Das um 1200 entstandene »Nibelungenlied« ist das bekannteste deutsche Heldenepos: Jeder kennt Siegfrieds Tarnkappe und seine Haut aus Drachenblut, das Schwert Balmung, den Schatz der Nibelungen und die fürchterliche Rache der Kriemhild. Wie kaum ein anderes Werk diente das »Nibelungenlied« als Vorlage für Literatur, Kunst und Film: Spätestens seit dem Welterfolg von »Der Herr der Ringe« sind die sagenhaften Bilderwelten fester Bestandteil moderner Populärkultur.
Ich habe mich dazu entschieden, Das Nibelungenlied in der Prosaform zu lesen. Die Strophen sind in dieser Ausgabe auf 39 Kapitel aufgeteilt.
Wir mussten damals in der Schule Das Nibelungenlied auf Mittelhochdeutsch lesen, was ich deutlich schwieriger fand. Die Prosaform war für mich daher wesentlich angenehmer und ließ sich flüssiger lesen. Der Schreibstil, vor allem die Dialoge, orientiert sich dabei durchaus an der damaligen Zeit, ohne schwer verständlich zu sein.
Besonders gut gefallen hat mir, dass sich die Sprache für mich tatsächlich nach Mittelalter angefühlt hat. Ich habe schon historische Romane gelesen, bei denen ich manchmal das Gefühl hatte, dass die Figuren eigentlich viel zu modern sprechen oder bestimmte Begriffe eher aus unserer heutigen Zeit stammen. Das war hier anders. Natürlich handelt es sich um eine moderne Prosafassung, trotzdem hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass die Geschichte in einer anderen Zeit verankert ist.
Die grobe Handlung des Nibelungenlieds war mir noch bekannt, auch wenn ich mich längst nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern konnte. Umso schöner war es, beim Lesen immer wieder auf Stellen zu stoßen, bei denen ich dachte: „Stimmt, daran kann ich mich noch erinnern.“ Insgesamt konnte ich der Handlung gut folgen, und vieles fühlte sich dadurch überraschend vertraut an.
Interessant fand ich auch einen Gedanken, über den ich durch eine Dokumentation am Wochenende noch einmal neu nachgedacht habe. In der Schule hatte ich das Nibelungenlied immer mit den Ereignissen um die Burgunder im 5. Jahrhundert verbunden. Dabei entstand das Epos selbst erst um 1200 – also viele Jahrhunderte später. In der Dokumentation wurde erklärt, dass der Verfasser offenbar eigene Erfahrungen und Eindrücke aus seiner Zeit in die Geschichte einfließen ließ. Gerade die ausführlichen Beschreibungen bestimmter Orte können darauf hindeuten.
Dieser Gedanke hat für mich noch einmal dazu beigetragen, dass sich das Buch trotz der modernen Prosafassung erstaunlich authentisch anfühlt. Es erzählt zwar eine Geschichte, deren Stoff auf eine viel ältere Zeit zurückgeht, wurde aber von jemandem niedergeschrieben, der selbst im Mittelalter gelebt hat. Vielleicht ist es genau das, was ich beim Lesen in der Sprache gespürt habe.
Nach der eigentlichen Geschichte gibt es noch ein Nachwort, das ich ebenfalls sehr interessant fand. Auch die Geschichte der Übersetzung hat mir gut gefallen und war für mich eine schöne Ergänzung zur eigentlichen Lektüre.
Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen. Die Prosafassung war für mich eine angenehme Möglichkeit, das Nibelungenlied noch einmal neu zu entdecken – diesmal, ohne mich durch das Mittelhochdeutsche kämpfen zu müssen.



Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Hallo,
ich freue mich immer über neue Kommentare und komme auch gerne auf einen Gegenbesuch vorbei.
Mit der Veröffentlichung seid ihr damit einverstanden, dass euer Name, eure Website, die E-Mail-Adresse, die IP-Adresse und natürlich euer Kommentar gespeichert werden.
Vor der Veröffentlichung könnt ihr gerne auf Vorschau nochmal überprüfen, wie eure Nachricht aussieht. :-)
Liebe Grüße
Tinette