Es war mein zweiter Besuch von „Der Schimmelreiter“. Nach der Vorstellung im Juni – damals die dritte reguläre Show – wollte ich wissen: Hat sich inzwischen auch beim Ton alles eingespielt? Dieses Mal begleitete mich erneut meine Schwester.
Allerdings saßen wir diesmal deutlich weiter vorne: in Reihe A des Orchestergrabens. Was würde das im Vergleich zu Reihe 3 für einen Unterschied machen? Durch den Orchestergraben liegen die Reihen A, B und C noch vor Reihe 1. Reihe 3 entspricht damit – wenn man einfach die Reihen von der Bühne aus zählt – eigentlich der sechsten Sitzreihe.
1. Eckdaten zur Vorstellung
Titel der Veranstaltung: Der Schimmelreiter
Art der Veranstaltung: Musical
Ort: Schlosstheater Fulda
Sprache: Deutsch
Besuch: 30.08.2026
Beginn: 14:00 Uhr
Dauer: ca. 2,5 Stunden (inkl. Pause)
Reihe / Platz: Orchestergraben, Reihe A, Platz 13
Vorlage: Gleichnamige Novelle von Theodor Storm
2. Mein Eindruck von der Show
Vorweg kann ich bereits sagen: Uns beiden hat der zweite Besuch besser gefallen – obwohl unser Sitzplatz seine Vor- und Nachteile hatte.
Der größte Vorteil von Reihe A ist natürlich die unmittelbare Nähe zur Bühne. Die Mimik der Darsteller ist hervorragend erkennbar, und genau darauf legen meine Schwester und ich großen Wert. Außerdem sitzt niemand vor einem, sodass die Sicht weder durch größere Personen noch durch trotz Verbots filmende Besucher eingeschränkt wird.
Allerdings zerstört die Nähe zur Bühne teilweise auch einige Illusionen. Man erkennt eben, dass das Essen, der blutige Sack, die Totenkopfmasken oder der Regen auf den Mänteln nicht echt sind.
In Reihe 3 hatte ich beispielsweise den Effekt mit den Regenmänteln besonders gelungen gefunden. Solange der Vorhang, auf den der Regen projiziert wird, noch vor der Bühne hing, wirkte auch von Reihe A aus alles erstaunlich realistisch. Dieser Eindruck brach allerdings in sich zusammen, als der Vorhang hochgezogen wurde und ich freie Sicht auf den Deichbau bei diesem Wetter hatte.
Teilweise werden Personen oder Gegenstände im Hintergrund durch Darsteller verdeckt, die direkt vor einem stehen. Da die Reihen ab der zweiten Reihe ansteigen, hat man weiter hinten eine bessere Sicht auf das gesamte Bühnengeschehen.
Ein besonders großer Nachteil zeigte sich für mich bei Elkes Szene im Wochenbett. Da das Bett schräg stand, blickte ich direkt auf das hohe Bettende und konnte Elke nicht sehen. Dadurch ging für mich viel von der Emotionalität der Szene verloren, und auch Haukes Solo „Lass sie leben“, in dem er Gott anfleht, seine Frau zu retten, verfehlte etwas seine Wirkung.
Dafür konnte ich diesmal viele Details entdecken, die mir bei meinem ersten Besuch entgangen waren – entweder, weil es so viele andere Eindrücke zu verarbeiten gab oder weil mir damals Personen vor mir die Sicht versperrten.
Des Weiteren waren mir dieses Mal vier Männer auf einer Bank aufgefallen. Sie saßen dort rauchend mit ihren dünnen, langen Pfeifen und waren die Ruhe selbst, während Ole versuchte, sie gegen Hauke aufzustacheln.
Mir fiel außerdem auf, dass Hauke nicht einfach nur irgendwo steht und seinen Vater betrauert. Auf der Bühne ist ein Kreuz aufgebaut. Er steht also an dessen Grab.
Bei einer eigentlich fröhlich aufgelösten Feier sieht Hauke Elke mit einem großen, vermummten Mann tanzen. Das war doch genau derjenige, der ihm den Schimmel für dreißig Taler verkauft hatte!
Hauke bekommt Panik und möchte Elke von diesem Mann lösen. Doch plötzlich ist dieser verschwunden und an seiner Stelle steht der Pfarrer.
Hat Hauke sich das gerade eben nur eingebildet?
Meine Schwester hatte dazu eine ganz andere Assoziation: Für sie sah es aus, als hätte Elke gerade mit dem Tod getanzt. Allein durch die Größe des vermummten Mannes wirkte diese Szene auf sie besonders stark.
Bei meinem ersten Besuch war ich zu Beginn durch die Diskussionen zweier Besucherinnen abgelenkt worden und hatte deshalb Teile des Anfangs verpasst. Diesmal konnte ich ihn ungestört verfolgen und entdeckte so, dass der Schimmel aus drei voneinander getrennten Teilen besteht. Das war mir vorher überhaupt nicht bewusst. Tatsächlich hatte ich gedacht, der Schimmel sei ein einziges Element, das gemeinsam von den drei Darstellern gespielt wird.
Beim ersten Auftauchen des grünen Kamins bemerkte ich außerdem den warmen, roten Hintergrund. Das fand ich sehr passend. Ich hatte ja bereits in meinem ersten Bericht erzählt, dass ich einen Kamin automatisch mit Behaglichkeit und Gemütlichkeit verbinde.
Diesmal sah ich sie in ihrem weißen Gewand, mit offenen, ungekämmten Haaren und einem bleichen Gesicht. Dadurch wirkte sie auf mich bereits wie ein Geist. Die Tänzer mit ihren Todesmasken umzingeln sie zusätzlich.
Trins Mimik fand ich sehr ausdrucksstark. Die Schminke unterstützt diesen Eindruck: Ihr Gesicht wirkt leicht grau, während die Falten stark betont sind. Sie erscheint dadurch sehr alt und lebenserfahren.
Wirklich sehr unheimlich fand ich ihre weit aufgerissenen Augen und ihren durchdringenden Blick. Ich hatte das Gefühl, als würde sie etwas über mich wissen, das ich selbst noch nicht weiß.
Auch ihre Stimme ist mir besonders stark in Erinnerung geblieben. Sie ist kraftvoll und zugleich angenehm. Bei ihren Worten hatte ich immer das Gefühl, dass sie vollkommen von ihnen überzeugt ist und alles, was sie sagt, wohlüberlegt ist.
Ich war besonders gespannt auf ihr Solo „Die Sündenflut“, das mir erneut sehr gut gefallen hat. Der Nebel, der düstere Hintergrund und die Tänzer mit den Totenkopfmasken erzeugen eine ausgesprochen unheimliche Atmosphäre.
Sehr interessant fand ich, wie unterschiedlich meine Schwester und ich diese Szene diesmal erlebt haben.
Im Gegensatz zu meinem ersten Besuch hatte ich diesmal nicht das Gefühl, dass sich die Bühne hebt. Bei meiner Schwester neben mir hatte sich dieser Eindruck dagegen sogar noch verstärkt; ihr wurde davon richtig schwindlig.
Sie vermutet, dass es darauf ankommt, wohin man während der Szene genau schaut. Sie war stark auf Trin fixiert, während ich hauptsächlich auf die Tänzer im Hintergrund achtete, unter anderem, um Trins Blick auszuweichen.
Dieser Hauke wirkte auf mich wesentlich ängstlicher und unsicherer. Teilweise hatte ich sogar das Gefühl, dass er sich selbst manches nicht zutraut.
Besonders fiel mir das in seinem Umgang mit Ole auf. Für mich hatte es den Anschein, als würde Hauke vor ihm kuschen. Selbst als Deichgraf zuckt er vor seinem Widersacher zusammen und meidet den Blickkontakt.
Auch im Umgang mit Elke wirkt er sehr schüchtern.
Gerade weil dieser Hauke eher verschlossen und unsicher erscheint, kann ich gut nachvollziehen, dass die Dorfbewohner ihn seltsam finden.
Der Hauke der Erstbesetzung kam mir dagegen selbstbewusster vor. Damals zog ich eher den Schluss, dass die anderen Einwohner ihn vor allem wegen seiner Zielstrebigkeit und seines Engagements für den Deichbau als merkwürdig abstempeln.
Ich finde es sehr interessant, wie unterschiedlich dieselbe Figur allein durch eine andere Interpretation wirken kann. Für mich funktionieren beide Versionen dieses Charakters.
Bei Haukes Solo „Lass sie leben“ gefiel mir besonders, wie seine Stimme gegen Ende bricht und wackelig wird – als wäre er mit der Situation gerade vollkommen überfordert. Das passt für mich sehr gut, weil er solche Angst um Elke hat.
Allerdings hatte ich bei Hauke das Gefühl, an vier Stellen Klackergeräusche gehört zu haben. Meine Schwester konnte das nicht bestätigen. Deshalb bin ich mir nicht sicher, ob ich da vielleicht selbst Gespenster gehört habe. Jedenfalls war es ausschließlich im ersten Akt.
Ich fand das Lied erneut sehr schön und emotional gesungen. Elke macht sich Sorgen um die Zukunft ihrer stillen Tochter, während diese unbeschwert mit den Herbstblättern spielt.
Elke geht langsam auf und ab, die Finger ineinander verknotet, und wirft immer wieder einen aufmunternden, liebevollen Blick zu Wienke. Sobald sie sich jedoch von ihrer Tochter abwendet, schleichen sich die Sorgen wieder in ihr Gesicht.
Da die Wochenbett-Szene durch meine eingeschränkte Sicht für mich an Intensität verloren hatte, konnte dieses Solo diesmal zugleich den Titel des emotionalsten Moments gewinnen.
Die hochschwangere Elke streicht über ihren Bauch und sucht Haukes Nähe. Ihr Mann sitzt währenddessen am Schreibtisch und grübelt über den Bau des neuen Deichs. Dabei scheint er nicht einmal zu bemerken, dass sie überhaupt im Raum ist.
Sie stellt sich hinter ihn und legt ihre Hände auf seine Schultern.
Er lehnt sich zurück, fast so, als würde er fallen.
Sie hält weiterhin zu ihm und fängt ihn auf.
Schließlich steht er auf, und es kommt beinahe zu einem Kuss. Doch im letzten Moment wendet er sich ab.
Am Ende stehen beide voneinander entfernt und sehen sich nicht einmal an.
Haukes Ehrgeiz scheint sie zunehmend voneinander zu entfremden.
Stimmlich hat mir das Duett wieder sehr gut gefallen. Die Stimmen harmonierten schön miteinander.
Beim letzten Besuch klang sie aufgrund der damaligen Tonprobleme leider teilweise undeutlich. Das war diesmal überhaupt nicht der Fall. Ihre Stimme klang voll, kraftvoll und sehr sauber.
Dadurch wirkte auch ihr Duett mit Ole ausgewogen und harmonisch. Besonders deutlich wurde das beim lange gehaltenen Schlusston, den beide ohne hörbare Wackler durchhielten.
Wenn Vollina etwas „Teuflisches“ in ihre Stimme legt, denke ich jedes Mal: Sie möchte ich nicht zur Feindin haben.
In Kombination mit ihren verkniffenen Augen wirkt sie auf mich jedenfalls nicht besonders sympathisch.
Beim „Teufelspferd“, das mir sofort vertraut vorkam – ich ahnte bereits, dass gleich wieder diese „Mörder, Mörder“-Melodie aus „Jekyll & Hyde“ auftauchen würde –, bringt Vollina die anderen Frauen dazu, ihre Beobachtungen über Hauke zu erzählen.
Die Magd berichtet dabei von dem Vorfall am Wochenbett. Hauke hatte gesagt: „Falls es dich gibt.“
Dass er damit die Existenz Gottes infrage stellt, ist für die Frauen ein Schock. In Vollinas Gesicht erscheint dabei ein kaum wahrnehmbares, spöttisches Grinsen. Sie will genau das erreichen. Die Gerüchte über Hauke sollen entstehen.
Wer viel Wert auf Gesichtsausdrücke und kleine schauspielerische Details legt, sollte daher durchaus erwägen, weit vorne – beispielsweise in Reihe A – zu sitzen.
Allerdings raubt die Nähe zur Bühne auch manchen Effekten ihre Illusion.
Wem die Mimik nicht ganz so wichtig ist, wer dafür aber lieber einen besseren Gesamtüberblick haben und möglichst wenig entdecken möchte, das unecht wirkt, dem würde ich eher Plätze ab Reihe 3 empfehlen.
Das Publikum war angenehm ruhig. Dadurch wurde ich nicht abgelenkt und konnte mich vollständig auf das Geschehen auf der Bühne konzentrieren.
Es wurde außerdem nicht bei den Liedern mitgeklatscht oder bereits während eines Schlusstons in Jubel ausgebrochen. Das Publikum wartete, bis die Lieder tatsächlich vorbei waren. Das hat mir sehr gut gefallen.
Die Frau hatte ihre Karte spontan an der Abendkasse gekauft und wohnt nicht weit von Fulda entfernt.
Das Buch hatte sie vor mindestens vierzig Jahren gelesen, weshalb ihr die Handlung nicht mehr besonders präsent war. Deshalb hatte sie die Befürchtung, dem Musical vielleicht nicht gut folgen zu können. In diesem Punkt konnten wir sie allerdings beruhigen.
Sie wollte wissen, welche weiteren Musicals wir bereits in Fulda gesehen hatten, und war sehr überrascht, als sie hörte, dass allein „Robin Hood“ bei uns zwanzig Besuche zu Buche schlagen konnte.
Wir erzählten ihr allerdings auch, dass der Produzent bei der Dernière von einer Besucherin berichtet hatte, die die Show über 180-mal gesehen hatte.
In der Pause gab sie uns ein erstes Zwischenfazit: Ihr hatte die Vorstellung bis dahin gut gefallen.
Nach der Show berichtete sie uns, dass ihr das Musical insgesamt sehr gut gefallen habe und sie nicht das Gefühl gehabt hätte, vorher noch einmal das Buch lesen zu müssen.
Zum Abschied wünschte sie uns eine gute Heimreise und scherzte, wir sollten es mit unseren Musicalbesuchen nicht übertreiben – nicht, dass wir irgendwann selbst noch auf über hundert Besuche kämen.
Das fand ich sehr sympathisch. Nicht einfach aufstehen und gehen, sondern sich noch verabschieden.
Zwar konnte ich nach wie vor keine wirklichen Ohrwürmer für mich entdecken, doch ich ging deutlich positiver gestimmt aus dem Saal als bei meinem ersten Besuch.
Das Musical konnte mit der aktualisierten Punktzahl von 177 Punkten von Platz 13 auf Platz 8 von insgesamt 16 Musicals vorgaloppieren.
Und nun bin ich schon sehr gespannt auf die Dernière am nächsten Sonntag.
3. Persönliche Highlights
Highlight des Tages:
Trin Jans' Solo „Die Sündenflut“
Bestes Solo:
„Für wen?“ (Elke)
Bestes Duett:
„Glaubst du noch an mich?“
Ohrwurm des Tages:
Keiner. Die Lieder gefielen mir insgesamt, aber keines blieb dauerhaft
hängen.
Beste Ensemblenummer:
„Für die Marsch, für die Geest“
Lustigster Moment:
Die Szene mit Deichgrafen und Oberdeichgrafen.
Emotionalster Moment:
„Für wen?“
4. Besetzung der besuchten Vorstellung
Schiggy saß im Publikum – aber wer stand eigentlich
auf der Bühne?
Hauke Haien / Reisender: Christopher Dederichs
Elke Volkerts: Pamina Lenn
Ole Peters: Dennis Henschel
Vollina Harders: Anja Backus
Schulmeister / Tede Haien: Thorsten Tinney
Trin Jans: Kaatje Dierks
Deichgraf / Arzt: Volker Metzger
Ensemble
Schimmel
Kopf: Lars Wandres
Herz: Antonello Papagno
Hinten (Hind): Robin Scheel
Magd Ann Grete:
Maja Dickmann
Magd Geschke: Emma Sophie Adelmann
Magd Wiebke: Sophie Bauer
Leiterin Else: Jenny Schlensker
Dienstmagd / Lene: Jo Rackham
Dienstmagd / Mareike: Irene Eggerstorfer
Witwe Wohlers: Tina Haas
Iven Johns: Samuel Jonathan Bertz
Jeve Manners / Unbekannter: Nico Schweers
Lütten: Tobias Korinth
Carsten: Niklas Schurz
Wirt Friedrich: Steven Seale
Pastor Jansen: André Haedicke
Wiens: Torsten Paul
Junger Hauke: Rosa
Wienke: Nora

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