Samstag, 31. Oktober 2026

Schiggy unterwegs... & Julia in Stuttgart (Backstageführung und Musicalbesuch)

 

Schiggy war wieder unterwegs, um herauszufinden, ob Julia auch ohne Romeo möglich ist.
Den Besuch von „& Julia“ hatte sich meine Schwester zum Geburtstag gewünscht. Sie kennt das Stück bereits aus Hamburg, hatte dort allerdings wegen einer Diskussion eine Szene verpasst: Ihre Sitznachbarin filmte, woraufhin eine Mitarbeiterin des Theaters sie aufforderte, dies zu unterlassen. Deshalb wollte meine Schwester sich das Musical noch einmal in Ruhe von Reihe 1 aus anschauen.
Ich bin kein Fan von Party-Musicals, bin aber trotzdem mit ihr hingegangen. Ob ich sie später für ihren Geburtstagswunsch verfluchen würde? Vielleicht würde die Backstageführung ja etwas an meiner Meinung ändern …




1. Eckdaten zur Vorstellung

 

Titel der Veranstaltung: & Julia

Art der Veranstaltung: Musical
Ort: Stage Palladium Theater Stuttgart

Sprache: Dialoge auf Deutsch, Songs größtenteils auf Englisch
Besuch: 25.10.2026
Beginn: 14:30 Uhr
Dauer: ca. 2,5 Stunden (inkl. Pause)
Reihe / Platz: Parkett rechts Reihe 1, Platz 2
Vorlage: „Romeo & Julia“ von William Shakespeare

Hinweise: /


2. Mein Eindruck von der Backstageführung
 

Ein paar Tage vor der Show hatte meine Schwester noch die Backstageführung gebucht. Wir hatten solche Führungen bereits bei anderen Musicals mitgemacht und fanden sie immer interessant.
Um 11:30 Uhr werden wir hereingelassen und erhalten unseren Backstagepass.
Der Mitarbeiter, der die Führung leitet, stellt sich als Andi vor. Er möchte geduzt werden und möchte wissen, ob das für uns ebenfalls in Ordnung ist, wenn er „Du“ sagt. Alle sind damit einverstanden.
Da sich das auch flüssiger lesen lässt, werde ich im weiteren Verlauf seinen Namen statt „der Mitarbeiter“ verwenden. Ich glaube, dass er damals auch die Backstageführung bei „Die Eiskönigin“ gemacht hat. Sein Gesicht kommt mir jedenfalls sehr bekannt vor.
Andi fragt nach, wer die Show bereits aus Hamburg kennt. Meine Schwester meldet sich gemeinsam mit einigen anderen Teilnehmern.
 
Er erklärt uns, dass wir weder Bühnenteile noch Techniker anfassen dürfen. Diese Ansage bringt die Gruppe zum Lachen.
Zunächst gehen wir direkt in den Saal. Dort sehe ich zum ersten Mal den neu eingerichteten Lounge-Bereich. Ursprünglich war eine Partyzone mit durchgehendem Getränkeausschank geplant gewesen. Allein bei der Vorstellung hatte es mich schon gegraust. Zwar sitzen wir weit genug davon entfernt, aber ich hatte trotzdem mit Unruhe durch angeheiterte Gäste gerechnet. Zum Glück wurde das Konzept entschärft. Getränke gibt es nur noch vor der Show sowie in der Pause.
Für die Statistiker unter uns nennt er die Anzahl der Plätze in diesem Theater. Es sind ca. 1.600.
 
Andi möchte wissen, wer von uns vorne sitzt, und meint, dort würde die Party abgehen. Oh nein, denke ich nur. Meine Schwester bemerkt meinen Blick und muss grinsen.
Anschließend geht es in den Backstagebereich. Dort bekommen wir die ersten Bühnenteile zu sehen. So gibt es etwa einen Kronleuchter, eine Rikscha, ein Bett und Miniaturen von Gebäuden.
Er erklärt uns, dass das Bühnenbild im Vergleich zur Hamburger Produktion reduziert wurde. Es handelt sich um die Tourproduktion. Als Grund dafür nennt Andi das Musical „Die Weihnachtsbäckerei“, welches demnächst für längere Zeit ebenfalls in diesem Theater gespielt wird. Deshalb ist nicht genügend Platz für die großen Bühnenteile vorhanden.
 
Wir erfahren außerdem, dass Julia mit dem Kronleuchter auf rund zehn Meter Höhe gezogen wird. Dazu wird natürlich niemand gezwungen: Wenn sich eine Darstellerin an einem Tag nicht gut fühlt und es nicht machen möchte, springt eine Ersatz-Julia ein.
Schließlich dürfen wir selbst auf die Bühne und sogar ein Foto in Richtung Zuschauerraum machen.
Lustig finde ich, dass die Bühne vom Saal aus viel größer wirkt. Als wir selbst darauf stehen, kommt sie mir vergleichsweise klein vor.



 
Weiter geht es in Richtung Maske. Dort erfahren wir, dass auf den Nebenbühnen während der Show Schwarzlicht eingesetzt wird. Die weißen Streifen auf dem Boden dienen der Orientierung. Außerdem ist es wichtig, dass alles seinen festen Platz hat. So können die Darsteller die benötigten Dinge schnell finden und stolpern nicht über herumliegende Gegenstände.
 
Bei diesem Stück kommen nur zwanzig Perücken zum Einsatz. Fast alle Darsteller tragen ihre natürlichen Haare. Für die Perücken wird ausschließlich Echthaar verwendet. Ihre Herstellung nimmt rund 40 Arbeitsstunden in Anspruch. Bei Elsas Perücke für „Die Eiskönigin“ sind es sogar etwa 80 Stunden. Dort werden, wie Andi uns erzählt, auch deutlich mehr Perücken eingesetzt.
 
Bei der Beleuchtung wird inzwischen überwiegend LED-Technik verwendet. Dadurch heizt sich die Bühne nicht mehr so stark auf.
Ein Unterschied zum Apollo-Theater betrifft die Verfolgungsscheinwerfer. Während dort noch Mitarbeiter die Scheinwerfer von Hand bedienen, kommen im Palladium-Theater sogenannte Tracker zum Einsatz. Dadurch weiß der Scheinwerfer, wo sich der jeweilige Darsteller befindet, und kann ihn gezielt anstrahlen.
 
Mich würde interessieren, ob es einen Plan B gibt, falls einmal ein Tracker ausfällt. Ich traue mich allerdings nicht, danach zu fragen.
 
Dann möchte Andi von uns wissen, welches Kostüm wir für das schwerste halten. Da ich die Kostüme noch gar nicht kenne, halte ich mich lieber zurück. Eine Teilnehmerin vermutet, dass es Francois’ Brustpanzer sein könnte. Der besteht allerdings aus Kunststoff und ist deshalb eher leicht.
Tatsächlich ist Julias Brautkleid das schwerste Kostüm. Aber auch ihr pinkes Glitzerkleid am Ende der Show soll einiges wiegen.
 
Anschließend erklärt er uns, wie die Darsteller mit ihren Mikrofonen ausgestattet sind. Die Mikrofone sitzen seitlich am Kopf. Die Hauptrollen haben jeweils zwei davon, falls eines ausfällt. Da die meisten Darsteller ihre eigenen Haare tragen, lässt sich der Sender nicht einfach in einer Perücke verstecken. Deshalb tragen sie einen Gürtel am Bauch oder Oberschenkel, in dem der Sender befestigt wird.
 
In der Maske erfahren wir außerdem, dass sich die Darsteller selbst schminken müssen. Sie bekommen vorher eine genaue Anleitung, damit das Make-up am Ende so aussieht, wie es für die Show vorgesehen ist.
Da inzwischen bereits die ersten Darsteller im Theater eintreffen, nehmen wir für den Rückweg eine andere Route.
 
Dabei erklimmen wir die Wendeltreppe, die die Darsteller während einer Show rund 40-mal hinauf- und hinuntergehen. Das soll damals bei Tarzan mit den Affenkostümen nicht besonders angenehm gewesen sein. Ich würde wahrscheinlich nach zehn Runden freiwillig aufgeben.
 
Zum Abschluss möchte Andi wissen, ob uns die Führung gefallen hat. Falls wir noch weitere Fragen haben, können wir uns gerne an die E-Mail-Adresse wenden, die auf unserem Backstagepass steht.
Ich überlege, ob ich mich trauen soll, meine Frage zu den Trackern nachträglich per E-Mail zu stellen. Das würde mich wirklich interessieren.
Auch Lob dürfen wir gerne an diese Adresse schicken. Falls uns die Führung allerdings nicht gefallen haben sollte, sollen wir schreiben, der Mitarbeiter würde Thomas heißen.
Wir bedanken und verabschieden uns und verlassen das Theater, wo bereits einige Menschen anstehen.
Etwas früh, denke ich mir. Der Einlass ist erst in einer Stunde.

 

3. Unser Eindruck von der Show



 
Wir gehen zurück zum Auto, wo ich meine Turnschuhe gegen die Glücksschuhe austausche.
Nach dem Einlass gehen wir zum Merchandising-Stand. Dort nehmen wir uns die Besetzungsliste. Den Souvenirbecher hat mir meine Schwester bereits damals aus Hamburg mitgebracht. Deshalb kaufe ich heute nichts am Stand.
Als Fotoecke dient der Balkon, was wir direkt in Anspruch nehmen. Zu diesem Zeitpunkt ist dort noch niemand, sodass wir in Ruhe ein paar Fotos machen können.
Auf dem Weg zu unseren Plätzen fällt mir schon von Weitem der herablassende Blick meiner Sitznachbarin auf. Er trifft mich, und ich merke sofort, wie unangenehm mir die Situation ist. Ich lasse mir nichts anmerken und grüße sie trotzdem beim Hinsetzen. Doch statt etwas zu erwidern, verzieht sie das Gesicht, als müsste sie würgen.
Du meine Güte, was ist denn ihr Problem?, denke ich nur.
Und schon geht das Aufzählen los, wo sie und ihre Begleitung bereits überall gewesen sind. Das kann ja heiter werden. Ich habe die leise Vorahnung, dass die beiden auch während der Vorstellung nicht ruhig sein werden.
Und tatsächlich: Der Mann kommentiert ständig, was gerade auf der Bühne passiert, und die Frau stimmt ihm zu.
Das macht es mir nicht gerade leichter, mich auf die Show einzulassen.
 
Dabei ist schon kurz vor dem offiziellen Beginn einiges los. Das Ensemble betritt nacheinander winkend unter dem Applaus der Zuschauer die Bühne und interagiert mit dem Publikum. Eine Frau erzählt, dass sie sich Tee gemacht hat. Ein Mann fragt nach, ob er den Buchstaben richtig aufgehängt hat.
William Shakespeare hat sein neuestes Werk „Romeo & Julia“ fertiggestellt und möchte es aufführen lassen. Seiner Frau Anne Hathaway erzählt er vom dramatischen Ende, doch die ist davon nicht begeistert und hat eine andere Idee: „Was wäre denn, wenn Julia sich nicht umbringen würde?“ Für sie wäre das ein guter Anfang des Stücks.
Gesagt, getan. Wir erleben live, wie sich Shakespeares Stück verändert: Julia sitzt mit Kopfhörern in der Gruft. Später hält sie den Dolch in der Hand, stößt ihn sich aber nicht ins Herz.
Bei Romeos Beerdigung muss sie erfahren, dass sie wohl doch nicht seine einzig wahre Liebe war. Einige andere Mädchen brechen heulend an seinem Sarg zusammen und beteuern, wie sehr sie ihn lieben.
Für Julia ist das ein Schock.
Dass Anne findet, Julia brauche in dieser Situation Freunde, ist verständlich. Etwas gezwungen wirkt auf mich allerdings, wie sie die nichtbinäre Person May in das Stück einführt. Sie betont dabei ausdrücklich, wie wichtig es ist, diese Personengruppe zu repräsentieren. Das wirkt auf mich ein wenig wie eine Rechtfertigung, statt die Figur einfach ganz selbstverständlich Teil der Geschichte sein zu lassen.
Dabei finde ich die Freundschaft zwischen Julia und May durchaus schön dargestellt. Sie begegnen sich auf Augenhöhe, und gerade das funktioniert für mich gut. Ich hätte es deshalb schöner gefunden, wenn May vor allem aus dem Gedanken heraus entstanden wäre, Julia eine Freundin zur Seite zu stellen, ohne die Bedeutung ihrer Identität so stark hervorzuheben.
Anne hat sich mit April außerdem eine weitere Freundin ins Stück geschrieben. Scherzend meint sie, jetzt gebe es April, May und Juli-a. Überhaupt scheint sie einen Clown gefrühstückt zu haben. Sie ist ständig am Lachen und Witze reißen.
May ist eher ein ruhiger Mensch und lässt die Szenen mit Julia ernster wirken, als wäre nicht alles nur lustig. Das finde ich angenehmer. Bei Anne beziehungsweise April habe ich dagegen das Gefühl, dass sie vor allem für die Komik sorgen soll. Und die ist mir stellenweise zu gewollt.



 
Gemeinsam mit ihren Freunden und ihrer Amme macht sich Julia auf den Weg ins entfernte Paris. Dabei kommen die Miniaturen des Eiffelturms sowie weiterer Sehenswürdigkeiten und Gebäude zum Einsatz. Diese konnten wir während der Backstageführung ja ganz aus der Nähe betrachten.
Für die Amme gibt es eine Begegnung aus ihrer Vergangenheit, die sie eigentlich verdrängt hat. Lance scheint dabei mehr als eine flüchtige Bekanntschaft zu sein, wenn ich die Blicke und Reaktionen der beiden richtig deute.
Julia, May und April wollen auf die Party der de Bois, doch der Türsteher lässt sie nicht vorbei. April erklärt, dass sie bereits über 18 ist, und lässt sich das von Julia bestätigen. Der Türsteher hebt eine Augenbraue und meint: „Ach wirklich?“
Julia dagegen verkündet, ohne nachzudenken: „Ich werde bald 14.“
Die deutlich ältere Anne unterbricht die Szene und entscheidet: „Wir sind jetzt alle Mitte 20.“
Shakespeare macht sich darüber lustig: „Du etwa auch?“
Doch Anne lässt sich von dieser Stichelei nicht verunsichern und bleibt dabei. Sie schnipst mit dem Finger. Und weiter geht es mit dem Stück.
Mit dem Alter hat es allerdings gar nichts zu tun. Die drei stehen einfach nicht auf der Gästeliste. Julia hat einen ganz pragmatischen Vorschlag: Der Türsteher soll ihre Namen einfach darauf schreiben.
Da auch das nichts nützt, schleichen sie sich kurzerhand heimlich auf die Party.
 
Die Feier ist für Lances Sohn François. Dieser ist extrem schüchtern und scheut sich davor, im Mittelpunkt zu stehen. Augenkontakt kann er kaum halten. Seine Blicke wandern oftmals eher zu Boden. Er spielt Keyboard, wenn er sich unbeobachtet fühlt, kann sich allerdings nicht vorstellen, vor anderen zu zeigen, was er kann. Als ihm Julia begegnet, weiß er nicht so recht, wie er mit ihr umgehen soll.
Anne verfolgt den Plan, dass Julia und François ein Paar werden. Das finde ich etwas widersprüchlich zu ihren früheren Aussagen, in denen sie den feministischen Ansatz betont hat. Warum will sie dann unbedingt eine neue Liebesgeschichte für Julia einbauen?
Shakespeare versucht, die Kontrolle über sein Stück zurückzuerlangen, und bringt eine neue Idee ein.
May und François begegnen sich und entwickeln Gefühle füreinander. Diesen Handlungsstrang finde ich sehr interessant. Mir gefällt, wie behutsam die Liebesgeschichte umgesetzt wird. Die Annäherung lässt sich Zeit, und nichts wird überstürzt.
François ist sehr verunsichert und verwirrt, vor allem nach dem Kuss mit May. Er hat Angst vor der Reaktion seines Vaters und traut sich nicht, offen zu seinen Gefühlen zu stehen. Stattdessen willigt er in die Verlobung mit Julia ein.
 
Anne ist entsetzt, als sie von den Änderungen ihres Mannes erfährt. Für sie gibt es nur die Option Julia × François. Als Grund nennt sie, dass sie möchte, dass Julia glücklich ist. Aber kann sie das nicht auch als Single sein? Gerade weil Anne sich zu Beginn so stark dafür eingesetzt hat, dass das Stück zeitgemäß werden soll, verstehe ich ihr Problem nicht ganz.
Shakespeare hat eine weitere Idee, um noch mehr Dramatik einzubauen: Romeo hat doch kein Gift zu sich genommen. Es war nur ein Schlaftrunk! Also wird Romeo plötzlich von oben auf einer Art Schaukel herabgelassen, wobei über ihm sein Name als riesige Leuchtreklame steht. Anne versucht, ihn wegzuscheuchen. Irgendwann bemerkt Julia ihn trotzdem, was ihre Gefühlswelt so richtig durcheinanderbringt.
Neben Julia und François haben auch die anderen ihre Liebessorgen. Die Amme ist sich nicht sicher, ob eine Beziehung zu Lance eine gute Idee ist. Und auch bei Shakespeare und Anne hängt der Haussegen schief. Anne fühlt sich mit den Kindern alleingelassen.
 
Shakespeare schreibt sich als angeblicher Sohn von Lance nun auch selbst ins Stück, um das Schicksal von Romeo und Julia zu besiegeln. Dabei gibt er auch Romeo als vermeintlichen Sohn aus. Dieser spricht mit französischem Akzent, doch Shakespeare zischt ihm zu: „Kein Akzent!“
Daraufhin beschwert sich Lance, warum das nicht auch für ihn gilt. Er spricht nämlich mit Akzent, was vor allem bei den englischen Gesangspassagen stark hervortritt.
Shakespeare und Romeo sollen die Band verstärken, doch Lance meint, sie müssten zu fünft sein. Das fünfte Mitglied ist allerdings längst gefunden und sorgt für noch mehr Unsicherheit bei François: Es ist May.
Die Situation eskaliert allerdings nicht. Stattdessen beschließen sie, auf der Hochzeit gemeinsam aufzutreten.
Den Auftritt der „de Bois Band“ kann meine Schwester dieses Mal in Ruhe anschauen. Sie ist komplett begeistert davon. Für sie ist diese Szene das Highlight der Show.



 
Als Julia im Hochzeitskleid die Bühne betritt, rufe ich mir in Erinnerung, dass es eines der schwersten Kostüme ist. Mir gefällt es richtig gut. Auf dem weißen Stoff des Rockteils befinden sich rosa Blüten, wodurch das Kleid verspielt wirkt, ohne kitschig zu sein.
Das Ende möchte ich an dieser Stelle nicht verraten. Vielleicht nur so viel: Julia entscheidet sich dafür, dass „Julia & Romeo“ als Stücktitel besser klingt … und schwupps fährt das „& Julia“ nach oben, sodass es über Romeo steht.
Auch ansonsten sind die Kostüme sehr modern, wobei man durchaus Anspielungen auf die Epoche des 16. Jahrhunderts erkennt: Shakespeares Hemd mit Wams darüber, Annes Kleid mit Mieder und Mühlsteinkrause sowie Lances Codpiece. Auch die Amme trägt ein Kleid, das an diese Zeit erinnert. François’ Shirt hat Schnallen aufgedruckt.
Die Darsteller tragen aber auch Jeans, Turnschuhe, Jumpsuits, Latzhosen, Sonnenbrillen und Käppis.
 
Das Bühnenbild aus Hamburg kenne ich nicht. Ich finde allerdings nicht, dass die Bühne leer wirkt. Auch meine Schwester, die das größere Bühnenbild kennt, hat nicht das Gefühl, dass irgendetwas gefehlt hat.
Es gibt beispielsweise:
•          den Kronleuchter, mit dem Julia in luftige Höhen schwebt,
•          die Rikscha, die die Freunde und die Amme nach Paris bringt,
•          den Mond, mit dem Romeo und Julia ebenfalls nach oben fahren,
•          den Balkon
•          Backsteinwände,
•          ein Waschbecken,
•          eine Jukebox,
•          Regale mit Farbdosen oder Büchern,
•          ein Bett,
•          Romeos Sarg,
•          die Miniaturgebäude,
•          Romeos Schaukel,
•          die Bar.
Ansonsten wird vieles auf die Leinwand projiziert, sodass beispielsweise ein Jahrmarkt, Häuserfassaden oder der Nachthimmel entstehen.
 
Die Musik wurde nicht extra für das Musical geschrieben. Sie besteht ausschließlich aus Hits der 90er- und 2000er-Jahre. Meine Schwester ist mit diesen Songs aufgewachsen und begeistert davon, dass sie ihren Weg ins Stück gefunden haben.
Ich bin vom Konzept etwas verwirrt. Oft wird auf Deutsch begonnen – manchmal nur mit einer Zeile, manchmal mit einer ganzen Strophe –, bevor ins Englische gewechselt wird. Ich vermute, dass die Stellen, die für das Verständnis wichtig sind, übersetzt wurden. Trotzdem hätte ich mir eine konsequente Entscheidung gewünscht: entweder alles auf Englisch oder alles auf Deutsch.
Beim Tina-Musical fand ich das gut gelöst: Songs, die für die Handlung wichtig waren, wurden komplett auf Deutsch gesungen, während die Konzertsongs auf Englisch blieben.
 
Das Publikum fand ich, abgesehen von den Sitznachbarn zu meiner Linken, angenehm. Ja, teilweise wurde bei den Liedern mitgeklatscht. Aber ich hatte es mir viel schlimmer vorgestellt. Ansonsten waren die Zuschauer ruhig.
Die Sitznachbarn fand ich dagegen nicht nur wegen ihrer ständigen Unterhaltung während der Vorstellung respektlos.
In der Pause sorgte der Mann dann für die nächste unangenehme Überraschung. Er hockte sich einfach auf den Bühnenrand. Plötzlich sprang er herunter und eilte davon. Irgendwann setzte er sich wieder auf seinen Platz.
Kurz darauf kam eine Mitarbeiterin des Theaters und sprach ihn an. Sie hätte ihn bereits vor der Vorstellung gebeten, sich nicht auf die Bühne zu setzen, und ihn nun erneut dabei erwischt.
Der Mann war also schon einmal ermahnt worden und deshalb so schnell von der Bühne verschwunden!
Doch anstatt Einsicht zu zeigen, nahm er die Situation überhaupt nicht ernst. Feixend fragte er, wie oft er sich denn noch dort hinsetzen dürfe. Dreimal vielleicht?
Ihre Antwort war eindeutig: keinmal!
Doch selbst jetzt hatte er noch einen Spruch auf Lager und behauptete, dass er sich nachher am Schluss sehr wohl dort hinsetzen dürfe. (Wohlgemerkt, ein Mann um die 60!)
Die Mitarbeiterin ging kopfschüttelnd weg.
 
Das Stück hat mich nicht wirklich gepackt, was auch an den Sitznachbarn lag. Ich konnte mich nicht richtig auf das Bühnengeschehen konzentrieren. Vielleicht wäre das anders gewesen, wenn ich die Vorstellung ohne störende Gespräche hätte verfolgen können.
Meine Schwester war von der Vorstellung dagegen richtig begeistert und freut sich schon auf Februar, wenn sie das Musical erneut besucht. Für sie bedeutet das Stück einfach gute Laune.
Sie fand es bemerkenswert, wie sich die Darstellerin der Julia im Vergleich zu unserem Besuch bei „Aladdin“ gesteigert hat. Damals sahen wir sie als Jasmin und fanden ihre Stimme nicht so toll.
Auch die Darstellung des Lance gefiel ihr. Den Darsteller hatten wir damals als Ike Turner gesehen. Dieses Mal verkörpert er ja eine sympathischere Rolle.
Für mich wirkte der Humor stellenweise zu erzwungen, vor allem der von Anne. Ich hätte mir mehr ruhige Szenen gewünscht. Der erste Akt ist mir etwas zu hektisch. Für mich wäre weniger Party schöner gewesen, aber ich gehöre damit auch nicht zur Zielgruppe. Schließlich wird das Stück ausdrücklich als Party-Musical vermarktet.
Der zweite Akt lässt es etwas ruhiger angehen, nimmt sich mehr Zeit für die Entwicklung der Figuren und hat mir deshalb besser gefallen.
Insgesamt konnte das Musical 144 Punkte erreichen, was Platz 20 von 22 bedeutet.
Zum Vergleich die Punktzahl, die meine Schwester anhand meines Bewertungsmaßstabs vergeben würde: 167 Punkte!




4. Die Highlights meiner Schwester

Da sich meine Schwester den Besuch gewünscht hat, darf sie auch dieses Mal die Highlights bestimmen.
 
Highlight des Tages: der Auftritt der „de Bois Band“
Emotionalster Moment: I´m not a girl
Ohrwurm des Tages: Everybody
Ohrwurm des Tages: Everybody
Lustigster Moment: mehrere mit Anne, z. B. „April, May und Juli-a“, das mit ihrem Alter

4. Besetzung der besuchten Vorstellung

Schiggy saß im Publikum – aber wer stand eigentlich auf der Bühne?
Julia: Sebeya
Anne/April: Sabrina Weckerlin
Amme/Angelique: Jacqueline Braun
William Shakespeare: Maximilian Mann
Romeo: Jonathan Guth
François: Esmael Agostinho
May: Leon de Graaf
Lance: Carlos de Vries
 
Ensemble/ The Players
Lady Capulet: Rahel Fuhrimann
Lord Capulet: Nayim Temine
 
Linda Kikaj
Abbie Elmes
Jesslyn Lopes da Luz
Mia Tsang
Óscar Cochat
Daniel Délyon
Pablo Martinez-Garcia
Eloy Prophitius
 
Dirigent: Boris Ritter
Band des Stage Palladium Theaters

 


Schiggy unterwegs... Drei Haselnüsse für Aschenbrödel in Mainz

 

Schiggy war wieder unterwegs, um herauszufinden, ob die „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ tatsächlich magische Fähigkeiten besitzen.
Vom Musical gibt es zwei Tourproduktionen: Während die Nikolaus-Tour in großen Städten gastiert, ist die Rosalie-Tour, die wir besucht haben, in kleineren Hallen und Theatern zu sehen. Die beiden Touren unterscheiden sich sowohl in der Ausstattung als auch in der Besetzung voneinander.
Den Film habe ich inzwischen so oft gesehen, dass ich längst aufgehört habe mitzuzählen. Entsprechend hoch sind meine Erwartungen – und entsprechend schwer dürfte es die Inszenierung bei mir haben. Trotzdem versuche ich, jeder neuen Interpretation offen zu begegnen.
Kann mich die Rosalie-Tour in der Rheingoldhalle ebenso verzaubern wie der Film?

1. Eckdaten zur Vorstellung

Titel der Veranstaltung: Drei Haselnüsse für Aschenbrödel
Art der Veranstaltung: Musical
Ort: Rheingoldhalle Mainz
Sprache: Deutsch
Besuch: 16.10.2026
Beginn: 19:00 Uhr
Dauer: ca. 2,5 Stunden (inkl. Pause)
Reihe / Platz: Parkett Reihe 1, Platz 26
Vorlage: Der gleichnamige Film, welcher selbst auf einem Märchen von Božena Němcová basiert

Hinweise: Ich erzähle ausführlich, was ich an diesem Abend der Rosalie-Tour erlebt habe, inkl. Spoiler.

 


2. Mein Eindruck von der Show
 

Ich wollte eigentlich nur kurz prüfen, ob es bei der Uhrzeit am Freitag bleiben würde, und entdeckte dabei, dass es sich um die Premiere der Rosalie-Tour handelte.
Geparkt haben wir in der Rheinufergarage. Von dort sind es nur etwa fünf Minuten zu Fuß bis zur Rheingoldhalle. Außerdem lässt es sich dort entspannter parken als direkt an der Halle.
Gleich zu Beginn gibt es eine positive Überraschung: Die Programmhefte sind kostenlos!
Die Bühne ist klein und mit einem weißen Vorhang versehen. Links ist ein Baum abgebildet, rechts eine Säule. Meine Schwester interpretiert das als Wald und Schloss.
Wie bei Shows so häufig gibt es auch hier Diskussionen, weil Parkett und Tribüne verwechselt und dadurch Sitzplätze falsch eingenommen werden. Inzwischen finde ich das richtig amüsant. Ohne solche Diskussionen würde doch schon etwas fehlen!
Dann wird verkündet, dass das Filmen und Fotografieren während der Vorstellung per königlichem Dekret verboten ist.
Der Vorhang wird blau beleuchtet, und an den Seiten erstrahlen Sterne. Die Musik, die übrigens vom Band kommt, setzt mit der bekannten Filmmelodie ein. Sofort sind aus dem Publikum begeisterte Reaktionen zu hören: „Ohhh!“ und „Das ist das geile Lied!“
Meine Schwester bekommt Gänsehaut, weil ihr die Melodie so vertraut ist. Wird es so weitergehen?
Der Vorhang öffnet sich, und wir sehen ein fast rundes Podest. Sofort fällt eine Abweichung zum Film auf: Im Musical lebt der Vater noch. Er lernt seine spätere Frau kennen, die ihre Tochter Dorchen mit in die Ehe bringt.
Die Stiefmutter und Dorchen lieben einen luxuriösen Lebensstil. Bei ihnen dreht sich alles um Schmuck und feine Stoffe. Die Liste ihrer Wünsche ist schließlich so lang, dass sie bis auf den Boden reicht. Aschenbrödel, das in dieser Inszenierung Ella heißt, ist dagegen sehr bescheiden. Sie wünscht sich beispielsweise eine Blume oder etwas Obst, das ihr Vater ihr von einer seiner Reisen mitbringt. Vor allem aber möchte sie, dass er gesund zurückkehrt.
Umso größer ist der Schock, als der Diener ihr einen Zweig mit Haselnüssen bringt: das letzte Geschenk ihres Vaters, der unterwegs einen Unfall hatte und gestorben ist. Dadurch, dass die Haselnüsse nicht von Knecht Vinzek, sondern von Ellas Vater stammen, bekommen sie eine viel persönlichere Bedeutung.
Die Stiefmutter scheint ihre Trauer gut verbergen zu können – oder besser gesagt: Der Tod ihres Mannes scheint ihr wenig auszumachen. Schließlich ist sie nun die Herrin des Hauses.
Den Ansatz, dass wir den Vater zunächst noch kennenlernen, finde ich interessant. Allerdings ziehen sich die ersten zehn Minuten für mich etwas. Die Darsteller bewegen sich ständig im Kreis, um die verschiedenen Szenen darzustellen. Außerdem besteht der Einstieg ausschließlich aus gesprochenen Dialogen. Ich ertappe mich dabei, wie ich darauf warte, dass endlich gesungen wird.
 
Mit „Wenn der König kommt“ erklingt schließlich das erste Lied. Das Königspaar besucht den Gutshof. Der König ist ziemlich genervt und kann das nur schwer verbergen. Die Königin ermahnt ihn mit einem gequälten Lächeln, die Sache durchzuziehen, schließlich komme das doch nur einmal im Jahr vor. Der Prinz ist, wie im Film, nicht dabei.
Die Stiefmutter versucht, sich durch einen Trick eine Einladung zum Ball zu erschleichen. Damit hat sie Erfolg, denn das Königspaar hofft, dadurch endlich weiterziehen zu können.
Die Stiefmutter wird ausgesprochen dümmlich dargestellt. Das zieht sich durch die gesamte Inszenierung. Immer wieder bleibt sie bei einfachen Begriffen hängen, während Dorchen ihr helfend zur Seite springen muss. Als der Stiefmutter beispielsweise das Wort „Idioten“ nicht einfällt, wirft ihre Tochter „Idiologen!“ ein. Die Mutter greift das begeistert auf: „Ja, stimmt, ihr Ideologen!“
Das Publikum lacht, und auch meine Schwester höre ich immer wieder kichern. Bei mir stellt sich dagegen zunehmend die Frage, wie diese Frau es eigentlich schafft, sich morgens selbst die Schnürsenkel zu binden. Wenn sie derart begriffsstutzig ist, wie kann sie dann überhaupt die Herrin des Hauses sein?
Ich habe nichts gegen humorvolle Antagonisten. Hier wird die Stiefmutter allerdings so überzeichnet dargestellt, dass ich sie kaum noch ernst nehmen kann. Ihre Gemeinheiten sollen Aschenbrödel das Leben schwer machen, doch durch ihre ständige Begriffsstutzigkeit verliert sie für mich einen Teil ihrer Glaubwürdigkeit und Bedrohlichkeit. Das ist schade, denn gerade eine ernst zu nehmende Gegenspielerin könnte Aschenbrödels Widerstandskraft umso deutlicher hervorheben.
Ich finde die Stiefmutter noch herablassender als im Film. Durch sie wird aus Ella Aschenbrödel. Sie bezeichnet Ella als „hässlich“ und „stinkend“. Dorchen ist allerdings auch nicht besser. Sie lacht gemeinsam mit ihrer Mutter über die Beleidigungen und nennt Ella einmal sogar „Aschenblödel“.
Als ein Krug in zwei Teile zerbricht, stellt die Stiefmutter alle Bediensteten zur Rede. Als niemand gesteht, droht sie mit Wasser und Brot. Für meine Schwester klingt ihr Tonfall allerdings nicht bedrohlich, sondern eher fröhlich. Deshalb nimmt sie diesen Moment eher als Comedy wahr. Damit wären wir wieder bei der Frage, wie ernst man diese Antagonistin überhaupt nehmen kann.
Ein Mädchen tritt jedenfalls vor und soll dafür Prügel bekommen. Aschenbrödel erscheint und tritt der Stiefmutter entschlossen entgegen. Sie stellt klar, dass ihr Vater niemals jemanden geschlagen hat.
Die Stiefmutter lässt sich davon jedoch nicht beeindrucken und entgegnet eiskalt, dass er schließlich tot sei und sie nun das Sagen habe.
 
Als der Prinz und seine beiden Freunde zum ersten Mal zu sehen sind, fällt mir sofort auf, dass sie keine Strumpfhosen tragen. Das fand ich im Film immer so lustig. Ihr Lied, in dem sie unter anderem „He ho“ singen, erinnert mich an das „Heiho“ der sieben Zwerge aus dem Disneyfilm.
Der Prinz hat auch im Musical keinen Namen, während seine Freunde auf Willi und Karlchen hören. Die drei wollen im Wald leben und sich von dem ernähren, was sie jagen.
Als Aschenbrödel davon erfährt, ist sie wütend. Für sie kommt es nicht infrage, ein Tier zu jagen. Damit unterscheidet sich ihr Charakter von dem der Filmfigur, denn diese hat kein Problem damit, einen Greifvogel abzuschießen.
Ella wirft einen Schneeball und fordert den Prinzen schließlich zu einem Kampf mit Stöcken heraus. Gewitzt, wie sie ist, gewinnt sie diesen.
Die drei Freunde haben es sich anders überlegt und kehren doch zum Schloss zurück. Dort werden sie bereits von einem wütenden König erwartet. Der Prinz gibt seinem Vater allerdings Widerworte. Die Königin versucht zu schlichten und fordert ihn auf, nicht in diesem Ton mit seinem Vater zu reden. Der König unterbricht sie und meint, er könne das selbst regeln. Ich erwarte, dass er den Satz der Königin wiederholt. Stattdessen brüllt er: „RED WEITER!“ Da muss ich zum ersten Mal bei diesem Stück lachen.
Als der Prinz gefragt wird: „Was willst du denn?“, antworte ich gedanklich an seiner Stelle: „Maoam!“ Das hat er natürlich nicht gesagt. Aber wer weiß – vielleicht hat er es ja auch gedacht.
 
Die Jagd soll stattfinden, was ein Herold mit Wiener Schlag verkündet. Dabei muss ich irgendwie an die Sissi-Filme denken.
Aschenbrödel fragt nach, was er gesagt hat, woraufhin der Herold genervt seufzt. Er liest alles noch einmal vor, diesmal allerdings auf Hochdeutsch und in einem rasanten Tempo. Mit einem Nicken dreht er sich um und schreitet zackig davon. Für seine kleine Ansprache erhält er viel Applaus. Auch bei seinem zweiten Auftritt wird er sofort mit Applaus begrüßt, wofür er sich bedankt.
In der ersten Haselnuss verbirgt sich, wie im Film, ein Jägerkostüm. Aschenbrödel ruft allerdings dazwischen, statt selbst ein Tier abzuschießen. Sie gewinnt trotzdem, indem sie ein weit entferntes, einzelnes Blatt trifft.
Die Freunde können kaum glauben, dass die Jagd abgesagt wird. Schließlich wurden viele Menschen dazu eingeladen. Doch der Prinz hat entschieden, dass der Jäger, der ihm seltsam vertraut vorkommt, gewonnen hat und den königlichen Ring erhalten soll.
 
Um Aschenbrödel vom Ball fernzuhalten, stellt die Stiefmutter ihr eine Aufgabe, die sie unmöglich rechtzeitig erledigen kann: Sie soll die Erbsen aus der Asche herauslesen. Doch Aschenbrödel hat treue tierische Freunde: die Täubchen. Sie werden ebenso wie die Eule Rosalie auf die hintere Wand projiziert.
Willi und Karlchen haben mit „Aber ja, Majestät“ ein Duett, bei dem das Publikum mitklatscht. Davon bin ich kein Fan. Da es aber das einzige Mitklasch-Lied im ganzen Stück ist, kann ich damit leben.
Bei „So schwer und so leicht“ werde ich stutzig. Die Melodie kommt mir so bekannt vor. Ich kann sie aber nicht zuordnen. Aus dem Märchenfilm stammt sie jedenfalls nicht. Da bin ich mir sicher. Nur woher kenne ich sie dann? Ich überlege schon, ob sie vielleicht aus einem Disneyfilm stammt.
Ich grüble die ganze Pause über, komme aber einfach nicht auf die Lösung.
 
Der zweite Akt beginnt mit dem Ball. Dabei wird teilweise die Musik aus dem Film eingebaut. Sofort sehe ich die entsprechenden Filmszenen vor meinem inneren Auge. Witzig finde ich die Anspielung auf Tochter Minka und Klein-Röschen. Es fehlt nur noch, dass Letztere sich den Prinzen schnappt und ein Stück über die Tanzfläche trägt!
Auch andere Elemente kommen sowohl im Film als auch im Musical vor. Das Königspaar sitzt auf den Thronstühlen, die auf dem Podest stehen, während der Prinz zwischen ihnen steht. Er hat keine große Lust, mit all den Töchtern zu tanzen, und sagt zu seinem Vater sinngemäß: „Nur hast du Mutter geheiratet. Ich soll mit lauter Unbekannten tanzen.“
 
In der zweiten Haselnuss befindet sich, wie zu erwarten, das Ballkleid. An sich ist es schön, aber durch das reine Weiß, den Schnitt und die Spitze erinnert es mich einfach zu sehr an ein Hochzeitskleid. Der weiße, geblümte Kapuzenmantel, den man für einen Hochzeitsschleier halten könnte, verstärkt diesen Eindruck noch.
Meine Schwester erzählt mir später, dass sie das Gleiche gedacht hat. Sie hätte sich Rosa wie im Film gewünscht. Eine andere Farbe hätte bei uns vielleicht nicht diese Assoziation hervorgerufen.
Aschenbrödel ringt mit sich, ob sie das Schloss betreten soll oder nicht. „Es ist nur eine Tür“, singt sie in ihrem Solo. Der Vorhang wird immer weitergeschoben, sodass sie genau davorsteht und beinahe mit ihm verschmilzt. Spiegelt das vielleicht ihre Unsicherheit wider? Wäre sie am liebsten unsichtbar?
 
Währenddessen preist sich die Stiefmutter auf dem Ball selbst als potenzielle Braut des Prinzen an. Vielleicht möchte er ja eine reifere, ältere Frau haben. Bei diesem Kokettieren muss ich tatsächlich lachen. Versuchen kann man es ja mal! Doch dann schüttelt sie den Kopf und schiebt Dorchen vor.
Der Prinz zieht es allerdings vor, lieber Holz zu hacken, und möchte den Ball verlassen. In diesem Moment schwebt Aschenbrödel herein. Den Kapuzenmantel hat sie abgelegt. Dafür verdeckt, wie im Film, ein Schleier ihr Gesicht. Der Prinz spürt sofort wieder eine gewisse Vertrautheit, ohne sie richtig deuten zu können. Die beiden tanzen zusammen, während sich die Stiefmutter fragt, woher sie die junge Frau kennt.
 
Der Prinz macht Aschenbrödel einen Heiratsantrag. Sie ist davon allerdings überrumpelt und stellt ihm zunächst ein Rätsel, das er lösen muss, bevor sie sich entscheidet. Ich finde es sehr schön, dass der Text dabei dem Film sehr ähnlich ist. Ich hatte schon ein wenig Angst, dass das Rätsel vielleicht gar nicht vorkommen würde.
Der Prinz kann es nicht lösen, und Aschenbrödel lehnt den Antrag ab und verschwindet. Unterwegs verliert sie ihren Schuh, den der Prinz aufhebt. Dabei fällt mir auf, dass der Schuh mit Spitzenstoff verziert ist, genau wie der Mantel.
Der Prinz eilt zum Gutshof und lässt verschiedene Menschen den Schuh anprobieren. Auch ein Mann versucht, hineinzuschlüpfen. Das erinnert mich an den Küchenjungen im Film, der ebenfalls seinen Fuß hinhält. Doch niemandem passt der Schuh.
Dieser sieht übrigens anders aus als der Schuh, den der Prinz nach dem Ball aufgehoben hat. Plötzlich ist er glatt und hat kein Spitzenmuster mehr. Das fällt aber wahrscheinlich nur den Zuschauern in den vordersten Reihen auf.
 
Aschenbrödel versteckt sich und möchte sich umziehen, damit niemand herausfindet, dass sie die Frau vom Ball war.
Die Stiefmutter findet den Mantel, legt ihn Dorchen um und will den Prinzen zur Hochzeit zwingen. Dieser ahnt jedoch, dass er die Falsche vor sich hat. Dorchen hat inzwischen ebenfalls genug von den Spielchen ihrer Mutter und gibt sich zu erkennen.
Aschenbrödel ist wieder schwarz gekleidet und wird sofort von der Stiefmutter beleidigt. Das Königspaar taucht auf, und der König zuckt erschrocken vor Rosalie zurück, die mit den Flügeln flattert. Er ist entsetzt über die Wahl seines Sohnes. Für ihn kommt eine Magd als künftige Prinzessin nicht infrage.
Die Königin schreitet allerdings ein: „Wir wissen alle, wer die Krone aufhat!“
 
Der Prinz löst das Rätsel und hofft, dass Aschenbrödel seinen Antrag nun endlich annimmt. Sie lehnt jedoch erneut ab. Sie möchte so gesehen werden, wie sie wirklich ist.
Das Licht geht aus. Als es wieder angeht, steht sie in einem schlichten weißen Kleid auf dem Podest und spricht zum ersten Mal seit langer Zeit ihren Namen aus: „Ich bin Ella!“
Nun steht dem Glück der beiden nichts mehr im Weg. Das Königspaar ist einverstanden, und sogar Dorchen sucht die Versöhnung. Sie zeigt außerdem das richtige Testament, wodurch Ella als alleinige Erbin des Gutshofs feststeht.
Passend dazu ist in der letzten Haselnuss ein schönes Hochzeitskleid. Die Reprise von „So schwer und so leicht“ lässt meine Gehirnzellen wieder auf Hochtouren laufen. Ich möchte unbedingt wissen, woher ich diese Melodie kenne. Doch so sehr ich auch nachdenke, ich komme einfach nicht darauf.
Dafür gibt es von Willi und Karlchen eine nette Überraschung: Die beiden schießen Herzschnipsel ab. Beim Verlassen des Saals kann ich nicht widerstehen und muss einfach ein paar davon für meinen Erlebnisordner mitnehmen.
 
Einen Vergleich der Darsteller mit denen aus dem Märchenfilm finde ich schon etwas unfair. Gerade Ella kam mir zu Beginn noch etwas blass vor. Sie hätte gerne mehr Emotionen zeigen können. Ihre Mimik wirkte zunächst etwas teilnahmslos, doch das legte sich im Laufe des Stücks. Vielleicht war das auch der Premiere geschuldet und die Darstellerin musste sich erst hineinfinden. Vielleicht lag es aber auch daran, dass mir die Gesichter aus dem Film einfach so präsent sind.
Die Stimmen fand ich jedoch durchweg schön. Bei den Dialogen gab es mehrere Versprecher.
 
Die Musik hat mir gut gefallen. Allerdings sind mir außer der Filmmusik und der mysteriösen Melodie keine anderen Lieder im Ohr geblieben.
Das Bühnenbild finde ich zweckmäßig. Es gibt zwar nicht viele Bühnenelemente, aber sie reichen vollkommen aus, um die verschiedenen Szenen darzustellen. Zwei Bänke sind vorhanden, und das Podest lässt sich hochstellen. Zwei Zaunelemente dienen beispielsweise als Tore und lassen Umbauarbeiten dahinter verschwinden.
Die Kostüme sind sehr modern interpretiert: Das Ensemble trägt Lederjacken und Jeans, die Stiefmutter eine enge schwarze Lederhose mit einem angedeuteten Rockteil. Dorchens rosa Hose erinnert an Bonbonpapier, und ihre Haare sind pink. Karlchen trägt einmal eine weiße Spitzenhose, der Prinz ein Spitzenhemd.
Abgesehen von dem bereits erwähnten Ballkleid haben mich die anderen Kostüme nicht irritiert.
 
Die Musik wird vom Band abgespielt, wobei sie schon relativ früh zu Beginn einmal stockte. Ansonsten lief sie problemlos und übertönte den Gesang eigentlich nicht. Allerdings kam es vereinzelt zu Tonausfällen.
Auch das Publikum möchte ich positiv erwähnen. Ich fand die Zuschauer angenehm ruhig. Während der Vorstellung habe ich keine Gespräche gehört und konnte mich dadurch vollkommen auf das Bühnengeschehen konzentrieren.
Insgesamt hat mir das Musical gut gefallen. Es hat vieles aus dem Film übernommen und trotzdem einige neue Aspekte eingebracht. Man muss sich darauf einlassen, dass es eben nicht ganz genau wie der Film ist. Dann kann man wirklich einen schönen Abend erleben.
Ich möchte jedenfalls im nächsten Jahr zum Vergleich eine Vorstellung der Nikolaus-Tour besuchen und bin schon sehr gespannt!
In meinem persönlichen Ranking haben die Tonprobleme Punkte gekostet. Dadurch landet dieses Musical aktuell auf Platz 15 und erreicht 160 Punkte – in einem wirklich sehr starken Jahrgang.
Auf dem Nachhauseweg hat sich dann tatsächlich noch aufgeklärt, woher mir die Melodie so vertraut war. Meine Schwester sang mir den Text vor, der ihr im Kopf herumschwirrte, und plötzlich machte es Klick: Das ist doch „Geschrieben in den Sternen“ aus dem spanischen Musical „Der Medicus“!
Damit ist auch dieses Rätsel gelöst.

3. Besetzung der besuchten Vorstellung

Schiggy saß im Publikum – aber wer stand eigentlich auf der Bühne?

Aschenbrödel: Cassandra Schütt
Prinz: Paul Aschenwald
Stiefmutter: Timna Engelmayer
Dorchen: Melina Niccum
Willi: Pascal Giebel
Karlchen: Henk Nagel
Königin: Christine Toft
König: Alexander Bambach
Ensemble: Sofie Denner, Leander Bertholdt
On Stage Swing: Monika Schweighofer, Bastian Kohn



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