Donnerstag, 7. Mai 2026

Schiggy unterwegs... Jekyll & Hyde in Wiesbaden

 
 


1. Eckdaten zur Vorstellung

Titel: Jekyll & Hyde
Art der Veranstaltung: Musical
Vorlage: Roman Dr. Jekyll & Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson
Ort: Hessisches Staatstheater Wiesbaden – Kleines Haus
Datum: 03. Mai 2026
Beginn: 18:00 Uhr
Anmerkung: Produktion des Jungen Staatstheaters

2. Die Besetzung

Dr. Jekyll/Mr. Hyde: Tim Speckhardt
Lucy Harris: Lilli Trosien
Lisa Carew: Anastasia Bechtold
Nellie: Katharina Hoffmann
Gabriel John Utterson: Jakob Höhler
Sir Danvers Carew: Felipe Salazar
Simon Stride: Sohail Bafaiz
Lady Beaconsfield: Viktoria Reese
Bischoff von Basingstoke/Pfarrer: Lucas Werner Müller
Lord Glossop/Vater Jekylls: Timur Hökelekli
Spider: Linus Weinbrenner
Lord Savage: Linda Sandretto
Sir Archibald Proops: Matthew Lazlo von Pokorny
Poole / weitere Rollen: Lars Hofmann
Zeitungsjunge: Alissa Jung
Kind: Karyna Fedorko
Zofe für Lisa Carew: Winta Tewelde
Dienstmädchen: Wendy Carolina Marcillo Escobar, Zoe Hoffard
Ministranten: Karyna Fedorko, Alissa Volk, Jan Riewe, Maximilian Mamsch
Irrenanstalt: Lars Hofmann, Jan Riewe, Sofia Prescutti, Sophie Plotnikov
Tänzerin in der Roten Ratte: Marei Bär
Orchester unter der Leitung von Frank Bangert



3. Mein Eindruck

Schiggy war wieder unterwegs und hat sich eine weitere Musical-Vorstellung des Jungen Staatstheaters Wiesbaden angeschaut. Was mich bei diesen Produktionen immer wieder begeistert, ist die Spielfreude der jungen Leute. Man merkt, dass sie das freiwillig machen und nicht als Beruf ausüben.
Und das meine ich jetzt positiv im besten Sinne. Gerade diese Freiwilligkeit führt dazu, dass man eine echte Spielfreude spürt, die ansteckend ist. Es sind Jugendliche und junge Erwachsene, die einfach Lust haben, auf der Bühne zu stehen. Und genau das macht es für mich so angenehm anzuschauen.
Bei manchen professionellen Produktionen hatte ich schon eher das Gefühl, dass Darsteller teilweise routiniert oder distanziert wirken. Hier ist es genau andersherum: Es wirkt lebendig. Gesanglich und schauspielerisch müssen sie sich dabei meiner Meinung nach nicht hinter Profis verstecken.
Das war bereits mein vierter Besuch von Jekyll & Hyde: zweimal in Darmstadt, zweimal die Jugendproduktion in Wiesbaden. Die Premiere im September 2025 habe ich ebenfalls gesehen und war damals schon begeistert.
Dieser Besuch war eher spontan. Eigentlich wollte ich nur schauen, ob in der nächsten Spielzeit wieder Fack ju Göhte gespielt wird, und habe dabei entdeckt, dass Jekyll & Hyde noch einmal läuft. Ich habe dann direkt Karten gekauft.
Die Handlung beginnt in einer Irrenanstalt, was man sofort an den vier Figuren in Zwangsjacken erkennt. Henry Jekyll sitzt am Bett seines sterbenden Vaters und erfährt, dass es keine Rettung mehr gibt. In diesem Moment entscheidet er, ein Mittel zu entwickeln, das Gut und Böse im Menschen trennt.
Mir gefällt daran besonders, dass seine Motivation direkt klar ist: nicht Experimentierlust oder Ego, sondern ein persönliches Trauma. Er hat miterlebt, wie sein Vater im Wahnsinn zerbricht.
Die Rollen waren größtenteils wie bei der Premiere besetzt, mit wenigen Umbesetzungen, unter anderem Lucy Harris.
Das Zusammenspiel der Figuren wirkte sehr harmonisch. Besonders die Beziehungen zwischen Jekyll und Lisa Carew sowie seine Faszination für Lucy kamen gut rüber. Lucy bildet mit ihrer direkten, selbstbewussten Art einen starken Kontrast zur eher kontrollierten und zurückhaltenden Lisa.
Auch Lisa und ihr Vater wirkten für mich glaubwürdig, obwohl der Altersunterschied auf der Bühne natürlich nicht real ist.
Ich hatte insgesamt das Gefühl, allen Figuren ihre Rollen abzukaufen – egal ob feine Gesellschaft, Tänzerinnen in der Roten Ratte oder das einfache Volk.
Gesanglich hat mich die Produktion ebenfalls überzeugt, sowohl in den Soli als auch im Ensemble. Das Niveau war insgesamt wirklich sehr hoch
Die Kostüme wirken aufwendig und passend zur Zeit, in der das Stück spielt. Man erkennt sehr gut die gesellschaftlichen Unterschiede der Figuren.
Dr. Jekyll trägt einen Pferdeschwanz, den er bei der Verwandlung zu Hyde öffnet. Mit offenen Haaren, dunklem Mantel und Gehstock wirkt er sofort wie eine andere Figur, was durch seinen finsteren Blick unterstützt wird.
Das Bühnenbild wirkt nicht überladen, aber auch nicht leer. Besonders das Labor Jekylls ist interessant gelöst: Eine Kamera überträgt die Szene auf einem Bildschirm in Retro-Optik erscheint. Das erinnert an frühe Filmaufnahmen und wirkt bewusst alt und bräunlich verfärbt. Für mich passt das sehr gut zur Atmosphäre.
In der Roten Ratte gibt es klassische Elemente wie Stühle und eine Stange, an der getanzt wird. Im Haus der Carews hängt ein Kronleuchter, dazu ein halb gehaltener roter Vorhang, der für mich oft wirkt, als würde man durch ein Fenster in die Szene schauen.
Bei Szenenwechseln wird der Vorhang teilweise geschlossen, während davor weitergespielt wird. Requisiten werden teilweise umgebaut. Das geht alles immer sehr zügig vonstatten.
Das Lichtkonzept hat mich auch überzeugt. Bei den Carews und in Jekylls Umfeld wirkt es warm und freundlich, in der Roten Ratte deutlich dunkler und rötlich. Auf den Straßen Londons entsteht in Kombination mit Nebel eine unheimliche Atmosphäre.
Sehr stark fand ich die Umsetzung der Jekyll/Hyde-Wechsel. In Darmstadt drehte sich der Darsteller je nachdem, wen er gerade verkörperte entweder zum Publikum hin oder drehte diesem den Rücken zu. Hier in Wiesbaden wurde es mit Lichtwechseln betont: warmes Gelb für Jekyll, giftgrünes Licht für Hyde. Außerdem hatte der Darsteller auf einer Seite einen Pferdeschwanz, auf der anderen die Haare offen. Er drehte sich dann entsprechend so, dass man immer sofort erkannte, wen er gerade verkörperte.
Eine Szene, die mir besonders gefallen hat, ist der Mord vor dem Zug. Die Figuren stehen hinter einem Vorhang, auf den eine Dampflok projiziert wird. Dadurch entsteht der Eindruck eines echten Bahnsteigs. Hyde stößt sein Opfer auf die Gleise – grünes Licht, dann Dunkelheit. Sehr wirkungsvoll umgesetzt.
Das Orchester spielte live, schwungvoll und kraftvoll, ohne die Sänger zu überdecken. Nur zweimal gab es kleine Verzögerungen bei den Mikrofonen, was aber kaum störte.
Das Publikum hat erfreulicherweise immer erst nach den Liedern applaudiert – so mag ich das am liebsten.
Leider gab es im Publikum zwei Zuschauerinnen, die sich zunächst laut über ihre Wohnungseinrichtung unterhielten. Später wurde es ruhiger, aber solche Momente reißen einen immer kurz raus. Solche Dinge sind dann leider ein kleiner Dämpfer für einen ansonsten sehr guten Abend.
In der Pause wurden Leuchtstäbe verteilt. Eine Erklärung gab es nicht dazu. Ich habe dann vermutet, dass es für den Schlussapplaus ist. So war es dann auch.
Trotz anfangs störender Zuschauer insgesamt ein toller Abend.

4. Highlights

Stärkste Szene: der ständige Wechsel zwischen Jekyll und Hyde am Ende
Emotionalster Moment: Jekylls Bitte an Utterson, ihn zu erschießen
Bestes Solo: Dies ist die Stunde (Dr. Jekyll)
Beste Ensemblenummer: Fassade
 

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