut. Allerdings hat uns die Vorstellung letzte Woche besser gefallen, was vor allem am Publikum lag. Das Lichtermeer bei „Sternenmeer“ war eine wunderschöne Idee, konnte das Verhalten einiger Zuschauer aber leider nicht wettmachen.
Das Musical verliert deshalb insgesamt einige Punkte in meinem Ranking – bedingt durch die Atmosphäre – und kommt nun nur noch auf 173 Punkte. Damit landet es auf Platz 10.
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