Montag, 8. Juni 2026

Schiggy unterwegs... Der Schimmelreiter in Fulda

 

1. Eckdaten zur Vorstellung
Titel der Veranstaltung: Der Schimmelreiter
Art der Veranstaltung: Musical
Ort: Schlosstheater Fulda
Sprache: Deutsch
Besuch: 07.06.2026
Beginn: 14:00 Uhr
Dauer: ca. 2,5 Stunden (inkl. Pause)
Reihe / Platz: Parkett, Reihe 3, Platz 55
Vorlage: Gleichnamige Novelle von Theodor Storm


2. Besetzung der besuchten Vorstellung
Hauke Haien / Reisender: Sascha Kurth
Elke Volkerts: Pamina Lenn
Ole Peters: Dennis Henschel
Vollina Harders: Anja Backus
Schulmeister / Tede Haien: Tobias Korinth
Trin Jans: Kaatje Dierks
Deichgraf / Arzt: Volker Metzger


Ensemble
Schimmel
Kopf: Christopher Dederichs
Herz: Antonello Papagno
Hinten (Hind): Robin Scheel

Magd Ann Grete: Alida Will
Magd Geschke: Emma Sophie Adelmann
Magd Wiebke: Sophie Bauer
Leiterin Else: Jenny Schlensker
Dienstmagd / Lene: Maja Dickmann
Dienstmagd / Mareike: Irene Eggerstorfer
Witwe Wohlers: Raphaela Pekovsek
Iven Johns: Samuel Jonathan Bertz
Jeve Manners / Unbekannter: Nico Schweers
Lütten: Lars Wanders
Carsten: Niklas Schurz
Wirt Friedrich: Steven Seale
Pastor Jansen: André Haedicke
Wiens: Torsten Paul
Junger Hauke: Rosa
Wienke: Tilda

3. Mein Eindruck von der Show
Schiggy war wieder unterwegs und hat sich auf die Spur eines geheimnisvollen weißen Pferdes begeben.
Die Buchvorlage habe ich letztes Jahr gelesen. Meine Rezension dazu findet ihr hier. Die Handlung war mir allerdings nicht mehr besonders präsent. Da wäre ein kurzes Auffrischen vielleicht besser werden. Dass es doch nicht notwendig war, zeigte sich im Laufe der Vorstellung.
Bevor der Vorhang überhaupt hochging, gab es leider ein paar Dämpfer. Im Foyer wollten wir zur Erinnerung ein paar Fotos vor der Fotowand machen. Zu der Zeit waren wir die Einzigen. Doch kaum stand ich bereit, rief ein älterer Mann: „Lass uns doch ein Foto machen“, und drängte sich einfach neben mich. Meine Bitte, kurz zu warten, ignorierte er komplett. Um keine Diskussion anzuzetteln, haben wir schließlich auf Bilder verzichtet.
Im Saal ging das Chaos weiter: Trotz bester Ausschilderung gab es ringsherum die üblichen Platzdiskussionen („Nein, der Rang ist nicht unten. Hier ist das Parkett.“) Auch ich musste das einem Besucher erklären. 
Kaum fing das Stück an, die nächste Störung: Schräg vor mir leuchtete ein Handydisplay auf. Auf die Bitte einer Zuschauerin, das Handy auszuschalten, kam nur ein pampiges: „Ich filme ja nicht. Das ist WhatsApp.“ Dass das helle Licht extrem ablenkt, war der Dame egal. So ergab sich eine Diskussion, bis das Handy endlich weggepackt wurde.
Genau wegen dieser Ablenkung habe ich leider den kompletten Anfang der Show verpasst. Das fing ja gut an! Zum Glück blieb es die einzige Störung, sodass ich den Rest des Nachmittags ungestört genießen konnte.
Die Erinnerungen an die Novelle kamen während der Vorstellung schnell zurück, beispielsweise bei der Szene, in der Hauke Trins Katze erschlägt. Die Handlung hält sich wirklich sehr eng an die literarische Vorlage.
Vier Szenen sind mir dabei besonders in Erinnerung geblieben.
Zum einen Trin Jans' Solo „Die Sündenflut“ im ersten Akt. Es gab einen Moment, in dem ich tatsächlich das Gefühl hatte, die Bühne würde sich immer weiter anheben. Dabei handelte es sich lediglich um eine optische Täuschung. Meine Schwester erzählte später, dass ihr davon sogar leicht schwindelig geworden sei, als würde sie sich auf einem schwankenden Schiff befinden.
Zusammen mit dem düsteren Licht, dem Nebel und den maskierten Geister- bzw. Dämonengestalten im Hintergrund entstand eine wirklich unheimliche Atmosphäre.
Sehr emotional fand ich außerdem Szene 12 „Kindbettfieber“ im zweiten Akt. Elke liegt schwer krank im Wochenbett, und ihre Situation wirkt aussichtslos. Obwohl Hauke nicht an Gott glaubt, fleht er ihn an: „Lass sie leben.“ Er kniet auf dem Boden, faltet die Hände zum Gebet, und in seinen Augen glitzern Tränen. Man spürt förmlich, wie groß seine Liebe zu Elke ist und wie sehr er um ihr Leben bangt.
Auch Szene 15 „Wienke“ prägte sich bei mir ein. Während die Bühne sonst meist in kühlen Blau- und Grautönen gehalten ist, dominieren hier warme Herbstfarben. Hauke und Elke sitzen gemeinsam auf einer Bank, daneben steht ein großer Baum, der seine Blätter verliert. Ihre Tochter Wienke spielt im herabfallenden Laub. Auf den ersten Blick wirkt alles friedlich und harmonisch, doch unter der Oberfläche schwingen Elkes Sorgen um die Zukunft ihrer stillen Tochter mit.
Die Szene, in der Hauke mit dem Schimmel in den Deich stürzt, weckte bei mir starke Erinnerungen an den Beginn von Disneys Tarzan. Hauke, Elke und Wienke werden an Seilen befestigt von der Decke herabgelassen. Besonders Elkes Bewegungen wirkten auf mich nahezu identisch zu denen von Tarzans Eltern beim Schiffbruch. Meine Schwester bemerkte später sogar, dass die Geräusche des Wassers sie ebenfalls daran erinnert hätten.
Ihr gefiel außerdem die Darstellung des Eisboselns sehr gut. Teile des Wettkampfs werden in Zeitlupe gezeigt, was einen interessanten Effekt erzeugt.
Das Musical bleibt durchgehend ernst. Humorvolle Momente gibt es nur wenige. Gerade deshalb fallen die Szenen rund um Elkes Vater besonders auf. Mit seinem norddeutschen Schlag und seiner Vorliebe fürs Essen sorgt er für die meisten Lacher. Als Hauke sich als Kleinknecht bewirbt, interessiert ihn zunächst vor allem, wann die nächste Mahlzeit serviert wird. Haukes Anstellung erfolgt beinahe nebenbei. Besonders komisch wird es, als der Oberdeichgraf auftaucht und beide statt eines echten Gesprächs lediglich mit „Jo, jo, jo“ reagieren. Die beiden verbindet offensichtlich die Liebe zu einem gut gefüllten Magen. Das war die einzige Stelle, an der ich wirklich herzhaft lachen musste.
Auch die Szene, in der Elke den ahnungslosen Hauke mit ihrer Verlobung überrascht, sorgt für einen gelungenen humorvollen Moment. Solche Szenen lockern die Handlung auf, ohne aufgesetzt oder albern zu wirken.
Am Ende wird Hauke wieder zum Reisenden. Meine Schwester erklärte mir später, dass dies bereits zu Beginn der Vorstellung so gewesen sei und die Geschichte daraus hervorging. Da ich den Anfang nicht vollständig mitbekommen hatte, war mir das entgangen. Mir gefällt jedoch, dass sich dadurch der Kreis schließt und die Handlung wieder an ihren Ausgangspunkt zurückkehrt.
Am Ende bleibt dieselbe Frage, die auch der Reisende stellt: Ist alles wirklich so geschehen oder handelt es sich lediglich um eine Legende?
Etwas gestört hat mich allerdings, dass der Reisende beziehungsweise Hauke am Schluss den Sinn der Geschichte recht deutlich erklärt. Meiner Meinung nach sollte jeder Zuschauer die Möglichkeit haben, seine eigene Interpretation zu entwickeln. Dadurch fühlte ich mich ein wenig bevormundet.
Darstellerisch und gesanglich konnten mich alle Beteiligten überzeugen. Auf jede einzelne Rolle einzugehen, würde den ohnehin schon umfangreichen Bericht noch weiter verlängern. Deshalb möchte ich nur einige Figuren hervorheben.
Hauke ist ehrgeizig und verfolgt beharrlich sein Ziel, einen neuen Deich zu errichten, um die Menschen zu schützen. Besonders deutlich wird dies im Lied „Weiter als zuvor“, in dem er von seinen Visionen singt. Dabei verliert er jedoch seine hochschwangere Frau zunehmend aus dem Blick. Selbst als Elke zu ihm kommt, bleibt sein Fokus auf seinen Plänen und Berechnungen. Wie sehr beide unter dieser Situation leiden, zeigt das Duett „Glaubst du noch an mich?“ sehr eindrucksvoll. Die Stimmen harmonieren wunderbar miteinander, und man spürt die Liebe ebenso wie die Belastung, die zwischen ihnen steht.
Ole Peters fungiert als Haukes Gegenspieler. Nicht nur beim Eisboseln, als er Hauke verspottet, nachdem dieser durch die Sonne geblendet wurde und den Ball fallen lässt, zeigt sich sein unangenehmer Charakter. Sein arrogantes Auftreten lässt ihn nicht sympathisch wirken. Auch später stachelt er die Menschen gegen Hauke auf und versucht, dessen Stellung zu untergraben. Besonders in seinem Solo „Deichgraf seines Weibes wegen heraus“ entsteht der Eindruck, dass er selbst gerne an Haukes Stelle stehen würde.
Vollina passt hervorragend zu ihm. Sie ist ebenso berechnend und fördert gezielt den Aberglauben der Dorfbewohner, insbesondere im Lied „Das Teufelspferd“.
Der Oberdeichgraf hatte offenbar an einer Stelle einen kleinen Texthänger, den er souverän abfing. Er stockte kurz und sprach dann weiter, als wäre nichts gewesen.  
Erwähnen möchte ich außerdem Trin Jans. Ihr durchdringender Blick sorgte immer wieder für echtes Unbehagen und machte die Figur besonders eindrucksvoll.
Die Musik kommt vom Band. Das ist in Fulda üblich und stört mich grundsätzlich nicht, auch wenn ich Live-Musik immer bevorzuge.
Leider lief technisch nicht alles perfekt. In der Szene am herbstlichen Baum fiel kurzzeitig Haukes Mikrofon aus.
Auch beim Duett von Ole und Vollina hatte ich den Eindruck, dass etwas mit dem Ton nicht stimmte. Die ansonsten klare und kraftvolle Stimme der Darstellerin klang in „Wir müssen nur geduldig sein“ stellenweise merkwürdig und undeutlich. Dadurch wirkte das Duett für einen Moment unausgewogen. Da das Problem nur kurz auftrat, gehe ich von einem technischen Fehler aus.
Vollkommen überzeugen konnte mich hingegen das Bühnenbild. Während Robin Hood eher spartanisch ausgestattet war, wurde hier deutlich größer aufgefahren. Die Projektionen auf der Videowand sind abwechslungsreich und stimmungsvoll. Meist sieht man das Meer – mal ruhig, mal leicht bewegt. Während des Sturms peitscht die Gischt dramatisch empor. Die Farbgestaltung bewegt sich überwiegend in kühlen Blau- und Grautönen, während Gefahrensituationen in kräftigem Rot dargestellt werden. Die Herbstszene hebt sich mit ihren warmen Farben besonders ab.
Auch das Lichtkonzept ist auf die einzelnen Szenen abgestimmt und ergänzt die Videoprojektionen wirkungsvoll.
Nebel kommt vor allem in den düsteren Szenen zum Einsatz und verstärkt die unheimliche Stimmung zusätzlich.
Besonders interessant fand ich die beiden unterschiedlichen Wände, die von oben herabgelassen werden: eine Konstruktion, die mich an eine Pergola mit Laternen erinnerte, sowie eine Wand mit Uhren, die das Haus der Volkerts darstellt.
Ein kleines Detail, das mir besonders gefiel, war der grüne Kaminofen. Einen Kamin verbinde ich automatisch mit Behaglichkeit und Geborgenheit. Dadurch wirkte das Haus sofort gemütlich, selbst wenn draußen schlechtes Wetter herrschte.
Hinzu kommen zahlreiche weitere Requisiten wie Tische, Bänke, Schreibtische, Laternen, Speisen oder die Katze mit ihrem beweglichen Schwanz.
Auch den Deich kann man durch die angedeuteten Mauern erkennen.
All diese Elemente sorgen dafür, dass die Bühne nie leer wirkt, gleichzeitig aber nie überladen erscheint. Für mich ergibt sich daraus ein sehr stimmiges Gesamtkonzept aus Bühnenbild, Licht und Videowand.
Die Szenenwechsel verliefen schnell und reibungslos und lenkten nie von der folgenden Szene ab.
Auch die Kostüme haben mir gut gefallen. Im Gegensatz zu Robin Hood, wo sie teilweise recht modern wirkten, passen sie hier wirklich zur dargestellten Epoche.
Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die Regenmäntel. Sie sind so gestaltet, dass sie aussehen, als wären sie vom Regen durchnässt. Vor allem in Kombination mit den Regeneffekten auf dem Vorhang entstand so ein sehr realistischer Eindruck.
Ob dieser Effekt auch aus nächster Nähe überzeugt, werde ich Ende August erfahren, wenn ich in Reihe A sitzen werde.
Auf einige Lieder bin ich bereits eingegangen. Deshalb hier noch ein paar kurze Anmerkungen zu weiteren Musiknummern.
„Wer nicht deichen will, muss weichen“ ist eine schwungvolle Nummer mit einer Choreografie, die mich stellenweise an irischen Tanz erinnerte. Eine Besucherin war davon offenbar so begeistert, dass sie spontan mitklatschte.
In „Für die Marsch, für die Geest“ geht es um die beiden konkurrierenden Mannschaften beim Eisboseln.
„Deichgraf sein ist eine Bürde“ zeigt humorvoll das angeblich schwere Leben eines Deichgrafen, der allerdings ein gutes Essen der Arbeit vorzieht und diese andere erledigen lässt.
„Sternenmeer“ ist eine schöne Ballade, in der sich die Liebe zwischen Hauke und Elke entwickelt.
„Sturm, komm auf“ ist Haukes kraftvolles Solo über seine Überzeugung, dass die alten Deiche künftigen Stürmen nicht mehr standhalten werden.
Insgesamt sind die Lieder abwechslungsreich und passend zur Handlung. Einen echten Ohrwurm konnte ich allerdings nicht mitnehmen. „Das Teufelspferd“ erinnerte mich stellenweise stark an „Mörder, Mörder“ aus Jekyll & Hyde. Meine Schwester bestätigte diesen Eindruck später. Sie meinte sogar scherzhaft, dem Komponisten scheine dieses Musical besonders gut zu gefallen, da bereits bei Robin Hood das Lied „Das Dinner“ deutliche Erinnerungen an „Fassade“ geweckt habe.
Insgesamt hat mir das Musical gut gefallen. Es handelt sich um eine gelungene Umsetzung der Novelle. Für die Spitzenplätze meines Jahresrankings wird es allerdings nicht reichen, da mich andere Produktionen stärker überrascht haben und Ohrwürmer boten. Dennoch freue ich mich bereits auf meinen zweiten Besuch und bin gespannt, welche Eindrücke ich dann gewinnen werde.
Positiv hervorheben möchte ich außerdem das hochwertige Programmheft für zwölf Euro, das neben Informationen zu Cast und Kreativteam auch zahlreiche Szenenfotos enthält.

4. Persönliche Highlights
Besonders in Erinnerung geblieben:
Trin Jans' Solo „Die Sündenflut“, weil ich tatsächlich das Gefühl hatte, die Bühne würde sich erheben.
Bestes Solo:
„Für wen?“ (Elke) – Eine ruhige, melancholische Nummer mit einem Fünkchen Hoffnung
Bestes Duett:
„Glaubst du noch an mich?“ – Hauke verliert sich in seiner Arbeit, während Elke sich zunehmend vernachlässigt fühlt. Ein emotionales und sehr gelungenes Duett.
Ohrwurm des Tages:
Keiner. Die Lieder gefielen mir insgesamt, aber keines blieb dauerhaft hängen.
Beste Ensemblenummer:
„Für die Marsch, für die Geest“ – Die musikalische Umsetzung des Eisboselns zeigt schwungvoll die Konkurrenz zwischen den Bewohnern der Marsch und der Geest.
Lustigster Moment:
Die Szene mit Deichgrafen und Oberdeichgrafen. Dazu sage ich nur: „Jo, jo, jo.“
Emotionalster Moment:
„Lass sie leben“ – Der ungläubige Hauke betet um das Leben seiner schwer kranken Frau.

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hallo,
ich freue mich immer über neue Kommentare und komme auch gerne auf einen Gegenbesuch vorbei.
Mit der Veröffentlichung seid ihr damit einverstanden, dass euer Name, eure Website, die E-Mail-Adresse, die IP-Adresse und natürlich euer Kommentar gespeichert werden.
Vor der Veröffentlichung könnt ihr gerne auf Vorschau nochmal überprüfen, wie eure Nachricht aussieht. :-)
Liebe Grüße
Tinette

Schon gelesen?

Schiggy unterwegs... Der Schimmelreiter in Fulda

  1. Eckdaten zur Vorstellung Titel der Veranstaltung: Der Schimmelreiter Art der Veranstaltung: Musical Ort: Schlosstheater Fulda S...